Tierschutz

Der Wahnsinn des Tier-Exports: Von Österreich, nach Spanien über den Libanon auf die Schlachtbank

Foto: Unsplash/Annie Spratt

In Österreichs Milchwirtschaft läuft etwas schief: Kälber werden mit LKWs über 2.000 km in eine spanische Hafenstadt gekarrt, um von dort per Schiff in den Nahen Osten zur Schlachtung zu gelangen. Oftmals wird dabei gegen Gesetze verstoßen – die Regierung bleibt tatenlos.

Österreichs Milchwirtschaft boomt: Eine halbe Million Milchkühe produzieren jedes Jahr 1,1 Milliarden Liter Milch. Damit kann Österreich seinen Bedarf zu 178 Prozent decken – die Überschüsse gehen in den Export. Diese Mengen sind nur durch eine Hochleistungs-Agrar-Industrie möglich: Heute gibt eine durchschnittliche Kuh um 20 Prozent mehr Milch als noch im Jahr 2007. Das bleibt nicht ohne Folgen: Kleine landwirtschaftliche Betriebe verschwinden, große Agrarunternehmen nehmen ihren Platz ein. Für die Tiere bedeutet diese Entwicklung großes Leid: Jede der etwa 500.000 Milchkühe muss jährlich ein Kalb gebären, um weiter Milch zu geben. Die weiblichen Kälber kommen dann meistens erneut in die Milchproduktion – die männlichen hingegen sind in diesem System nicht zu gebrauchen. Ihr Fleisch wird in Österreich nicht nachgefragt. Schließlich stammen sie aus einer Zucht, die hohe Milchproduktion fördert und das geht meist zulasten der Fleischqualität. Für sie beginnt oftmals eine qualvolle Reise.

Tiertransporte: 2.000 km per LKW von Österreich nach Spanien

Die Agrarunternehmen exportieren die „überzähligen“ männlichen Rinder. Häufiger Abnehmer sind Schlachtbetriebe im Nahen Osten. Dazu werden die Jungbullen zuerst in LKWs gepfercht und bis an den 2.000 Kilometer entfernten Hafen von Cartagena in Spanien transportiert. Der Hafen ist für außenstehende Personen nicht zugänglich. Der Verein gegen Tierfabriken (VGT) berichtet von katastrophalen Bedingungen beim Verladen der Tiere auf die Transportschiffe. Sie müssen das Treiben mit harten Stöcken und Elektroschocks, teilweise sogar ins Gesicht, aushalten. Die steilen Rampen zu den Schiffen rutschen sie immer wieder herunter und scheuen vor der Dunkelheit im Schiff zurück.

Die meisten Tiere werden jedoch nicht sofort verladen. LKWs werden zum Teil auf einem Parkplatz in der Nähe des Hafens abgestellt. Die Tiere müssen bis zu ihrer Verladung darin verharren. Sie leiden unter der Hitze. Die Ventilatoren und die Wasserversorgung werden oft nicht eingeschaltet. Stroh gibt es meist nicht. Darum bilden sich unter den Füßen der Rinder Seen aus Kot und Urin. Dieser Vorgang dauert mehre Tage. Insgesamt werden rund 2.000 Tiere auf ein derartiges Schiff gezwängt.

900 Rinder nach zweieinhalb Monaten Irrfahrt notgeschlachtet

Per Schiff werden die Jungbullen dann in ihre Zielhäfen im Libanon, der Türkei oder Israel verfrachtet. Das dauert mehrere Tage bis Wochen. In dieser Zeit liegen die Tiere in ihren eigenen Fäkalien und sind dem ständigen Motorenlärm und der Hitze ausgesetzt. Tote Tiere werden zersägt und ins Meer geworfen, berichtet der VGT.

Es gibt Fälle, in denen dieses Leid noch deutlich länger andauerte als eigentlich vorgesehen. Das zeigt etwa der Fall des Frachters „Karim Allah“. Das Schiff machte sich am 18. Dezember 2020 auf den Weg von Cartagena nach Istanbul. Dann begann eine wahre Irrfahrt: Der Hafen von Istanbul verweigerte die Verladung, weil es einen Verdacht auf die Blauzungenkrankheit gab. Das Unternehmen schickte den Frachter weiter nach Libyen, um die Tiere dort zu verkaufen.

Doch auch dort wurde die Abnahme verweigert. Auf dem Weg wurde das Futter knapp. Man versuchte in Tunesien sein Glück, doch weder wurden die Tiere abgenommen, noch konnte Futter gekauft werden. Erst in Sizilien konnte Nahrung an Bord geholt werden – zuvor hatten die Tiere drei Tage lang nichts zu essen. Ihre Odyssee endete schließlich nach zweieinhalb Monaten im März 2021. Das Schiff dockte wieder in Cartagena an und die rund 900 Tiere wurden notgeschlachtet.

Der Lebendtransport ist billiger als die Schlachtung in Österreich

Dieses immense Tierleid wird durch das Profitstreben der Agrar-Konzerne verursacht. Sie könnten die Tiere auch vor den Transport schlachten. Für die Unternehmen ist es aber schlicht billiger, die lebenden Tiere ohne Kühlung zu transportieren. Für höhere Profite müssen die Tiere leiden.

„Tiere sind keine Waren, die wochen- und monatelang in engen Frachtschiffen transportiert werden können. Die Tiere leiden unweigerlich immense Qualen. Die Skandale der letzten Jahre zeigen deutlich, wie marod nicht nur diese Schiffe, sondern die gesamte Milchindustrie ist, die kleine Kälber wie Abfall entsorgt. Europa muss sich als exportierendes Land dieser Verantwortung stellen und diese Transporte sofort und endgültig stoppen!“, fordert die VGT-Campaignerin Ann-Kathrin Freude.

Viele Tiertransporte verstoßen gegen geltendes EU-Recht

Tatsächlich wären manche dieser Transporte bereits jetzt illegal. Schon 2009 stellte die EU-Kommission klar, dass der Ferntransport von Kälbern unter zwei Monaten nicht erlaubt ist. Der Grund: Zu diesem Zeitpunkt sind die Jungtiere noch nicht von der Milch entwöhnt und können deshalb auf der Reise nicht versorgt werden. Ein Transport von Kälbern darf nicht länger als 8 Stunden dauern. Diese Begrenzung wird aber oft ignoriert. Der Verein gegen Tierfabriken dokumentierte einen derartigen Fall: Ein Tiertransporter in Bergheim bei Salzburg wurde bis nach Vic in Spanien gefahren. Die Reise dauerte für die Kälber über 22 Stunden. Fast das Dreifache der gesetzlichen Beschränkungen. Während der ganzen Strecke wurden die Kälber nicht versorgt, geschweige denn für Pausen entladen.

Tiertransporte Österreich

Rinder auf der Weide, wie es sein sollte. (Foto: Unsplash/Kylee Alons)

ÖVP blockiert beim Tierschutz weiter

Strengere Gesetze darf man sich von der Regierung nicht erhoffen. Hier blockiert vor allem die ÖVP, die seit 1987 durchgehend den Landwirtschaftsminister stellt. In der Nationalrats-Debatte zum Volksbegehren „Stoppt Lebendtiertransporte“ äußerte sich für die ÖVP Josef Hechenberger, Landwirtschaftskammer-Präsident von Tirol. Er meinte, es dürfe nicht passieren, dass vor lauter Tierschutz die Produktion ins Ausland verlagert werde und Österreich sich damit, ähnlich wie bei der Energie, auch bei den Lebensmitteln von anderen Staaten abhängig mache.

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