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Höheres Unfall-Risiko, mehr Abgase: Das bedeutet Tempo 140 auf unseren Autobahnen

Tempo 140 Mann fährt Auto

Kathrin Glösel Kathrin Glösel
in Schwarz-Blau, Sicherheit & Justiz
Lesezeit:3 Minuten
25. Juli 2018
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Seit 1. August 2018 dürfen Österreichs Autofahrer auf zwei Teststrecken in Nieder- und Oberösterreich 140 km/h fahren. FPÖ-Minister Hofer verspricht Zeitersparnis. Was er nicht sagt: Tempo 140 gefährdet Menschen und Umwelt stärker als Tempo 130. Sowohl Unfall-Risiko als auch Schadstoff-Belastung steigen an.

In Österreich soll das Tempolimit auf Autobahnen auf 140 km/h erhöht werden. So will es Verkehrsminister Norbert Hofer (FPÖ) und startet einen Testlauf in Nieder- und Oberösterreich. Die Kosten für den Pilotversuch belaufen sich auf 311.000 Euro.

140 km/h auf Autobahnen sind in Europa sehr selten. Laut den Angaben des VCÖ und des ÖAMTC ist eine derartige Geschwindigkeit nur in Polen und Bulgarien erlaubt. In Deutschland gibt es kein Tempolimit, aber eine Richtgeschwindigkeit von 130 km/h.

„In jenen Staaten, wo die Zahl der tödlichen Verkehrsunfälle im Verhältnis zur Bevölkerungszahl niedrig ist, sind die Tempolimits niedriger als in Österreich“, erklärt VCÖ-Experte Markus Gansterer. In Norwegen gilt Tempo 100, dort waren im Vorjahr pro Million Einwohner 20 Verkehrstote zu beklagen, Schweden kam mit Tempo 110 auf 25 Tote. In Österreich lag die Zahl der Verkehrstoten mit 47 pro Million Einwohner fast doppelt so hoch.

Der Verkehrsclub Österreich lehnt 140 km/h als Limit daher ab.

„Dem theoretisch möglichen Zeitgewinn von nicht einmal einer Minute pro Testabschnitt stehen ein real erhöhtes Unfallrisiko, mehr Spritverbrauch, mehr CO2-Emissionen und ein erhöhter Schadstoffausstoß gegenüber“, so Gansterer.

Auch im Nachbarland Deutschland amüsiert man sich über die österreichische Neuregelung. So schreibt die „Auto Bild“:

„Maximaler Gewinn sind nicht einmal 2 Minuten, der Sinn hinter der ganzen Aktion ist fraglich.“ (Auto Bild Nr 43, 25.10.2018, S. 8)

Tempo 140: Bremsweg wird länger

Erich Neuwirth war Universitätsprofessor für Statistik und Informatik an der Universität Wien. Er hat ausgerechnet, was das höhere Tempo-Limit für den Bremsweg eines Autos bedeutet.

Eine gute Reaktionszeit eines Fahrers oder einer Fahrerin beträgt 0,8 Sekunden. Ab dem Zeitpunkt, wo die Fahrerin auf die Bremse steigt, verringert sich die Geschwindigkeit pro Sekunde um 7,5 Meter pro Sekunde – wenn die Bremsen gut und die Straße trocken sind.

Ein Fahrzeug, das 130 km/h fährt, kommt nach 116 Metern Bremsweg zum Stillstand. Bei 140 km/h braucht die Fahrerin 140 Meter, bis sie steht. Erkennt die Fahrerin ein Hindernis vor sich, das 116 Meter entfernt ist, kann sie bei 130 km/h rechtzeitig abbremsen. Bei 140 km/h hingegen prallt sie voll hinein – mit einer Geschwindigkeit von 56 km/h.

Das Motto “Darf’s a bisserl mehr sein? kann beim Tempo fatal enden“, stellt VCÖ-Experte Markus Gansterer fest.

Die genaue Rechnung und die Formeln finden sich auf dem Blog von Erich Neuwirth.

Tempo 140 Rechnung Erich Neuwirth

Mehr Schadstoffe werden ausgestoßen

Schnelleres Tempo bedeutet aber auch mehr Sprit-Verbrauch und Abgase: Konkret ist bei 140 km/h mit einem Fünftel mehr Schadstoff-Emissionen als bei 130 km/h zu rechnen. Im Vergleich zu Tempo 100 erhöhen sich die Emissionen sogar um die Hälfte. Der Preis für 10 km/h schneller Fahren sind 24 Prozent mehr ausgestoßene Stickoxiden, 11 Prozent mehr Auspuff-Partikeln und 12 Prozent mehr CO2-Emission.

Das alles verschlechtert die Luftqualität, was sich vor allem auf die Wohnbevölkerung in der Nähe von Autobahnen auswirkt. Zudem verursacht Umweltverschmutzung – langfristig – mehr Kosten. Die Maßnahme widerspricht zudem den selbst gesetzten Zielen der Bundesregierung: Sie hat angekündigt, die CO2-Emissionen aus dem Verkehr um ein Drittel zu reduzieren.

Mehr Lärm: Schaden auch für Anrainer

Unangenehm könnte das neue Tempo-Limit auch für Anrainer und Anrainerinnen sein. Denn schnellere Autos bedeuten auch lautere Motoren und Lärmbelästigung. Wer in der Nähe von Autobahnen wohnt, könnte zu den Verlierern der Maßnahme des FPÖ-Ministers gehören.

Zum Weiterlesen

130 km/h oder 140 km/h – Was ist der Unterschied beim Bremsen? (Blogbeitrag von Erich Neuwirth)

Wie uns der Klimawandel bedroht – und warum das Trump und der FPÖ egal ist (Kontrast)

Parlament Das Thema "Verkehr" im Parlament

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4 Comments
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Hans
Hans
29. Juli 2018 11:50

Diskussion hin oder her 80% aller Autofahrer fahren sowieso schon 140 und mehr auf Autobahnen also was soll es zur Emission Flieger und Schiffe geben weit mehr giftstoffe an die Umwelt ab abgesehen von den vielen Durchreisenden in Österreich

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Aina
Aina
Reply to  Hans
5. August 2018 18:25

Und weil sich eh niemand dran hält, kann man sowieso gleich die Gesetze abschaffen? Was für ein selten dämliches „Argument“.

0
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Antworten
xx1xx
xx1xx
25. Juli 2018 18:29

„Schnell vorankommen …“ bedeutet, dass der gesamte (gemeinschaftliche) Durchluss der Autobahn erhöht wird. Er bedeutet nicht, dass sich einzelne die Autobahn auf Kosten anderer aneignen können. Genau das passiert bei höheren Geschwindigkeiten, wenn dadurch der Unterschied zum „langsamen“ Verkehr vergrößert wird. Durch den langsameren verkehr wird der Schnellfahrer gelegentlicv zum Abbremsen veranlasst. Dafür braucht er einen quadratisch mit der Geschwindigkeit ansteigenden Sicherheitsabstand. Dadurch sind weniger Autos auf der Straße. Bei doppelter Geschwindigkeit also nur ein Viertel der Anzahl von Fahrzeugen (4x so langer Sicherheitsabstand).
Durch die höhere Geschwindigkeit nimmt die Anzahl der transportierten Fahrzeuge nur linear zu (doppelte Geschwindigkeit = doppelt so viele Autos je Zeiteinheit).
Daraus folgt: Je höher die Geschwindigkeit, desto weniger Autos kann die Strasse transportieren. Irgendwann müsste sie für einen einzigen Raser, der sich die Autobahn dann komplett angeeignet hat, gesperrt werden.

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nora bach
nora bach
25. Juli 2018 12:35

auch das ist eine populistische Entscheidung… spricht Menschen an, die gerne rasen … also nicht gerade durch Rücksichtnehmen geprägt sind…

2
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Der niederländische Historiker Rutger Bregman wurde 2019 einem neuen Publikum bekannt, als er beim Wirtschaftsgipfel in Davos kritisiert hat, dass man dort nicht genug über Steuern und Gerechtigkeit spricht. Der Auftritt wurde zu seinem Markenzeichen. Nun hat er in einer Talkshow den norwegischen Milliardär zur Rede gestellt, warum der sein Vermögen nicht besser für die Gemeinschaft nutzt. Bregman findet: Wer enormen Reichtum hat, soll diesen auch nutzen, um die Welt besser zu machen. Er fordert mehr moralische Ambition. Zitat: Ich fordere nicht, dass wohlhabende Menschen ihre Strandhäuser, Luxusautos oder Rolex-Uhren aufgeben. Ich fordere sie auf, zukünftige Historiker stolz zu machen. Die Geschichte erinnert sich nicht an Anlageportfolios. Sie erinnert sich an jene, die alles auf eine Karte gesetzt haben - die ihre Ressourcen, ihre Karrieren und ihren Ruf genutzt haben, um für etwas zu kämpfen, das größer ist als sie selbst. Rutger Bregman

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