Stromausfälle, Treibstoffmangel, leere Regale: Kuba steckt in einer dramatischen Versorgungskrise. Der Politikwissenschaftler Bert Hoffmann erklärt im Interview, warum die US-Politik unter Trump die Lage massiv verschärft, welche Rolle das kubanische Militär spielt und warum dem Land in den kommenden Monaten eine humanitäre Katastrophe drohen könnte. Zugleich warnt Hoffmann vor einer gefährlichen Eskalationslogik: Weil die USA bislang keinen Weg gefunden haben, die kubanische Führung nach dem Muster Venezuelas zu spalten, werde die militärische Drohkulisse immer weiter aufgebaut. Möglich seien zunächst begrenzte Aktionen – etwa gezielte Verletzungen des kubanischen Luftraums oder der Hoheitsgewässer sowie Angriffe auf einzelne Infrastrukturziele.
Der Berliner Politikwissenschaftler Bert Hoffmann, Jahrgang 1966, forscht am GIGA German Institute of Global and Area Studies in Hamburg. Dort verantwortet er das Berliner Büro. Außerdem lehrt er als Honorarprofessor an der Freien Universität Berlin und steht dem europäischen Lateinamerika-Forschungsrat CEISAL als Präsident vor.
Kurzbriefing zur Lage in Kuba im Sommer 2026
Im Januar 2026 hat US-Präsident Trump per Dekret einen nationalen Notstand erklärt und Kuba als außergewöhnliche Bedrohung der nationalen Sicherheit eingestuft. Das Dekret belegt Staaten, die direkt oder indirekt Öl an Kuba liefern, mit Zöllen auf Einfuhren in die USA. In der Praxis haben dadurch wichtige Lieferanten wie Mexiko ihre Lieferungen eingestellt. Eine Anfang Mai 2026 unterzeichnete Executive Order erweiterte die Sanktionen massiv und ermöglicht Sekundärsanktionen gegen jedes ausländische Unternehmen, das in Energie, Bergbau oder Finanzen mit kubanischen Stellen Geschäfte macht.
Parallel hat die US-Regierung im Januar 2026 in Venezuela militärisch interveniert und Präsident Maduro festgenommen. Trump erklärte öffentlich, Kuba sei als Nächstes dran. Ein Axios-Bericht vom Mai 2026 wirft Kuba vor, mehr als 300 Militärdrohnen aus Russland und dem Iran erworben zu haben und Angriffe auf Guantanamo, US-Schiffe und möglicherweise Key West zu erwägen. Kuba weist das als konstruierten Vorwand zurück. Das Militärkonglomerat GAESA kontrolliert nach gängigen Schätzungen rund 40 Prozent der Wirtschaft. Raúl Castro (95) gilt weiter als graue Eminenz; sein Enkel Raul Guillermo Rodriguez Castro führt offenbar Verhandlungen mit den USA. Am 20. Mai 2026 erhoben die USA Mordanklage gegen Raúl Castro.

Foto: Sandor Rodriguez Castro on Unsplash
Dramatische Versorgungslage: Kaum Nahrung, kaum Strom und Wasser
Wie würden Sie die aktuelle wirtschaftliche Lage Kubas beschreiben, und was bedeutet sie konkret im Alltag der Menschen?
Die Versorgungslage ist dramatisch geworden. Die faktische Treibstoffblockade der Trump-Regierung hält die Insel im Würgegriff. Seit Anfang Januar haben die USA einem einzigen Tanker erlaubt, Kuba anzulaufen.18 bis 22 Stunden lange Stromabschaltungen täglich sind inzwischen die Regel. Bei Benzin und Diesel für die LKW ist die Insel zu 100% von Importen abhängig. Jetzt kommen viele Nahrungsmittel nicht mehr vom Feld in die Stadt, die Wasserversorgung fällt vielerorts aus, es fehlt an allem.
Trifft diese Lage alle in Kuba gleich?
Nein. Nach der Revolution 1959 war Kuba lange Zeit eine der egalitärsten Gesellschaften der Welt. Doch das ist vorbei. Heute ist entscheidend, ob man Zugang zu den Dollar-Welten hat oder nicht. Wer Verwandte in den USA hat, die ihnen Geld oder Lebensmittel schicken, kommt immer noch über die Runden. In Havanna gibt es immer noch Läden, in denen man spanischen Schinken und chilenischen Wein kaufen kann – und es gibt Kubaner, die dort kaufen. Die Mehrheit aber erlebt das als schreiende Ungleichheit unter dem Dach einer sich sozialistisch nennenden Ordnung. Und zu diesen Begünstigten zählen gleichermaßen die Verwandten von Pro-Trump-Kubanern in Miami als auch die aktuelle Elite von Staat, Militär und Wirtschaft.
Die Sanktionen unter Trump treiben die Kubaner in das absolute Elend
Seit der Machtübernahme durch die Castros bestehen US-Sanktionen. Was unterscheidet die jetzige Situation qualitativ von früheren Sanktionsphasen?
Mit dem Militärschlag der USA gegen Venezuela Anfang Januar brach Kubas wichtigster Verbündeter weg. Seitdem darf das südamerikanische Land kein Öl mehr nach Kuba liefern. Auch anderen Ländern sind Sanktionen angedroht, wenn sie Öl nach Kuba schicken wollen. Das sind keine normalen Sanktionen mehr, bei dem ein Land ja seinen eigenen Firmen oder BürgerInnen bestimmte Geschäftsbeziehungen untersagt, sondern eine imperiale Bully-Politik der USA gegen andere Länder.So haben die USA auch die große kanadische Bergbaufirma Sherritt dazu gezwungen, nach über 30 Jahren im Land. Auch die spanischen Hotelketten haben ihr Kuba-Geschäft inzwischen aufgekündigt, weil sie fürchten müssen, dass sie andernfalls von allen US-dominierten Finanzgeschäften ausgeschlossen wären und ihre Konten in den USA eingefroren werden. Auch die großen Reedereien Hapag-Lloyd und CMA-CGM haben das Kuba-Geschäft eingestellt – nicht wegen Kuba, sondern wegen der massiven Drohungen aus den USA. Das ist alles viel, viel mehr als „Sanktionen“ oder „Embargo“, wie wir es üblicherweise verstehen.

Wie viel von der Krise ist auf den US-Druck zurückzuführen, und wie viel auf eigenes wirtschaftliches Versagen des Systems?
Kuba ist seit langem in der Krise. Und an der ist vieles hausgemacht, ohne Frage. Man hat in Luxushotels investiert, nicht in Nahrungsmittelproduktion. Man hat sich auf das billige Erdöl aus Venezuela verlassen und Solarenergie viel zu lange vernachlässigt. Und dazu zahllose Ineffizienzen und Distorsionen des staatssozialistischen Wirtschaftssystems! Über die Hälfte der landwirtschaftlichen Fläche liegt brach, weil es sich für die Bauern und ländlichen Genossenschaften schlicht nicht rechnet, Bohnen oder Reis dort anzubauen. All das ist nicht kleinzureden. Und doch: Die aktuelle, wirklich dramatische Zuspitzung ist ganz direkt eine Folge der Erdrosselungspolitik der Trump-Regierung. Fünf Monate ohne Öllieferungen – da würde auch Österreich in den Notstand gehen!
Wie stabil ist das Regime derzeit tatsächlich?
Genau weiß das niemand. Niemand schaut hinter die Kulissen. Aber bislang hat die Elite große Geschlossenheit gezeigt – nicht zuletzt weil die Drohungen aus den USA ja sie alle kollektiv treffen. In der Bevölkerung gibt es sehr viel Frustration und Verzweiflung. Man hört immer wieder: „So kann es nicht weitergehen!“ Es hat vereinzelt Akte von Protest oder Randale gegeben. Es ist zu erwarten, dass dies mit der Zeit zunimmt. Aber das daraus machtvolle Massendemonstrationen werden, die das Regime ins Wanken bringen, dafür gibt es bislang keine Anzeichen. Das liegt auch an der US-Politik selbst: Wenn die Trump-Regierung allenthalben verkündet, sie mache einen „Deal“ mit den Regierenden in Havanna – warum soll man dann noch selbst auf die Straße gehen und vielleicht eine jahrelange Gefängnisstrafe riskieren? Und Venezuela hat ja gezeigt, dass Trump und Rubio nicht die Opposition belohnen, sondern einen gewendeten Apparat wollen, der den USA gefügig ist und nach innen Ordnung und Stabilität und ein sicheres Geschäftsklima für US-Unternehmen garantiert.

Foto: Falco Negenman auf unsplash
Dem Militär wird nachgesagt, über eigene Unternehmen ein Vermögen zu kontrollieren. Welche Rolle spielt GAESA?
GAESA ist ein großes Holding-Unternehmen unter Kontrolle des kubanischen Militärs. Es hält große Anteile in profitablen Sektoren wie Tourismus, Bauwesen, Hafenlogistik und Finanzen. All das geht am regulären Staatshaushalt oder der Aufsicht des Parlaments vorbei. Die Begründung dafür ist, dass diese Intransparenz nötig ist, weil sonst die US-Sanktionen alle Geschäfte zunichte machen würden. Da ist natürlich etwas dran. Trotzdem hat sich dieser Sektor in einem Maße verselbständigt, dass er die sozialistischen Grundsätze des kubanischen Staats konterkariert. Und GAESE hat in den letzten Jahren wie besessen das Gros seiner Investitionen auf immer noch mehr Luxushotels konzentriert – was die Bevölkerung mit großer Bitterkeit quittiert hat und was dem Staat in der jetzigen Krisensituation voll auf die Füße fällt.
Präsident Díaz Canel, die Castros und das Militär – Wer regiert Kuba wirklich?
Wie mächtig ist Präsident Diaz-Canel wirklich? Wo liegt die tatsächliche Entscheidungsgewalt?
Díaz-Canel ist Staatspräsident, aber in der Praxis ist er mehr der führende Verwaltungskader des Landes als dass er die Staatsmacht verkörpert. Der historische Führer der kubanischen Revolution, Fidel Castro, ist bereits vor zehn Jahren gestorben. Sein Bruder und Nachfolger Raúl Castro aber ist gerade 95 geworden, er hat keine formellen Ämter inne, aber er ist noch immer die wichtigste Symbolfigur der Regierung.
Sind Raúl Castro und sein Enkel die eigentlichen Strippenzieher?
Jeder „Deal“ mit den USA, wenn es denn zu einem käme, müsste seine zumindest stillschweigende Duldung haben, damit Militär und Sicherheitskräfte ihn mittragen. Deshalb hat sein Enkel Raúl Guillermo Rodriguez Castro (im Volksmund „El Cangrejo“, „der Krebs“, genannt) eine zentrale Rolle in den Gesprächen mit den USA. Letztlich gibt es aber vermutlich nicht den einen „Strippenzieher“ hinter den Kulissen, sondern einen nicht genau bestimmbaren Kreis führender Generäle und Parteikader, in dem grundlegende Fragen wie etwa Verhandlungen mit den USA entschieden werden.

Halten Sie einen militärischen US-Angriff für wahrscheinlich, etwa nach dem Muster Venezuela? Oder ist das kubanische Regime geschlossener?
Dass es in den vergangenen fünf Monaten noch keine „venezolanische Lösung“ gegeben hat, ist ja schon eine Antwort. Offensichtlich ist das kubanische Regime geschlossener, offensichtlich haben die USA noch keine „kubanische Delcy Rodríguez“ gefunden. In der Folge haben sie die militärische Drohkulisse immer weiter aufgebaut. Das bringt natürlich seine eigene Eskalationslogik mit sich: Um die militärischen Drohungen glaubwürdig zu machen, werden die USA womöglich tatsächlich in absehbarer Zeit auch militärisch agieren. Allerdings nehme ich an, zunächst in begrenzter Form: gezielte Verletzungen des kubanischen Luftraums oder der kubanischen Hoheitsgewässer oder Luftschläge gegen einzelne Infrastrukturziele. Eine offene Intervention oder auch der Versuch, durch ein Kommandounternehmen die Führung in Havanna auszuschalten – dafür dürften die USA noch eine Weile zurückschrecken, weil dies doch erheblich höhere Risiken beinhaltet als es in Venezuela der Fall war.
Die Hardcore-Exil-Kubaner warten gespannt, Europa lässt Trump gewähren
Wie steht die kubanische Diaspora zum aktuellen Konflikt? Ist sie so geschlossen anti-Regime, wie oft dargestellt?
Die Wortführer der kubanischen Community in Miami sind Anti-Regime-Hardliner mit maximal brachialer Rhetorik. Dahinter zeigen sich aber auch Unterschiede: gerade jene, die enge Familienangehörige auf der Insel haben, sehen mit großer Sorge, wie diese leidet, je länger die Erdrosselungspolitik andauert ohne schnelle Erfolge zu haben. In Washington mag man finden, dass die Zeit für die USA spielt und man getrost abwarten kann, wie die Zustände auf der Insel immer unerträglicher werden. Das sieht anders aus, wenn es um die eigene Mutter oder den eigenen Opa geht, der keine Wasserversorgung mehr hat oder nicht mehr ins Krankenhaus kommt.
Was macht Europa? Wie vereinbart sich das Aushungern der Bevölkerung mit dem Völkerrecht, unabhängig von der Haltung zum Regime?
Mit wenigen Ausnahmen – allen voran Spaniens – wollen Europas Regierungen kaum wegen Kuba in einen Konflikt mit den USA gehen. Deswegen sind kaum Proteste gegen die Politik der USA zu hören. Als Brasiliens Lula zu Besuch in Deutschland war hat Kanzler Merz immerhin gesagt, dass von Kuba s keine Gefährdung für Drittstaaten ausgehe und es keine rechtfertigende Grundlage für ein militärisches Eingreifen der USA gäbe. Aber mehr Protest oder ein Verurteilen der US-Politik, so weit will sich kaum jemand aus dem Fenster lehnen.
Dabei gibt es eine naheliegende Parallele: Die europäischen Regierungen verweisen immer wieder darauf, dass Putin gegen die Ukraine mit den Angriffen auf die Strom- und Heizinfrastruktur mitten im Winter Energie als Waffe gegen die Zivilbevölkerung eingesetzt habe. In Kuba ist die US-Politik, alle Öllieferungen zu blockieren, nichts anderes als „Energie als Waffe“ einzusetzen, mit massivem Leid der Zivilbevölkerung.

Die Zukunftsszenarien für Kuba
Wenn Sie eine Prognose für die kommenden zwölf Monate wagen müssten, welche Szenarien halten Sie für am wahrscheinlichsten?
1. Ein mögliches Szenario ist natürlich eine ausgehandelte Einigung der USA mit der Führung in Havanna.
Die Minimalversion davon wäre, gegen eine Reihe von Zugeständnissen wieder Öllieferungen an die Insel zuzulassen. Etwa die Freilassung von Gefangenen, stärkere Öffnung für Investitionen aus den USA und von Auslandskubanern, so etwas. Auch ein Rücktritt des Präsidenten erscheint im Prinzip möglich. Im Gegenzug institutionelle Garantien für Militär und Sicherheitskräfte. Aber: Kuba ist ein viel zu großes Symbol für die USA als dass mir so eine begrenzte Lösung nach der Eskalation der letzten Monate realistisch erscheint. Die Hardliner in den USA wollen das Symbol fallen sehen. Und das macht Verhandlungen so schwierig. Wenn Trump sagt: „I can do with Cuba anything I want!“ – so desolat die Situation auch ist und so pragmatisch die Führung in Havanna auch sein mag: dieser Sprung ins Nichts ist kaum zu machen.
2. Die USA intervenieren militärisch und installieren eine ihnen genehme Regierung.
Diejenigen, die dies vertreten, gehen dabei gerne davon aus, dass die so schnell und reibungslos ginge wie in Venezuela. Das aber ist fraglich. Militärisch sind die USA natürlich haushoch überlegen und könnten schnell siegen. Aber: Sie wollen ja nicht Tausende von US-Soldaten und US-Polizisten nach Havanna schicken „to run the country“. Sie wollen, dass die bestehenden Sicherheitskräfte, politisch gewendet, dies für sie tun. Und dies kann in Kuba kompliziert werden, und das ist es auch, was der aktuellen kubanischen Führung eine gewisse Verhandlungsmacht gibt, so dramatisch die wirtschaftliche Lage auch ist.
3. Es kommt zu keiner Verhandlungslösung und auch zu keiner militärischen Entscheidung.
Dann würde die Erdrosselungspolitik Washingtons weitergehen. Und wenn es Kuba nicht gelingt, trotz dieser Blockade Öllieferungen in substanziellem Maße ins Land zu bringen, dann wird die Situation für die Mehrheit der KubanerInnen immer unerträglicher. Dann steuert das Land tatsächlich auf eine humanitäre Katastrophe zu.
Aber vielleicht gibt es auch andere, friedlichere, menschlichere Auswege, die ich in der Glaskugel gerade nur nicht gut erkennen kann. Ich hoffe es sehr.
Bert Hoffmann,
Lead Researcher am GIGA Institut für Lateinamerika-Studien in Hamburg
(maximal 5 Antwortmöglichkeiten)


































