Anfang 2025 ließ die Vorsitzende der AfD, Alice Weidel, mit einer historischen Aussage aufhorchen. Hitler, so Weidel, sei kein Rechter gewesen, sondern ein Linker. Die Aufregung war groß, dabei war die Behauptung keineswegs neu. Wie „sozialistisch“ und „links“ war der „Nationale Sozialismus“ also wirklich?
Kaum ein politischer Name hat so viel Verwirrung gestiftet wie der „Nationalsozialismus“. Die Nazis nannten sich Arbeiterpartei, übernahmen Parolen und Formen der Linken und versprachen eine „Volksgemeinschaft“, in der soziale Gegensätze verschwinden sollten. Zugleich erklärten sie Marxismus und Gleichheitsdenken zu Todfeinden und ließen sich von Großindustriellen finanzieren.
Nach der Machtübernahme zerschlugen sie die Gewerkschaften, entrechteten die Beschäftigten, stärkten die Unternehmer und ließen das Privateigentum unangetastet. Auch staatliche Wirtschaftslenkung und hohe Steuern machten aus dem NS-Regime noch keinen sozialistischen Staat: Sie dienten vor allem der Aufrüstung und dem Krieg und fanden sich in ähnlicher Form auch bei den Alliierten. Die „soziale Seite“ des NS-Regimes bestand vor allem aus Inszenierung und Versprechen auf eine glorreiche Zukunft. Und wo doch so etwas wie Wohnraum geschaffen und Karitatives angeboten wurde, stammten die Mittel aus Vertreibung und Ausplünderung „fremder“ Bevölkerungsgruppen.
Die alte Frage: Was heißt „links“ überhaupt?
Die gängige Links-Rechts-Definition geht auf den italienischen Rechtsphilosophen Norberto Bobbio (1909-2004) zurück: Je stärker man ein auf Gleichwertigkeit basierendes Menschenbild bejaht und Maßnahmen befürwortet, die zu mehr gesellschaftlicher Gleichheit führen, desto klarer ist eine Partei oder ein Mensch links einzustufen. Je entschiedener man hingegen darauf beharrt, dass Menschen unterschiedlich viel wert sind und daher auch sozial und wirtschaftlich besser oder schlechter gestellt sein sollen, desto eindeutiger ist man politisch rechts zu verorten.
Ein erhebliches Verortungsproblem ergibt sich nun daraus, dass Parteien und ihre Repräsentanten eventuell andere Absichten behaupten, als sie tatsächlich haben. Neben dem, was Parteien von sich behaupten, ist daher auch ihre soziale Funktion zu berücksichtigen: Wem nützt ihre real betriebene Politik?
Die NSDAP: Radikale Positionen mit rechtem Kern
Die NSDAP führte insbesondere während ihrer Aufstiegsphase Wähler und Mitglieder gezielt in die Irre und vermied vielfach ganz bewusst programmatische Festlegungen, um unterschiedlichste Gruppen ansprechen zu können.
Aufgrund ihrer „antiideologischen Ideologie“ und ihrer dürftigen Programmatik hat sich die spätere Forschung damit beholfen, sie vor allem durch das zu charakterisieren, was sie ablehnte. Prägend war ihre Erzählung, dass die ganze Gesellschaft im moralischen und biologischen Verfall wäre und dass man darum, „Schwaches“ und „Krankes“ „ausmerzen“ muss.
Von diesem Grundgedanken leiteten sich die beiden zentralen Dogmen der Nazis her: Antisemitismus und Antimarxismus. „Marxismus“ wurde dabei als Sammelbegriff für die gesamte Linke gebraucht, ob sozialdemokratisch, anarchistisch oder kommunistisch. So widersprüchlich, mythologisch verbrämt und letztlich irrational die Ideenwelt der Nazis auch war: ihren Kern bildete zweifellos die Zurückweisung eines egalitären Menschenbildes. Doch anders als traditionelle Rechtsparteien nahm die NSDAP schon ihrem Namen nach gleichzeitig für sich in Anspruch, „nationalsozialistischen“ Idealen anzuhängen. Wie ist dieser Widerspruch zu erklären?

Etikettenschwindel bei den Nazis: „sozialistisch“ war ein Modewort, das gut ankam
Allgemein kann man sagen: Die klassischen wirtschafts- und verteilungspolitischen Forderungen rechter Parteien kamen (und kommen) in erster Linie einer privilegierten Minderheit zugute. Weil sie der Masse der Wähler keine materiellen Verbesserungen anbieten können, versuchen rechte Parteien, andere Themen in den Vordergrund zu rücken, historisch neben der Außen- und Sicherheitspolitik besonders die Kulturpolitik.
Außerdem schaffen sie neue Feindbilder, um die Aufmerksamkeit auf bestimmte Gruppen zu lenken. Besonders für rechte Parteien in Mittel- und Osteuropa wurde der Antisemitismus seit den 1870er Jahren immer wichtiger. Um auch unterprivilegierte Wähler:innen anzusprechen, verbinden rechte Parteien diese Ablenkungsstrategie seit dem 19. Jahrhundert mit Botschaften, die Mitgefühl und Nähe zeigen sollen. Dabei übernahmen sie bewusst Begriffe, die eigentlich mit linken Parteien verbunden wurden. Ein Beispiel dafür ist, dass sie sich selbst als „sozial“ bezeichneten und damit ein „linkes“ Signalwort übernahmen.
Die Nazis erfanden nicht das Rad neu, als sie sich als „Arbeiterpartei“ inszenierten. Was unter dem namensgebenden Anspruch, „nationalsozialistisch“ zu sein, konkret zu verstehen war, überließen sie bewusst der Phantasie des Publikums.
Jene, die vom „völkischen Sozialismus“ träumten, wurden in der Partei entmachtet
NS-Chefideologe Alfred Rosenberg legte aber bereits Anfang der 1920er Wert auf die Feststellung, dass das Schlagwort „Nationalsozialismus“ keinesfalls gleichzusetzen sei mit dem Ziel eines „nationalen Sozialismus“. Schließlich stünde ein „nationaler Marxismus“ im krassen Widerspruch zu den NS-Prinzipien. Diese lauteten weiterhin „Führung gegenüber demokratischer Gleichmacherei“ und „Endkampf dem Gesamtmarxismus“.
Trotz solcher Positionsklärungen gab es innerhalb der NSDAP Strömungen, die von einem nationalen, völkischen Sozialismus träumten. Als die NSDAP 1933/34 an die Macht kam, schaltete sie aber diese Strömungen aus.
Unternehmer misstrauten den Nationalsozialisten zunächst
Zweifellos hegten zahlreiche deutsche Unternehmer grundsätzlich Sympathien für die Zielsetzung der NSDAP, wie sie Adolf Hitler 1926 einer Runde rechtsgerichteter Hamburger Honoratioren vortrug:
„Die Aufgabe meiner Bewegung ist sehr eng umschrieben: die Zertrümmerung und Vernichtung der marxistischen Weltanschauung. […] Einer bleibt dann am Boden liegen, entweder der Marxismus rottet uns aus oder wir rotten ihn aus bis zur letzten Spur. Diese Formel würde naturgemäß eines Tages eine Macht bringen, die den anderen rücksichtslos das Genick zermalmt und zerbricht und kein Hehl daraus macht, dass der Kampf erst an dem Tag beendet ist, an dem der andere restlos erledigt ist.“
Magnaten wie der Schwerindustrielle Fritz Thyssen oder der Ruhrbaron Emil Kirdorf, die offen von den Nationalsozialisten begeistert waren, bildeten allerdings eine Minderheit.
Anfang der 1930er Jahre stärkten konservative Unternehmer vor allem die Deutschnationalen
Bis Anfang der 1930er-Jahre unterstützten konservative Wirtschaftskreise vor allem die etablierten rechten Parteien, insbesondere die Deutschnationale Volkspartei. Der NSDAP gegenüber verhielten sie sich zunächst eher zurückhaltend. Ein Grund dafür war, dass die Nationalsozialisten mit kämpferischen sozialen Forderungen versuchten, Arbeiter für sich zu gewinnen.
Auch das Ziel einer möglichst unabhängigen deutschen Wirtschaft (Autarkie) entsprach kaum den Interessen der Industrie. Diese war stark vom Export abhängig und in den 1920er-Jahren immer enger mit dem Ausland verflochten.
Darüber hinaus lehnten viele Unternehmer weitere Forderungen der NSDAP ab. Dazu zählten höhere Steuern, staatlich finanzierte Programme zur Schaffung von Arbeitsplätzen sowie Kontrollen von Preisen und Geldverkehr.
Ausschlaggebend für Unterstützung der NSDAP durch Unternehmer und Industrielle: der radikale Antimarxismus
Vor allem ihr radikaler Antimarxismus machte die Nazis für Unternehmer interessant. Gleichzeitig gelang es ihnen, auch einen Teil der Arbeiterschaft anzusprechen. Zwar waren in der NSDAP und unter ihren Wählern besonders viele Menschen aus der Mittelschicht vertreten. Dennoch stammten etwa 40 Prozent ihrer Stimmen von Arbeitern – für eine rechte Partei war das ungewöhnlich viel.
Hinzu kam, dass die Anhänger der NSDAP gewaltbereit waren und sich stark mobilisieren ließen. Das kannte man bis dahin vor allem von linken Parteien. Bei gewaltsamen Auseinandersetzungen mit der politischen Linken spielte besonders die SA eine wichtige Rolle. Sie trug dazu bei, dass Militär und Polizei auf dieser Seite ein deutliches Übergewicht hatten.
Einen Wendepunkt im Verhältnis zwischen den Nationalsozialisten und den großen Unternehmen brachte die Weltwirtschaftskrise ab 1930.
Amerikanische Banken zogen ihre Kredite zurück. Dadurch geriet die deutsche Wirtschaft in große finanzielle Schwierigkeiten. Gleichzeitig erhöhten immer mehr Länder ihre Zölle, um die eigene Wirtschaft zu schützen. Das traf besonders Länder wie Deutschland, die viele Waren ins Ausland verkauften.

In der Krise rückte die Wirtschaft nach rechts
Die Arbeitgeberverbände forderten politische Entscheidungen, die zu starken politischen und sozialen Konflikten führen mussten. Zum Beispiel niedrige Steuern für Unternehmen, deutlich geringere Staatsausgaben, das Abschaffen fester Tarifregeln und längere Arbeitszeiten. Solche Forderungen ließen sich nur mit einer autoritären oder diktatorischen Regierung durchsetzen. Es war klar, dass sich die Gewerkschaften dagegen wehren würden.
Bei Wahlen wären Forderungen nach einer Kürzung oder sogar Abschaffung der Kranken- und Arbeitslosenunterstützung kaum erfolgreich gewesen. Deshalb unterstützten viele Unternehmer ab 1930 sogenannte Präsidialkabinette. Diese Regierungen waren nicht mehr von einer Mehrheit im Parlament abhängig. Stattdessen regierten sie zunehmend autoritär mithilfe von Notverordnungen.
Einigen Unternehmern ging das jedoch nicht weit genug. Im Jahr 1931 schlossen sich Industrielle, Bankiers und Großgrundbesitzer im sogenannten „Keppler-Kreis“ zusammen. Dieses Netzwerk sammelte Spenden für die NSDAP, warb in Wirtschaftskreisen für die Nationalsozialisten und versuchte, die Wirtschaftspolitik der Partei gezielt zu beeinflussen.

Als Einfluss wichtiger wurde als Wählerstimmen
Bei den Parlamentswahlen im Juli 1932 erzielte die NSDAP mit 37,3 % ihr bis dahin bestes Ergebnis. Damit wurde sie mit großem Abstand zur stärksten Partei im Reichstag. Doch schon ein halbes Jahr später folgte ein Rückschlag: Bei den Neuwahlen im November 1932 blieb die NSDAP zwar stärkste Partei, verlor jedoch erheblich an Zustimmung und büßte mehr als vier Prozentpunkte ein.
Auf dem Höhepunkt der Wirtschaftskrise war die Propaganda mit der Botschaft „Hitler oder Untergang“ sehr erfolgreich gewesen. Inzwischen gab es jedoch erste Anzeichen für eine langsame wirtschaftliche Erholung. Offenbar suchten deshalb weniger Menschen nach einer vermeintlichen Retterfigur.
In dieser Situation nutzten ostelbische Großgrundbesitzer und der harte Kern des „Keppler-Kreises“ ihren gesamten Einfluss, um Reichspräsident Hindenburg dazu zu bewegen, Hitler zum Regierungschef zu ernennen. Das sollte geschehen, bevor der bisherige Höhenflug der NSDAP in einen Absturz überging.
Das Bündnis zwischen Großindustriellen und NSDAP wird besiegelt
Schon vor Hitlers Ernennung zum Reichskanzler zeigte sich, dass sich wichtige Vertreter der deutschen Wirtschaft zunehmend der NSDAP annäherten. Nach seinem Amtsantritt gaben sie ihre frühere Zurückhaltung schnell auf.
Am 20. Februar 1933 versammelte Hitler 26 führende Industrielle zu einem Geheimtreffen in Berlin. Er versicherte erneut, für den Erhalt des Privateigentums einzutreten, und erklärte, die kommunistische Gefahr endgültig beseitigen zu wollen. Dafür benötigte die NSDAP bei der Reichstagswahl am 5. März 1933 die absolute Mehrheit.
Daraufhin erhielt die Partei die außerordentlich hohe Summe von drei Millionen Mark als Wahlkampfspende.

Nach der Machtübernahme: Die Arbeiter verlieren
Eine Woche später, am 27. Februar, brannte der deutsche Reichstag. Das NS-Regime nützte das Ereignis als Vorwand, um zum systematischen Terror gegen die Linke überzugehen.
Während die Verhaftungswellen rollten, wurde bereits im April 1933 ein Herzensanliegen der Unternehmerschaft verwirklicht: die Auflösung der Betriebsratskörperschaften und kurz darauf die Zerschlagung der Gewerkschaften.
Durch das „Gesetz zur Ordnung der Nationalen Arbeit“ 1934 wurden die Arbeitgeber endgültig zu „Betriebsführern“ ernannt und die Beschäftigten zur „Gefolgschaft“ degradiert sowie zu unbedingtem Gehorsam verpflichtet.
Der Betrieb wird zur Befehlskette
Nachdem man die Vertretung der Arbeitnehmer abgeschafft hatte, fanden auch keine Lohnverhandlungen mehr statt. Über Löhne, Arbeitszeiten und den Schutz am Arbeitsplatz entschieden nun Beamte des Arbeitsministeriums, die sogenannten „Treuhänder der Arbeit“. Wenn Beschäftigte sich widersetzten oder protestierten, griff die Gestapo ein. Streiks wurden als „Sabotage“ bezeichnet und hart bestraft.
Zusätzlich hat man die Beschäftigten stärker kontrolliert. So wurde 1935 das Arbeitsbuch wieder eingeführt, und die Arbeitsämter erhielten mehr Macht. Ohne ihre Zustimmung konnten Arbeitnehmer ihren Arbeitsplatz nicht mehr wechseln.
Die wirtschaftlichen Folgen zeigten sich bald: Durch die intensiven Kriegsvorbereitungen, aber auch begünstigt durch die allgemeine Erholung der Weltwirtschaft, stieg das Bruttoinlandsprodukt bis 1938 kontinuierlich an – um etwa acht Prozent pro Jahr.

Wachstum ohne sozialen Gewinn
Die Beschäftigten profitierten davon allerdings nicht. Ihre Löhne wurden auf dem niedrigen Niveau der Weltwirtschaftskrise eingefroren und erreichten erst 1937 wieder den Stand von 1928. Diese erzwungene Lohnzurückhaltung sollte die Inflation bremsen, damit die Rüstungsanstrengungen nicht gefährdet wurden.
Ähnlich wirkte sich die gezielte Einschränkung des privaten Konsums nach dem Motto „Kanonen statt Butter“ aus: Importbeschränkungen führten immer wieder zu Engpässen bei Nahrungsmitteln. Außerdem hat man den sozialen Wohnbau bereits 1933/34 faktisch eingestellt. Vor allem Arbeiterfamilien lebten daher weiterhin unter beengten Wohnverhältnissen.
Im Gegensatz dazu stiegen die Unternehmensgewinne stark an. Der Anteil der Unternehmens- und Kapitalgewinne am Volkseinkommen lag 1939 um ganze sechs Prozentpunkte höher als 1930.
Warum das Regime trotzdem populärer wurde
Dennoch nahm der Rückhalt des Regimes in der Bevölkerung im Verlauf der 1930er Jahre eindeutig zu. Wie lässt sich dieser Widerspruch erklären? Kurz gefasst wohl durch vier Entwicklungen, die eng miteinander zusammenhingen:
1 – Soziale und wirtschaftliche Gleichheit nicht verwirklicht, aber aufwendig inszeniert
Ein eindrückliches Beispiel dafür waren die sogenannten „Eintopfsonntage“. An diesen Tagen wurde aus Feldküchen auf Straßen und Plätzen gegen ein geringes Entgelt oder eine Spende Eintopf ausgeschenkt. Menschen aller sozialen Schichten saßen gemeinsam an langen Bänken und aßen, begleitet von Reden und Musikkapellen. Die ärmeren Anwesenden konnten sich der Vorstellung hingeben, auf Augenhöhe mit den „besseren Leuten“ zu verkehren. Diese scheinbare Gleichheit machte Eindruck, obwohl am Ende des Tages die einen in ihre großzügigen Wohnungen und Villen, die anderen in ihre elenden Behausungen zurückkehrten.
Ähnliches galt für die groß inszenierten Sammlungen des Winterhilfswerks zugunsten Bedürftiger. Nicht zu unterschätzen waren auch die Aktivitäten der Deutschen Arbeitsfront: Unter dem Motto „Schönheit der Arbeit“ haben hat man Fabriken und andere Arbeitsstätten modernisiert und ästhetisch aufgewertet – mit dem Ziel, die Produktivität zu steigern. Es ging auch hier um gefühlte Verbesserung.

2 – 1937 erreichte Nazi-Deutschland praktisch Vollbeschäftigung
Der dadurch entstehende Mangel an Fachkräften führte zum einen dazu, dass mehr Frauen berufstätig waren. Zum anderen konkurrierten die Betriebe nun stärker miteinander um Arbeitskräfte. Die Berufstätigkeit von Frauen erhöhte die Haushaltseinkommen. Zugleich konnten vor allem besser ausgebildete Arbeitskräfte den Fachkräftemangel nutzen, um bessere Bedingungen für sich durchzusetzen.
3 – Gezielte Erzeugung von Hoffnung durch das Regime
Einzelne Verbesserungen im Sozialsystem – etwa Beihilfen für arme, aber kinderreiche Familien oder die Einbeziehung von Gewerbetreibenden in die Pensionsversicherung – sowie das Versprechen erschwinglicher Autos für alle („Volkswagen“), günstiger Radiogeräte („Volksempfänger“) und sogar eines Urlaubs im Rahmen des „Kraft-durch-Freude“-Programms weckten gezielt Erwartungen. Dadurch blickten viele Menschen optimistischer in die Zukunft, obwohl sie selbst keine konkreten Verbesserungen feststellen konnten.
4 – Propaganda vom Aufbruch
Unterstützt wurde diese gute Stimmung durch eine staatliche Propaganda, die ständig den Eindruck von Aufbruch und Verbesserung vermittelte – und durch die rücksichtslose Unterdrückung aller gegenteiligen Meinungen.
Mit diesen Mitteln gelang es dem NS-Regime erstaunlich lange, sich Rückhalt zu sichern und über den weniger erfreulichen Alltag hinweg zu trösten. Zudem geriet der eigentliche Zweck der NS-Politik – die Kriegsvorbereitungen – aus dem Blick. Vielen erschien der Krieg als Ereignis infolge höherer Umstände. Gedanklich haben sie es von der optimistischen Vorkriegsperiode getrennt. Dadurch verfestigte sich auch rückblickend oft der Eindruck, der Nationalsozialismus habe doch auch seine „guten Seiten“ gehabt.
Wohlfahrt für die einen – Raub an den anderen
Wiederholt haben Historiker:innen die Ansicht vertreten, der Nationalsozialismus sei eine Art „Wohlfühldiktatur“ gewesen und habe durchaus eine Politik der Umverteilung verfolgt. Tatsächlich profitierte eine große Zahl von Menschen etwa von der Entrechtung, Beraubung und schließlich der Ermordung der jüdischen Bevölkerung.
Das lässt sich an einem einfachen Wiener Beispiel zeigen: Zwischen 1923 und 1933 errichtete das Rote Wien insgesamt rund 60.000 Gemeindewohnungen. Innerhalb von nur vier Jahren gelang es den Nazis, dieselbe Zahl an Wohnungen bereitzustellen – nicht, indem sie neue Wohnungen bauten, sondern indem sie den jüdischen Bewohner:innen ihre Wohnungen kündigten.
Ebenso trifft zu, dass die Körperschaftsteuer auf Unternehmensgewinne während des Krieges schrittweise von 20 auf 55 Prozent angehoben wurde. Auch die höchsten Einkommenssteuersätze stiegen auf zuletzt 65 Prozent. Beides war im internationalen Vergleich allerdings keineswegs außergewöhnlich hoch: Großbritannien schöpfte einen wesentlich größeren Teil der kriegsbedingten Unternehmensgewinne ab. In den USA lag der höchste Steuersatz 1944 bei 94 Prozent.
Privateigentum, Kriegsindustrie und Arbeitspflicht statt Sozialismus
Auch sonst spricht wenig für die These, dass der NS-Staat zwar nicht nach seinem Programm, aber zumindest in der Praxis ein linkes Projekt gewesen sei. Ein sozialistischer Staat hätte zweifellos versucht, seine Macht zu nutzen, um Fabriken, Banken und Versicherungen zu enteignen. Die Nationalsozialisten taten dies jedoch nicht. Sie stellten das Privateigentum zu keinem Zeitpunkt infrage. Im Gegenteil: Sie stellten die starke Stellung der Arbeitgeber in den Betrieben vollständig wieder her.
Befürworter der These vom „Nationalen Sozialismus“ verweisen deshalb häufig auf zwei Maßnahmen des NS-Regimes, die ihrer Ansicht nach mit einer freien Marktwirtschaft unvereinbar waren und daher klare Belege für „sozialistische“ Ziele seien: die staatliche Lenkung der Wirtschaft durch den „Vierjahresplan“ von 1936 und die Gründung der „Hermann-Göring-Werke“ als staatlichem Großkonzern.
Der Vierjahresplan sollte die deutsche Wirtschaft möglichst schnell auf die Kriegsproduktion vorbereiten. Tatsächlich wurde die Freiheit der Unternehmen eingeschränkt, etwa durch Vorgaben für die Produktion, festgelegte Höchstpreise sowie eine strenge staatliche Kontrolle über ausländische Zahlungsmittel und Rohstoffe.
Rückgang der Armut gab es nur auf dem Papier
Die Hermann-Göring-Werke sollten für die Kriegswirtschaft besonders wichtige Bereiche wie Bergbau und Waffenproduktion zusammenführen und steuern. Außerdem sollten sie dabei helfen, die Wirtschaft der besetzten Staaten möglichst wirkungsvoll für die deutschen Kriegsziele zu nutzen. Vor allem sollten sie Vorhaben umsetzen, die Deutschland wirtschaftlich unabhängiger vom Ausland machen sollten. Dazu gehörten die eigentlich unrentable Herstellung von künstlichem Benzin oder die Verarbeitung minderwertiger Erze.
Solche staatlichen Eingriffe in die Wirtschaft wegen des Krieges waren allerdings keine Besonderheit NS-Deutschlands. Ähnliche Maßnahmen gab es nach Kriegsbeginn auch in den alliierten Staaten.
In den USA übernahm etwa das neu geschaffene War Production Board die zentrale Steuerung wichtiger Teile der Wirtschaft. Auch in Großbritannien wurde die Wirtschaft streng gelenkt. Weder dort noch in Deutschland bedeutete die Kriegswirtschaft jedoch einen Übergang zum Kommunismus. So begann bereits 1942 die Rückgabe besonders gewinnbringender Unternehmensteile der Hermann-Göring-Werke in private Hand. Nach dem geplanten „Endsieg“ sollte auch der übrige Unternehmensverbund wieder privatisiert oder aufgelöst werden.
Auch die Behauptung, die Nationalsozialisten hätten zumindest den allgemeinen Wohlstand der von ihnen bevorzugten „arischen“ Mehrheit der Deutschen gesteigert, ist in dieser allgemeinen Form falsch. Die oft genannten Arbeitsbeschaffungsprogramme wie der Autobahnbau bestanden aus schlecht bezahlter, äußerst harter Arbeit und waren sehr unbeliebt.
Die hohen Ausgaben für die Rüstung sorgten zwar tatsächlich kurzfristig für einen wirtschaftlichen Aufschwung. Der Rückgang der Armut bestand jedoch zum Teil nur auf dem Papier.

Den Wohlstand im Nazi-Deutschland gab es nur auf Pump
So stiegen die privaten Sparguthaben deutlich an. Das lag allerdings auch daran, dass es schlicht nicht viel zu kaufen gab. Die Herstellung von Waren für den täglichen Bedarf wurde zugunsten der Rüstungsindustrie eingeschränkt. Dadurch sammelte sich in den Haushalten viel Geld an, das kaum ausgegeben werden konnte. Ähnliche Verhältnisse kennt man auch aus späteren Mangelwirtschaften in Osteuropa.
Den wenigsten Sparern dürfte außerdem bewusst gewesen sein, dass der NS-Staat, der 1936/37 vor dem Bankrott stand, ihre Einlagen still und heimlich nutzte, um seine Kriegsvorbereitungen weiter zu finanzieren. Auch in dieser Hinsicht stand die wirtschaftliche Besserung auf einem unsicheren Fundament. Sie musste zusammenbrechen, wenn der geplante und mit großem Aufwand vorbereitete Raubkrieg nicht rechtzeitig begonnen und siegreich beendet werden konnte.
Eine wichtige Regel der NS-Kriegspolitik war, zermürbenden Hunger um jeden Preis zu verhindern – allerdings nur für Deutsche.
Raub als soziale Beruhigung
Die unterworfenen und besetzten Staaten wurden dagegen rücksichtslos ausgeplündert. Davon profitierten auch zehntausende einfache Soldaten. Durch einen künstlich hoch gehaltenen Wechselkurs konnten sie dort sehr günstig einkaufen und Pakete nach Hause schicken.
Die deutsche Bevölkerung profitierte also ohne Zweifel von der Besatzung und dem Diebstahl. Das hatte vor allem eine stabilisierende Wirkung: Das Leben der Deutschen verschlechterte sich nicht so stark, wie es ohne das staatlich organisierte Raubprogramm der Fall gewesen wäre.
Der groß angelegte Diebstahl im besetzten Europa diente nicht dazu, einen deutsch-völkischen Sozialismus aufzubauen. Vielmehr sollte er verhindern, dass es in Deutschland zu Unruhen kam.
Was vom „Sozialismus“ übrig bleibt
Die Nazis übernahmen in ihrer Aufstiegsphase bewusst Methoden und Symbole der Linken, um auch unter Arbeitern Unterstützung zu gewinnen. Die führenden Vertreter des NS-Regimes verstanden sich jedoch keineswegs als „Sozialisten“. Auch ihre tatsächliche Sozialpolitik war vor allem von großen Versprechen geprägt, denen keine entsprechende Politik zugunsten der Beschäftigten folgte.
Dass der Staat stark in die Wirtschaft eingriff und Gewinne besteuerte, diente nicht der Umverteilung von Wohlstand. Solche Maßnahmen ergaben sich vielmehr aus den Anforderungen der Kriegswirtschaft – unabhängig vom jeweiligen politischen System. Ähnliche Eingriffe gab es deshalb auch auf Seiten der Alliierten.
Die „Volksgemeinschaft“ blieb nur ein Versprechen
Das stark beworbene Ziel einer nationalen „Volksgemeinschaft“, in der Arbeitnehmer und Arbeitgeber miteinander „versöhnt“ sein sollten, blieb ein Wunschbild. In Wirklichkeit verloren die Beschäftigten viele ihrer Rechte. Staatliche Propaganda, ständige politische Aktionen und Versprechen einer glänzenden Zukunft konnten darüber zumindest zeitweise erfolgreich hinwegtäuschen.
Langfristig sollte die geplante Besiedlung und Beherrschung Osteuropas dazu dienen, soziale Konflikte in Deutschland zu entschärfen – auf Kosten von Millionen versklavter oder ermordeter Menschen, die von den Nazis als „Untermenschen“ bezeichnet wurden. Aber auch dann wären die sozialen Unterschiede zwischen den sogenannten „Herrenmenschen“ nicht verschwunden. Nicht zuletzt hatte die Führung des NS-Regimes daran auch aus eigenem Interesse kein Interesse. Schließlich diente die Machtübernahme, in den Worten Hermann Görings, auch dazu, persönlich „anständig zu leben“.
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