Arbeiten im Ausnahmezustand

Betreuerin von Suizidgefährdeten: Wir brauchen dringend mehr Personal!

Wegen der Corona-Epidemie hat sich der Alltag in Österreich radikal geändert. Wer Glück hat, kann von zu Hause aus arbeiten – für manche bedeutet die Krise aber auch den Verlust der Arbeit. Andere wiederum müssen jeden Tag an ihren Arbeitsplatz – komme, was wolle. Das sind Menschen, die oft wenig verdienen, aber alles geben. Diese Personen wollen wir vor den Vorhang holen. In einem weiteren Teil unserer Reihe „Arbeiten im Ausnahmezustand“ haben wir mit Nina gesprochen. Sie betreut suizidgefährdete Jugendliche, die unter der aktuellen Situation besonders leiden.

Nina ist diplomierte Sozialbetreuerin. Sie arbeitet mit Jugendlichen, die suizidgefährdet sind. Ihre beiden aktuellen Klientinnen sind Mächen im Teenager-Alter alt. Sie verbringt mit ihnen den Tag, gibt ihnen Stabilität, die sie woanders nicht bekommen können. Sie hört ihnen zu, baut mit ihnen eine Beziehung auf und achtet auf sie. Wenn sich das Gedanken-Karussell bei ihren Klientinnen zu drehen beginnt, greift sie ein. Sie verhindert, dass ein negativer Gedanke auf den nächsten folgt – hört zu und hilft, aus dieser Negativspirale zu entkommen. In wenig anderen Berufen trägt man so eine Verantwortung. Sie versucht, zu verhindern, dass Gedanken zum Suizid oder zur Selbstverletzung führen. Sie passt auf ihre Klientinnen auf und weist sie in die Psychiatrie ein, wenn nötig. Darum brauchen ihre Klientinnen auch eine 24-Stunden-Betreuung. Das bedeutet in der jetzigen Situation eine enorme Belastung – für Klientinnen und Betreuerin.

Die Corona-Ausgangssperren treffen Ninas Klientinnen hart. Sie leben in betreuten WGs und können ihre Eltern jetzt nicht mehr sehen. Soziale Kontakte abseits ihrer Mitbewohnerinnen und Mitbewohner gibt es nicht. Hobbys, die ihnen Halt und Struktur gegeben haben, fallen völlig weg.

Erwachsenen fällt es jetzt schon schwer, in dieser Zeit positiv zu denken – bei Ninas Klientinnen dreht sich das Gedankenkarussell immer schneller und es wird immer schwieriger, es zu stoppen. Suizidgedanken und Gedanken zur Selbstverletzung kommen häufiger.

Trotzdem liebt Nina ihren Beruf und gibt gerade jetzt alles für ihre Klientinnen. Ein Gespräch über die Folgen von Corona in einem herausfordernden Beruf.

Nina betreut suizid gefährdete Jugendliche in Österreich - auch während Corona

Nina betreut suizidgefährdete Jugendliche mit Depression.

Wie sieht dein beruflicher Alltag normalerweise aus?

Ich verbringe mit meinen Klientinnen den Tag.  Koche mit ihnen, begleite sie bei ihren Hobbys – ich gebe ihrem Tag Struktur. Man hat eine Begleiterfunktion in jeder Lebenslage. Ich versuche, mit ihnen zu lernen, mit sich selbst und mit ihren negativen Gefühlen umzugehen. Dass es okay ist, negative Gefühle zu haben; dass die auch da sein dürfen. Ich bin aber auch da, wenn es ihnen gut geht und fördert ihre Talente. Ich lache auch mit ihnen und habe eine schöne Zeit.

Das macht den Beruf zu einem der schönsten Berufe der Welt.

Man ist aber auch mit dafür verantwortlich, dass sie ihre Zimmer aufräumen oder lernen. Und man ist vor allem zuständig, wenn es ihnen nicht gut geht. Wenn sie Suizid-Gedanken haben oder sich selbst verletzen wollen. Man ist ihr Fangarm, der sie stabilisiert.

Was hat sich in deinem Job seit Corona verändert?

Eine meiner Klientinnen lebt in einer betreuten Wohngemeinschaft, die andere in der Psychiatrie. Normalerweise sind wir zu acht für beide zuständig – aber um das Risiko von Ansteckungen zu reduzieren, betreue ich momentan gemeinsam mit einem Kollegen nur noch das Mädchen, das in der Psychiatrie lebt.

Ich versuche aber trotzdem, zu der anderen Klientin Kontakt zu halten. Wir telefonieren oder treffen uns im Videochat. Ich will wissen, wie es ihr geht. Außerdem macht das den Umstieg nach der Krise hoffentlich einfacher. Es ist nicht so leicht, Vertrauen und eine gute Beziehung aufzubauen – das möchte ich jetzt nicht gefährden.

Außerdem schlafe ich jetzt weniger im Dienst. Die Arbeit ist anstrengender geworden, weil die Situation meine Klientinnen sehr herausfordert. Das Risiko, dass sie Suizid-Gedanken oder Gedanken zur Selbstverletzung haben, ist jetzt höher. Sie haben jetzt viel Zeit zum Grübeln. Darum sind wir jetzt auch mehr gefordert, Ablenkung zu schaffen.

Gleichzeitig belastet einen die Situation ja auch selbst. Wir haben generell schon einen Beruf, der psychisch fordernd ist – durch Corona fällt uns der nötige Ausgleich weg. Früher bin ich mit Freunden oft mit unserem Camper in die Natur gefahren. Soziale Kontakte, gute Gespräche, das hat mir geholfen, in meiner Mitte zu bleiben. Das fehlt jetzt natürlich.

Wie geht es deinen Klientinnen mit der aktuellen Situation?

Suizidgefährdete Menschen leben immer in einem gewissen Grenzgebiet zwischen Leben und Tod. Vieles, was ihnen Freude gemacht hat, ist jetzt weg. Eine meiner Klientinnen hat mit einem Leistungssport begonnen – sie ist wirklich talentiert und hat es geschafft, sich für einen Wettbewerb zu qualifizieren.

Das gibt es jetzt alles nicht mehr. Das macht mich besonders traurig: Der Sport hat ihr Selbstwert gegeben, sie konnte etwas richtig gut.

Es ist auch nicht leicht, einer Unterstufenschülerin die Corona-Krise zu erklären. Erwachsene tun sich schon schwer, die Situation zu begreifen – wie soll meine Klientin jetzt wirklich verstehen, warum ihr Hobby gestrichen wurden und sie ihre Familie und Freunde nicht mehr sehen kann?

Auf was achtest du gerade besonders?

Ich versuche, Ruhe auszustrahlen. Meine Klientinnen müssen spüren: Du brauchst keine Angst vor Corona zu haben, das ist eine Phase, in ein paar Monaten siehst du deine Eltern und Freunde wieder. Das ist nicht immer leicht, weil man ja trotzdem selber Sorgen und Stress hat. Ich war letztens ein bisschen verkühlt und habe mir riesige Sorgen gemacht, dass ich Corona haben könnte. Nicht wegen mir, sondern weil ich keinen anstecken will. Die Leute auf der Psychiatrie kommen selten an die frische Luft, die haben nicht das beste Immunsystem.

Was würde passieren, wenn es bei euch einen Corona-Fall gibt?

Was mit der Wohngemeinschaft passieren würde, weiß ich nicht. Wenn eine Betreuerin Corona bekommt, wäre das schon schlimm. Man kann einer Klientin nicht plötzlich eine andere Betreuerin zuteilen. Sie sind an uns gewöhnt, kennen und vertrauen uns. Dieses Vertrauen muss man sich lange aufbauen.

Wenn eine Betreuerin 14 Tage in Quarantäne muss, haben wir kein Corona-Problem, dann könnten wir ein Suizid-Problem haben.

Was braucht deine Berufsgruppe jetzt dringend?

Wir brauchen einfach mehr Personal. Der Personalschlüssel ist bei uns genauso ein Problem wie bei der Pflege.

Wir brauchen mehr fachliches Personal, damit – wenn jemand krank wird – sich nicht alle anderen überarbeiten müssen.

Außerdem darf man rein rechtlich keine zwei 24-Stunden-Schichten hintereinander machen. Wenn jetzt eine Person von uns im Krankenstand wäre, hätten wir schon ein Problem.

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