Arbeit & Freizeit

Beschäftigte im Sozial-, Pflege- und Gesundheitsbereich wollen 15 % mehr Lohn – sonst droht Streik

Sie pflegen ältere Menschen in ihrem Zuhause, betreuen Volksschulkinder am Nachmittag oder helfen Wohnungslosen bei der Suche nach einer Unterkunft. 130.000 Menschen arbeiten in Österreich im privaten Sozial-, Pflege- und Gesundheitsbereich. In den letzten 3 Pandemie-Jahren waren sie besonders gefordert, ist auf der Protestkundgebung am 8. November oft zu hören. Jetzt kommt auch noch die Teuerung dazu. Die Gewerkschaft fordert 15 Prozent mehr Lohn mit einem Mindestbetrag von 350 Euro. Das würde vor allem die niedrigsten Gehälter spürbar anheben.

Zwölf Stunden am Stück haben die Vertreter der Sozialwirtschaft im Oktober über höhere Löhne im Kollektivvertrag verhandelt. Doch auch die dritte Lohnverhandlung blieb ohne Einigung. Das Angebot der Arbeitgeber liegt laut Gewerkschaft bei 7,5 Prozent, bzw. mindestens 150 Euro – und damit nur bei der Hälfte der Forderungen der Angestellten. Die Gewerkschaften Vida und GPA verhandeln dabei mit der Sozialwirtschaft Österreich (SWÖ). Das ist die Vertretung aller privaten Vereine, die Dienstleistungen im Pflege-, Gesundheits- und Sozialbereich anbieten. Insgesamt hat der SWÖ 560 Mitgliederorganisationen. Dazu zählen etwa die Volkshilfe, das Hilfswerk und Lebenshilfe – die drei größten privaten Trägervereine im Pflegesektor, sowohl im stationären als auch im mobilen Bereich. Auch das Neunerhaus ist dabei, wo Wohnungslose Beratung erhalten oder Bildung im Mittelpunkt – dort sind Freizeitpädagog:innen angestellt, die nachmittags Volksschulkinder betreuen. Auch die Sucht- und Drogenberatung ist ein wichtiger Teilbereich der Sozialwirtschaft. Die Arbeitsbereiche sind damit äußerst verschieden, aber sie vereint, dass sie seit drei Jahren kaum aus dem Krisenmodus herausgekommen sind. Viele arbeiten immer noch durchgehend mit Maske, der Druck ist groß, die Kräfte sind oft am Ende.

„Geld ist genug da, es haben nur die Falschen“ – die Regierung müsste umverteilen

Entgegenkommen müsste der Verhandlungspartner SWÖ – der wiederum von der öffentlichen Hand finanziert wird. Somit könnten – vereinfacht gesagt – auch die Länder oder der Bund mehr Geld für die Löhne zur Verfügung stellen. Das wäre ein wichtiges Zeichen, die wichtige Arbeit der Pflegekräfte, Pädagog:innen und Sozialarbeiter:innen wertzuschätzen, die sie jeden Tag leisten. Besonders ihr Einsatz in den letzten Pandemie-Jahren sollte jetzt entsprechend abgegolten werden, fordert Eva Scherz, GPA-Chefverhandlerin:

„Nach drei Jahren Dauerkrise inklusive Maske und Schutzausrüstung für die meisten Beschäftigten haben sich die Kolleginnen und Kollegen einen guten Abschluss verdient. Unsere Demonstration gilt den Arbeitgebern gleichermaßen wie dem Finanzminister, der den Trägern die Mittel für eine deutliche Gehaltserhöhung zur Verfügung stellen muss“, sagt die Gewerkschafterin.

Auch Vida-Vorsitzender Roman Hebenstreit nimmt die Regierung in die Pflicht. „Vor gut zwei Jahren haben wir vonseiten der Bundesregierung gehört ‚Niemand wird zurückgelassen. Koste es, was es wolle‘. Dieses Versprechen fordern wir jetzt ein!“  Denn Geld gäbe es genug, nur müsste entsprechend umverteilt werden, so Hebenstreit:

„Wir können es uns offenbar leisten, Erbschaften nicht zu besteuern und Übergewinne nicht abzuschöpfen. Aber gerechte Löhne sind nicht leistbar? Geld ist genug da, es haben nur die Falschen!“, adressiert Hebenstreit die Bundesregierung auf der Abschlusskundgebung vor dem Bundeskanzleramt.

Demo der Sozialwirtschaft für höhere Löhne - Foto: Krainz

Demo der Sozialwirtschaft für höhere Löhne – Foto: Krainz

15 Prozent mehr Lohn – sonst drohen Streiks im gesamten Sozialbereich

Gerade angesichts der höchsten Teuerung seit 70 Jahren ist eine kräftige Lohnerhöhung notwendig, so die Sicht der Gewerkschaft. „Die Kolleginnen und Kollegen im Gesundheits- und Sozialbereich brauchen eine Abgeltung deutlich über der Teuerung, damit sie sich ihr Leben weiter finanzieren können“, so Eva Scherz. Deshalb fordert die Gewerkschaft eine Lohnerhöhung von 15 Prozent und einen Mindestbeitrag von 350 Euro. Letzterer soll insbesondere geringe Einkommen entlasten, weil sie von der Inflation besonders betroffen sind, wie Roman Gutsch von der vida erklärt.

Doch bis jetzt ist keine Einigung in Sicht. Nach dem Scheitern der dritten Verhandlungsrunde sind im November Betriebsverhandlungen geplant. Auf der Demonstration am 8. November in Wien ist die Stimmung kämpferisch: „Wir sind streikbereit“, ist dort lautstark von den rund 3.000 Teilnehmer:innen aus den verschiedenen Bereichen zu hören. Sollte es bei der nächsten Verhandlung am 16. November zu keiner Einigung kommen, drohen Warnstreiks – auch in sensiblen Bereichen wie der Pflege und der Betreuung.

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MB
MB
14. November 2022 23:43

Hat es nicht schon bevor die Inflation so hoch stieg geheißen, dass es in Pflegeberufen eine Gehaltsanpassung geben wird, da selbst mit den bisherigen Inflationsanpassungen ein Reallohnverlust zustande kam? Warum jetzt wieder nur die Inflationsanpassung?

Lorenz Strietzel
Lorenz Strietzel
9. November 2022 11:21

Ich stehe voll zu und hinter den angekündigten Streiks!

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