Gesundheit & Leben

Wenn Doping zum Alltag wird: 120.000 Menschen sind Medikamentenabhängig

Geschätzte 150.000 ÖsterreicherInnen sind arzneimittelabhängig. Pro Jahr gibt es in Österreich 30.000 stationäre Aufnahmen wegen Medikamentenzwischenfällen, meist Vergiftungen. Darüber hinaus stehen 1.600 bis 2.400 Todesfälle mit dem Gebrauch von Medikamenten in Zusammenhang. Die Studie „Doping im Alltag“ der Sigmund Freud Privatuniversität Wien im Auftrag der Stiftung Anton Proksch-Institut Wien, untersucht diesen Gebrauch von Medikamenten und Nahrungsergänzungsmitteln in Österreich. Wir haben einen Autor Mag. Oliver Scheibenbogen zum Gespräch getroffen.

Ich bin heute um 5 Uhr früh von meinem Sohn aufgeweckt worden. Mittlerweile habe ich den dritten Kaffee getrunken. Habe ich ein Problem?

Koffein ist tatsächlich eine Substanz, die unter dem Verdacht steht, auch abhängig zu machen. Als grobe Richtlinie gilt hier etwa zwei bis drei doppelte Espressi am Tag. Hochdosiertes Koffein steigert die Konzentration und Aufmerksamkeit.

Ein Phänomen, das man aus der Jugend-Szene beobachten kann, sind Pre-Workout-Booster. Das sind Koffein-Tabletten, denen noch andere Nahrungsergänzungen beigefügt sind. Die Idee ist: Wenn ich aus der Schule, vom Studium oder aus der Arbeit komme und unbedingt noch ins Fitnesscenter trainieren gehen möchte, obwohl ich schon sehr erschöpft bin, dann nehme ich sehr hoch dosiert Koffein zu mir. Doch so harmlos ist Koffein nicht. Eine extreme Überdosierung kann im schlimmsten Fall sogar zum Tod führen. Koffein-Tabletten sind rezeptfrei in der Apotheke erhältlich und eine Tablette entspricht ungefähr zehn bis zwölf Espressi.

Aber es entsteht auch noch ein anderes Problem: Diese Aktivierung bleibt auch am Abend weiter bestehen. Und dann weckt mich nicht der Sohn in der Früh – dann bin ich einfach die ganze Nacht wach. Das verursacht massive Schlafstörungen.

Mag. Oliver Scheibenbogen - Zur Person
Oliver Scheibenbogen absolvierte zunächst eine Ausbildung zum Nachrichtentechniker, bevor er in Wien Psychologie studierte. Er schloss eine Ausbildung zum Klinischen und Gesundheitspsychologen an und ein Doktoratsstudium in Liechtenstein und Wien. Er ist seit 2012 Mitherausgeber der Zeitschrift rausch. Wiener Zeitschrift zur Suchttherapie, seit 2015 ist er Mitarbeiter an der Sigmund Freud Universität und betreibt eine psychologische Praxis in Wien.

Warum ist es ein Problem, mit Medikamenten meine Leistung steigern zu wollen? 

Zum einem steht eine gefährliche Grundannahme dahinter. Nämlich, dass ich ohne zusätzliche Substanzen nicht die Leistung erbringen kann, die man von mir erwartet – oder die ich von mir selbst erwarte. Es geht um Leistungs-Optimierung und wir sind in unserer Gesellschaft einem Utilitarismus anheimgefallen. Es geht immer um Nutzenmaximierung. Und dieser Utilitarismus überträgt sich auch auf das Individuum, nach dem Motto „Okay, ich brauche halt gewisse Substanzen, um mich in ein bestimmtes Leistungsniveau zu bringen.“

Wer dopt, versucht den natürlichen Leistungszenit zu überschreiten. Mit Uppern und Downern, also Aufputschmitteln und Beruhigungsmitteln, versucht man über das Maximum hinaus zu gehen. Auf der einen Seite gibt es den Antrieb steigernde Substanzen, angefangen von Koffein, über starke, rezeptpflichtige Stimulanzien wie Ritalin, bis hin zu illegalen Drogen wie Amphetamine und Kokain. Auf der anderen Seite stehen vor allem Beruhigungsmittel, aus der pharmakologischen Gruppe der Benzodiazepine – um wieder runterzukommen. Zum ursprünglichen Missbrauch kommt sehr oft dadurch ein weiterer hinzu.

Das heißt eine reine Leistungssteigerung gibt es nicht?

Nicht wirklich. Beim Neuro-Enhancement geht es darum, dass ich in kürzerer Zeit mehr an Leistung erbringen kann. Aber die ist oft nur von der Zukunft ausgeborgt. Jede kurzfristige Steigerung des Wohlbefindens, der Euphorie, der Konzentrationsfähigkeit ist immer mit langfristigen negativen Konsequenzen verbunden.

Bei Kokain kennt man das seit vielen 100 Jahren. Dort ist es gut erforscht. Beim Kokainkonsum kommt es durch das Ausschütten von körpereigenen „Endorphinen“ zu einem starken Glücksgefühl. Doch ist die Wirkung aufgebraucht, ist kein „Endorphin“ mehr im Körper und muss erst wieder hergestellt werden – und das dauert einfach. Und da gibt es viele, die in eine sogenannte Post-Kokain-Depression fallen können. Unter Umständen ist das so massiv, dass die Personen Suizidgedanken haben.

Stichwort Kokain: Bei Alltagsdrogen denkt man oft an Broker im Finanzkapitalismus, der unter Kokaineinfluss Millionen verschiebt. Eventuell denkt man noch an die „Soccer-Mum“ in den USA, die das Ritalin der Kinder missbraucht. Stimmt das Bild? Wer sind die Nutzer der Drogen?

Kokain ist immer noch ein Thema im mittleren und gehobenen Management – dazu kommt noch die Kreativindustrie. Dass es breit in der Mittelschicht angekommen ist, konnten wir nicht feststellen. In unserer Studie haben wir gesehen, dass ungefähr 4 Prozent angegeben, dass sie im letzten Jahr Amphetamine, Kokain oder Ritalin eingenommen haben. Davon ist jener Teil gering, der das regelmäßig nimmt. Das sind dann etwa 1 Prozent der Bevölkerung. Bei 0,5 Prozent können wir von einem sehr problematischen Konsum reden.

Das klingt für den Laien noch nicht so dramatisch.

Die Studie zeigt ein anderes Problem auf. Uns ging es weniger darum, was die Menschen in der Disco nehmen, sondern im Alltag. Egal von welcher Substanz wir reden:

Etwa ein Viertel jener, die „im Alltag dopen“, tun das vor allem, um im Arbeitsprozess weiter bestehen zu können. Hier rede ich nicht von Koffein oder Zigaretten. Nein, da geht es vor allem um Benzodiazepine, also starke Schlaf- und Beruhigungsmittel. Da geht es um Schmerzmittel. Und da geht es um die Stimulanzien. Und das ist ein starkes Indiz dafür, dass der Druck in der Arbeitswelt enorm ist.

Kann man die Gruppe der Alltagsdoper irgendwie soziologisch fassen, oder passiert das querbeet?

Besonders betroffen sind zum Beispiel Berufseinsteiger, die sich erst profilieren müssen. Diese Gruppe hat einen enormen Druck. Da sehen wir auch Burnout-Raten, die wesentlich höher sind.

Im mittleren Bereich um die 40-, 45-Jährigen herum ist der Druck meistens geringer. Die Personen sind im Arbeitsprozess gefestigt und haben weniger zu befürchten. Das ist von der psychischen Seite für die Entstehung von Stress und Burnout sehr wichtig.

Und vielleicht überraschender: Diejenigen, die kurz vor der Pensionierung stehen – die älteren und teureren Arbeitnehmer stehen wieder stark unter Druck. Sie müssen mithalten können mit den Jüngeren, die nachrücken. Da entsteht ein starker Konkurrenzdruck und ich muss meine Leistung bringen.

Also die fühlen sich nicht mehr leistungsfähig genug für ihr Gehalt?

Genau.

Spielt die Arbeitszeit eine Rolle?

Aus unserer Burnout-Studie wissen wir, dass das Risiko mit der Arbeitszeit steigt, ab 40 Stunden pro Woche sogar exponentiell.

Und was bei uns bei der aktuellen Studie herausgekommen ist: Beruhigungsmittel werden vor allem von Menschen im Schichtdienst eingesetzt. Wechselnde Arbeitszeiten in der Nacht, zeitig in der Früh oder spät am Abend belasten ungleich mehr. Dann brauche ich irgendetwas, was den Schlaf anstößt.

Viele Arbeitnehmer berichten von einer Verdichtung ihrer Arbeit. Merkt ihr, dass sich im Laufe der Jahre etwas verändert hat?

Es gibt kaum mehr Leerlaufzeiten innerhalb der Arbeitsprozesse und das ist aus psychologischer Sicht ganz schlecht. Die Forschung zeigt, dass Burnout und Stress-Symptome vor allem dann auftreten, wenn ich das Gefühl habe, dass ich keine Entscheidungen mehr treffen kann, in einem „Hamsterrad“ gefangen bin und meine Freiheitsgrade stark eingeschränkt sind. Wenn ich also ein Arbeitspensum habe, wo ich nicht selbst entscheiden kann, was ich wann tue. Wenn ich keine Möglichkeit habe, selbst etwas zu steuern, dann entsteht ganz viel Stress und Belastung. Neben dem Arbeitspensum ist es aber auch die Art der Arbeitsprozesse, Stichwort Digitalisierung und Usability, die eine wesentliche Rolle spielt.

Kann uns Homeoffice da helfen?

Bedingt. Beim Homeoffice kommt es oft zur Vermischung aus Arbeitszeit und Freizeit – die dazu führt, dass es so etwas wie eine Work Life Balance nicht mehr gibt. Aber eine Trennung dieser zwei Bereiche ist für die Regeneration der Psyche unheimlich wichtig.

In eurer Studie schätzt ihr, dass in Österreich ungefähr 110.000 bis 120.000 Menschen von Medikamenten abhängig sind…

Die meisten davon sind im Bereich der Benzodiazepine, also der Beruhigungsmittel, gefolgt von Schmerzmitteln.

Über Schmerzmittel haben wir noch gar nicht geredet.

Bei Schmerzmitteln unterscheidet man im Prinzip zwischen den Opiaten und den Nicht-Steroidalen, zum Beispiel Ibuprofen oder Paracetamol. Bei uns ist das Problem anders gelagert als in den USA, wo es eine Opioidkrise gibt, an der bereits viele Menschen gestorben sind. Bei uns sind die frei verkäuflichen Schmerzmittel Thema.

Was viele nicht wissen: Wenn ich Schmerzmittel regelmäßig einnehme, dann erzeugen die Schmerzmittel selbst wiederum Schmerzen.

Mein Plädoyer ist es, mit solchen Schmerzmitteln sehr sparsam umzugehen. Aber: Es ist auch wichtig, Schmerzmittel zu nehmen, wenn sie notwendig sind, denn wir haben ein Schmerzgedächtnis und das kann sich u.U. verselbstständigen. Aber da ist es halt auch wieder wie so oft: Weniger ist mehr.

Entsteht da auch eine Sucht?

Ja. Man wird körperlich abhängig. So ein Schmerzmittel-Entzug dauert mitunter sogar einige Wochen und ist schmerzhaft. Dazu kommt eine psychische Abhängigkeit, weil der Wegfall negativer Gefühle, wie Schmerzen, als positiv im Sinne einer Verstärkung bzgl. einer neuerlichen Einnahme erlebt wird. Gleiches gilt für Schlafmittel.

Gleichzeitig verliere ich den Glauben an die eigene Kompetenz, ohne Medikamente mit der Problematik umgehen zu können. Das ist ganz etwas Zentrales. Wenn ich mir selbst zutraue, ein Problem zu lösen, dann ist es mit einer wesentlich größeren Wahrscheinlichkeit auch wirklich möglich, es zu lösen – und umgekehrt.

Wie wenn einen die Angst nicht einschlafen zu können, wachhält…?

Genau! Das sind sich selbst verstärkende Mechanismen. Wenn ich immer wieder zu Schlafmitteln greife, wie soll ich dann jemals wieder einschlafen lernen? Ich begebe mich in diese Abhängigkeit, auch wenn es medizinisch gesehen noch keine Abhängigkeit ist. Aber ich verfestige den Glauben, dass ich es ohne die Substanz nicht schaffe, das Problem zu bewältigen.

Gibt es Anzeichen, die ich als Außenstehender merken kann? Und wie kann man helfen?

Wenn es z.B. zu einer Wesensveränderung kommt, ist das immer ein Zeichen. Also wenn jemand stärker angetrieben ist als normalerweise oder stärker abwesend oder verlangsamt wirkt. Bei den Beruhigungsmitteln ist der Zungenschlag und eine verwaschene Sprache ein Thema. Gereiztheit ist oft ein Zeichen eines leichten psychischen Entzugssyndroms.

Auch eine „Notfalltablette“ zur Beruhigung im Geldbörsel ist ein Warnhinweis. Die muss dann auch gar nicht zwingend genommen werden. Oder ich nehme sie, wenn ich Unruhe oder Angstzustände bekomme. Das ist dann schon ein Zeichen, dass ich ohne nicht mehr kann und mir Hilfe suchen sollte.

Wie spricht man das an?

Oft sind Angehörige einfach zu forsch in der Kommunikation, sind sehr vorwurfsvoll, anklagend und mit erhobenem Zeigefinger. Das führt meistens dazu, dass die Betroffene sich noch mehr zurückzieht. Wichtig ist es, darüber einfach zu reden, ohne zu werten. Mal fragen: Was nimmst du und wie oft nimmst du es?

Nicht gleich sagen: “Das ist ja viel zu viel!”  Das wäre schon Wertung, sondern einfach das Gespräch suchen und herausfinden, was dahintersteht. Eine Sucht erfüllt immer eine bestimmte Funktion.

Habe ich ein Thema ausgelassen, dass aber unbedingt vorkommen sollte?

Hm. Es ist ein heikles Thema, das man nicht falsch kommunizieren darf, denke ich. Aber oft werden Jugendliche viel zu schnell als süchtig oder problematisch in ihrem Konsum stigmatisiert. Ein Jugendlicher ist in der Regel noch nicht abhängig. Viele Abhängigkeiten entwickeln sich über Jahre. Was jedoch bei der Jugend sehr häufig vorkommt, ist der Probierkonsum. Das sehen wir beispielsweise auch bei Cannabis. Wenn man jemanden fragt, der 16, 17, 18 Jahre alt ist, ob er Cannabis schon konsumiert hat, dann gibt es ganz viele, die mittlerweile mit „Ja“ antworten. Das sind aber sehr häufig Phänomene, die sich wieder auswachsen. Das heißt, wenn ich dann jemanden mit 35, 40 frage, ob er Cannabis regelmäßig konsumiert, dann sagt schon fast keiner mehr „Ja“.

Da ist die Frage ganz wichtig: Was hält mich davon ab, das regelmäßig zu nehmen und in die Sucht zu kommen? Wir wissen, dass dafür letztlich die psychische Gesundheit enorm wichtig ist. Ob ein Probierkonsum ein Probierkonsum bleibt oder später zu einer Abhängigkeit führt. Das heißt, jeden Euro, den ich in Prävention investiere, in die psychische Gesundheit von Menschen, ist ein ganz, ganz wesentlicher Invest.

Und das ist etwas, was in Österreich aus meiner Sicht noch stiefmütterlich behandelt wird. In der Schweiz beispielsweise fängt Suchtprävention im Kindergarten an, bei uns in den Volksschulen ist das kaum ein Thema.

Wie kann ich mir Suchtprävention im Kindergarten vorstellen?

Da geht es darum, Nein-Sagen zu lernen, eine stabile Persönlichkeit und einen Selbstwert aufzubauen. Da geht es um das Lernen von selbst fürsorglichem Verhalten und darum, Genussfähigkeit zu lernen.

Dann werde ich z.B. FIFA Soccer zwar hin und wieder spielen, aber ich werde nie so hineinkippen, weil es eben andere Dinge gibt, die ich genießen gelernt habe. Das ist etwas ganz Wesentliches.

Psychische Belastungen sind durch die Inflation, durch den Klimawandel, durch den Krieg, durch die COVID-19-Pandemie massiv gestiegen. Diese subjektiv empfundene Bedrohung erzeugt Angst, Unruhe, Stress-Symptome. Und da kommt es genau dann drauf an: Habe ich andere Kompetenzen, damit umzugehen, indem ich Gespräche suche in der Gemeinschaft, mich geborgen und aufgehoben fühle und zu den Eltern einen guten Kontakt habe? Wenn ja, dann werde ich nicht zu Medikamenten greifen oder zu Drogen, um mein psychisches Wohlbefinden scheinbar wieder herzustellen. Und das ist wichtig. Wir habe auch große Probleme in der Kinder- und Jugendpsychiatrie – die bei weitem nicht alle betreuen können, die es brauchen. Wir müssen in dem Bereich viel mehr investieren. Und das ist ein wertvoller und nachhaltiger Invest, auch wenn sich dieser erst in der Generation danach zeigt.

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