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Frontex wurde in den vergangenen Jahren von einer Agentur, die primär die EU-Staaten unterstützen sollte, zu einer eigenen EU-Grenzschutzagentur mit Milliardenbudget ausgebaut. Mittlerweile verfügt die Agentur über tausende, teils bewaffnete Grenzschutzbeamt:innen. Gleichzeitig steht Frontex seit Jahren in der Kritik: So sollen die Einsatzkräfte mehrfach EU-Recht gebrochen und illegale Pushbacks nicht verhindert, sondern sogar ermöglicht haben. Gegen einen Ex-Direktor von Frontex wird von der französischen Justiz deshalb ermittelt. Mit der neuen GEAS-Reform (Gemeinsamen Europäischen Asylsystems) der EU soll Frontex noch mehr ausgebaut werden.
Eine aufblasbare Rettungsinsel treibt mehr als 17 Stunden auf dem Wasser. An Bord sind Frauen, Männer und Kinder – Geflüchtete, die zuvor die griechische Insel Samos erreicht hatten. Laut mehreren Medienberichten wurden sie von griechischen Sicherheitskräften zurück aufs Meer gebracht. In derselben Nacht flog ein Überwachungsflugzeug im Auftrag von Frontex zweimal über das Gebiet. Doch Frontex ordnete laut den Recherchen vom SPIEGEL keine Rettung an.
Die EU-Grenzschutzagentur ist seit Jahren mit Vorwürfen konfrontiert, dass ihre Mitarbeiter:innen in mehreren Fällen illegale Pushbacks nicht verhindert, sondern geduldet, verschleiert oder sogar ermöglicht haben. Gleichzeitig bekommt Frontex von der EU ein Milliardenbudget, tausende Einsatzkräfte und immer mehr Mitspracherecht. Mit der Reform des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems, kurz GEAS, wird Frontex noch stärker in die Verfahren an den EU-Außengrenzen eingebunden.
Neue Asylreform soll Asylverfahren beschleunigen – und die Flucht in die EU erschweren
Die Reform trat am 12. Juni 2026 in Kraft. Sie verändert die Prüfung und Registrierung von Menschen an den EU-Außengrenzen. Dort entscheidet sich, welches Verfahren für die Betroffenen gilt: ein reguläres Asylverfahren oder ein beschleunigtes Verfahren. In ein beschleunigtes Grenzverfahren kommen vor allem Menschen, deren Asyl-Antrag aus Sicht der EU-Behörden geringe Erfolgsaussichten hat, etwa weil sie aus einem Herkunftsland mit niedriger Anerkennungsquote stammen. Dazu gehören derzeit zum Beispiel Bangladesch, Ägypten, Indien, Nigeria, die Türkei, der Irak, Russland und Vietnam.
Wichtig: Das heißt nicht, dass jeder Antrag aus diesen Ländern automatisch abgelehnt wird. Es bedeutet: Die EU schaut, wie oft Menschen aus einem bestimmten Land im Vorjahr Schutz bekommen haben. Waren es weniger als 20 Prozent – also weniger als jede fünfte Person –, gelten Anträge aus diesem Land als wenig aussichtsreich. Sie können deshalb im Schnellverfahren geprüft werden. Es reicht für die Beurteilung jedoch, wenn Teile eines Landes als „sicher“ eingestuft werden.
Auch wer die Behörden täuscht oder als Sicherheitsrisiko gilt, kann diesem Verfahren zugewiesen werden. Alle anderen Fälle werden im regulären Asylverfahren geprüft.
Die Asylkoordination Österreich warnt davor, dass die Beschleunigung der Verfahren dazu führen kann, dass Anträge nicht ausreichend geprüft werden und die Möglichkeit erschwert wird, juristisch gegen die Entscheidungen vorzugehen.
Frontex soll Schutzsuchende an der Außengrenze durchleuchten
Eine zentrale Änderung betrifft den rechtlichen Status der Schutzsuchenden: Selbst wenn sie bereits EU-Boden betreten haben, gelten sie ab jetzt rechtlich als noch nicht eingereist. Das hat Folgen für ihren Asylstatus und soll die Verfahren aus Sicht der EU beschleunigen. Wird ein Antrag abgelehnt, kann unmittelbar ein Rückführungsverfahren folgen. Rückführung bedeutet: Die betroffene Person soll in ihr Herkunftsland oder in einen anderen Staat abgeschoben werden. Frontex soll diese Verfahren an den Außengrenzen mit umsetzen.
Zentral ist dabei das neue sogenannte Screening: eine erste Überprüfung direkt an der Grenze. Dabei werden Identität, Sicherheitsrisiken und die Gesundheit der Personen geprüft. Außerdem werden biometrische Daten wie Fingerabdrücke erhoben. Das Ergebnis entscheidet, ob jemand in ein Asylverfahren kommt oder in ein Rückführungsverfahren überstellt wird. Während des Screenings müssen Schutzsuchende für die Behörden erreichbar bleiben. Wo sie sich aufhalten müssen, entscheidet der jeweilige Staat. In der Praxis können das Zentren nahe der Grenze sein.
Die Asylkoordination Österreich spricht dabei von haftähnlichen Bedingungen.
Agentur zum „Schutz“ der EU-Außengrenzen: So ist Frontex entstanden
Frontex steht für frontières extérieures, französisch für Außengrenzen. Die Agentur wurde 2004 in Warschau gegründet und nahm 2005 ihre Arbeit auf. Frontex ist eine Agentur, weil sie keine eigene EU-Polizei im klassischen Sinn sein soll. Sie ist eine Einrichtung der EU, die die Mitgliedstaaten beim Schutz der Außengrenzen unterstützen soll. Die Entscheidungen über Einreise, Asyl und Abschiebungen treffen aber weiterhin die einzelnen Staaten.
Die Gründung von Frontex hängt eng mit dem Schengen-Raum zusammen. Innerhalb des Schengen-Raums gibt es kaum noch Grenzkontrollen zwischen den Staaten. Deshalb wollte die EU die gemeinsamen Außengrenzen stärker kontrollieren. Frontex sollte vor allem dafür sorgen, dass die Grenzbehörden der Mitgliedstaaten besser zusammenarbeiten, Informationen austauschen und gemeinsame Einsätze organisieren – die Agentur sollte also nicht selbst als große Grenzschutzpolizei auftreten.
Vom Unterstützer zur bewaffneten Grenzagentur mit eigenen Befugnissen
Seit ihrer Gründung wurde Frontex Schritt für Schritt ausgebaut. Die Agentur erhielt über die Jahre mehr Aufgaben, mehr Geld, mehr Personal und mehr Ausrüstung.
2011 bekam Frontex zusätzliche Befugnisse. Seither kann die Agentur Einsatzkräfte anfordern und Ausrüstung wie Hubschrauber oder Fahrzeuge anschaffen. Damit wird sie immer unabhängiger von den EU-Staaten.
Nach 2015 wurde Frontex erneut deutlich ausgebaut. Begründung dafür war die hohe Zahl von Schutzsuchenden an den EU-Außengrenzen – die meisten flohen vor dem Bürgerkrieg in Syrien, aus Afghanistan oder dem Irak. Frontex bekam eine Reserve von 1.500 Mitarbeitenden. Sie sollten EU-Staaten kurzfristig unterstützen, wenn an einer Außengrenze besonders viele Geflüchtete ankamen oder die nationalen Behörden überfordert waren. Zudem erhielt Frontex zusätzliche Befugnisse, die eigentlich zu den Aufgaben der EU-Staaten gehören. Dazu gehörten:
- Interventionsteams für Abschiebungen, die Rückführungen beschleunigen sollten
- Ein Interventionsrecht: Wenn ein Mitgliedstaat Empfehlungen nicht umsetzt oder eine Notsituation entsteht, können Einsätze unter Frontex-Führung angeordnet werden
Eigene Grenztruppe von 10.000 Einsatzkräften
2019 folgte der nächste große Schritt. Die EU beschloss den Aufbau einer ständigen Reserve. Gemeint ist eine eigene Einheit von Grenzbeamtinnen und Grenzbeamten für Frontex. Sie gilt als erste uniformierte Grenztruppe der EU. Die Einsatzkräfte sollen nationale Behörden bei Grenzkontrollen, Grenzüberwachung, Registrierung, Fingerabdrücken, Befragungen und Rückführungen unterstützen.
Bis 2027 soll diese ständige Reserve 10.000 Personen umfassen. 3.000 davon sollen direkt bei Frontex angestellt sein. Die übrigen 7.000 werden von EU- und Schengen-Staaten entsandt. Dabei handelt es sich vor allem um Grenzschutz- und Polizeikräfte, die von ihren nationalen Behörden für Frontex-Einsätze abgestellt werden.
Im Einsatz untersteht das Frontex-Personal dem Kommando des jeweiligen Staates: Wenn sie auf griechischen Gebieten unterwegs sind, dann müssen sie den griechischen Behörden Folge leisten. Sie können jedoch eigenständig Grenzkontrollen durchführen und Abschiebungen unterstützen. Frontex kann also Abschiebungen organisieren und finanzieren, entscheidet aber nicht selbst, wer abgeschoben wird und wer nicht. Laut Frontex-Verordnung von 2019 dürfen die Einsatzkräfte auch Schusswaffen tragen.
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Mehr als eine Milliarde Euro pro Jahr: Wie Frontex finanziert wird
Das Budget von Frontex wurde stark erhöht. Die Agentur finanziert sich vor allem aus dem EU-Haushalt. Dieser besteht wiederum zu einem großen Teil aus Beiträgen der Mitgliedstaaten.
Im Gründungsjahr 2005 lag der Etat bei 6 Millionen Euro. 2025 waren es mehr als 1,1 Milliarden Euro – ein Anstieg um mehr als 18.000 Prozent.

Schiffe, Flugzeuge, Drohnen: die Ausrüstung von Frontex
Frontex nutzt vorrangig die Ausrüstung der EU-Staaten, darf inzwischen aber auch eigene Technik beschaffen. Dazu gehören Fahrzeuge, Schiffe, Flugzeuge, Drohnen und Überwachungstechnik wie Wärmebildgeräte oder Herzschlagdetektoren.
Frontex setzt Flugzeuge und Drohnen ein, um Grenzgebiete und das Mittelmeer aus der Luft zu überwachen. So können die Beamt:innen Boote früh erkennen und Informationen an zuständige Behörden weitergeben. Medienberichte zeigen aber, dass Frontex diese Informationen nicht immer an die zuständigen EU-Behörden, sondern illegalerweise an die libysche Küstenwache weitergeleitet hat.
Frontex bricht EU-Recht: Zusammenarbeit mit der libyschen Küstenwache
Statt Geflüchtete zu retten und an einen nahen EU-Hafen zu bringen, fängt die libysche Küstenwache die Boote ab und bringt die Menschen nach Libyen zurück. Das verstößt nach Einschätzung von diversen Organisationen gegen EU-Recht, da Schutzsuchende ein Recht auf ein Asylverfahren haben. Human Rights Watch, Sea-Watch und Lighthouse Reports stützen ihre Kritik unter anderem auf interne E-Mails von Frontex. Zudem überweist die EU jährlich über 50 Millionen Euro für sogenanntes „Grenzmanagement“ an Libyen. Ziel ist: Die Migranten sollen die EU nicht erreichen – Menschenrechte werden in Libyen jedoch nicht eingehalten.
Für Schutzsuchende ist das nordafrikanische Land Libyen nicht sicher. Menschen, die dorthin zurückgebracht werden, berichten von Misshandlungen, Folter und Vergewaltigungen in Haftlagern.
Eine Reportage von Arte zeigt die Zustände in den „Migranten-Gefängnissen”. Mehrere Hundert Menschen leben monatelang in einer kleinen Halle und überall sind Kakerlaken. Die Migranten werden misshandelt – teilweise sogar getötet. Freiheit gibt es nur gegen Geld.
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Illegale Pushbacks: Weitere Vorwürfe gegen Frontex
Neben der Kritik, Informationen nicht an zuständige EU-Behörden weiterzuleiten, werden Frontex seit Jahren illegale Pushbacks vorgeworfen. Die Agentur soll mehrfach Pushbacks nicht verhindert, sondern geduldet, verschleiert oder sogar ermöglicht haben.
Wer in der EU Schutz sucht, hat laut EU-Grundrechtecharta das Recht auf ein Verfahren. Behörden müssen prüfen, ob eine Person verfolgt wird oder ob ihr in einem anderen Land schwere Gewalt droht. Menschen ohne diese Prüfung zurückzuschieben, verstößt gegen die Genfer Flüchtlingskonvention.
Recherchen zeigen: Frontex duldete nicht nur Pushbacks, sondern war auch selbst beteiligt
Eine gemeinsame Recherche von SPIEGEL, Lighthouse Reports, Bellingcat und der ARD machte die Vorwürfe gegen Frontex 2020 öffentlich bekannt. Die Journalist:innen untersuchten mehrere Fälle in der Ägäis, also im Mittelmeer zwischen Griechenland und der Türkei. Sie werteten Videos, Fotos, Satellitenbilder, Positionsdaten von Schiffen und Flugzeugen sowie interne Dokumente aus. Außerdem sprachen sie mit Geflüchteten, Zeug:innen sowie Frontex-Mitarbeitenden.
Ein Fall betrifft den Syrer Jouma al-Badi. Er erreichte im April 2020 mit anderen Geflüchteten die griechische Insel Samos. Dort hätte er nach internationalem Recht die Möglichkeit bekommen müssen, Asyl zu beantragen. Laut SPIEGEL-Recherche kam es anders: Griechische Sicherheitskräfte brachten die Gruppe zurück aufs Meer und setzten sie auf einer aufblasbaren Rettungsinsel aus. Die Rettungsinsel trieb danach mehr als 17 Stunden auf dem Wasser. Erst die türkische Küstenwache nahm die Menschen später auf und brachte sie in die Türkei.
Besonders wichtig ist dabei die Rolle von Frontex. Laut der Recherche flog in dieser Nacht ein Überwachungsflugzeug im Auftrag der Agentur zweimal über das Gebiet. Solche Flugzeuge sind mit Kameras ausgestattet, die auch nachts kleine Objekte auf dem Wasser erkennen können. Die Bilder werden live an das Frontex-Hauptquartier in Warschau übertragen. Trotzdem leitete Frontex keine Rettung ein.
Frontex-Schiff soll Boot mit Geflüchteten blockiert haben
Bei einem weiteren Fall im Jahr 2020 soll Frontex direkt beteiligt sein. Ein rumänisches Frontex-Schiff soll ein Boot mit Geflüchteten blockiert haben. Videos zeigen, wie das Frontex-Schiff nah an dem Boot vorbeifuhr. Dadurch entstanden Wellen, die für ein mit Menschen überfülltes Schlauchboot gefährlich sein können. Danach soll die griechische Küstenwache übernommen und das Boot in Richtung Türkei zurückgedrängt haben.
Der SPIEGEL und seine Recherchepartner kamen zu dem Schluss, dass Frontex allein im Jahr 2020 bei mindestens sechs Pushback-Fällen in der Ägäis entweder direkt vor Ort war oder sich in unmittelbarer Nähe befand und trotzdem keine Rettung anordnete.
Ex-Direktor nach Recherchen zurückgetreten – heute sitzt er für Rechtsextreme im EU-Parlament
Das europäische Amt für Betrugsbekämpfung (Olaf) untersuchte Frontex. Führungskräfte der Agentur sollen nicht verhindert haben, dass griechische Grenzschützer Menschen illegal zurück aufs Mittelmeer brachten.
Der damalige Frontex-Direktor Fabrice Leggeri trat deshalb 2022 zurück. Seit März 2026 ermittelt die französische Justiz gegen ihn. Der Vorwurf lautet: Beihilfe zu Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Folter. Hintergrund ist eine Klage von Menschenrechtsorganisationen. Sie werfen Leggeri vor, eine Politik unterstützt zu haben, die Einreisen in die EU um jeden Preis verhindern sollte – auch wenn dabei EU-Recht gebrochen wird.
Seit 2024 sitzt Leggeri für die französische rechtspopulistische Partei Rassemblement National im EU-Parlament.
(maximal 5 Antwortmöglichkeiten)



































