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Verschwiegener Konflikt: Westsahara kämpft seit mehr als 50 Jahren für die Unabhängigkeit

Seit November 2020 kocht ein militärischer Konflikt in der Westsahara wieder auf. Seit 1975 wird das Gebiet von Marokko besetzt und die sahrauische Unabhängigkeitsbewegung will einen eigenen Staat gründen. Das Gebiet an der Nordwestküste Afrikas besteht, anders als in europäischen Vorstellungen, nicht bloß aus Sand: Es ist eines der rohstoffreichsten Gebiete der Welt mit großen Gold- und Phosphor-Reserven. Kontrast hat zwei junge Unabhängigkeits-AktivistInnen getroffen, für die das Gebiet die Welt bedeutet. Wir haben mit ihnen über die Geschichte der umkämpften Region, die Rolle Europas und die aktuelle Situation gesprochen.

Darak Abdelfatah Ubbi hat ihr ganzes Leben in einem Flüchtlingslager in Algerien verbracht – ihre Großmutter lebt im von Marokko besetzten Gebiet der Westsahara – auch sie konnte sie niemals besuchen. Sie reist mit Hamdi Aomar Taubali durch 22 verschiedene europäische Länder, um auf die Situation in ihrer Heimat aufmerksam zu machen. Sie nennen sich Bruder und Schwester. Beide sind AktivistInnen Frente Polisario (aus dem spanischen „Frente Popular de Liberación de Saguía el-Hamra y Río de Oro“, „Volksfront zur Befreiung von Saguía el-Hamra und Río de Oro“). Die beiden in dem Namen genannten Regionen bilden zusammen die Westsahara. Auf ihrer Reise konnte auch Kontrast mit ihnen sprechen.

Die Geschichte des Konfliktes in der Westsahara

„In den letzten fünf Tagen haben wir zwei Freunde verloren.“

Hamdi spricht über den seit November 2020 neu aufgeflammten Konflikt zwischen der Frente Polisario und der marokkanischen Regierung. Um die Auseinandersetzung zu verstehen, müssen wir in die Zeit zurückspringen. Darak erklärt geduldig die Geschichte ihres Landes, die sie wohl schon hundert Mal erzählen musste, weil sie kaum ein Europäer kennt. „Es ist wichtig zu verstehen, dass die Westsahara bis 1975 eine spanische Kolonie war.“ Spanien war damals noch kein demokratischer Staat, sondern eine faschistische Diktatur unter der Führung von Francisco Franco. Auf internationalen Druck versprach Spanien 1967 ein Referendum über den Status der Westsahara abhalten zu wollen, zögerte es aber mehre Male hinaus. Eine Masche, die die Sahrauis später in ihrer Geschichte nochmals erleben müssen.

1973 gründete sich die Frente Polisario und begann einen Aufstand, um das Ende der Kolonialherrschaft und die Unabhängigkeit der Westsahara zu erreichen. Zwei Jahre später verließen die Spanier die Westsahara und das Ziel der Sahrauis war zum Greifen nahe. Doch es kam anders.

Marokko spitzte schon länger auf das rohstoffreiche Gebiet. Politische Gruppen, die die Schaffung eines „Großmarokkos“, das die gesamte Westsahara, Mauretanien sowie Teile Malis und Algeriens umfasst, forderten, wurden immer einflussreicher. Um die Ansprüche durchzusetzen, rief König Hassan II. sein Volk noch vor dem Abzug der Spanier zum sogenannten „grünen Marsch“ auf. Dabei handelte es sich um die organisierte Überquerung der Grenze zu „Spanisch-Sahara“ von 350.000 größtenteils unbewaffneten MarokkanerInnen mit Unterstützung des Militärs. Die Aktion setzte Spanien unter Druck und führte zu Verhandlungen zwischen Spanien, Marokko und Mauretanien über das Gebiet der Westsahara. Vertreter der Bevölkerung Westsaharas saßen dabei nicht auf dem Tisch. Trotzdem wurde eine Lösung präsentiert: Marokko besetzte rund zwei Drittel der Fläche, Mauretanien bekam ein Drittel im Süden.

15 Jahre Krieg für eine Demokratische Arabische Republik Sahara

Die Frente Polisario reagierte und rief ihrerseits 1976 die „demokratisch arabische Republik Sahara“ aus. Was folgte, war ein Krieg, der bis 1991 andauerte und zur Flucht von Hunderttausenden Menschen führte. Vor allem von Marokko wurde der Krieg mit besonderer Härte geführt. So kam es etwa zum Einsatz von Napalm. 1979 verließ Mauretanien die Westsahara, doch Marokko verleibte sich auch dieses Gebiet ein. Der Frente Polisario gelang es wiederum rund 30 Prozent des Landes unter ihre Kontrolle zu bringen. Die marokkanische Regierung trennte dieses Gebiet durch eine 2.700 km langen Grenzwall von ihrer Zone ab. 1991 wurde ein Waffenstillstand vereinbart und Marokko versprach ein Referendum über die Unabhängigkeit der Westsahara durchzuführen. Das kam 30 Jahre lang nicht zustande.

Diese Situation wurde zur Normalität für die Bevölkerung der Westsahara. Insgesamt gibt es zwischen 500.000 und einer Million Sahrauis – die Zählung ist schwierig, denn sie leben verteilt auf fünf Flüchtlingslager in Algerien (rund 176.000), in der Diaspora (vor allem in Spanien und Kuba), in dem von der Frente Polisario verwalteten Gebiet und dem von Marokko kontrollierten Territorium (bis zu 500.000). Die fünf großen Flüchtlingscamps in Algerien entwickelten sich zu Flüchtlingsstädten, die von den Bewohnern selbst verwaltet werden.

„Wir haben sie nach den fünf großen Städten unseres Landes benannt, damit die Bewohner nicht vergessen, was ihre eigentliche Heimat ist,“ erklärt Hamid.

Kinder wurden in diesen Lagern geboren, ginge zur Schule und sind heute dreißig Jahre alt, ohne je ihre Großeltern in den von Marokko besetzen Gebieten zu sehen. Eine von ihnen ist unsere Gesprächspartnerin Darak. Sie erzählt uns von dem Moment, als sie das erste Mal verstanden hat, dass nicht alle Menschen auf dieser Welt in Flüchtlingslagern leben:

„Als ich sechs Jahre war, durfte ich an einem spanischen Austauschprogramm teilnehmen und den Sommer mit einer spanischen Familie verbringen. Bis dahin dachte ich, das Leben sieht einfach so aus: Jeder lebt immer am gleichen Ort, es gibt keine Schwimmbäder oder schöne Häuser. Als ich 2000 nach Spanien geflogen bin, hatte ich zuvor noch nie ein Flugzeug gesehen, noch nie einen Strand. Damals habe ich verstanden, dass ich in einer großen Lüge lebe. Dass die Flüchtlingslager komplett getrennt sind vom Rest der Welt. Damals habe ich meine Verantwortung als Saharue verstanden.“

Das Land ist reich – aber die Bevölkerung arm

Die 30 Jahre des Friedens bzw. des Wartens auf das Referendum waren für Marokko und europäische Unternehmen eine ertragreiche Zeit. In der Westsahara befinden sich die größten Phosphat-Vorkommen der Welt – eine der wichtigsten Ressourcen für die moderne Landwirtschaft, da die meisten Düngemittel darauf basieren. Das Meer des Landes zählt zu den drei ergiebigsten Fischereigebieten der Welt. Außerdem wurden reiche Vorkommen von Diamanten, Gold und Uran sowie Kupfer, Nickel, Zink, Blei und Kobalt gefunden. Auch Erdöl und Gas Reserven sollen vor der Küste Westsaharas liegen, konnten aber aufgrund des Konfliktes noch nicht erschlossen werden.

Fest steht das Land ist, unfassbar reich an Rohstoffen, doch die Bevölkerung profitiert kaum davon.

„Wir könnten eines der reichsten Länder der Welt sein. Wir könnten uns mit Katar messen. Doch unsere reichen Rohstoffvorkommnisse kommen der Bevölkerung nicht zu gute. Europäische Firmen beuten die Ressourcen ab und schließen dazu Verträge mit Marokko ab. Wir Sahrauis haben nichts davon,“ zeigt Hamid auf.

Europäische Konzerne profitieren

Verfolgt man die Spuren der Rohstoffe, sieht man recht deutlich, wer vom Status quo in der Westsahara profitiert. Siemens macht dort Geschäfte mit erneuerbaren Energien, HeidelbergCement aus Deutschland führt im von Marokko besetzten Gebiet eine Zementfabrik, die Continental AG  ist in Geschäfte mit Phosphat-Mienen involviert. Vor allem Frankreich, als alte Kolonialmacht Marokkos, profitiert laut Darak:

„Jedes Mal beteuert die UNO und die EU, dass es ein Referendum über die Unabhängigkeit der Westsahara geben muss. Seit 30 Jahren versprechen uns das alle. Doch im Sicherheitsrat der UNO blockiert Frankreich das Referendum. Sie haben kein Interesse an unserer Unabhängigkeit. Das ist eine Schande auch für die EU. Was nützt es, sich Menschenrechte auf die Fahne zu schrieben und sie sofort zu vergessen, wenn es den Profitinteressen zuwiderläuft?“

Doch die Verhandlungen spießen sich auch wegen unterschiedlicher Vorstellungen über das Format des Referendums: Die Frente Polisario will nur jenen ein Stimmrecht geben, die vor 1975 in der Westsahara lebten und deren Nachkommen. Marokko will hingegen die Bevölkerung, die in der Westsahara lebt, befragen. Also auch jene 100.000 MarokkanerInnen die mittlerweile dort angesiedelt sind. Diese 100.000 Stimmen könnten den Ausgang des Referendums entscheiden.

Im November 2020 brach erneut Krieg aus

Im November 2020 eskalierte schließlich die Lage. Die marokkanische Armee ist in die von der Frente Polisario kontrollierte Zone in dem Gebiet nahe der Stadt Guerguerat im äußersten Südwesten der Westsahara eingedrungen. Grund dafür soll die Blockade einer Straße zwischen Marokko und Mauretanien durch SympathisantInnen der Polisario gewesen sein, um auf ihre Anliegen aufmerksam zu machen.

Der Vorfall zeigt, wie wichtig die Westsahara nicht nur monetär, sondern auch strategisch für Marokko ist. Letztlich geht es für Marokko um den Zugang zum Rest Afrikas: Algerien hat die Grenzen dichtgemacht – damit führte der einzige Landweg zum Rest Afrikas für marokkanische Güter über die Westsahara. Marokko nutze die Lage wohl auch deshalb, um die eigenen Stellungen bis an die mauretanische Grenze zu verschieben und das Polisario-Gebiet zu verkleinern. Daraufhin startete die Polisario laut eigenen Angaben Artillerie-Angriffe auf marokkanische Stellungen. Marokko dementierte angegriffen worden zu sein, auch wenn die Attacken von den Vereinten Nationen bestätigt wurden. So sehr will das Königreich, dass die Welt nichts von dem Konflikt erfährt.

 

September 2021: EU-Marokko-Abkommen annulliert, „Sieg“ der Saharaui

Am 29. September hat das Gericht der Europäischen Union (EuG) das EU-Marokko-Abkommen zu Handel und Fischerei gekippt. Warum betrifft das nun die Westsahara? Es ist so, dass in diesen Abkommen zwischen der EU und Marokko auch die Rohstoffe der Westsahara miteingeschlossen werden sollten. Dass das nicht Rechtens ist, und die „Zustimmung des Volkes der Westsahara“ fehle, hat nun der EuG entschieden.

Die Organisation Western Sahara Resource Watch wertete das Urteil als „bedeutenden Sieg für das Volk der Westsahara“. Auch Andreas Schieder, SPÖ-Europaabgeordneter und Vorsitzender der interfraktionellen Westsahara-Gruppe im EU-Parlament, sieht in dem Urteil ein wichtiges Signal. Seit Jahrzehnten würden die Anliegen der Bewohner der Westsahara von der marokkanischen Besatzungsmacht ignoriert und an den Rand gedrängt. „Der EuG stellt unmissverständlich klar, es muss endlich mit den Menschen und nicht über sie geredet und entschieden werden“, so Schieder. Er forderte weiter die EU auf, den Druck auf Marokko zu verstärken, gerade wenn es um Wirtschaftshilfen oder Fischereirechte gehe. „Das saharauische Volk hat sich endlich mehr Selbstbestimmung verdient.“

 

Dieser Artikel ist auch in englischer Sprache auf scoop.me verfügbar und kann frei vervielfältigt werden.
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rudi tammer
rudi tammer
23. September 2021 15:39
Und warum reden Sie nicht darüber, dass sich die Polisario und Algerien 50 Jahre lang geweigert haben, diese Bevölkerung in die Liste aufzunehmen und ihr den Flüchtlingsstatus zu verleihen, um sie zu befreien, anstatt sie weiter auszubeuten, um sich weiter an diesem Status quo zu bereichern
rudi tammer
rudi tammer
23. September 2021 15:38
Darüber hinaus tut Kontrast gut daran, dieses geheim gehaltene Thema anzusprechen, um den Schleier über diesen schweren Angriff auf die Menschenrechte und die humanitäre Hilfe Europas zu lüften, die von den Polisario-Führern skrupellos abgelenkt wurde.
rudi tammer
rudi tammer
23. September 2021 15:37

Die Polisario ist eine 1976 gegründete Mafia-Organisation, um die Region zu destabilisieren und diese Ressourcen, von denen Sie sprechen, zu nutzen, um ihre Mitglieder zu bereichern, indem sie eine saharauische Bevölkerung einsetzt, die in Algerien unter unmenschlichen Bedingungen als Geisel gehalte

Jatri
Jatri
Reply to  rudi tammer
24. September 2021 20:26

Estas tan mal informado que ni sabes que el Frente POLISARIO se fundó el 10 de Mayo de 1973….informate un poco antes de exponer cuestiones que desconoces, por dejadez o por que intentas manipular, intoxicar y vender tu „verdad“. Un saludo.

Hacky
Hacky
Reply to  rudi tammer
27. September 2021 20:33

Leider wird das Netz von marrokanischen Sympathisanten, womöglich bezahlt, als Plattform genutzt. siehe Rudi Tammer.

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