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Supermarkt, Pflege, Backstube: Unternehmen zahlen so wenig, dass es kaum zum leben reicht

In Österreich schützt ein Vollzeitjob mittlerweile nicht mehr vor Armut. Besonders betroffen davon sind Alleinerziehende. 21,3 Prozent von ihnen sind armutsgefährdet. In vielen Berufen ist das Anfangsgehalt so niedrig, dass man nicht ordentlich über die Runden kommt.

Nach Monaten des Lockdowns öffnen Handel, Hotellerie und Gastro ihre Türen wieder für Kundschaft. Personal ist nach langen Phasen der Kurzarbeit, aber auch der Entlassungen knapp, klagen Hoteliers und Bäckereiketten-BetreiberInnen. Viele ihrer ehemaligen ArbeitnehmerInnen haben nach der Entlassung die Branche gewechselt. Durch die Kurzarbeit konnten einige von ihnen zwar nun wieder einsteigen, doch durch die niedrigen Gehälter der Branchen hatten viele kaum etwas angespart. An Kurzarbeitsgeld schaute bei dem geringen Letztgehalt auch nicht viel heraus. So entschlossen sich noch einmal mehr zum Jobwechsel. Nun klagen die Chefs, es gebe nicht genug arbeitswillige Kräfte. Ein Blick auf die Gehaltstabellen zeigt, wo das echte Problem liegt: Die Krise hat die Gruppe der „Working Poor“ an ihre Grenzen gebracht. Die Menschen wollen und können schlicht nicht in Jobs zurückkehren, von denen sie nicht leben können.

300.000 Menschen in Österreich sind arm oder armutsgefährdet, obwohl sie arbeiten. Sie sind BäckerInnen, ZahnarztassistentInnen, sie sorgen dafür, dass die Supermarktregale gefüllt sind und schneiden unsere Haare. Manche von ihnen arbeiten in der Gastro, andere helfen bei der Pflege. Sie haben Berufe, auf die unsere Gesellschaft schlicht nicht verzichten kann – trotzdem sind die Löhne teilweise so schlecht, dass sie gefährdet sind, in die Armut abzurutschen. Armutsgefährdet ist, wer von 60 Prozent des österreichischen Medianeinkommens leben muss. Konkret: Wer 15.933 Netto pro Jahr oder 1.328 pro Monat (12 Mal) verdient.

Ein Job schützt nicht vor Armut

Diese Menschen, die arbeiten, aber von ihrer Arbeit kein ausreichendes Auskommen finden, nennt man „Working Poor“. Die Hälfte von ihnen arbeitet Vollzeit. Die Gründe dafür erklärt Gerlinde Titelbach vom Institut für Höhere Studien (IHS) gegenüber dem Moment-Magazin so: „Vollzeitbeschäftigte Armutsgefährdete versorgen oft andere Menschen in ihrem Haushalt mit. Das können Kinder sein, kranke Personen und andere, die keinen Job haben oder haben können.“ So sind AlleinerzieherInnen fast drei Mal öfter von Armut betroffen als der Rest. 21,3 Prozent aller Alleinerzieherinnen sind gefährdet, in die Armut zu rutschen. Andere Ursachen sind Saisonarbeit und Teilzeitbeschäftigungen in Kombination mit geringen Stundenlöhnen.

In diesen Berufen zahlen die Unternehmen zu wenig, um ordentlich über die Runden zu kommen

Doch bei manchen Tätigkeiten müssen gar keine anderen Umstände hinzukommen, um als armutsgefährdet zu gelten. In vielen Branchen liegt das Lohnniveau bei Vollzeitarbeit bereits in diesem Bereich. Hier ist eine Auswahl von Einstiegs-Bruttomonatsgehältern, die besonders niedrig sind. Manchmal steigen die Löhne nach dem 1. Berufsjahr, manchmal nach ein paar Jahren, manchmal gar nicht (wie etwa bei den Fahrradboten). Nach Abzügen der Lohnsteuer und den Sozialversicherungsbeiträgen bleiben bei 1.500 etwa 1.237 netto übrig. Bei keinem einzigen dieser Berufe übersteigt das Netto-Monatsgehalt die Schwelle von 1.459, die die Budgetberatung in Österreich für ein Leben ohne jeden Luxus wie ein Auto, Zeitungsabos oder ausgiebigen Urlaub vorsieht.

 

Beruf Brutto-Monatslohn Netto Monatslohn
Bäckerei (ArbeiterIn nach der Lehrzeit, ArbeitnehmerIn in der Produktion, LadnerIn) 1.528 1256,44
KonditorIn 1.500 1237,43
Fahrrad-ZustellerIn 1539,98 1.264,58 €
TaxifahrerIn (Angestellte mit einfacher Tätigkeit ohne Lehrausbildung) 1.604,10 1.308,11 €
Serviertätigkeit, Botendienste, Reinigungsarbeiten, Küchenhilfsdienste, WächterIn im Groß- und Einzelhandel 1.618 1.317,55 €
Arbeiten bei Lagerung, Verkaufsvorbereitung und Versand; Arbeiten, Wartungs- und Instandhaltungsarbeiten an Maschinen ohne abgeschlossene Berufsausbildung 1.650 1.339,28 €
LagerhilfsarbeitnehmerInnen, HelferInnen im Angestelltenverhältnis 1.630 (bis 3. Dienstjahr (DJ)) 1.325,70 €
Reinigungskräfte, ParkplatzwächterInnen im Handel
Handel: RegalbetreuerInnen, Verkauf ohne abgeschlossene Berufsausbildung in einem kaufmännischen Beruf, Warenübernahme 1.686 (bis 3. DJ) 1.363,73 €
Medizinische Assistenzberufe: Desinfektions-, Gips-, Labor-, Obduktions-, Operations-, Ordinations-, Röntgen-, medizinische Fachassistenz 1.581 1.292,43 €
Verband Österreichische Zeitungen: AbschlichterIn, LaderIn, KommissioniererIn, Stützpunkt-LogistikerIn 1.593,5 (368,02 Wochenlohn bei 36 Std, Faktor: 4,33 für Monatslohn) 1.300,91 €
Verband Österreichische Zeitungen: ZustellerIn 992,7 (für 22 Std-Wochen) + 20,38€ pro 1.000 Stück händisches Einlegen fremder Beilagen
FriseurIn 1.551 (Angelernte und 1. Berufsjahr (BJ)) 1.272,06 €
AssistentIn in Rechtsanwaltskanzlei 1.500 (1. BJ) 1.237,43 €
Gastro, Hotellerie, Kaffeehäuser (in Wien, Bgld, NÖ): Hilfskraft, AbwäscherIn, HausarbeiterIn, Housekeeping 1.575 (Bis zum 5. BJ) 1.288,35 €
KosmetikerIn, FußpflegerIn 1.635 (1. BJ) 1.329,10 €
KosmetikerIn, FußpflegerIn
Textilbranche: Hilfsarbeiten (Ausschlagen, Pressen etc.), LadnerIn 1.500 (8,66 Stundenlohn (x 40 x 4,33) 1.237,43 €
Angelernte Kräfte bis zu einem halben Jahr in Chemischreinigung, Färben, Bügeln etc
Aufsichtspersonen in Waschsalons
Textilbranche: Maschinwaschen, Handwaschen, Nähen, Dämpfen etc. Teppichreinigung, LadnerIn 1.517 (8,76 Stundenlohn (x 40 x 4,33) 1.248,97 €
Angelernte Kräfte nach einem halben Jahr in Chemischreinigung, Färben, Bügeln etc
Hilfskraft im Bereich Gewerbe, Handwerk, Dienstleistungen 1.521 (1.+2. BJ) 1.251,68 €
Schreibkraft, FakturistIn mit einfacher Verrechnung im Bereich Gewerbe, Handwerk, Dienstleistungen 1.584,07 (1.+2. BJ) 1.294,51 €
TelefonistIn und Angestellte in Call- und Service-Centern mit einfacher Auskunftserteilung
Qualifizierte, kaufmännische, administrative und technische Hilfskräfte
InkassantIn ohne Berufsausbildung
VerkäuferIn im Detailgeschäft
PflegehelferIn
ZahnarztassistenIn

Quellen:
https://www.kollektivvertrag.at/
https://www.wko.at/service/kollektivvertraege.html

Supermarkt, Pflege, Backstube: Unternehmen zahlen so wenig, dass es kaum zum leben reicht

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Franz Rössler
Franz Rössler
29. Juni 2021 18:06

Bitte sprecht von Bezügen und nicht von Verdiensten.
Kein Mensch verdient ausschließlich € 1300.- / Monat zu bekomen, ebensowenig wie ein Mensch verdient, Millionen zu bekommen. Mateschitz verdient nicht 700.000 mal mehr (lt. Momumtum) als Menschen in systemrelevanten Berufen, aber er bezieht es.

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