AMS-Algorithmus
AMS-Algorithmus

Punktabzug für Frauen, Mütter und über 50-Jährige: So entscheidet der AMS-Computer über Arbeitslose

Geht es nach den Plänen der schwarz-blauen Regierung, entscheidet ab 2020 kein Mensch, sondern ein Computer darüber, wen das AMS fördern soll und wen nicht. Menschen werden vom AMS-Algorithmus in drei Kategorien eingeteilt. Wer in der letzten Gruppe landet, wird aufgegeben.

Die Zeitungsberichte der vergangenen Tage lassen vermuten, dass AMS-Berater verstärkt zu Anhängseln von Computer-Entscheidungen werden sollen. Geht es nach den Plänen der schwarz-blauen Regierung, entscheidet ab 2020 kein Mensch, sondern ein Algorithmus darüber, wer Betreuungszeit und Fördergeld beim AMS bekommt. Manche werden gefördert, andere aufgegeben.

Weniger Punkte für Frauen, Behinderte und Menschen über 50

Um die Kategorisierung vorzunehmen, werden in den Algorithmus verschiedene persönliche Merkmale eingespeist – manche davon bringen Pluspunkte, andere Minuspunkte. So starten Arbeitssuchende über 50 gleich mal mit einem Minus von 0,7 Punkten wegen ihres Alters. Beeinträchtigte Menschen erhalten ein Minus von 0,67 Punkten. Frauen werden gleich doppelt benachteiligt: Sie erhalten zunächst aufgrund ihres Geschlechts einen Abzug von 0,14 Punkten. Außerdem werden für Betreuungspflichten 0,15 Punkte abgezogen – diesen Abzug sieht der AMS-Algorithmus nur für Mütter, nicht aber für Väter vor.

Screenshot des Papiers für den AMS-Algorithmus

Pluspunkte gibt es etwa für eine abgeschlossene Lehre (+0,27) oder eine Matura (+0,01).

Arbeitssuchende werden in drei Kategorien eingeteilt

Aus Unterlagen für den Verwaltungsrat des AMS geht hervor, dass Arbeitslose aufgrund ihrer Punkte eine von drei Kennzeichnungen bekommen. Diese stehen für drei „Segmente“:

Grün (hohe Arbeitsmarktchancen), gelb (mittlere Chancen) und rot (wenig Chancen). An einem durchschnittlichen Tag im Jahr 2017 wären ca. 120.000 der 340.000 Arbeitslosen dem niedrigsten Segment zugeordnet, 170.000 dem mittleren, und 50.000 dem höchsten.

Wer es besonders schwer hat, bekommt weniger

Jeder AMS-Berater wird ab 2019 diese Kategorisierung anwenden. Personen, die dem roten Segment zugeordnet werden, werden in billige Beratungseinrichtungen gesteckt. Sie bekommen kein Geld für Kurse (Ausbildungen, Trainings, Deutschkurse, etc..), keine geförderte Beschäftigung im Rahmen von sozioökonomischen Betrieben und weniger Betreuungszeit durch AMS-Mitarbeiter.

Kurse und Beschäftigungsprojekte sollen Personen im mittleren Segment vorbehalten bleiben. Die Idee dahinter ist einfach: Unterstützung bekommen nicht die Arbeitslosen, die es am dringendsten brauchen, sondern jene, die die Erfolgsstatistiken der Regierung und des AMS aufpolieren.

AMS-Algorithmus teilt 50.000 Personen falsch ein

Wer in das mittlere und das niedrige Segment fällt – und damit entweder stark gefördert oder komplett ausgeschlossen wird – entscheidet ein statistisches Modell. Dieses arbeitet aber nicht fehlerfrei. Selbst bei günstigen Voraussetzungen teilt es circa 15-20% der Arbeitslosen (rund 50.000 Personen) falsch ein.

Wie IT-Experten erklären, sind solche Algorithmen hochproblematisch, weil sie Ungleichheiten am Arbeitsmarkt verstärken.

Denn anstatt einer Person, die benachteiligt ist – weil sie z.B. gesundheitliche Probleme hat, oder schlecht ausgebildet ist – mehr Mittel zukommen zu lassen, um diese Nachteile am Arbeitsmarkt auszugleichen, sagt das Computermodell, dass ihr weniger Mittel zustehen, weil sie geringe Chancen hat. Vorurteile (Sexismus, Altersdiskriminierung, Rassismus) und Nachteile am Arbeitsmarkt werden damit durch ein Computerprogramm sogar beim AMS einzementiert. „Computer says No“ wird damit ab 2020 auch beim AMS zur Realität für hunderttausende Arbeitslose.

Hartinger-Klein erfüllt Wünsche der Wirtschaft

Schon 2016 wurde versucht, dieses System einzuführen.

Der vormalige Sozialminister Alois Stöger hat das damals verhindert. Ein so kompliziertes statistisches Modell, dessen Berechnungsvorgang weder die Ministerin noch der Vorstand verstehen und erklären können, sollte keine Entscheidungen über die Zukunft von hunderttausenden Menschen treffen.

Mit dem Wechsel im Sozialministerium zu Sozialministerin Hartinger-Klein (FPÖ) scheint es nun aber freie Bahn für dieses Projekt zu geben. Die Wirtschaftskammer empfängt das Projekt mit offenen Armen. Martin Gleitsmann von der WKÖ, der selbst im Verwaltungsrat des AMS sitzt, meinte gegenüber dem Standard: Das höchste Ziel müsse sein, die AMS-Mittel „effizient einzusetzen“.

Nach dem Ende der Aktion 20.000, der Kürzung des AMS-Budgets, und der geplanten Einführung von Hartz IV in Österreich durch die Abschaffung der Notstandshilfe, ist die „personalisierte Arbeitsmarktpolitik“ der nächste Schritt zur Zwei-Drittel Gesellschaft, in der das untere Drittel und Teile der Mittelschicht nicht mehr mit staatlicher Hilfe rechnen können und in Armut abstürzen. Der AMS-Algorithmus wird dabei als Ausrede dienen, das jedes Jahr ein Stück mehr politisch durchzusetzen.

Weiterlesen:

Einstellung Aktion 20.000 – ein Betroffener spricht.

 

 

Punktabzug für Frauen, Mütter und über 50-Jährige: So entscheidet der AMS-Computer über Arbeitslose
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7 Kommentare

7 Kommentare

  1. Und das immer:

    11. November 2018 um 08:07

    Dann müssten Kurz und Strache, diese Obernullen ja ein Doppelrot bekommen.

  2. Otto Pichler

    10. November 2018 um 10:58

    Also aus meiner Sicht ist es trauig dass ansehen zu müssen. Habe mittlerweile 2 Ausbildungen positiv abgeschlossen. Die erste kann ich aus körperlichen Gründen nicht mehr ausüben. In der zweiten (Buchhaltung) habe ich nur 2 Jahren in einer Internen Buchhaltung erfahrung (Abteilung wurde ins Ausland ausgelagert um kosten zu sparen) weil ich später auch noch eine Zwangserkrankung bekam. Ich konnte die erkrankung in 5 Jahren besiegen, doch jetzt kämpfe ich seit 3 Jahren wieder in die Arbeitswelt zurück zu kehren. Ich höre immer nur sie sind nicht kompetent genug. Wie soll man erfahrung sammeln wenn man nicht einmal die Chance dazu bekommtsich zu beweisen.

  3. Günter Horvath

    21. Oktober 2018 um 01:13

    Viele Spitzenpolitiker, u.a. nicht wenige Regierungsmitglieder wären bei marktorientierter, sprich ausbildungs- und berufserfahrungsfokussierter Auswahl schwer am „normalen“ Arbeitsmarkt vermittelbar. Es hält sie nur Parteizugehörigkeit und die in der Politik aufgebauten Kontakte bis zur Superpension in diversen „Beziehungsjobs“.
    Eine interessante Story wäre das Ergebnis der Anwendung des Algorithmus auf Minister, Staatssekretäre, Generalsekretäre, Abgeordnete, Klubobleute, Landeshauptleute etc. Und ein Vergleich der Ergebnisse mit den beim AMS gemeldeten Arbeit suchenden.

    • Oberflächlich betrachtet: Ja.

      22. Oktober 2018 um 01:26

      Genau gesehen ist es das VOLK, das die hält.

  4. Reni

    18. Oktober 2018 um 10:52

    Ich sage nur eine Frechheit ist das!!!!!!! Der Mensch wird nur mehr Dreck sein auf der Welt und nichts mehr wert. Wir müssen alle kämpfen und uns das nicht gefallen lassen. Also Leute steht auf und kämpft. Sonst sind wir verloren!!!

  5. rainer haselberger

    17. Oktober 2018 um 19:11

    Als Akademiker freut man sich natürlich, wenn die besten und fittesten gefördert werden.
    Man fragt sich nur, was wird aus Hartinger und Kickl, wenn diese Regierung scheitert!
    Die sind dann im sogenannten Loser-Segment und werden in ein Alpental ausgeschafft, wo sie dann Holz hacken müssen. – wie traurig.

    • Hannes Rosen…

      22. Oktober 2018 um 20:17

      Solch korrupte, oberasoziale Menschen wie die, haben Studienabbrecher wie Kurz, Kickl, Strache … voll im Griff. Die sind nämlich die Umsetzer und nicht dieser gewählte Abschaum.

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