prekäre arbeitsverhältnisse auch bei der post
Arbeit & Freizeit

Trotz Rekord-Jahr: Post kürzte bei Belegschaft und holt jetzt Leiharbeiter

Österreichische Post AG / Klaus Vyhnalek

Die österreichische Post liefert zu Corona-Weihnachten so viele Pakete aus wie noch nie. Der Arbeitgeber setzt zu Spitzenzeiten auf Leiharbeiter, aber auch diese reichen nicht aus. Weil in den letzten zehn Jahren jeder fünfte feste Mitarbeiter eingespart wurde, müssen die Postler jetzt an ihre Grenzen gehen. Über eine Million Pakete bringen die Zusteller an die Haustüren des Landes – jeden Tag. 

Große Teile der Mitarbeiter in den Verteilungszentren der Post sind Leiharbeiter. Das deckten die aktuellen Corona-Fälle auf. Der Konzern begründet das mit dem Corona-bedingten Mehraufwand. Doch die Recherche zeigt: Das ist nicht die ganze Wahrheit.

Rund eine Million Pakete stellt allein die Österreichische Post derzeit jeden Tag zu – so viele wie noch nie. Ein einzelner Postler bis zu 300 Pakete am Tag – so ein Pakete kann dabei bis zu 30 Kilo wiegen. Um den Mehraufwand zu bewältigen, stockte die Post um 1.300 Zusteller auf – die meisten von ihnen Leiharbeiter von privaten Sub-Firmen.

Doppelt so viele Pakete wie 2019

„Die Menge sprengt alle Vorstellungen“, sagt Manfred Hirnschall, Leiter des Post-Verteilerzentrums in Wien-Inzersdorf.  57 Prozent der Österreicher gaben bereits im November an, ihre Weihnachtseinkäufe auch via Internet zu erledigen, über die Hälfte der Menschen tut das auch aus Vorsicht vor einer Ansteckung. Das Ergebnis: Allein die Post liefert mit 1,3 Millionen Paketen fast doppelt so viele wie im Vorjahr aus. Die Postler sind mittlerweile Montag bis Sonntag im Einsatz, „freiwillig und auf Überstunden-Basis“, wie Hirnschall beteuert.

Die Arbeitnehmer und ihre Vertreter sehen das anders: Von 12- bis 13-Stunden-Schichten ist die Rede. Einzelne Postler liefern bis zu 300 Pakete am Tag aus. Überstunden sind zwar freiwillig, aber wenn zu viele zugeteilte Pakete nicht ausgeliefert würden, verliere man das Liefergebiet, erzählt ein Angestellter im Ö1-Morgenjournal. Bei der Gewerkschaft gehen täglich so viele Beschwerden ein wie noch nie.

Das Geschäft boomt, Belegschaft schrumpft

Zwischen 2009 und 2019 hat die Post jeden fünften Mitarbeiter eingespart. Die Belegschaft schrumpfte von 25.000 auf 20.000 Mitarbeiter. Allein zwischen 2018 und 2019 sparte man bei den Löhnen über 30 Mio. Euro ein. Die Kosten für Fremdpersonal und Personalleasing sind in der Zeit um 25 Prozent gestiegen. Der öffentliche Jahresabschluss zeigt, dass bereits vor Corona mehr Personal geliehen wurde.

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Die Umsätze der Post steigen. Denn auch, wenn der Briefverkehr seit Jahren zurückgeht, boomt das Paketgeschäft. 2019 wurden 16 Millionen Pakete bzw. 7 Prozent mehr verschickt als noch im Jahr davor. Die Corona-Maßnahmen treiben den Paketversand nochmal in die Höhe. Bereits im Mai wurde so viel bestellt wie sonst zu Weihnachten, hieß es im Frühling vom Konzern. Zu Weihnachten kommt es nun zu einem historischen Rekord.

Gab es im Vorjahr noch 750.000 Pakete am Tag, sind es heute 1,3 Millionen. „Was das für den einzelnen bedeutet, kann man vorstellen.“ Unter dem Pakete-Hoch wird der Ruf der Angestellten nach personeller Verstärkung laut. Dem erteilt der Konzern eine Absage.

Die Postler sind „psychisch und physisch“ am Ende, wie Gewerkschafter Helmut Köstinger im KONTRAST-Gespräch bestätigt. Er erhält täglich Beschwerden, „mehr als je zuvor“. Auch wenn die Post jetzt akut nachrüsten muss: Ein Mehr an Leiharbeit sei für Regelzeiten nicht die Lösung. Sub-Unternehmer werden nach zugestelltem Paket im Akkord bezahlt und arbeiten dadurch unter noch höherem Druck als die fest Angestellten.

Dauer-Leiharbeiter statt fester Belegschaft

Leiharbeiter in gelben Uniformen? Das hat mit dem Bild des Post-Beamten kaum etwas zu tun. Aber Beamte gibt es kaum mehr bei der Post. Spätestens seit der Umwandlung zu Post und Telekom Austria 1996 ist niemand mehr verbeamtet worden. Damals hat auch die Teilprivatisierung begonnen. Heute gehört die Post nur mehr zu 52,8 Prozent dem Staat Österreich (über die ÖBAG).

Bei der Post arbeiten hauptsächlich drei Gruppen: Einige wenige, die noch Beamte sind, ältere Kollegen mit dem alten Kollektivvertrag und der Rest mit dem neuen Kollektivvertrag von 2009. Dazu kommen in Spitzenzeiten, wie eben zu Weihnachten, noch Leiharbeiter.

Das war zumindest die längste Zeit so Usus, erklärt der Chef der Postgewerkschafter Köstinger. Denn in der Mitte des Jahres 2019 wurde das durch Corona-Fälle berühmt gewordene Verteilungszentrum Hagenbrunn eröffnet – 50 Prozent der Belegschaft waren und sind dort Leiharbeiter.

In der Geschäftsführung begründete man den Umstand damit, das man schwer Personal fände – und es ohnehin nur für den Start des Verteilungszentrums gedacht war. Insbesondere angesichts der explodierten Arbeitslosigkeit und der Rekord-Auftragslage sollte es kein Problem sein, reguläre Mitarbeiter zu finden. Seit der Corona-Fälle gibt es eine Zusicherung der Geschäftsführung, dass diese Stellen mit ordentlichen Anstellungsverhältnissen besetzt werden.

Leiharbeit ist nicht die einzige Praxis, die sich der Betrieb in staatlichem Mehrheitseigentum von den privaten Anbietern abschaut. Auch das System, Post-Zusteller als Scheinselbständige anzustellen, wird bei der Post immer wichtiger: „Der Druck auf Arbeitnehmer ist enorm, gerade für selbstständige Ein-Personen-Unternehmen, die mit ihrem eigenen Fahrzeug zustellen. Wenn sie die enormen Zustellmengen nicht schaffen, gibt es Strafsanktionen. Aufgrund der minimalen Margen, und da sie oft auf Pauschale fahren, schrammen sie ständig an der Insolvenz vorbei“, erklärt Susanne Bauer von der Arbeiterkammer Steiermark. Sie hat 2018 eine Studie über die Arbeit als Zusteller in der Steiermark durchgeführt.

Prekäre Arbeitsverhältnisse brachten Corona-Cluster

Auch wenn die Österreichische Post laut der Arbeiterkammer noch die besten Löhne und Verträge in der Branche vorweisen kann und über innerbetriebliche Arbeitnehmervertreter verfügt, werden auch bei der teilstaatlichen Post etwa 25 Prozent der Pakete über externe Zusteller abgewickelt – zu Normalzeiten. Zur Zeit liefern deutlich mehr externe die Weihnachtsgeschenke an die Haustüre.

„Seit der Teilprivatisierung wurde reguläres Personal im großen Stil abgebaut und durch Leiharbeitskräfte und Scheinselbstständige ersetzt“, sagt die Gewerkschafterin und Prekarisierungsexpertin Veronika Bohrn-Mena.

Am Ende der Subunternehmer-Kette stehen dann oft scheinselbstständige Postler, die im Akkord – also nach Ergebnis statt nach Arbeitszeit – Lohn bekommen und pro Paket etwa 43 Cent verdienen, so Bohrn-Mena. „In der Praxis heißt das: 150 Pakete pro Tag, sonst bekommen sie keine neuen Aufträge. Am Ende des Tages sind das 75 Euro und Schichten von 12-14 Stunden“, wie die Gewerkschafterin schildert. Wenn sie krank sind und nicht zur Arbeit kommen können, verdienen sie nichts.

Kein Wunder also, dass sie nicht selten auch krank zu Arbeit gingen. So versetzte eine Cluster-Bildung in Post-Verteilerzentren im Frühling Österreich kurz in Schrecken. Schnelles und ausgeweitetes Testen der Wiener Gesundheitsbehörden konnte die Situation jedoch rasch eindämmen. An den Arbeitsverhältnissen hat sich aber bis heute nichts geändert.

Auch zu Corona-Weihnachten keine Entlastung

Schon damals forderte die Gewerkschaft einen Ausbau an Stammpersonal. Passiert ist seither wenig. Kann es sich die Post trotz Rekord-Auftragshoch nicht leisten, genügend Mitarbeiter anzustellen – auch für Spitzenzeiten? Unterm Jahr sollte es ein Konzern wie die Post „nicht nötig haben“, auf Leiharbeiter zurückzugreifen, sagt Köstinger. Das Management hat der Weihnachtszeit schlicht nicht genügend vorbereitet. Denn die Post ging von Massen von bis zu 1 Millionen aus, nun sind es 300.000 Pakete mehr, jeden Tag.

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Immer mehr Pakete muss ein Zusteller jeden Tag ausliefern.

Die Forderung nach mehr Kollegen, zumindest in der Weihnachtszeit, tut Post-Sprecher Michael Homola trotzdem ab. Dass „da und dort“ der Wunsch der Postler nach Entlastung da sei: „Jo“, das liege „in der Natur, so Homola lapidar. Und zu den 13- oder 14-Stunden-Tagen sagt er: „arbeitsrechtlich nicht möglich“. Initiative zur Verbesserung klingt anders.

Vorstand verdient in 3 Tagen so viel wie Leiharbeiter im Jahr

Im Jahr 2019 erhielten die drei Vorstände der Österreichischen Post AG laut Geschäftsbericht 3,4 Millionen Vorstandsbezüge, dazu kommt eine Auszahlung aus dem aktienbasierten Vergütungsprogramm in Höhe von rund 3,6 Millionen. Insgesamt wurden aus dem Programm 10,9 Millionen ausgeschüttet, rund 30 Prozent entfallen dabei auf den Vorstand, wie die Rückstellungsdotierung in den letzten beiden Geschäftsjahren zeigt. Das sind also 7 Millionen Euro für drei Vorstände. Würde man davon ausgehen, dass jeder Vorstand den gleichen Anteil hat, ergeben sich für jeden rund 2,3 Millionen Euro.

Ein Postvorstand verdient pro Tag damit 6.300 Euro. Er hat also in drei Tagen mehr verdient als ein selbständiger Paketzusteller für die Post im ganzen Jahr.

Trotz Rekord-Jahr: Post kürzte bei Belegschaft und holt jetzt Leiharbeiter

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Navratil
Navratil
23. Mai 2020 00:56

Ja wir regen uns über Amazon usw. auf aber die Post ist noch ein grösserer Volksschädling ab er erst seit die Kurz Mafia und die Grüne Faschingsgilde am Werk sind ebenso bei den Krankenkassen Zusammenlegung.

Tomi
Tomi
Reply to  Navratil
18. Dezember 2020 08:47

Wäre es besser weiterhin die zu unterstützen die nicht arbeiten wollen? Die Rendi Mafia lebt es ja vor

Fred
Fred
Reply to  Tomi
18. Dezember 2020 18:54

Man müsste halt die Unternehmen anhalten, so zu bezahlen, dass sich arbeiten auszahlt.
Man könnte aber auch die Arbeitslose bzw. Mindestsicherung so gestalten, das ein Arbeitsloser lieber Arbeiten geht als zu Hause sitzt.

rudi
rudi
Reply to  Fred
1. Januar 2021 12:12

Das geht nur mit einer 30 Wochenstunde und einem Stundenlohn von 17.-€ Netto.
Damit wäre die AL und die Armut bekämpft.
Jetzt und nicht erst 2022, da ist das Geld schon wieder weniger Wert!!

Erna Dittelbach
Erna Dittelbach
22. Mai 2020 17:45

Die unselbständigen „Selbständigen“ sind die neuen Sklaven, genau wie die Leiharbeiter*innen. Ein Betrieb, der mehrheitlich dem Staat gehört, hat verdammt noch einmal die Menschen anzustellen und alle Rechte der Arbeitenden zu respektieren. Die überhöhten Gehälter und Boni der Chefetage sind gesetzlich zu limitieren, und zwar sofort. SPÖ, aufgreifen und Forderungen im Parlament aufstellen!

Tomi
Tomi
Reply to  Erna Dittelbach
18. Dezember 2020 08:45

Welche Forderungen soll die SPÖ aufstellen, sie haben ja diesen Proporz eingeführt

rudi
rudi
Reply to  Tomi
18. Dezember 2020 12:41

Ja leider war sie auch dabei, diese „Sklavenarbeit“ der neuen Selbständigen und Leiharbeiter, zu ermöglichen.
Leider SCHLÄFT die GW, weil sie ANGST hat, die Sozialpartnerschaft geht dann FLÖTEN, wenn diese kämpft!! Daher gibt es keinen KAMPF für die Beschäftigten!! So einfach ist es!!

rudi
rudi
22. Mai 2020 11:39

Zur Post!!
Wir haben ja die Grundwehrdiener und die Milizsoldaten, die fast GRATIS arbeiten müßen! Da brauchen wir doch die Arbeitslosen Menschen nicht,oder?
Das Geld, dass die Post vielleicht bezahlen muß, bekommt doch das BH!

Und wegen dem Gehalt der BOSSE.
Na soooo schaut es im KAPITALISMUS aus!
Und kann da die GW nichts machen? Nur wollen muß man es!! Aber leider „Draut“ sich die GW nicht, wegen der SOZIALPARTNERSCHAFT!?
zB: Es gibt doch GERICHTE die das Abschaffen könnte.

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