Arbeit & Freizeit

Corona wird die Ungleichheit in Österreich vergrößern, wenn die Politik nicht dagegen hält

Wer Gesundheitsrisiken für seine Arbeit eingehen muss, wer unterbezahlt ist und wer mehr Anerkennung verdient hätte, das zeigt uns die Corona-Pandemie in aller Brutalität. Verkäuferinnen, Bauarbeiter und Reinigungskräfte – in der Corona-Krise haben Leute mit kleinem Einkommen mehr verloren als Gutverdiener. Tun wir nichts, werden schlecht Ausgebildete nach der Corona-Krise noch weniger haben als davor. Das zeigen zwei aktuelle Studien der Universität Wien. 

Die Corona-Krise hat ganz Österreich erfasst: Für jeden vierten Arbeitnehmer hat sich die Arbeitssituation stark geändert. Doch wie diese Veränderung aussieht, ist vor allem eine Klassenfrage: Wer gut verdient und einen Universitätsabschluss hat, hat es tendenziell gut und kann im Home-Office weiterarbeiten. Wer wenig verdient oder einen Lehrabschluss hat, verliert dagegen oft einen nicht kleinen Teil seines Einkommens.

Das Forschungsteams des „Austrian Corona Panel Project“ der Universität Wien hat 1.541 Haushalte befragt, wie sich die Covid-Krise auf ihre Arbeit und ihr Einkommen auswirkt. Das Ergebnis zeigt die Ungleichheit in unserer Gesellschaft wie im Brennglas:

Je mehr jemand verdient, umso wahrscheinlicher kann er oder sie auch im Home-Office arbeiten. Und wer seine Arbeit von zuhause aus fortsetzen kann, verliert auch kein Einkommen.

Hohe Einkommen: Homeoffice ohne Einkommensverlust

„Bereits ein kurzer Blick reicht, um zu erkennen, dass Personen in Home-Office ihr Gehalt weitestgehend halten konnten. und dass vor allem Personen mit hohem Haushaltseinkommen von zuhause aus arbeiten“, schreiben die Studien-Autoren Fabian Kalleitner und David W. Schiestl in ihrem Beitrag.

Von zuhause arbeiten können vor allem Akademiker (zu 60 Prozent) und zumindest jeder zweite mit Matura. Dem gegenüber kann nur jeder 4. mit abgeschlossener Lehre von zuhause aus arbeiten und überhaupt nur jeder 7. Arbeitnehmer mit Pflichtschulabschluss.

Ein ähnliches Bild ergibt sich auch nach Einkommen: Wer weniger als 1.350 Euro netto verdient kann nur zu 21 Prozent im Homeoffice arbeiten, wer über 2.700 Euro netto verdient zu fast 60 Prozent – also mehr als die Hälfte.

Das ist besonders fatal: Denn gerade wer wenig verdient, den treffen Gehaltseinbußen besonders schwer. „Die Zahl der Haushalte, die mit sehr wenig auskommen müssen, ist seit Beginn der Krise gestiegen“, schreiben Kalleitner und Schiestl vom Institut für Wirtschaftssoziologie in ihrem Blog.

Kurzarbeit hilft vor allem mittleren Einkommen

Ein Mechanismus zur Abfederung der Krise für Arbeitnehmer ist die Kurzarbeit. Doch auch bei der Gruppe der Personen in Kurzarbeit ist der Anteil derer, die mit wenig oder sehr wenig auskommen müssen, deutlich gestiegen. Denn wer von 1.350 Euro netto noch zehn Prozent Lohn verliert, wird das ordentlich spüren.

Auch die Kurzarbeit trifft Niedrigverdiener oder Pflichtschulabsolventen öfter:

Beschäftigte mit Pflichtschule wurden mehr als doppelt so oft in Kurzarbeit geschickt wie Akademiker. Kurzarbeit ist umso unwahrscheinlicher, je höher das Einkommen ist.

Von der Kurzarbeit profitieren vor allem Arbeitnehmer mit mittlerem Einkommen, weil sie zwar weniger bekommen, aber ihr Einkommen einigermaßen halten können. Denn wer arbeitslos wird, hat nicht nur einen deutlich höheren Einkommensverlust (60 Prozent des Netto-Einkommens) – dazu kommen auch Folgekosten: Unterbrochene Arbeitslaufbahn, aufwändige Bewerbungen und Verschlechterungen für den beruflichen Aufstieg. All das kann das Einkommen nicht nur in der Krise, sondern auch danach verschlechtern.

Und von Kündigungen sind vor allem Beschäftigte mit Pflichtschule, Lehre oder kleinen Einkommen betroffen. In der Corona-Krise hat jeder 7. Pflichtschulabsolvent seine Arbeit verloren, dagegen nicht einmal ein Prozent der Akademiker oder Maturanten.

Gefahr ist langfristig mehr Einkommensungleichheit

„Langfristig könnten die Quarantänemaßnahmen durch die unterschiedlichen Möglichkeiten von Home-Office zu steigender Einkommensungleichheit führen“, schreiben die Wirtschaftssoziologen Kalleitner und Schiestl.

Ausgleichen könnte man das durch ein höheres Arbeitslosengeld. Denn wer jetzt die Arbeit verliert und wer sie behält, hängt offensichtlich nicht vom Arbeitseinsatz oder dem Wert der Arbeit ab, sondern in erster Linie von der Frage, ob man zur Bildungs- und Einkommenselite gehört oder nicht.

Doch ÖVP und Grüne lehnen ein höheres Arbeitslosengeld für die Zeit der Corona-Maßnahmen ab. Schließlich hat Bundeskanzler Sebastian Kurz seit der schwarz-blauen Koalition 2017 viele Hebeln in Bewegung gesetzt, um in Österreich einen Niedriglohnsektor nach deutschem Vorbild einzuführen: Seine Regierung hat Programme für ältere Arbeitslose gestrichen, die Zumutbarkeitsbestimmungen für Arbeitslose erhöht und billige Arbeitskräfte aus dem Ausland geholt, um das Lohnniveau zu drücken. Und das setzt sich auch in der Corona-Krise fort: Erntehelfer und 24-Stunden-Pflegerinnen werden eingeflogen, um ihre Arbeit zu Hungerlöhnen in Österreich erledigen zu können und Arbeitslosen wird verwehrt, dass ihr Arbeitslosengeld zumindest für die Krisenzeit erhöht wird.

Ohne Frage: Die Corona-Krise trifft alle hart. Aber manche trifft sie eben noch härter als andere. Und vor allem wird denen am meisten zugemutet, die es auch in guten Zeiten schon nicht leicht haben. So kommt es, dass vor allem Beschäftigte mit Pflichtschule, Lehre oder kleinen Einkommen von Kündigungen betroffen sind. In der Corona-Krise hat jeder 7. Pflichtschulabsolvent seine Arbeit verloren, dagegen nicht einmal ein Prozent der Akademiker oder Maturanten.

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