Wie stirbt eine Demokratie? Nicht auf einen Schlag. Das zeigt Jens Bisky in seinem historischen Sachbuch „Die Entscheidung“ über die Weimarer Republik. Eine Demokratie stirbt durch falsche Entscheidungen, versäumte Gelegenheiten und gefährliche Gewöhnung. Im Interview erzählt der deutsche Autor und Journalist anschaulich, wie die NSDAP politische und gesellschaftliche Leerräume besetzt, Stolz und Aufbruch verspricht und ihren Aufstieg penibel organisiert. Er zeigt, wie sich die Sozialdemokratie zunehmend aufs Verwalten zurückzieht und darauf hofft, dass die Zeit für sie arbeiten wird. Und Bisky erinnert, dass sich das Bürgertum schon vor 1933 weitgehend von Parlamentarismus und Republik abwendet. Biskys Blick auf Weimar ist keine einfache Warnung vor einer Wiederholung der Geschichte. Seine Ableitung ist nüchtern: Wer Demokratie erhalten will, muss immer mit dem Schlimmsten rechnen und politische Gefahren ernst nehmen – ohne sich von Angst lähmen zu lassen.
1930 zerbrach die Regierung des Sozialdemokraten Hermann Müller und Heinrich Brüning wurde Reichskanzler, der zunehmend mithilfe von Notverordnungen des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg regierte. Die Sozialdemokraten (SPD) tolerierten das aus Angst, Neuwahlen könnten die NSDAP noch stärker machen. Dadurch verlor das Parlament immer mehr an Bedeutung. 1932 wurde die NSDAP stärkste Partei und Reichspräsident Paul von Hindenburg – selbst kein überzeugter Anhänger der Republik – wurde auch mit Unterstützung der SPD wiedergewählt, weil sie Hitler verhindern wollte. Doch kein Jahr später ernannte Hindenburg Hitler zum Reichskanzler. In den folgenden Wochen zerstörten die Nationalsozialisten die demokratische Ordnung und errichteten ihre Diktatur.
Die Republik endet nicht auf einen Schlag – sie hört langsam auf zu funktionieren
Kontrast: Herr Bisky, Sie erzählen in Ihrem Buch „Die Entscheidung“ nicht die Geschichte eines unvermeidlichen Untergangs der Demokratie. Sie beschreiben einen Prozess: Der Niedergang passiert nach und nach durch viele falsche Entscheidungen. Wann kippt aus Ihrer Sicht die Weimarer Republik?
Jens Bisky: Das passiert im Jahr 1930, als die Regierung des Sozialdemokraten Hermann Müller aufgibt und mit dem „Zentrumsmann“ Heinrich Brüning jemand übernimmt, der von Anfang an sagt: Ich habe die Möglichkeit, mit Notverordnungen des Reichspräsidenten zu regieren – und diese Möglichkeit dann auch nutzt. Die SPD toleriert das. Sie will keine Neuwahlen, weil sie Angst hat, die NSDAP könnte dann mehr Stimmen bekommen. Sie stimmt also gegen die Aufhebung Brünings Notverordnungen.
Am Ende des Jahres 1930 merkt man in Deutschland zudem sehr deutlich die Folgen der Wirtschaftskrise. Es gibt nicht nur Millionen Arbeitslose, sondern auch der Hunger ist zurück. Den gab es seit den Kriegsjahren nicht mehr.
Das parlamentarische System war gelähmt. Der Reichstag hat kaum noch getagt. Und wenn, dann war er eine Propagandabühne. Alle wichtigen Entscheidungen sind in einem zunehmend kleineren Kreis von Männern gefallen. Der erste Geschichtsschreiber der Weimarer Republik, Arthur Rosenberg, ein entflohener Kommunist, sagte:
Am 18. Oktober 1930 schlug die Todesstunde der Republik. Es gab zwar formal noch Rechtsstaatlichkeit, Parteienvielfalt und Meinungsfreiheit. Aber in Sachen demokratischer Arbeit, Parlamentsarbeit und Entscheidungen war man am Ende.
Das Parlament existiert noch – aber entschieden wird längst anderswo
Kontrast: Wie kann man sich das vorstellen, ein Parlament, das gelähmt ist?
Jens Bisky: In Österreich wurde in dieser Zeit das Ende des Parlaments mit der sogenannten „Selbstausschaltung“ besiegelt. In der Weimarer Republik ist das anders abgelaufen.
Das Parlament hebt die erste Notverordnung unter Brüning auf. Es kommt zu einer Auflösung des Parlaments und zu Neuwahlen. Nach diesen Neuwahlen hat die Regierung unter Brüning keine Mehrheit mehr. Die NSDAP bekommt etwas mehr als 18 Prozent der Stimmen. Die Sozialdemokrat:innen stehen vor einer Entscheidung: Weitermachen mit Brüning, dem man das Misstrauen ausgesprochen hat – aus gutem Grund? Oder die Notverordnungen ablehnen, wie es auch die Kommunist:innen und die NSDAP tun? Doch dann würde das Parlament abermals aufgelöst, es gäbe wieder Wahlen und die NSDAP könnte noch stärker werden.
Die Sozialdemokrat:innen akzeptierten im Oktober 1930 erst einmal Heinrich Brüning. Das bedeutete: Misstrauensanträge und Anträge zur Aufhebung der Notverordnungen landeten in Ausschüssen des Parlaments und wurden vertagt. Das Parlament hielt Sitzungen ab, vertagte Anträge, und so ging das dahin, Jahr für Jahr.

Aus Angst vor dem Schlimmeren gewöhnt man sich an den Ausnahmezustand
Kontrast: Warum haben es die Parteien, die an die Republik und die Demokratie geglaubt haben, nicht geschafft, zu einer parlamentarischen Normalität zurückzukehren?
Jens Bisky: Man muss sich vor Augen halten: Alles, was damals in der Politik passiert und entschieden wird, spielt sich vor dem Hintergrund einer Dauerfinanzkrise ab. Nach dem Zusammenbruch der Creditanstalt 1931 bricht nach und nach das Finanzsystem zusammen.
Man kann die Beamten, also einschließlich Post und Bahn, nicht mehr bezahlen. Man kann die Arbeitslosen nicht unterstützen.
Es gab den Wunsch vieler, dass sich der Haushaltsausschuss des Parlaments richtig mit der Frage der Bankenkrise und der ausländischen Kredite befasst. Das wollte aber Brüning nicht. Er kündigte stattdessen an, dass Deutschland seine Reparationszahlungen nicht mehr leisten wolle. Eine Notverordnung enthielt harte Sparmaßnahmen. Anträge, den Reichstag einzuberufen, lehnte die SPD im Juni 1931 ab.

Dann kommt hinzu, dass man 1932 keinen republikfreundlichen Kandidaten für das Reichspräsidentenamt findet. Auch die Sozialdemokraten entschließen sich dazu, den Republikfeind Hindenburg zum zweiten Mal zu wählen. Damit war das Schicksal der Republik besiegelt.
Brüning wird abgesetzt. Franz von Papen wird Reichskanzler. Es kommt zu einem Staatsstreich und zur Absetzung der preußischen Regierung des Sozialdemokraten Otto Braun.
Es läuft also auf die Frage hinaus: Wer wird jetzt Diktator? Im Winter 1932/33 kommt Paul von Hindenburg zum Schluss, dass es Adolf Hitler ist, der seine politischen Ziele am besten durchsetzen kann. Also ernennt er ihn zum Kanzler.
Während die Demokraten verwalten, versprechen die Nationalsozialisten einen Ausweg
Kontrast: Was tut sich währenddessen in der Bevölkerung? Hier spalten sich ganze gesellschaftliche Gruppen ab. Ab wann wird das systemgefährdend?
Jens Bisky: Diese Abkopplung passiert tatsächlich in vielen Milieus. Die Katholiken und die Sozialdemokraten sind als Milieus noch jene, die am wenigsten anfällig für die Nationalsozialisten sind.
Aber Studenten, Bauern, Arbeitslose – die nehmen die Versprechen der Nationalsozialisten für bare Münze. Die glauben: Ja, mit den Nationalsozialisten beginnt ein neues Deutschland. Die sind nicht korrumpiert durch das alte System. Die erneuern das Land mit dem Geist der Frontkameradschaft. Die Nazis sagen: Wir zerschlagen das System! Und dann hat auch der Erfolg der NSDAP Zulauf gebracht.
Die haben 1928 noch 2,6 Prozent der Stimmen bekommen. Dann haben sie stetig dazu gewonnen. 1930 sind sie an der Regierung in Thüringen beteiligt, dann im Freistaat Braunschweig.

Die Nationalsozialisten geben den Menschen das Gefühl, dass sie wieder Stolz spüren können. Dass sie einen Platz in der Welt bekommen, den ihnen die Weimarer Republik nicht bieten kann.
Doch es kommt noch etwas dazu: Die Nationalsozialisten sind organisatorisch sehr gut aufgestellt. Sie sind überall aktiv. Die machen jedes Wochenende ihre Propagandaveranstaltungen. Die SA marschiert auf, es gibt Musik, eine Rede, und danach marschieren alle ab – vielleicht gibt es noch irgendwo eine Schlägerei. Von Monat zu Monat gibt es mehr Verletzte und Tote. Und diese Propaganda der Tat und der Dauermobilisierung, die wirkt.
Und auf der anderen Seite fehlt bei denen, die gute Absichten haben, einfach das Angebot. Die Landvolkbewegung zum Beispiel: Im Norden Deutschlands sind die Bauern unzufrieden. Denen geht es schlecht, und vielen droht die Pfändung ihres Landes. Dann ist ihre Existenz weg. Die Nazis sagen: So was machen wir nicht mit. Und überhaupt, sagen sie, neigt die Landvolkbewegung zur Gewalt.
Dazu muss man wissen: Hitler legt öffentlich großen Wert auf die Ablehnung von Gewalt. Obendrein erstellt die NSDAP ein eigenes Agrarprogramm. Und damit sind sie die Ersten.
Was passiert auf der anderen Seite? Die Gewerkschaften und Sozialdemokraten arbeiten eng zusammen und entwickeln das „WTB-Programm“, benannt nach Wladimir Woytinsky, Fritz Tarnow und Fritz Baade. Das Programm zielte im Grunde auf eine aktive Konjunkturpolitik. Das hätte aber zur Inflation geführt, also hat man das Programm nicht umgesetzt.
Was ist die Folge? Die einzige Partei, die mit einem Wirtschaftsprogramm in den Wahlkampf 1932 geht, ist die NSDAP. Die Sozialdemokraten hatten keins. Die Kommunisten sind der Meinung, es soll erst einmal alles zusammenbrechen, und dann kommt eh die Revolution. Die Leerstelle haben also die Nationalsozialisten gefüllt.
Die Gegenwart ist nicht Weimar – aber auch heute bleiben Probleme zu lange ungelöst
Kontrast: Aktuell überlagern sich Krisen ebenfalls. Es ist die politische Rechte, die Identität und Stolz verspricht. Die sich als „Systemgegner“ sieht. Was sind die Unterschiede zu vor 100 Jahren?
Jens Bisky: Es laufen gegenwärtig in Deutschland zumindest nicht Hunderttausende in Uniformen paramilitärischer Organisationen durch die Straßen und schlagen jeden Sonntag Leute tot. Auch die wirtschaftliche Lage ist nicht gleichzusetzen. Vor 100 Jahren müssen sich Familien, in denen die Erwachsenen arbeitslos sind, einen Pullover auf Kredit kaufen. Das ist heute sehr anders.

Und wir haben keinen Bundespräsidenten, der die Republik abschaffen will. Wir haben keine Armee, die sagt, sie will das System zerstören.
Ähnlich ist allerdings, dass es immer schwerer fällt, Probleme, die alle anerkennen, zu lösen. Man verschleppt die Probleme eher. Und wenn es um die Erfolge der AfD oder der Republikaner oder der FPÖ geht, ist man schockiert oder empört. Aber Empörung allein hilft nicht.
Schauen wir in die USA. Die US-Amerikaner wissen, wer Donald Trump ist. Die Demokraten wissen, wer er ist. Er wurde zum zweiten Mal gewählt. Dann gab es eine lange Übergangszeit zwischen dem Wahlabend und der Amtseinführung. Und was hatten die Demokraten vorbereitet? Noch dazu unter doch sehr viel komfortableren Bedingungen? Ich habe den Eindruck: nichts.
Deswegen bewerte ich inzwischen auch die Sozialdemokraten im Jahr 1932 in der Weimarer Republik mit etwas mehr Milde. Es ist offenkundig sehr schwer, gegen jemanden aufzutreten, der die Frage „alles oder nichts“ stellt. Das ist wie eine Schockstarre.

Wer überall nur Weimar sieht, unterschätzt die Gegenwart
Kontrast: Was kann man dann trotz der Unterschiede aus der Vergangenheit für die Gegenwart lernen?
Jens Bisky: Man muss sich mit der Vergangenheit beschäftigen, um die Gegenwart besser zu verstehen. Aber um auf das Deutschland von heute zurückzukommen: Die AfD ist nicht die NSDAP.
Die NSDAP ist von Anfang an eine auf Gewalt setzende antisemitische Partei. Sie will das System, den Parlamentarismus und die Republik zerstören. Sie ist eine Putschistenpartei, bevor sie sich dann hat wählen lassen.
Es gibt heute Warnungen in Deutschland: Wir sind „5 vor 33“. Erstens zeigt das meine Uhr nicht an. Sind wir vielleicht 4 vor 1871? Ich weiß es nicht. Zweitens finde ich das zu kleinmütig. Denn wenn man sich ständig mit Weimar vergleicht, dann gibt man doch am Ende auf. Und dazu gibt es eigentlich keinen Grund.
Eine Verfassung schützt die Demokratie nicht, wenn niemand sie mit Leben füllt
Kontrast: Sie beschreiben in Ihrem Buch: Ein Problem am Ende der Weimarer Republik war, dass es eine „Verfassung ohne Entscheidungen“ gegeben hat. Können Sie das näher erklären?
Jens Bisky: Die Verfassung der Weimarer Republik war nicht schlecht. Da unterscheide ich mich in meinem Urteil wohl von einigen anderen Historiker:innen. Die Frage ist aber, was die politische Führung mit der Verfassung macht. Wie man sie nutzt, interpretiert.
Das Problem der Weimarer Republik ist, dass alte Eliten, kaiserzeitliche Eliten, die stark gegen die Republik eingestellt sind, Machtpositionen besetzen. Den pro-republikanischen Kräften fällt es aber in Krisenzeiten immer schwerer, Mehrheiten von sich zu überzeugen. Und diese Wirtschaftskrise hat in Deutschland schon angefangen, bevor in New York die Börsen crashen.
Warum fällt es zum Beispiel den Sozialdemokraten so schwer? Sie haben ja die Republik mit aufgebaut. Durch Organisation, durch Bildungsarbeit und durch strikte Legalität (sich an Gesetze halten, Anm.). Das war deren Erfolgsweg. Und jetzt waren sie in einer Situation, in der das nicht mehr half.
Es mangelt ihnen an Organisation – oder besser: an Organisierung. Das kritisieren auch Publizisten wie Alexander Schifrin zu der Zeit schon. Er kommt zum Schluss:
Die Führung der SPD ist vor allem mit dem Verwalten beschäftigt – also dort, wo sie regiert. Was aber fehlt, ist die Arbeit an und in der Partei selbst. Auf der untersten Ebene der Partei gibt es zwar engagierte Vereinsarbeit. Aber dazwischen, zwischen Parteiführung und einfachen Mitgliedern, fehlt das Politische und das Mobilisierende.
Das ist etwas, das ich auch in der Gegenwart bei der SPD sehe. Wenn ich mir Menschen wie Olaf Scholz oder Lars Klingbeil anschaue, dann sehe ich Menschen, die alles mit den Augen der Administration betrachten.
In den Ebenen darunter gibt es wahnsinnig viele freundliche, fleißige, engagierte Sozialdemokrat:innen. Und dazwischen ist so eine große Lücke, in der keine inhaltlichen Diskussionen mehr geführt werden. Also, man tauscht ab und zu Empörung und Erschrecken aus, aber so scharfe politische Diskussionen werden dazwischen nicht mehr geführt.
Als die Republik ihre Verteidiger braucht, hat sich das Bürgertum längst von ihr entfernt
Kontrast: Ich würde noch gerne über das Bürgertum reden. Dort war die Begeisterung für Republik und Demokratie eher enden wollend. Für das Bürgertum ist Demokratie nur eine von mehreren Optionen, aber nicht das Ziel oder etwas, das man unbedingt verteidigen muss.
Jens Bisky: Vereinfacht gesagt, hat man schon 1929 die Bürgerlichen suchen müssen, die wirklich finden: Parlamentarismus und Demokratie würden sie verteidigen.
Deswegen beginne ich mein Buch auch mit dem Tod von Gustav Stresemann (1878–1929). Er war 1923 kurz Kanzler, hat die Währung gerettet, also ein Jahr früher als in Österreich, und war dann bis zu seinem Tod Außenminister. Für die Aussöhnung mit Frankreich bekam er den Friedensnobelpreis. Ein Journalist, der für die Zeitschrift Tagebuch schrieb, sagte damals sinngemäß: Mit Stresemann ist der Letzte gegangen, der maßgebliche Teile des Bürgertums noch im Lager der Republik halten konnte.
Jetzt will ich nicht sagen, dass das zu 100 Prozent stimmt. Denn wie stabil ist ein politisches System, das an einem Mann hängt? Kurzum: nicht sehr stabil. Aber es stimmt schon, dass es bereits 1929 eine große Sehnsucht nach Diktatur gab.
Das hängt mit vielem zusammen. Einmal mit der Geschichte des späten Kaiserreichs und der Abwendung vom Liberalismus, die weite Teile des Bürgertums erfasst. Dann hängt es mit der Kriegserfahrung und mit der Fronterfahrung zusammen: Viele Menschen hatten das Gefühl, gemeinsam große Opfer gebracht und an der Front für Deutschland gekämpft zu haben – und am Ende trotzdem als Verlierer dazustehen. Der Versailler Vertrag verstärkte bei vielen den Eindruck, von den Siegermächten zusätzlich gedemütigt und um das gebracht worden zu sein, was ihnen ihrer Ansicht nach zustand. Diese Ablehnung des Versailler Vertrags und der Pariser Vorortverträge insgesamt spielte eine wichtige Rolle.
Und es hängt mit der Inflation zusammen, in der man erlebt: Es kann ja sein, dass Papa gesagt hat, man soll fleißig sein, diszipliniert sein und sparen. Aber wer ist denn jetzt derjenige, der noch ein ordentliches, halbwegs anständiges Leben führen kann? Jemand, der besonders schnell und skrupellos handelt und Spekulationen treibt.
Der Krieg trennt eine Generation von der Welt ihrer Väter
Kontrast: Was der Erste Weltkrieg mit den Menschen macht, nicht nur materiell, sondern auch seelisch, kann man sicher nicht unterschätzen.
Jens Bisky: Absolut. Der Krieg ist eine große Erschütterung. Vielleicht kann man es sich so vorstellen: Der Krieg entfremdet vor allem die Söhne komplett von der Welt ihrer Väter. Und dann kommt diese ideologische Ansicht dazu, dass die Welt des Bürgertums im Ersten Weltkrieg untergegangen ist.
Daraus folgt dann der Schluss: Parlamentarismus ist doch eine bürgerliche Sache, Liberalismus ist doch eine bürgerliche Sache – lasst es uns vergessen! Das passt nicht mehr in diese Welt. Wir brauchen ein anderes System.
Vor allem jüngere, auch politisch Interessierte und Intellektuelle stellen ihrer Gegenwart den Befund aus: Wir leben in einer Welt, die scheintot ist, die eigentlich schon gestorben ist, was aber nur sie selbst erkannt haben – und Anhänger:innen der „alten Welt“ eben nicht. Das gibt diesen Menschen natürlich auch Selbstbewusstsein, weil sie glauben zu wissen, dass sie in so einem historischen Augenblick leben, in dem Epochen einander ablösen. Und man selbst kann dabei sein und Geschichte neu schreiben. Das spielt eine wichtige Rolle.
Thomas Mann ruft das Bürgertum zur Vernunft, doch kaum jemand will noch zuhören
Kontrast: Gibt es Ausnahmen? Also Bürgerliche, die Demokratie hochhalten und verteidigen wollen?
Jens Bisky: Natürlich. Ein Beispiel dafür ist Thomas Mann. Er kommt nach dem Wahlsieg der NSDAP im September 1930 nach Berlin und sagt: Jetzt muss ich irgendetwas machen. Er trägt im Beethoven-Saal seinen „Appell an die Vernunft“ vor, die „Deutsche Ansprache“. Der Abend wird von SA-Leuten und anderen gestört.
Thomas Mann sagt darin sinngemäß: Liebes deutsches Bürgertum, wenn du deine Überlieferung ernst nimmst, dann ist dein Platz heute an der Seite der Sozialdemokratie und nirgendwo sonst.
Und dann beschreibt er diesen unbürgerlichen Politikstil, diese „grotesken Verzückungen“, wie er das nennt, diese Veitstänze – also den aufgeregten, fanatischen und theatralischen Politikstil Stil von Mussolini und Goebbels und so weiter. Er hat aber im Grunde schon kein Publikum mehr, das das hören will.
Und dann gibt es aber bürgerliche Autoren wie etwa Emil Ludwig, der mit seinen Biografien in hohen Auflagen sehr erfolgreich gewesen ist. Der fährt dann für eine Woche zu Mussolini und sagt anschließend: Na ja, so schlimm ist das mit dem Faschismus nicht. Und gleichzeitig meint er: In Deutschland kann so etwas sowieso nicht passieren, denn wir sind reifer als die Italiener.
Also, es gibt so viele Illusionen, die man kennenlernt. Sich einzubilden, man sei reifer, ist eine der Illusionen, die man ablegen sollte.
Das kann man auf jeden Fall aus der Geschichte lernen: Man darf sich nicht in bequemer Sicherheit wiegen und darauf hoffen, dass mit der Zeit alles an einem vorübergeht. Es kann manchmal sehr schnell gehen. Und man sollte sich nicht einbilden, man könne die Zukunft irgendwie berechnen.
Die Hoffnung, dass die Zeit alles richten werde, ist eine gefährliche Illusion
Kontrast: Haben die Sozialdemokraten das in den 1930ern gemacht? Auf Besserung im Laufe der Zeit gehofft?
Jens Bisky: 1930 denken sich die Sozialdemokraten: Naja, es ist besser, Brüning regiert und die NSDAP hat nur 18 Prozent. Es werden schon wieder bessere Zeiten für uns kommen. In vier Jahren, bei den nächsten Wahlen, wird es schon wieder anders aussehen.
Das ist eine leichtfertige, leichtsinnige Rechnung. Denn niemand weiß, was im Laufe von vier Jahren passiert. Sie wissen es damals auch nicht – und es hat sich ja dann gezeigt, was innerhalb von vier Jahren alles passieren kann.
Man darf sich nicht einfach auf die Zeit verlassen. Die Zeit löst nichts von selbst.
Mit dem Schlimmsten rechnen, ohne sich von Angst lähmen zu lassen
Kontrast: Was ist dann Ihre Ableitung oder Ihr Rat, wie man sich als demokratische politische Kraft in Krisenzeiten verhalten und wappnen soll – also von der Grundhaltung her?
Jens Bisky: Immer mit dem Schlimmsten rechnen und sich trotzdem nicht von Angst beherrschen lassen oder gar in Schockstarre verfallen.
Kontrast: Also „zu Tode gefürchtet ist auch gestorben?“
Jens Bisky: Diese Redewendung kenne ich nicht, aber sie ist sehr treffend, ja.
Kreuze maximal 4 Antworten an, die für dich am meisten zutreffen.




































