Streik in der Sozialwirtschaft

Pflege-Streik: Beschäftigte wollen 35-Stunden-Woche – ÖVP-Arbeitnehmerchef ist dagegen

Kundgebung am Stephansplatz - c Daniel Novotny https://www.flickr.com/photos/gpadjp/49492725717/in/album-72157712983278747/

Die Beschäftigten der Gesundheits-, Pflege- und Sozialberufe streiken für die 35-Stunden-Woche. Damit soll der Pflegeberuf attraktiver und der Personalmangel in der Branche bekämpft werden. Die ÖVP will verhindern, dass die Arbeitszeitverkürzung im Sozialbereich zum Vorbild für andere Berufsgruppen wird und ihr Klubobmann mischt sich in die Verhandlungen ein. Ein großer Pflegekonzern, will von besseren Arbeitsbedinungen nichts wissen und plant stattdessen Marokkaner nach Österreich zu holen.

Die Beschäftigten der Gesundheits-, Pflege- und Sozialberufe streiken für die 35-Stunden-Woche. Wie wichtig ihnen diese Forderung ist, sieht man auch daran, dass sie die einzige Forderung bei den Kollektivvertragsverhandlungen ist. Und diese Arbeitszeitverkürzung ist dringend nötig:

Wer einen so fordernden Job wie die Pflege hat, schafft es kaum, Vollzeit zu arbeiten. Die Arbeit ist hart und setzt körperlich zu, die Einkommen sind nicht besonders hoch und Schichtdienste und Randarbeitszeiten machen den Beruf schwer für Menschen mit Kindern.

Darum arbeiten schon jetzt 70 Prozent der Angestellten in der Sozialbranche Teilzeit. Das führt aber zu deutlich schlechteren Löhnen und macht das Berufsfeld unattraktiv. Das hat sich zunehmend zum Problem entwickelt – alleine in den nächsten 10 Jahren benötigt Österreich 76.000 neue Pflegekräfte.

Bessere Arbeitszeiten gegen Fachkräftemangel

Die Gewerkschaft will mit ihrem Vorschlag auch diesem Mangel in der Pflege begegnen.

„Wer Menschen im Pflegeberuf will, der muss den Beruf attraktivieren. Eine 35-Stunden-Woche kann eine solche Attraktivierung sein“, sagt die Chefverhandlerin der Gewerkschaft Eva Scherz.

Einen großen Teil des zusätzlichen Personalbedarfs könnte man tatsächlich so decken. Die freiwerdenden Stellen können auf Teilzeitkräfte verteilt werden, die ohnehin mehr arbeiten wollen. Außerdem gibt es derzeit 40.000 Menschen in Österreich, die eine Pflegeausbildung haben, aber nicht in diesem Bereich arbeiten. Mit besseren Arbeitszeiten könnte man diese Leute wieder für die Pflege gewinnen.

Die Sozialbranche und vor allem die Pflege würde von einer 35-Stunden-Woche profitieren. Darum hat die Gewerkschaft einen Streik organisiert, um das durchzusetzen.

Die meisten Beschäftigten in der Pflege arbeiten Teilzeit.

Wöginger schaltet sich ein

Diese Logik scheint auch viele Vertreter der Arbeitgeberseite zu überzeugen. So stehen Erich Fenninger von der Volkshilfe und Gabriele Graumann von den Wiener Pensionistenwohnhäusern der Forderung offen gegenüber. An der Spitze des Verhandlungsteams steht aber der ÖVPler Walter Marschitz. Marschitz war unter anderem Büroleiter im Generalsekretariat der Österreichischen Volkspartei bevor er in die Sozialbranche wechselte und scheint bis heute gute Kontakte dahin zu haben. So hat es laut Falter ein Gespräch zwischen Marschitz und dem Klubobmann der ÖVP August Wöginger gegeben. Wöginer – eigentlich Chef der konservativen Arbeitern und Angestellten – erinnerte den Verhandlungsführer daran, dass die Einführung der 35-Stunden-Woche die Finanzplanungen der Landeshauptleute durcheinanderbrächte.

Dass ein Parteienvertreter sich in die Kollektivvertragsverhandlungen der Sozialpartner einmischt, ist äußerst selten. Wöginger ging es wohl aber nicht nur um die Budgets der Länder. Die ÖVP will womöglich verhindern, dass die Arbeitszeitverkürzung im Sozialbereich zum Vorbild in anderen Branchen wird. Schließlich setzte die vergangene schwarz-blaue Regierung vor nicht einmal zwei Jahren erst die 60-Stunden-Woche gegen den Widerstand der Gewerkschaft durch.

ÖVPler Marschitz lehnt 35-Stunden-Woche aus ideologischen Gründen ab

Marschitz‘ strikte Weigerung über die 35-Stunden-Woche zu verhandeln, wollen viele Vertreter der Trägerorganisationen aber nicht einfach so hinnehmen und weiter über eine Arbeitszeitverkürzung verhandeln:

„Im Rahmen der KV-Verhandlungen wurde in den vergangenen Wochen ein finanzierbares Gesamtpaket entwickelt, das eine mehrjährige und schrittweise Einführung der 35-Stunden-Woche gepaart mit einer Reform des Kollektivvertrags und jährlichen Gehaltserhöhungen vorsieht. Offensichtlich aus ideologischen Gründen wird dieses Paket nun von einigen Arbeitgebern abgelehnt“, kritisiert etwas Gabriele Graumann (Pensionistenhäuser Wien).

Pflege-Konzern will mit Marokkanern Personalbedarf decken

Dass die Unterstützung gerade von den Pensionistenhäusern kommt, ist kein Zufall. Gerade in der Pflege ist der Personalbedarf dringen und die 35-Stunden-Woche könnte schnell Abhilfe schaffen. Private Anbieter sehen das naturgemäß anders. Der größter Pflegeheimbetreiber SeneCura will Jugendliche aus Rabat in Marokko anwerben und in Niederösterreich weiterbilden.

Das kündigte der Pflegekonzern ausgerechnet am Tag der entscheidenden Verhandlungen für bessere Arbeitsbedingungen in der Branche an. Die Gewerkschaft reagierte empört:

Auf der einen Seite stemmt sich das Unternehmen gegen kürzere Arbeitszeiten oder höhere Löhne, um mehr Inländer für Pflegeberufe zu gewinnen. Auf der anderen Seite nimmt man jetzt sehr viel Geld in die Hand, um Pflegepersonal aus dem fernen Ausland anzuwerben, es nach Österreich zu bringen, ihnen Deutsch beizubringen und auszubilden.

„Das ist ja an Absurdität nicht zu überbieten“, heißt es bei der GPA-djp.

Die Personalanwerbungen sollen über österreichisch-marokkanischen Verein AMOROC (Austria Moroccan Chamber) abgewickelt werden. Vizepräsident und damit höchster österreichischer Vertreter in dem Verein ist Harald Haris Janisch. Janisch ist übrigens Kandidat des ÖVP-Wirtschaftsbundes bei den Wirtschaftskammerwahlen.

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rudolf
rudolf
16. Januar 2021 12:12

„Wenn keine Jobs da sind, kann auch niemand einen Job finden”
Arbeit schaffen, Arbeitslosigkeit senken und arbeitslose Menschen besser unterstützen – ÖGB und AK fordern Kraftanstrengung der Politik
Mehr als eine halbe Million Menschen ohne Arbeit bei 50.600 offenen Stellen – Corona ist für den massivsten Einbruch auf dem Arbeitsmarkt seit dem Zweiten Weltkrieg verantwortlich. Was der Arbeitsmarkt jetzt dringend braucht, konkretisierten ÖGB-Präsident Wolfgang Katzian und AK-Präsidentin Renate Anderl in einer Pressekonferenz am 15. Jänner.  
„Es geht um Menschen und Schicksale.” Wolfgang Katzian, ÖGB-Präsident 
Immer im Auge behalten müsse man, dass der Arbeitsmarkt nicht irgendeinen Markt ist, den man regulieren muss. „Es geht um Menschen und Schicksale”, betonte der ÖGB-Präsident. Arbeitslosen zu unterstellen, sie seien alle „Tachinierer”, sei unverschämt. „Denn wenn keine Jobs da sind, dann kann auch niemand einen Job finden”, verweist Katzian auf die geringe Anzahl offener Arbeitsplätze und stellt klar, dass „es also nicht darum geht, dass das Arbeitslosengeld zu hoch ist, sondern darum, dass die Arbeitslosigkeit zu hoch ist”.  
 
 
Forderungen sind ja gut, nur UMSETZEN muß man diese!!
Das geht jedoch NUR, wenn man KÄMPFT!!!
Dieser Kampf muß auf der Straße ausgeführt werden! Nur das versteht diese Regierung.
Und wenn das nichts nützt, dann muß es einen Landesweiten STREIK geben!
Denn UNSER ÖGB ist doch die „Kampfmaschine“ für die arbeiteten Menschen, oder?
Es gibt heute schon ca. 500 000  AL und ca. 500 000 beim AMS gemeldete Menschen.
Das muß sich ändern!
Dieser STREIK ist auch gleichzeitig für die AL-ERHÖHUNG auf 80%, für immer und für eine 30 Wochenstunde mit 17.-€ Netto pro Stunde.
Mit dieser 30 Wochenstunde und 17.-€ Netto pro Stunde wird auch die „größte Jobvernichtung und Armuts-Maschine, die es seid 1945 gibt, GESTOPT!!
 
 
 

rudolf
rudolf
15. Januar 2021 10:58

Ist das gerecht?
Ein Soldat, der jetzt in der Pandemie während oder nach seiner Grundausbildung an der Grenze seinen Dienst versieht, bekommt dafür 3.000 Euro monatlich netto.
Eine Pflegehelferin, die jetzt in der Pandemie einen der wohl wichtigsten und schwersten Berufe und widrigsten Bedingungen ausübt, bekommt laut Kollektivvertrag nicht einmal die Hälfte.
Bitte nicht missverstehen: Das Bundesheer hat bei den Testungen hervorragende Arbeit geleistet und durch seine organisatorische Erfahrung viele Schnitzer der Bundesregierung ausgleichen können. Die jungen Soldaten und Soldatinnen, die sich bei dieser Eiseskälte in Spielfeld oder Mureck die Füße in den Bauch stehen, sind auch nicht zu beneiden.
Aber wenn man bedenkt, dass essenziellen Berufsgruppen – den Beschäftigten im Gesundheitswesen, in der Müllentsorgung und der Reinigung, in der Produktion und im Handel, in der Verwaltung und in sozialen Einrichtungen, bei Post, Zustelldiensten und im Transportwesen – ein Corona-Tausender verweigert wird. Dass die Beschäftigten der steirischen Spitäler nicht einmal 200 Euro Prämie bekommen, dann ist das ein Missverhältnis, das nicht zu akzeptieren ist. Noch dazu, wo Millionäre und Milliardäre in der Coronakrise immer reicher und reicher werden.
Das Entsetzlichste daran ist die Verwunderung der Verantwortlichen über den Personalmangel in den Pflegeberufen. Das ist – gerade jetzt – ein Knochenjob. Verständnis oder gar Wertschätzung dafür scheint es bei den zuständigen Politikern und Politikerinnen aber nicht zu geben.
Es braucht endlich Gerechtigkeit in diesem Bereich. Und es muss endlich allen bewusst werden, dass gute Arbeitsbedingungen und faire Gehälter besser gegen Personalmangel wirken, als jede Image- und Werbekampagne.

Robert Krotzer ist Stadtrat für Gesundheit und Pflege in Graz.
Kontakt: robert.krotzer@stadt.graz.at
Tel.: 0316 872-2070

rudi
rudi
6. Dezember 2020 11:42

Bitte, es gibt nur die 30 Wochenstunde für ALLE!!! Damit die Arbeitslosigkeit VERSCHWINDET.
Auch der Lohn sollte auf 17€ Netto, aufgestockt werden, damit auch hier die ARMUT verschwindet!! Aber NUR, wo es diesen Lohn, noch nicht gibt. Bei den gegebenen , höheren Löhnen, soll dieser um 3% erhöht werden.
Wo bleibt da unsere Gewerkschaft, die soll doch UNSERE KAMPFMASCHINE sein! Aber leider SCHLÄFT diese!! Von KAMPFMASCHINE ist weit und breit nichts zu sehen. Nur, es wird geredet, geredet , geredet.. Schade !!
Aber, dafür muß man KÄMPFEN und auf die Straße gehen. Nicht nur EINEN Tag, sonder eine WOCHE! Nur das verstehen die UNTERNEHMER!!!
Nur soooo kann man etwas erreiche!!

rudi
rudi
Reply to  rudi
8. Dezember 2020 09:53

Und wo bleibt unsere Gewerlschaft??
Von KÄMPFEN hält sie NICHTS, lieber geht sie mit den Unternehmern ins BETT, damit diese ruhe geben!!

rudi
rudi
3. April 2020 16:00

Nur eine 30 Wochenstunde und die im Parlament geforderten 1750.- € NETTO, wären das Richtige für die Kollegen der Sozialwirtschaft und auch gegen die Armut im Lande!
Diese 1750.- € Netto allen ,die diesen Gehalt noch nicht haben.

rudi
rudi
3. April 2020 15:56

Bitte, warum hat der ÖGB und die VIDA die Kollegen nicht wirklich vertreten??
AZV kommt erst 2021, die Lohnerhöhung ist naja?
Statt richtig auf den „KOPF“ zu schlagen wurde der angesagte und bewilligte Streik ABGASAGT!!
So kann man die Kollegen NICHT, zur GW , gewinnen, wenn man VER-RATEN wird.
Wann wird die GEWERKSCHAFT anfangen wirklich zu kämpfen????
Sie ist die „Kampfmaschine“ der arbeiteten Menschen! Aber leider ist sie nur eine SCHNECKE!! Die fast nichts weiter bringt!

Leider wird nur LINKS gerededet, aber RECHTS gehandelt!!

So schaut es aus!!

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