"Graue Wölfe" in Österreich

Was türkische Nationalisten mit Rechtsextremen in Österreich gemein haben

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Exerzierende Kinder und Jugendliche, die den „Wolfsgruß“ zeigen: Diese Bilder sind durch die Medien gegangen. Verantwortlich für einige davon sind die „Grauen Wölfe“. Wer sind diese Leute und welche Ziele verfolgen sie? Wir haben mit Thomas Rammerstorfer gesprochen. Er ist Extremismus-Experten und Kenner der türkisch-nationalistischen Szene in Österreich.

In den letzten Tagen mehrten sich Skandale um türkische Nationalisten. Besonders auffällig sind die sogenannten „Grauen Wölfe“. Wer sind die und was tun die?

Rammerstorfer: „Graue Wölfe“ ist ein Überbegriff für türkisch-nationalistische Rechtsextreme. Meist sind sie AnhängerInnen der Partei MHP, die in Österreich die ca. 25 Vereine der „Turk Federasyon“ organisiert. Es gibt aber auch Abspaltungen und „unorganisierte“ Graue Wölfe. Ihr Ziel ist „Turan“, ein Reich, in dem alle Turkvölker vereint leben. Es ist großdeutschen oder panslawischen Vorstellungen recht ähnlich.

Wie ordnet man die „Grauen Wölfe“ politisch genau ein? Wie stehen sie zum politischen Islam?

Rammerstorfer: Ursprünglich waren die „Grauen Wölfe“ sogar gegen den Islam. Man bezog sich eher auf vor-islamische Religionen (Tengrismus). In den letzten Jahrzehnten haben sie sich aber mehr und mehr „islamisiert“. Sie treten in der Türkei selbst je nach Region unterschiedlich auf. In den ländlichen Gebieten gibt man sich islamistisch, in den Großstädten der Westtürkei eher säkular.

Wie sind die „Grauen Wölfe“ in der Türkei organisiert? Wie stehen sie zu Erdogan?

Rammerstorfer: Die „Grauen Wölfe“ sammeln sich in der MHP, der „Partei der Nationalistischen Bewegung“. Die MHP hatte bei der letzten Wahl 2015 nur mehr 11,9 % erreicht. Außerdem hat sich der säkularere Flügel abgespalten, was ihnen auch zugesetzt hat. Mittlerweile ist unwahrscheinlich, dass sie alleine noch die 10 %-Hürde für einen Einzug in die Große Nationalversammlung schaffen. Darum hat sie sich der AKP untergeordnet und kandidiert mit ihr gemeinsam. Das bedeutet sichere Plätze im Parlament. Gleichzeitig hat sich die AKP auch immer weiter den „Grauen Wölfen“ angenähert. Es gibt inhaltlich kaum noch Unterschiede. Die AKP wird immer nationalistischer. Beide Parteien schwadronieren von einem neuen türkischen Großreich. Beide forcieren den Krieg gegen die KurdInnen. Die „Grauen Wölfe“ haben auch stark an Einfluss bei wichtigen Stellen gewonnen – vor allem bei den Sicherheitskräften. Das ist ein großes Problem.

Nach den letzten Skandalen hört man in den Medien nun immer wieder vom Vereinen wie: „ATIB“ oder der „Türkischen Föderation“. Wer sind die genau?

Rammerstorfer: Die „Föderation“ ist der Dachverband der MHP, also klar den „Grauen Wölfen“ zuzuordnen. Bei ATIB ist das etwas schwieriger, die unterstehen der türkischen Religionsbehörde und damit der AKP-Regierung. Dennoch kann man nicht pauschal sagen, dass alle dort AKP-AnhängerInnen sind. Es ist ja auch in der Kirche nicht immer zwangsläufig so, dass alle Gläubigen die Einstellung des jeweiligen Bischofs teilen.

Die türkische Community ist ja vielfältig. Gibt es Konflikte zwischen den einzelnen Gruppen?

Rammerstorfer: Nun, „die eine“ türkische Community gibt es ja nicht, das ist  komplexer. Das sind mehrere unterschiedliche Gemeinschaften und natürlich gibt es viele, die in kleineren Gruppen oder gar nicht organisiert sind. Viele sind auch einfach in mehrheits-österreichischen Vereinen aktiv. Dementsprechend geht man sich aus dem Weg. Aber natürlich haben bekennende Linke oder KurdInnen Angst vor Übergriffen von „Grauen Wölfen“, AKP-lern etc. Das größte Problem meiner Meinung nach ist die Angst, ausspioniert zu werden, und – etwa bei AKP-kritischen Äußerungen – bei einer Einreise in die Türkei Probleme zu bekommen. Darum passieren ja Dinge wie der Fall Deniz Yücel: Damit signalisiert Erdogan, dass es ihm egal ist, wer ein Kritiker ist. Wer sich gegen die AKP stellt, dem droht Gefängnis oder Schlimmeres. Die Angst ist groß, beim nächsten Besuch der kranken Mutter in der Türkei Probleme zu bekommen. Aktivitäten gibt es deswegen auch vor allem von denen, die ohnehin nicht mehr in die Türkei fahren können: Etwa, weil sie der kurdischen Autonomiebewegung nahestehen.

Laut Medienberichten rekrutieren die „Grauen Wölfe“ Jugendliche der zweiten und dritten Generation. Wie kommt es, dass gerade jene sich in diesen Vereinen organisieren, die nicht in der Türkei aufgewachsen sind?

Rammerstorfer: Ob die zweite oder dritte Generation: Für die österreichischen Rassisten und die türkischen Nationalisten gilt: Türken bleiben immer Türken. Da sind sich beide Spektren unheimlich einig. Die „Grauen Wölfe“ sagen den Kids, dass sie zur stärksten Nation der Welt gehören. Das hören ausgegrenzte, gedemütigte Burschen natürlich gerne. Sie geben ihnen Wert.

Wenn Sie eine Wunschliste schreiben könnten: Was müsste die Politik tun?

Rammerstorfer: Da gibt es viele Wünsche. Angefangen mit Maßnahmen, die die soziale Durchmischung fördern wie z.B. der Gesamtschule und dem Ende der ethnischen Segregation in den Wohnvierteln. Kurzfristig würde ein Ende der Unterstützung dieser Vereine helfen. Stattdessen sollten demokratische Organisationen und Medienprojekte finanziert werden.

Thomas Rammerstorfer hat sich intensiv mit den Umtrieben von türkischen Nationalisten beschäftigt. Sein Buch Graue Wölfe, Türkische Rechtsextreme und ihr Einfluss in Deutschland und Österreich ist im April 2018 erschienen. Mehr über ihn und sein Buch gibt es hier.

 

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