Arbeit & Freizeit

Mehr Zustellungen, aber weniger Beschäftigte: Immer mehr Leiharbeit und Prekäre bei der Post

Österreichische Post AG / Klaus Vyhnalek

Große Teile der Mitarbeiter in den Verteilungszentren der Post sind Leiharbeiter. Das deckten die aktuellen Corona-Fälle auf. Der Konzern begründet das mit dem Corona-bedingten Mehraufwand. Doch die Recherche zeigt: Das ist nicht die ganze Wahrheit.

Ein Anstieg der Corona-Fälle versetzte Österreich kurz in Schrecken. Schnelles und ausgeweitetes Testen der Wiener Gesundheitsbehörden konnte den Fallcluster jedoch rasch bestimmen und eindämmen. Die Fälle, so zeigen die Testdaten, lassen sich auf Leiharbeiter in Postverteilungszentren in Niederösterreich und Wien zurückführen.

Leiharbeiter in den Postzentren? Das hat mit dem Bild des Post-Beamten kaum etwas zu tun. Aber Beamte gibt es kaum mehr bei der Post. Spätestens seit der Umwandlung zu Post und Telekom Austria 1996 ist niemand mehr verbeamtet worden. Damals hat auch die Teilprivatisierung begonnen. Heute gehört die Post nur mehr zu 52,8 Prozent dem Staat Österreich (über die ÖBAG).

Bei der Post arbeiten hauptsächlich drei Gruppen: Einige wenige, die noch Beamte sind, ältere Kollegen mit dem alten Kollektivvertrag und der Rest mit dem neuen Kollektivvertrag von 2009. Dazu kommen in Spitzenzeiten wie etwa Weihnachten noch Leiharbeiter.

Leiharbeiter seit Mitte 2019

Das war zumindest die längste Zeit so Usus, erklärt der Chef der Postgewerkschafter Helmut Köstinger. Denn in der Mitte des Jahres 2019 wurde das mittlerweile berühmte Verteilungszentrum Hagenbrunn eröffnet – 50 Prozent der Belegschaft waren und sind dort Leiharbeiter. Der Gewerkschafter ärgert sich:

„Bis zu dem Corona-Vorfall wussten wir in der Belegschaft nicht einmal, dass 50 Prozent der Kollegen in Hagenbrunn und Inzersdorf von Leasingfirmen kommen. Es gab im Betrieb immer das Einverständnis: Leiharbeit darf nur die Ausnahme sein.“

In der Geschäftsführung begründete man den Umstand damit, das man schwer Personal fände – und es ohnehin nur für den Start des Verteilungszentrums gedacht war. Warum man es dann den Arbeitnehmervertreter verheimlicht hatte, bleibt unklar. Insbesondere angesichts der explodierten Arbeitslosigkeit sollte es kein Problem sein, reguläre Mitarbeiter zu finden. Und tatsächlich gibt es mittlerweile die Zusicherung der Geschäftsführung, dass diese Stellen mit ordentlich Anstellungsverhältnissen belegt werden.

Das Geschäft boomt. Die Zahl der Mitarbeiter sinkt. 

Zwischen 2009 und 2019 hat die Post jeden fünften Mitarbeiter eingespart – von 25.000 auf 20.000 Mitarbeiter. Allein zwischen 2018 und 2019 sparte man bei den Gehältern über 30 Mio. Euro ein. Die Kosten für Fremdpersonal und Personalleasing sind jedoch um 25 Prozent gestiegen. Der öffentliche Jahresabschluss zeigt, dass bereits vor Corona mehr Personal geliehen wurde.

Die Umsätze der Post steigen, auch wenn der Briefverkehr seit Jahren zurückgeht. Denn dafür boomt das Paketgeschäft. 2019 wurden 16 Millionen Pakete bzw. 7 Prozent mehr verschickt als noch im Jahr davor. Die Corona-Maßnahmen treiben den Paketversand nochmal in die Höhe. Derzeit werde soviel bestellt wie sonst zu Weihnachten, heißt es vom Konzern.

Sub-sub-sub-sub-Firmen

Leiharbeit ist nicht die einzige Praxis, die sich der Betrieb in staatlichem Mehrheitseigentum von den privaten Anbietern abschaut. Auch das System, Post-Zusteller als Scheinselbständige anzustellen, wird bei der Post immer wichtiger:

„Der Druck auf Arbeitnehmer ist enorm, gerade für selbstständige Ein-Personen-Unternehmen, die mit ihrem eigenen Fahrzeug zustellen. Wenn sie die enormen Zustellmengen nicht schaffen, gibt es Strafsanktionen. Aufgrund der minimalen Margen, und da sie oft auf Pauschale fahren, schrammen sie ständig an der Insolvenz vorbei“, erklärt Susanne Bauer von der Arbeiterkammer Steiermark. Sie hat 2018 eine Studie über die Arbeit als Zusteller in der Steiermark durchgeführt.

Auch wenn die Österreichische Post laut der Arbeiterkammer noch die besten Löhne und Verträge in der Branche vorweisen kann und über innerbetriebliche Arbeitnehmervertreter verfügt, werden auch bei der teilstaatlichen Post etwa 25 Prozent der Pakete über externe Zusteller abgewickelt.

Leiharbeit und Scheinselbständigkeit sind also bei der Post schon länger verbreitet – das ist kein Corona-Phänomen. „Seit der Teilprivatisierung wurde reguläres Personal im großen Stil abgebaut und durch Leiharbeitskräfte und Scheinselbstständige ersetzt“, sagt die Gewerkschafterin und Prekarisierungsexpertin Veronika Bohrn-Mena.

Am Ende der Subunternehmer-Kette stehen dann oft scheinselbstständige Postler, die im Akkord – also nach Ergebnis statt nach Arbeitszeit – Lohn bekommen und pro Paket etwa 43 Cent verdienen, so Bohrn-Mena. Die müssen dann ein gewisses tägliches Pensum erfüllen, um finanziell über die Runden zu kommen. „In der Praxis heißt das: 150 Pakete pro Tag, sonst bekommen sie keine neuen Aufträge. Am Ende des Tages sind das 75 Euro und Schichten von 12-14 Stunden“, wie die Gewerkschafterin schildert. Wenn sie krank sind und nicht zur Arbeit kommen können, verdienen sie nichts.

Grundwehrdiener müssen einspringen – bereits 2 Erkrankte

Nachdem die Corona-Fälle die Belegschaften der Verteilerzentren in Quarantäne schickten, übernahm im Niederösterreichischen Hagenbrunn das Bundesheer. Die Post zahlt dem Bundesheer pro „Grundwehrdienerstunde“ 30 Euro. Die Soldaten erhalten dafür 524,37 Euro im Monat und ein Feldbett zum Schlafen.
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Inzwischen wurden auch zwei Grundwehrdiener postiv auf Covid-19 getestet. Sie befinden sich, ebenso. wie 9 Kontaktpersonen in Quarantäne. Bekannt wurde das durch Stichproben Testungen der Heeres. Doch nicht alle eingesetzten Grundwehrdiener sind getestet wurden. Die Gesundheitsbehörde beabsichtige, in der kommenden Woche alle in Hagenbrunn eingesetzten Soldaten und Bediensteten auf Covid-19 zu testen.

Doch für ihre Arbeitskraft wurde schneller gesorgt. „Die in Hausquarantäne befindlichen Soldaten wurden durch Soldaten der Streitkräftebasis ersetzt. Die Arbeiten im Postverteilerzentrum werden planmäßig fortgesetzt“, teilte das ABC-Abwehrzentrum mit.

Bei sich selbst ist der Vorstand allerdings großzügig

Im Jahr 2019 erhielten die drei Vorstände der Österreichischen Post AG laut Geschäftsbericht 3,4 Millionen Vorstandsbezüge, dazu kommt eine Auszahlung aus dem aktienbasierten Vergütungsprogramm in Höhe von rund 3,6 Millionen. Insgesamt wurden aus dem Programm 10,9 Millionen ausgeschüttet, rund 30 Prozent entfallen dabei auf den Vorstand, wie die Rückstellungsdotierung in den letzten beiden Geschäftsjahren zeigt. Das sind also 7 Millionen Euro für drei Vorstände. Würde man davon ausgehen, dass jeder Vorstand den gleichen Anteil hat, ergeben sich für jeden rund 2,3 Millionen Euro.

Ein Postvorstand verdient pro Tag damit 6.300 Euro. Er hat also in drei Tagen mehr verdient als ein selbständiger Paketzusteller für die Post im ganzen Jahr.

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Erna Dittelbach
Erna Dittelbach
22. Mai 2020 17:45

Die unselbständigen „Selbständigen“ sind die neuen Sklaven, genau wie die Leiharbeiter*innen. Ein Betrieb, der mehrheitlich dem Staat gehört, hat verdammt noch einmal die Menschen anzustellen und alle Rechte der Arbeitenden zu respektieren. Die überhöhten Gehälter und Boni der Chefetage sind gesetzlich zu limitieren, und zwar sofort. SPÖ, aufgreifen und Forderungen im Parlament aufstellen!

rudi
rudi
22. Mai 2020 11:39

Zur Post!!
Wir haben ja die Grundwehrdiener und die Milizsoldaten, die fast GRATIS arbeiten müßen! Da brauchen wir doch die Arbeitslosen Menschen nicht,oder?
Das Geld, dass die Post vielleicht bezahlen muß, bekommt doch das BH!

Und wegen dem Gehalt der BOSSE.
Na soooo schaut es im KAPITALISMUS aus!
Und kann da die GW nichts machen? Nur wollen muß man es!! Aber leider „Draut“ sich die GW nicht, wegen der SOZIALPARTNERSCHAFT!?
zB: Es gibt doch GERICHTE die das Abschaffen könnte.

Navratil
Navratil
23. Mai 2020 00:56

Ja wir regen uns über Amazon usw. auf aber die Post ist noch ein grösserer Volksschädling ab er erst seit die Kurz Mafia und die Grüne Faschingsgilde am Werk sind ebenso bei den Krankenkassen Zusammenlegung.

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