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„Die werden dann in die Mindestsicherung oder Hilfsjobs gedrängt“

„Die werden dann in die Mindestsicherung oder Hilfsjobs gedrängt“

Jakob Zerbes Jakob Zerbes
in Bildung, Schwarz-Blau
Lesezeit:4 Minuten
12. Juni 2018
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In der überbetrieblichen Lehrausbildung werden junge Menschen in qualifizierte Arbeit gebracht, die sonst keine Chance haben. Doch die Kürzungen beim AMS gefährden die Ausbildungsstellen – und die Kürzungen bei der Lehrlingsentschädigung drängen die Jugendlichen in die Hilfsarbeit. Aber was bedeutet das für die Betroffenen? Kontrast.at ist nach Graz zu Jugend am Werk gefahren und hat sich vor Ort ein Bild gemacht.

Niemand traut dir etwas zu, dein ganzes Schulleben lang. Zuhause lernst du weder Ehrgeiz, noch pünktlich sein. Dass du irgendetwas besonders gut kannst, hat dir noch nie wer gesagt. Ein junges Leben voller Ablehnung und Niederlagen, wie soll das weitergehen?

„Wir können Geld in die Hand nehmen und den Jugendlichen ihren Rucksack abnehmen. Wir können sie unterstützen auch mal positive Erfahrungen zu machen, dass sie sich zutrauen, eine Ausbildung abzuschließen und auch die Ausdauer haben, das durchzuhalten. Oder wir schicken die Jugendlichen in Hilfsjobs oder die Arbeitslosigkeit“, sagt Michaela Meier, Leiterin der überbetrieblichen Lehrausbildung Graz.

Ihr Verein hat über die Jahrzehnte viele Jugendliche in eine Lehre gebracht. Jugendliche, die sonst keine Chance auf eine betriebliche Erstqualifikation gehabt hätten. In 5 Werkstätten lernen die Jugendlichen verschiedene Arbeitsfelder kennen: Es gibt die Holzwerkstatt, die Metallwerkstatt, die Küche oder den Einzelhandel. Dort werden sie für ihre künftige Ausbildung vorbereitet und in ihren Fähigkeiten bestärkt.

In diesen Wochen vor der eigentlichen Lehre lernen die jungen Menschen ganz Grundsätzliches: Viele haben in ihrem Leben noch nie Aufgaben erfolgreich termingerecht erfüllt. In der Küche schaffen sie es dann, den Menüplan zu erstellen, die Einkaufsliste zu schreiben – um 12 Uhr ist das Mittagessen für das ganze Haus fertig.

„Wenn du aus einer Sonderschule kommst und dir jahrelang vermittelt wird, du bist buchstäblich ‚Nicht genügend’ für die Regelschule, glaubst du nicht mehr, dass du etwas zu bieten hast“, sagt König.

Jugend am Werk zeigt den Jugendlichen, dass sie doch etwas zu bieten haben und findet mit ihnen gemeinsam heraus, was das ist.

Sie erwarten wenig und übertrumpfen ihre Ziele

Kommen die Jugendlichen zu Jugend am Werk, werden gemeinsame Ziele definiert. Die müssen realistisch sein: Können sie eine normale Lehre schaffen, wird die Lehrstellensuche angegangen. Sonst setzt man auf die verlängerte Lehre oder eine „Teilqualifizierung“. Alles mit einem Ziel: Den Jugendlichen ein Maximum an Ausbildung anzubieten statt sie in die Arbeitslose oder Hilfsarbeit  zu schicken.

Der Betriebskontakter Kurt König sorgt dafür, dass Jugendliche rasch in den normalen Arbeitsmarkt finden. Vor der regulären Lehrstelle vermittelt er ihnen Praktika. „Anfangs ist der Einzelhandel immer sehr gefragt, doch nach den ersten Praktika merken sie oft, dass auch andere Berufe ihren Reiz haben. Mit einer Verkäuferin haben alle schon mal zutun gehabt, bei anderen Berufen fehlt ihnen oft die Vorstellung, was man da macht“.

Bei den ersten Kontakten der Jugendlichen mit Chefs und Kollegen ist seine Unterstützung enorm wichtig. „Gibt es ein Problem“, sagt König „sollen sich die Betriebe sofort bei mir melden, damit wir eine Lösung finden können, bevor sich der Konflikt zuspitzt.“ Da geht es um zu langes Aufbleiben, zu spät kommen, ob die Jugendlichen im Betrieb grüßen oder Kritik annehmen können. Wird das von Sozialpädagogen begleitet, verstehen die Jugendlichen bald, dass sie nicht bis bis 3 Uhr früh Playstation spielen können, wenn sie am nächsten Tag einen guten Eindruck machen wollen. Und das wollen sie.

Oft passiert es schneller als gedacht, dass ihnen nach ersten positiven Erfahrungen „der Knopf aufgeht“, wie Teamleiterin Sigrid Fischer erzählt. Die Jugendlichen erwarten wenig und übertrumpfen ihre Ziele oft. „Sie können von einer Teilqualifizierung in eine volle Lehrstelle wechseln und bestehen ihre Lehrabschlussprüfungen sogar mit Auszeichnung.“

5.300 Lehrlingen wird das Lehrgeld halbiert

Doch die Regierung greift die überbetriebliche Lehre jetzt von zwei Seiten an:

  1. Einrichtungen wie Jugend am Werk soll das Geld entzogen werden, um Betriebe stärker zu fördern, die Lehrlinge ausbilden. Die überbetriebliche Ausbildung hätte dann weniger Mittel, um Jugendliche vor der Arbeitslosigkeit oder lebenslanger Hilfsarbeit zu bewahren. Dafür bekommen Unternehmen Lehrstellen gefördert, die sie wohl ohnehin angeboten hätten.
  2. Lehrlingen über 18 wird das Lehrgeld von 753 Euro auf 325 Euro monatlich gekürzt. Das betrifft mehr als die Hälfte der 9.101 überbetrieblichen Lehrlinge, nämlich 5.276 von ihnen.

„Die werden dann in die Mindestsicherung oder Hilfsjobs gedrängt, weil sie dort mehr verdienen“, befürchtet Meier von Jugend am Werk.

Die logische Konsequenz der drastischen Einkommenskürzung wird sein, dass viele Jugendliche keine Lehre mehr abschließen. Das können sie sich nicht mehr leisten. Stattdessen werden sie Aushilfsjobs annehmen, in denen sie kurzfristig mindestens dreimal so viel verdienen.

Folgen sind sozial explosiv

ÖVP und FPÖ zerstören diesen jungen Menschen das ganze Arbeitsleben. Die Folge sind unzählige schwer vermittelbare Arbeitslose ohne Ausbildung. Die Jugendlichen halten sich mit Aushilfsjobs über Wasser, später landen sie in prekären Jobs im Niedriglohnsektor. Es ist der Beginn einer Kette von miesen Jobs, aus denen sie kaum mehr herausrauskommen.

Fast die Hälfte aller Beschäftigten ohne Ausbildung ist instabil beschäftigt. Beschäftigte mit Lehrabschluss sind mit 27,2 Prozent deutlich seltener davon betroffen.

Sowohl für die Jugendlichen als auch für die Gesellschaft ist es besser, ihre Ausbildung zu unterstützen. Was hier kurzfristig „eingespart“ wird – muss später über die Mindestsicherung und soziale Folgekosten mehrfach bezahlt werden.

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Wolfgang Pucher war ein österreichischer Ordenspriester und Gründer der VinziWerke in Graz. Er setzte sich besonders für obdachlose und armutsbetroffene Menschen ein und schuf zahlreiche Einrichtungen, die ihnen Unterkunft, Essen und Unterstützung bieten. Mit großem persönlichem Einsatz machte er auf soziale Ungleichheit aufmerksam und forderte mehr Solidarität mit den Schwächsten. Seine Arbeit war geprägt von direkter Hilfe ohne große Bürokratie. Pucher wurde für sein Engagement vielfach ausgezeichnet und blieb bis zu seinem Tod eine wichtige Stimme für soziale Gerechtigkeit. Zitat: Als gut situierter Bürger hat man kein Recht, an der Not anderer vorüberzugehen. Wolfgang Pucher

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