Für Barbara Prammer war Politik immer eine Herzensangelegenheit. Egal ob als Soziologiestudentin, Frauenministerin oder Nationalratspräsidentin – sie setzte sich stets für Gleichberechtigung, Bildung und eine lebendige Demokratie ein. Schritt für Schritt machte sie so Österreich gerechter.
„Es geht nicht darum jedem Trend der Zeit nachzulaufen, sondern vielmehr darum, unsere Überzeugungen zum Trend der Zeit zu machen.“
Barbara Prammer wird 1954 in Ottnang am Hausruck, Oberösterreich geboren. Weitab vom Wirtschaftswunder der 50er Jahre wächst sie in bescheidenen Verhältnissen auf. Ihre Mutter, Christine Thaller, zieht vier Kinder groß und stellt mit handwerklichem Geschick alles her, wofür es an Geld mangelt. Ihr Vater Leopold ist Bergbauer und stets politisch aktiv. Prammer wird mit der Gemeindepolitik im Haus groß.
An der HAK Vöcklabruck sticht sie als Arbeiterkind hervor. Das hindert sie aber nicht daran Klassensprecherin zu werden. Aus ihrer Schulzeit bleibt Prammer, die sich später überzeugt als „Kind Kreiskys“ bezeichnet, vor allem die Einführung des Gratisschulbuches in Erinnerung. „Das war ein klares Signal an viele Schülerinnen und Schüler, nicht zweitklassig zu sein.“
Ein schwieriger Berufseinstieg
Nach der Schule möchte Prammer eigentlich Medizin studieren. Da sie beim Abschluss der Matura schwanger ist, ändern sich ihre Pläne. Mit der Unterstützung ihrer Familie zieht sie ihren Sohn Betram groß und arbeitet währenddessen im Gemeindeamt Ottnang. Dort legt sie die Dienstprüfung ab und wird zweite Gemeindeamtsleiterin sowie Standesbeamtin. Die Behörde möchte Prammer dauerhaft in einer fixen Planstelle beschäftigen. Darüber hat aber der männlich dominierte Gemeinderat zu entscheiden. In der Sitzung, in der über Prammers berufliche Zukunft entschieden wird, führt die junge Frau Protokoll. Sie muss dabei festhalten, wie der Gemeinderat mehrheitlich dagegen stimmt und verlässt daraufhin das Amt. Jahre später erinnert sie sich noch an ihren „ersten Diskriminierungsfall“.
„Es ist eine Tatsache: Jede Frau mehr heißt ein Mann weniger.“ (Barbara Prammer über die Mandate im Parlament im Interview mit der Zeitschrift WOMAN, 20. Mai 2014)
Erfahrungen, die ihren politischen Blick schärfen
1978 geht es für Prammer nach Linz. Dort studiert sie Soziologie und tritt der Jungen Generation SPÖ bei. Während dieser Zeit lernt sie ihren Ehemann kennen, mit dem sie bis 2001 verheiratet bleibt, und bringt ihre Tochter Julia auf die Welt. Prammers Wunsch nach sozialer Gerechtigkeit wird durch ihr Studium bloß verstärkt. Ihre Diplomarbeit schreibt sie über arbeitslose und berufstätige Frauen sowie die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Dazu führt sie zahlreiche Interviews und bekommt tiefe Einblicke in verschiedene Frauenschicksale. Manche ähneln ihrem eigenen. Auch die Erlebnisse aus ihrem Berufseinstieg als Sozial- & Berufspädagogin prägen Prammer stark. Jahre später sagt Inge Jäger, politische Weggefährtin und Freundin, in einem ORF-Interview dazu: „Ich denke für sie war vor allem das Ziel die Lebensbedingungen für Frauen zu verbessern und ich denke sie hat immer diese Bilder vor Augen gehabt: Für wen setzt sie sich ein? Für wen will sie etwas verändern?“

Der Weg in die Bundesregierung
Aufgrund ihres sozialen Engagements übernimmt Prammer 1990 den Vorsitz der SPÖ Frauen Oberösterreich und wird nur ein Jahr später zur zweiten Präsidentin im oberösterreichischen Landtag gewählt. 1995 wird sie Landesrätin für Wohnbau, Naturschutz und Verwaltungspolizei und somit das erste weibliche Mitglied der oberösterreichischen Landesregierung. Zwei Jahre später folgt dann der nächste große Schritt: Prammer wird in die Bundesregierung berufen. Als Bundesministerin führt sie ab 1997 drei Jahre lang das Ressort Frauenangelegenheiten und Konsumentenschutz und übernimmt im gleichen Jahr den Vorsitz der SPÖ Frauen.
„Die Lebensbedingungen von Frauen können nur verbessert werden, wenn Frauen mit am Verhandlungstisch sitzen.“ (Barbara Prammer, zur Eröffnung des Internationalen Frauentags im Ständigen Rat des OSZE, 8. März 2012)
Prammers wichtigste Errungenschaften als Frauenministerin
Während ihrer Zeit als Frauenministerin greift Prammer einen Gesetzentwurf ihrer Vorgängerin, Helga Konrad, wieder auf. 1999 wird dadurch das Eheänderungsgesetz vom Parlament beschlossen. Seitdem gehört auch die partnerschaftliche Aufteilung von Versorgungs- und Hausarbeit zu den gesetzlichen ehelichen Pflichten. Außerdem setzt Prammer weitere wichtige Initiativen in den Bereichen Gewaltschutz, Familie und Gleichberechtigung:
- Die Gleichstellung der Geschlechter wird Teil der Verfassung.
- Das Gewaltschutzgesetz mit Wegweiserecht tritt in Kraft: Die Polizei kann den gewalttätigen Partner sofort aus der gemeinsamen Wohnung wegweisen.
- Mit der „Kindergartenmilliarde“ schafft man in zweieinhalb Jahren 30.000 neue Kinderbetreuungsplätze.
- Die Frauenhelpline und Interventionsstellen gegen Gewalt in der Familie werden in allen Bundesländern eingerichtet.
- Einrichtungen für Frauen und Kinderbetreuung werden ausgebaut sowie flexiblere Karenzregelungen umgesetzt.

Einsatz für Frauen – auch in der Opposition
Ab 2000 wird die SPÖ von der blau-schwarzen Regierung verdrängt und Herbert Haupt versucht sich als Frauenminister. „Alleine die Tatsache, dass in der schwarz-blauen Koalition mit Herbert Haupt ein Mann ‚Frauenminister‘ wurde und er in seinem Ressort gleich einmal eine ‚Männerabteilung‘ einrichtete, war in hohem Maße zynisch und eine politische Ohrfeige für alle Frauen in diesem Land“, erinnert sich Prammer an die Zeit.
Doch das hält die Nationalratsabgeordnete nicht davon ab, ihre politischen Ideen zu verfolgen. 2001 konfrontiert sie das Parlament mit einer Studie der Afrikanischen Frauenorganisation in Wien. Darin wird aufgezeigt, dass auch in Österreich weibliche Genitalverstümmlung praktiziert wird. Nachdem Prammer das Anliegen ins Parlament holt, wird die „Praxis“ mittels Strafgesetznovelle unmissverständliche als Straftat definiert. Prammer engagiert sich auch auf internationalem Niveau für die Anliegen der Afrikanischen Union sowie als Vize-Präsidentin der Socialist International Women.
„Demokratie ist in Österreich zwar eine Realität, aber keine Selbstverständlichkeit. Wir müssen alle gemeinsam die Demokratie ständig mit Leben erfüllen.“ (Barbara Prammer, erste DemokratieWERKstatt, 25. Oktober 2007)
Österreichs erste Nationalratspräsidentin
Im Jahr 2006 wird Prammer als erste Frau zur Präsidentin des Nationalrats gewählt und übt dieses Amt bis zu ihrem Tod 2014 aus. Für Prammer ist Demokratie etwas, das gepflegt werden muss – und das tut sie auch:
- Mittels zahlreicher Veranstaltungen, Diskussionen und Symposien belebt sie das Parlament.
- Seit Juli 2014 können auch Minderheiten im Nationalrat einen Untersuchungsausschuss einsetzen.
- 2007 ruft Prammer die DemokratieWERKstatt ins Leben. Kinder und Jugendliche können Workshops im Parlament besuchen und Abgeordnete persönlich kennenlernen.

Auch die Erinnerungs- und Gedächtnispolitik liegt Prammer am Herzen. Immer wieder lädt sie Überlebende der NS-Verfolgung und deren Nachkommen ins Parlament ein. Österreich dürfe seine Geschichte nicht vergessen, betont die Nationalratspräsidentin. Dafür lässt sie 2012 Jugendliche ihre Schulprojekte zur Aufarbeitung des Nationalsozialismus im Parlament präsentieren und bietet ihnen die Gelegenheit mit Zeitzeugen zu sprechen.
„Neonazismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen“, wendet Prammer bei der Jahresversammlung des DÖW 2010 gegen die Kritik am NS-Verbotsgesetz ein.
Sozialdemokratin bis zuletzt
September 2013 macht Prammer ihr Krebsdiagnose öffentlich. Sie will daraus kein Geheimnis machen. Einerseits aus Verantwortung ihrem Amt gegeben über, andererseits, um der Stigmatisierung von Krebserkrankten entgegenzutreten. Am 2. August 2014 stirbt Prammer an den Folgen ihrer Krankheit. Über 2.600 Menschen nehmen bei ihrem Staatsbegräbnis Abschied von Prammer. Zum Gedenken an die Sozialdemokratin veranstalten die SPÖ-Frauen zusammen mit dem Karl-Renner-Institut jährlich das Barbara-Prammer-Symposium im Parlament, bei dem feministischen Themen eine Plattform geboten wird.

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