4-Tage-Woche

„Wir sollten als Gesellschaft ein Ziel von 30 Stunden Arbeit pro Woche haben“

Der weltweit größte Versuch zu einer Verkürzung der Arbeitszeit in Island machte international Schlagzeilen – so positiv waren die Ergebnisse. Denn es hat sich gezeigt: Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohn macht die Beschäftigten glücklicher, gesünder und produktiver – und rechnet sich wirtschaftlich. Kontrast hat mit einem der Co-Autoren des Untersuchungsberichts gesprochen, über den viel berichtet wurde.

„Ich war überrascht und beeindruckt, wie gut es lief“, sagt Guðmundur D. Haraldsson über den Versuch zur Arbeitszeitverkürzung in Island. Zwei Jahre lang hat er das weltweit größte Projekt zur Arbeitszeitverkürzung beobachtet und die Ergebnisse in einem Bericht zusammengefasst. Für ihn zeigen die Ergebnisse,  in welche Richtung sich die Gesellschaft entwickeln könnte. „Wir sollten als Gesellschaft ein Ziel von 30 bis 32 Stunden Arbeit pro Woche haben“, sagt Haraldsson zu Kontrast. Für die Menschen in Island hat sich die Lebensqualität verbessert, sie haben mehr Spaß an der Arbeit und sind produktiver. „Das war nicht völlig unerwartet, aber das Ausmaß war überraschend.“

An dem Projekt nahmen 2.500 Beschäftigte aus über 100 Unternehmen teil, sie reduzierten ihre Arbeitszeit von 40 auf 35 oder 36 Stunden im Schnitt – die Modelle waren sehr unterschiedlich. Die effektivsten Methoden waren ganz konkret auf den jeweiligen Arbeitsplatz angepasst: Etwa weniger oder kürzere  Sitzungen oder eine bessere Aufgabenverteilung zwischen den MitarbeiterInnen. Das Pflegepersonal änderte den Schichtbetrieb und manche Büros schlossen freitags früher, weil es weniger zu tun gab.

Der Versuch war so erfolgreich, dass nun generell die Arbeitszeiten verkürzt wurden. Heute haben 86 Prozent der isländischen Beschäftigen kürzere Arbeitszeiten oder zumindest das Recht, ihre Arbeitszeit zu verkürzen – bei vollem Lohn. Das hat die Gewerkschaft in Island durchgesetzt. Die Kosten für das Projekt waren im Vergleich zu anderen Ausgaben der Regierung nicht sehr hoch – „geschweige denn, wenn man es mit den Ausgaben der Coronakrise vergleicht“, erklärt der Studienautor. Aber eines ist wichtig: „Es müssen immer Menschen, Gewerkschaften und Parteien aktiv werden, um kürzere Arbeitszeiten zu erreichen.“

Kontrast: Guðmundur D. Haraldsson, Sie sind Vorstandsmitglied und Forscher des isländischen Think Tanks Alda – Association for sustainable democracy. Wie kam es, dass Sie in Kooperation mit dem britischen Think Tank Autonomy die Versuche zur Arbeitszeitverkürzung in Island untersucht haben? 

Guðmundur D. Haraldsson: Wir bei Alda beschäftigen uns vor allem mit Themen wie Demokratie und Nachhaltigkeit. Eines der Themen, die wir in Island viel diskutieren und auf die wir uns konzentrieren wollten, sind kürzere Arbeitszeiten. Denn kürzere Arbeitszeiten ermöglichen den Menschen eine tiefergehende Beteiligung an der Demokratie und generell mehr Zeit für sich selbst und ihre Familien. Kürzere Arbeitszeiten sind aber auch ein Schlüssel zu einer nachhaltigeren Wirtschaft.

Dieses Projekt haben wir in Angriff genommen, weil wir auf der ganzen Welt bekannter machen wollten, was bei den Versuchen zur Arbeitszeitverkürzung herausgekommen ist. Die Regierung, der Stadtrat und die Gewerkschaften haben mit diesen Versuchen begonnen und wir haben die Versuche ausgewertet und schnell bemerkt, dass wir die Ergebnisse außerhalb von Island bekannt machen müssen. Wir beleuchten darin die Methoden zur Arbeitszeitverkürzung, die Erfahrungen der Menschen und die Produktivitätsaspekte.

Wir dachten, die Ergebnisse sind so positiv, dass sie für eine fruchtbare Diskussion über kürzere Arbeitszeiten auf der ganzen Welt wichtig sind.

Deshalb haben wir das aufgegriffen und beschlossen, einen Bericht zu schreiben.

Kontrast: Was haben Sie sich von den Ergebnissen erwartet, gab es Überraschungen? 

Haraldsson: Ich war überrascht und beeindruckt, wie gut es lief. Ich war mir am Anfang des Versuchs nicht sicher, was ich erwarten sollte, aber nach einiger Zeit war klar: Es funktioniert echt gut und zeigt, in welche Richtung sich die Gesellschaft entwickeln könnte. Wir waren überrascht, wie enorm positiv sich die kürzeren Arbeitszeiten auf das Leben der Menschen auswirkten, die an diesem Versuch teilnahmen.

Viele Menschen konnten ihre Work-Life-Balance verbessern und hatten mehr Spaß bei der Arbeit. Das war nicht völlig unerwartet, aber das Ausmaß war überraschend. 

Kontrast: Die Versuche konzentrierten sich auf den öffentlichen Sektor, was bedeuten Ihre Ergebnisse für den privaten Sektor? Glauben Sie, dass eine Arbeitszeitverkürzung ohne Lohnkürzung in anderen Sektoren möglich ist, wie zum Beispiel im privaten Dienstleistungssektor? 

Haraldsson: Ja, es gibt definitiv Ergebnisse aus dieser Studie, die auch für die Privatwirtschaft relevant sind. Vieles von dem, was in der Privatwirtschaft geschieht, entspricht dem, was im öffentlichen Sektor geschieht. Private Unternehmen können auf jeden Fall Einiges aus dem Bericht nutzen, insbesondere die Methoden zur Verkürzung der Arbeitszeit. 

Kontrast: Eines der Hauptargumente in Ihrem Bericht ist das Produktivitätsniveau, das fast gleich bleibt oder sogar steigt, wenn die Menschen ein paar Stunden weniger arbeiten. Aber wie sieht es zum Beispiel im Pflegesektor aus? Dort sind Produktivitätseffektive nicht in dieser Form möglich und kürzere Arbeitszeiten erhöhen die Personalkosten …

Haraldsson: In vielen Fällen, wie zum Beispiel im Gesundheitswesen, würde man tatsächlich mehr Personal benötigen. Und das würde natürlich Geld kosten. Aber das ist etwas, was wir sowieso tun müssen. Der Gesundheitssektor und der Pflegesektor stehen unter großem Druck. Darüber muss jede Gesellschaft diskutieren. Wenn wir die Lebensqualität der Menschen erhöhen wollen, die im Gesundheitswesen arbeiten, dann sollten wir dieses Geld investieren. Dabei geht es um Lebensqualität, aber auch generell um die Wirtschaft. Denn der Pflegesektor trägt dazu bei, andere Wirtschaftszweige zu unterstützen.

Man könnte auch argumentieren, dass wir dadurch am Ende Geld sparen. Denn selbst wenn wir anfangs mehr Geld in den Sektor stecken, um die Arbeitszeit zu verkürzen, könnten wir das Pflegepersonal vor Burn-outs und Überlastung bewahren. Wenn Personen aufgrund der hohen Arbeitsbelastung krank werden oder den Job wechseln, muss man ja immer wieder neues Personal ausbilden. Langfristig gesehen könnte man auf diese Weise viel Geld sparen, weil die Leute länger in der Pflege arbeiten. Diese Argumente sind es, die wir diskutieren sollten.

Denn gerade der Pflege- und Gesundheitssektor steht unter enormem Druck – und das schon seit langer Zeit, schon vor der Coronapandemie.

Kontrast: In der Studie haben die Menschen eine unterschiedliche Anzahl von Stunden reduziert, zwischen einer und mehreren Stunden. Gibt es eine ideale Arbeitszeitverkürzung? 

Haraldsson: Wir sollten als Gesellschaft ein Ziel von 30 bis 32 Stunden Arbeit pro Woche haben. Wir sollten Strategien und Methoden entwickeln, damit das erreicht werden kann. Es wird Zeit und Geduld brauchen, aber wenn wir das zu einem gesellschaftlichen Ziel erklären und daran arbeiten, können wir das natürlich schaffen. Es bedeutet eine Menge Veränderungen, aber das sind keine schlechten Veränderungen. 

Kontrast: In Ihrem Bericht heißt es, dass aufgrund der Studie inzwischen 86 % der gesamten isländischen Erwerbsbevölkerung entweder zu kürzeren Arbeitszeiten übergegangen ist oder das Recht darauf erhalten hat. Wie erklären Sie sich diese Auswirkungen? 

Haraldsson: Der Grund ist, dass die Gewerkschaften in Island Verträge ausgehandelt haben, die dies ermöglichen. Der gewerkschaftliche Organisationsgrad in Island liegt bei etwa 90 %, das heißt der größte Teil der Bevölkerung ist auf die eine oder andere Weise gewerkschaftlich organisiert. Die Studie hat ihnen dabei geholfen, kürzere Arbeitszeiten oder das Recht darauf zu bekommen. Es war eine Art kollektiver und organischer Prozess. 

Kontrast: Gab es in Island auch eine Diskussion darüber, entweder die Arbeitszeit zu verkürzen oder einen höheren Lohn zu erhalten, dass aber beides zusammen nicht geht? 

Haraldsson: Darüber gab es auf jeden Fall eine Diskussion. Die Arbeitgeber haben ziemlich stark darauf bestanden. Sie waren nicht der Meinung, dass man beides machen kann. Dies wurde aber bereits durch frühere Studien widerlegt, zum Beispiel in den 80er Jahren in Deutschland, wo beides gemacht wurde. Bislang hat es trotz der Umstellung auf kürzere Arbeitszeiten keine signifikante Inflation durch kürzere Arbeitszeiten gegeben. Auch wenn die Menschen teilweise sowohl Lohnerhöhungen als auch kürzere Arbeitszeiten erhielten. Es gab definitiv eine Diskussion darüber, aber unsere Erfahrung zeigt, dass dies letztendlich kein großes Problem darstellt. Allerdings sollte angemerkt werden, dass die Arbeitszeitverkürzung in den Verträgen vieler Leute moderat war. 

Gudmundur D. Haraldsson hat die Studie in Island zur Arbeitszeitverkürzung mitverfasst.

Kontrast: Sind Ihre Erkenntnisse auf andere Länder übertragbar? Welche Ratschläge würden Sie der österreichischen Regierung oder den Unternehmen geben? 

Haraldsson: Ich kann niemandem spezifische Ratschläge geben, weil die Länder und Situationen oft sehr unterschiedlich sind. Ich würde jedoch jeden dazu ermutigen, über kürzere Arbeitszeiten in einem größeren Maßstab nachzudenken, Versuche durchzuführen und sich mit einer möglichen Umsetzung zu befassen. Denn dies ist eine gesellschaftliche Frage, keine individuelle. Es ist nicht wirklich eine Frage des Einzelnen, die Arbeitszeiten zu bestimmen. Unser Wirtschaftssystem funktioniert meistens nicht so. Ich möchte jeden ermutigen, darüber nachzudenken.

Die Kosten sind etwas, wovor die Leute oft Angst haben, aber dieses Geld ist gut angelegt. Es ermöglicht den Menschen eine höhere Lebensqualität, zum Beispiel dem Gesundheitspersonal.

In Island wurde zusätzliches Geld für die Aufstockung des Personals im Pflegesektor bereitgestellt. Dieser Betrag war im Vergleich zu den sonstigen Ausgaben der Regierung nicht sehr hoch – geschweige denn, wenn man es mit den Ausgaben der Coronakrise vergleicht.

Letztendlich ist es vielleicht kein großer Kostenanstieg, selbst wenn man es in großem Umfang macht. Die Studien zeigen, dass es oftmals sogar kostenneutral ist. 

Kontrast: Es gibt eine ganze Reihe von Studien in verschiedenen Ländern, die die Vorteile der Arbeitszeitverkürzung aufzeigen. Warum ist es Ihrer Meinung nach immer noch so schwierig, die Arbeitszeitverkürzung in großem Umfang zu erreichen? Was ist Ihre Prognose für die Zukunft der europäischen Länder? 

Haraldsson: Wenn wir es schaffen, kürzere Arbeitszeiten als gemeinsames Ziel zu definieren, das wir anstreben, dann ist meine Prognose gut. Aber das wird nicht automatisch passieren. Die Erfahrungen der Vergangenheit zeigen: Es müssen immer Menschen, Gewerkschaften und Parteien aktiv werden, um dies zu erreichen.

Kontrast: Glauben Sie, dass die Corona-Pandemie diese Art von Veränderungen erleichtert oder erschwert hat? 

Haraldsson: Vielleicht hat uns die Pandemie gelehrt, dass sich die Dinge sowohl zum Guten als auch zum Schlechten verändern können. Wir haben gesehen, dass sich viele Dinge tatsächlich ändern können. Aber wir brauchen ein gewisses Maß an Überlegung und Entschlossenheit, um positive Veränderungen zu erreichen. 

Kontrast: Ihr Bericht und die Ergebnisse der Studien wurden in vielen internationalen Zeitungen auf der ganzen Welt veröffentlicht – gibt es etwas, das Sie der Diskussion hinzufügen möchten? 

Haraldsson: In vielen Zeitungen wurde viel über die 4-Tage-Woche berichtet. Aber die Arbeitszeiten waren unterschiedlich reduziert. Wir müssen die Arbeitszeit nicht an einem bestimmten Tag in der Woche verkürzen. Wenn das eine Option ist und die Leute das wollen, dann ist das in Ordnung. Aber wir sollten uns nicht darauf festlegen, dass wir die Arbeitszeit am Freitag oder Montag verkürzen müssen. Wir könnten es über die Tage verteilen, wir könnten es jede zweite Woche machen, so etwas in der Art. Einige Arbeitnehmer in Island haben jeden zweiten Freitag frei und das scheint ganz gut zu funktionieren. Wir müssen also flexibel sein und uns überlegen, wie die Arbeitszeiten am konkreten Arbeitsplatz gestaltet werden können.

Kontrast: Vielen Dank für das Gespräch! 

„Wir sollten als Gesellschaft ein Ziel von 30 Stunden Arbeit pro Woche haben“

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martin
martin
7. Oktober 2021 14:42

Seid 40 Jahren gab es keine nennenswerte AZV! Warum wohl? Na weil unserer ÖGB im „RUHESTAND“ ist!
Eine 30 Wochenstunde mit einem Lohn von 2208.30€ NETTO, das wäre gerecht! Da gibt es keine Armut und Arbeitslosigkeit mehr. Aber nicht erst 2023 sondern schon 2022, da ist das Geld schon wieder WENIGER!

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