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Der digitale Fortschritt hat eine analoge Kehrseite. Denn wenn wir Filme streamen, Fotos in der Cloud speichern und die KI Texte schreiben lassen – wo stehen die Server, die all das verarbeiten? Im Alltag interessiert das die meisten von uns wenig. Bis eines dieser Zentren vor der eigenen Haustür geplant ist. Dann geht es plötzlich um Hektar statt Gigabyte und um Wasser statt Datenvolumen. Der Streit um das riesige Google-Rechenzentrum im oberösterreichischen Kronstorf hat diese Fragen nach Österreich geholt – und eine Gesetzeslücke sichtbar gemacht, die die SPÖ und nun die Regierung schließen will.
Ohne Rechenzentren funktioniert der digitale Alltag nicht. In den großen Hallen stehen tausende Server, die Daten speichern, verarbeiten und weiterleiten. Sie sind die technische Basis für Internetdienste, Cloud-Anwendungen, Suchmaschinen und Künstliche Intelligenz. In Österreich gibt es laut ORF derzeit rund 50 Rechenzentren, fast die Hälfte davon in Wien.
Die Cloud auf den Boden zu bringen, hat Folgen
Doch die Dimensionen wachsen: Ein neues Datacenter in Wien-Floridsdorf soll im Vollausbau 40 Megawatt Leistung erreichen – sein Stromverbrauch wäre dann mit jenem einer mittelgroßen Stadt vergleichbar. Noch größer ist Googles Projekt in Kronstorf in Oberösterreich: Die erste Ausbaustufe ist mit bis zu 150 Megawatt geplant, ein möglicher Vollausbau mit bis zu 500 Megawatt auf rund 50 Hektar. Das sind etwa 70 Fußballfelder Fläche.
Genau diese Größenordnungen machen Rechenzentren zu einem Konfliktthema. Für Anrainer:innen geht es um Flächenverbrauch, Veränderungen des Landschaftsbilds und mögliche Lärmbelastung durch Kühltechnik und andere Anlagen. In betroffenen Gemeinden sorgen sich Menschen außerdem um mögliche Auswirkungen auf Grundstückspreise und darum, ob man die Bevölkerung früh genug in die Planung einbezieht. Hinzu kommt die Frage, ob der lokale Nutzen im Verhältnis zum enormen Bedarf an Fläche steht.
Server laufen rund um die Uhr und verbrauchen dabei Unmengen Strom und Wasser
Auch ökologisch sind die Anlagen anspruchsvoll. Server laufen rund um die Uhr und müssen ständig gekühlt werden. Das braucht Strom und – je nach Kühlsystem – große Mengen Wasser. Zudem entsteht Abwärme. Die kann allerdings auch genutzt werden: In Wien deckt die Abwärme eines Rechenzentrums von Digital Realty rund 70 Prozent des Heizwärme- und Warmwasserbedarfs der Klinik Floridsdorf. Ob solche Lösungen möglich sind, hängt aber stark vom Standort und der vorhandenen Infrastruktur ab.
Dass so ein Rechenzentrum durchaus polarisiert, zeigt Kronstorf in Oberösterreich. Laut ORF könnte ein Vollausbau des Google-Standorts bis zu 4,4 Terawattstunden Strom pro Jahr benötigen. Zum Vergleich: Das ist fast die Hälfte des Stroms, die alle Windräder in Österreich derzeit erzeugen.
Außerdem dürfen laut wasserrechtlicher Bewilligung täglich bis zu 5,8 Millionen Liter erwärmtes Kühlwasser in die Enns geleitet werden, maximal 30 Grad warm. Die Bürgerinitiative „Rechenzentrum Kronstorf“ befürchtet wegen der erhöhten Wassertemperatur negative Auswirkungen auf Fische und andere Wasserorganismen.
Kronstorf zeigt, warum Rechenzentren durch eine Umweltprüfung sollen
Kritik entzündet sich beim Fall Kronstorf am Strom- und Wasserbedarf, am Flächenverbrauch und an fehlender Transparenz über den tatsächlichen Ressourcenverbrauch. Besonders umstritten ist, dass mit dem Bau begonnen wurde, ohne dass das Gesamtprojekt zuvor eine Umweltverträglichkeitsprüfung, kurz UVP, durchlaufen musste.

Das soll sich für künftige Großprojekte ändern. Eine UVP untersucht vor der Genehmigung unter anderem die Auswirkungen auf Menschen, Boden, Wasser, Klima, Landschaft und biologische Vielfalt. Die Öffentlichkeit wird eingebunden, Umweltfolgen müssen fachlich bewertet werden. Projekte können Auflagen oder Ausgleichsmaßnahmen erhalten. Eine UVP bedeutet also nicht automatisch das Aus für ein Projekt, sondern eine umfassende Prüfung seiner Folgen.
UVP-Grenze wird bei 100 Megawatt Leistung festgelegt
Bereits im Juli hat SPÖ-Umweltsprecherin Julia Herr öffentlich gefordert, die Gesetzeslücke für Rechenzentren zu schließen. Die ÖVP lehnte damals eine pauschale UVP-Pflicht ab. Nun hat aber die Bundesregierung einen entsprechenden Gesetzesentwurf vorgelegt. Dieser sieht erstmals einen eigenen UVP-Tatbestand für Rechenzentren vor. Neuerrichtungen mit mindestens 100 Megawatt Anschlussleistung sollen jedenfalls UVP-pflichtig werden. In besonders schutzwürdigen Gebieten ist ab 50 Megawatt eine Einzelfallprüfung vorgesehen. In Zukunft würden Rechenzentren wie jenes in Kronstorf damit im Vorfeld eine Umweltprüfung benötigen.
Gelöst sind damit aber nicht alle Fragen. Rechenzentren unter 100 Megawatt fallen nicht automatisch unter die neue Regelung. Für kleinere Anlagen bleibt daher auch die Raumordnung der Länder wichtig. Niederösterreich hat hier bereits Regeln angepasst, andere Bundesländer noch nicht. Umstritten ist zudem, dass die Regierung mit dieser Novelle die sog. Kumulierungsvorschriften streichen will. Bisher können auch kleinere benachbarte Projekte gemeinsam eine UVP-Prüfung auslösen. Künftig soll das grundsätzlich nur noch bei gezielter Umgehung der UVP gelten.
In Kronstorf gibt es abseits dieser Entwicklungen weiter Widerstand. Aktuell prüft man, ob die großen Diesel-Notstromaggregate schon nach dem geltenden Recht eine UVP auslösen.
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