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Kürzungen bei Lehrlingen: Regierung will Hilfskräfte statt Fachkräfte

Photo by Timothy Eberly on Unsplash

„Wir sparen im System und nicht bei den Menschen!“ wurde von der ÖVP-FPÖ-Regierung wochenlang skandiert. Dann haben sie Kürzungen bei armen Menschen verkündet, und jetzt haben sie sich junge Menschen vorgenommen.

Volljährigen Lehrlingen in überbetrieblichen Lehrausbildungen soll künftig ihre Ausbildungsentschädigung im ersten und zweiten Lehrjahr von 753 Euro auf 325 Euro monatlich gekürzt werden. Damit verlieren die Lehrlinge über die Hälfte ihres ohnehin schon bescheidenen Einkommens.

5.300 Lehrlingen wird die Zukunft vermiest

Exakt 106.613 Lehrlinge gab es österreichweit im Jahr 2017, aber nur 9.101 von ihnen befanden sich in überbetrieblichen Lehrausbildungen. Nur 5.276 von ihnen waren wiederum über 18 Jahre alt – das ist jene Gruppe, bei der jetzt gekürzt wird. Die Einsparungen durch die drastische Kürzung der Ausbildungsentschädigung dürfte also sehr bescheiden ausfallen. Doch die rund 300 Euro weniger pro Monat werden die knapp 5.300 betroffenen Lehrlinge persönlich dafür umso härter treffen. Für sie ist das eine Menge Geld, das ihnen künftig bitter fehlen wird.

Es ist eine Sparmaßnahme, die gleich aus mehreren Gründen nicht nachvollziehbar ist. Allem voran ist da der Fachkräftemangel, über den sich die Regierung gleichzeitig beschwert. Jährlich werden rund 60.000 Fachkräfte in der heimischen Industrie benötigt, doch fast jede fünfte Stelle bleibt unbesetzt. „Allein heuer fehlen 10.500 bis 11.000 Fachkräfte in Österreich, das ist eine Lücke von 15-20 Prozent“, klagte Viktor Fleischer von der Industriellen Vereinigung erst vor wenigen Tagen in einem Interview mit dem Standard.

Hilfsjobs statt Lehre

Wie kommt die Regierung also auf die Idee, dass es sinnvoll wäre, gerade bei der Ausbildungsentschädigung der zukünftig stark nachgefragten Fachkräfte auf so radikale Weise zu kürzen? Die logische Konsequenz der drastischen Einkommenskürzung wird sein, dass viele Jugendliche keine Lehre mehr abschließen. Das können sie sich nicht mehr leisten. Stattdessen werden sie Aushilfsjobs annehmen, in denen sie kurzfristig mindestens dreimal so viel verdienen.

Die überbetriebliche Lehrlingsausbildung bietet Ersatzlehrstellen für Jugendliche, die keine betriebliche Lehrstelle finden. Eine Sprecherin des AMS verweist darauf, dass es immer das Ziel war, möglichst viele Lehrlinge in betriebliche Lehrstellen zu bringen. Derzeit gibt es immerhin 20.000 offenen Lehrstellen, argumentiert sie.

In Wien fehlen 1.345 Lehrstellen

Der Haken daran ist nur: diese offenen Stellen befinden sich vorwiegend in Westösterreich.

In Wien gab es im April 1.747 Lehrstellensuchende, aber nur 402 sofort verfügbare offene Lehrstellen. Das ergibt ein Lücke von 1.345 Lehrstellen. Deswegen absolviert auch fast ein Viertel aller Lehrlinge in Wien die Ausbildung in einem überbetrieblichen Lehrbetrieb.

Die Wiener AMS-Chefin Petra Draxl betont zudem, dass viele junge WienerInnen heute gar keinen Führerschein mehr besitzen und es in ländlichen Regionen oft an der nötigen Infrastruktur fehlt – angefangen bei leistbaren Wohnungen bis hin zu Kinderbetreuungseinrichtungen.

Selbst wenn sie es wollen würden: Wie sollen junge Menschen ohne Geld ihr Leben von Wien nach Tirol verlegen? Wer keinen Führerschein hat, kann sich erst recht kein Auto, die Kaution für eine Wohnung oder Möbel leisten. Ein Umzug hunderte Kilometer weit weg von der Familie, den Eltern und dem eigenen Freundeskreis, gerade in so einem jungen Alter, kommt natürlich nur für die wenigsten tatsächlich in Frage.

Kürzung produziert schwer viermittelbare Arbeitslose

Mit dieser Maßnahme streicht die Regierung den Lehrlingen über die Hälfte ihres Geldes und beraubt sie somit auch oft ihrer Existenzgrundlage und ihrer Selbstbestimmtheit. Kurzfristig ist das unsozial, langfristig zerstören ÖVP und FPÖ jungen Menschen damit aber das ganze Arbeitsleben. Sie produzieren damit eine Reihe von später nur mehr schwer vermittelbaren Arbeitslosen. Denn das Risiko ist hoch, dass die jungen Beschäftigten ohne formale Ausbildung, die sich heute nur mit kurzfristigen Aushilfsjobs über Wasser halten, später in prekären Jobs im Niedriglohnsektor landen.

Es ist der Beginn einer Kette von miesen Jobs, aus denen sie auch nicht mehr leicht herausrauskommen, weil es mit höherem Alter und steigenden Verpflichtungen immer schwierige wird, einen Abschluss nachzuholen.

Mit 46,5 Prozent ist fast die Hälfte aller Beschäftigten die nur über einen Pflichtschulabschluss verfügen, instabil beschäftigt. Beschäftigte mit Lehrabschluss sind mit 27,2 Prozent deutlich seltener davon betroffen.

Österreichische Lehre als Exportschlager

Alle ExpertInnen sind sich darüber einig, dass die duale Ausbildung hervorragend ist und nicht umsonst zum internationalen Exportschlager avanciert. Zahlreiche Studien warnen davor, dass der Fachkräftemangel immer bedrohlicher wird und das Wachstum massiv dämpfen kann:

„Im Vergleich zum Vorjahr stieg der Anteil der Unternehmen, die den Fachkräftemangel als Gefahr für die Entwicklung des eigenen Betriebs sehen, von 48 auf 59 Prozent“.

Doch trotzdem wollen bereits jetzt immer weniger Jugendliche eine Lehre absolvieren. Auch, weil die Arbeits- und Ausbildungsbedingungen vielfach nicht gut sind.

Arbeitsbedingungen in der Lehre verbessern

Fast jeder dritte Lehrling gibt laut Lehrlingsmonitor an, sehr häufig ausbildungsfremde Tätigkeiten auszuüben. Obwohl Schutzvorschriften das verbieten, geben 36 Prozent der unter 18-Jährigen an, Überstunden zu leisten – mehr als ein Drittel davon sogar unfreiwillig. Fast jeder zweite Lehrling hat während der Lehrzeit mindestens einmal über einen Ausbildungsabbruch nachgedacht, wiederum fast die Hälfte davon hat diese Überlegung sogar ernsthaft in Betracht gezogen. Überdies gibt jeder vierte Lehrling an, von sich aus nach dem Lehrabschluss nicht im Betrieb bleiben zu wollen und 31 Prozent wollen nicht in ihrem Lehrberuf bleiben.

Es gibt bei der Lehrausbildung also jede Menge Handlungsbedarf für die Regierung. Dieser kann aber keinesfalls in Kürzungen im Budget bestehen, die zu Einsparungen bei den so wichtigen Überbetrieblichen Lehrausbildungen führen. Sie ist für Jugendliche oft der einzige Weg zu einem Lehrabschluss und damit einer Ausbildung. Vielmehr müsste gerade jetzt in qualitätssteigernden Maßnahmen für die Rahmenbedingungen der Lehrlinge und somit in ihre Zukunft investiert werden, statt sie ihnen zu vermiesen.

13 Kommentare

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Wolfgang Anzengruber
Wolfgang Anzengruber

Jetzt sind wir aber wirklich überrascht oder ??? da sehe ich gar keinen Grund zur Aufregung wenn wir die eigenen Leute benachteiligen holen wir uns die Facharbeiter doch einfach aus dem Ausland die werden ja wohl nicht so dumm sein wie wir und die Gelegenheit beim Schopf packen. Das kommt eben davon wenn man nicht nachdenkt und bei den Wahlen nach Instinkt und nicht mit dem Verstand wählt. Wenn man Parteien wählt die sich an der Wirtschaft orientieren dann kommen solche Sachen einfach raus ist so .

Hofer Gerhard
Hofer Gerhard

Mein lieber Vorstandschef wie recht du hast deshalb bist du auch Vorstand im Verbund und wirst es hoffe ich auch noch lange bleiben

Erika Königseder
Erika Königseder

Na toll! Wir haben 3 Lehrlinge in der überbetrieblichen Ausbildung als MetallbearbeiterInnen. Zwei davon werden sich das nicht mehr leisten können, da die Eltern bereits gestorben sind und sie auf sich alleine gestellt sind. Diese jungen Menschen nimmt die Wirtschaft leider nicht, da sie ziemliche Defizite (Sonderschule) beim Lernen haben. Wir haben es bis jetzt geschafft (indem wir auch mit ihnen lernen), dass alle einen positiven Abschluss, ja sogar „Vorzug“ bzw. guten Erfolg hatten. Ich überlege schon, ob es einen „Hilfsfonds“ für diese Jugendlichen gibt, da sie sich die Lehre sicher nicht mehr leisten können! Es gibt ja auch ein… Weiterlesen »

Erich Freudenthaler
Erich Freudenthaler

Von dieser Regierung habe ich nichts anders erwartet,ich denke an Grauslichkeiten werden wir noch mehr erleben.

Sie findet aber immer
Sie findet aber immer

stärkeren Halt im Land. Was sagt uns das?

Heike
Heike

Was die gestörtesten Österreicher (Marcus Franz, ehemals NR. der ÖVP) vorschlagen:

… Das Punkte-Wahlrecht
Um die Situation zu optimieren, wäre für Wahlen ein Punkte-Wahlrecht vorstellbar, das abhängig von der Steuerklasse und der Bemessungsgrundlage adjustiert wird. Wer in der höchsten Steuerstufe ist, bekommt die meisten Stimmpunkte. Wer keine Steuern zahlt, bekommt den Basispunkt. Bei den aktuell 7 Lohnsteuerklassen könnte man eine Basisklasse schaffen und dann je zwei Steuerklassen zusammenfassen. Wir hätten dann abhängig von der jährlichen Steuerleistung folgende Stimmpunkte pro Bürger:
Keine Lohnsteuerleistung: 1 Punkt
Einkommen bis 31.000.- Euro: 2 Punkte
Einkommen bis 90.000.- Euro: 3 Punkte
Einkommen ab 90.000.- Euro: 4 Punkte
Die Idee des …

Cicero47
Cicero47

Es gab Zeiten, da hatte man sogar Lehrgeld zu bezahlen an den Lehrherrn, weil der Lehrling mehr Kosten verursacht als seine Arbeitsleistung einbringt – und er ja einen persönlichen Gewinn aus den erworbenen Kenntnissen hat. Auch bei anderen Kursen/Ausbildungen (z.B. WIFI) muss man zahlen

Ludwig Franz Hirtreiter
Ludwig Franz Hirtreiter

Und man sollte sich schließlich immer an den schlechten Zeiten orientieren, dass die Ausbeuter, die Erben aus Industrieverbrechern und Bankstern weiterhin einem Leben ohne zu arbeiten auf Kosten des Volkes und der Arbeiter frönen können? Ein toll durchdachter Gedanke, wow! Wieso nicht gleich Krieg machen? Das hat’s ja auch nicht gerade wenig oft gegeben. Das wär der Bestfall für die Genannten. Sie schließen die Fabriken zu großen Teilen oder überhaupt, machen dich arbeitslos, sodass du vorzüglich und täglich immer aggressiver wirst, damit du auch irgendwann kampfbereit bist und die Brut verzieht sich, nachdem auch die Politik denen zuspielt, wie’s schon… Weiterlesen »

Wolfgang Kölsch
Wolfgang Kölsch

Grundsätzlich haben sie im Kommentar Recht, aber aus meiner kurzen Erfahrung gibt es auch nicht wenige Lehrlinge, die auf Grund der guten Bezahlung keinen Grund sehen in einen Lehrbetrieb zu gehen. Die UEBA kann kein Ersatz für eine ordentliche Lehre sein.
Umgekehrt werden mit der Einsparung viel Trainer ihren Job verlieren und beim Auftraggeber AMS als Arbeitslose landen. Denken verboten, diese Regierung ist unmenschlich und blendet die Menschen.

Martin Schön
Martin Schön

Im großen und ganzen, muss ich Ihnen Recht geben….

Schaut man sich allerdings einmal an, wieviele Junge Menschen zbs.: die HTL machen, und dann eine Lehre….
Genau diese Leute trifft es dann… Und wenn man schon über 18 ist, kommt man mit 325 € bei weitem nicht aus…

Cicero47
Cicero47

Dazu gibt es ja auch die Unterhaltspflicht der Eltern

Erika Königseder
Erika Königseder

wenn man noch welche hat, bzw. wenn diese es sich leisten können!

Sylvia
Sylvia

Vermutlich hat die Regierung Angst es könnten sich ein paar Asylberechtigte mit einer Lehre in Österreich erfolgreich integrieren. Denn die sind meist über 18, wenn das Asylverfahren endlich abgeschlossen ist. Und das tät ja dann so ganz und gar nicht in deren Weltbild passen.

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