Arbeit & Freizeit

Vom Projektmanager zum Arbeitslosen: „Jetzt auf uns hinhauen, das tut weh.“

Kontrast spricht mit Arbeitslosen und erzählt ihre Geschichte. Sie sollen exemplarisch für die Schicksale von 500.000 Menschen stehen, die während der Corona-Krise fast keine Chance auf einen neuen Job haben. 

In Österreich gibt es aktuell rund eine halbe Million Arbeitslose. Eine anonyme Masse – ohne offiziellen Sprecher und ohne Lobby. Wenn ÖVP-Minister sagen, man darf ihnen das Arbeitslosengeld nicht erhöhen, weil sie dann keine Arbeit mehr annehmen, gibt es keine offizielle Vertreterin, die im Namen der Arbeitslosen widerspricht. Wenn ihnen die Wirtschaftsministerin ausrichtet, sie sollen sich einfach bewerben, es gäbe genügend Jobs – dann sitzt niemand von Ihnen in der Diskussionsrunde und sagt: Bei 10 Arbeitslosen, die auf 1 eine offene Stelle kommen, wird es immer 9 Arbeitslose geben, die keine Arbeit finden.

Kontrast startet daher eine Reihe: Arbeitslose erzählen ihre Geschichte. Vom Kellner, der mit dem Arbeitslosengeld unter die Armutsgrenze rutscht bis zur Führungskraft, die große Gehaltseinbußen hinnehmen muss und in die Notstandshilfe rutscht. Arbeitslosigkeit ist oft mit Scham verbunden. Doch dass es nicht genug Arbeit für alle gibt, ist zuallerletzt die Schuld der Arbeitslosen. Die sind die ersten Opfer des Arbeitsmangels. Die meisten von ihnen haben das Leben verloren, das sie hatten – und würden sehr viel dafür tun, es wieder zurückzubekommen.

Arbeitslos mit 61: Ich verliere 30.000 Euro im Jahr

Als ersten stellen wir Peter H. vor. Seit April 2020 ist er arbeitslos, davor war er drei Jahrzehnte lang in der Logistik Branche tätig. H. ist nicht der durchschnittliche Arbeitslose, der von 950 Euro im Monat lebt. Er ist 61 Jahre alt und kann auf eine beachtliche Karriere blicken, bei österreichischen und Schweizer Firmen als Leiter von Niederlassungen und Projektmanager. Die Arbeitslosigkeit hat ihn kalt erwischt:

„30.000 Euro netto verliere ich im Jahr durch die Arbeitslosigkeit. Und das wird sich noch verschlimmern, wenn ich dieses Jahr in die Notstandshilfe rutsche“.

Nächste Woche will er beginnen, geringfügig zu jobben. Als Ableser von Stromzählern wird er durch den Bezirk Liezen fahren, die Einschulung hat er schon gemacht. „Es ist natürlich nur ein Tropfen auf den heißen Stein, aber ich brauche eine Beschäftigung und ich muss mein Minus abfedern“, sagt er. Jetzt muss er noch klären, ob das neben dem Arbeitslosengeld tatsächlich möglich ist.

Peter H. war Jahrzehnte lang Projektleiter bei Logistik-Firmen bevor er im April arbeitslos wurde.

„Ich möchte noch sehr gerne arbeiten“, sagt H. Bisher ist er für seine Jobs mehrmals übersiedelt, zuletzt hat er in Innsbruck gelebt und für eine Salzburger Firma gearbeitet. Die hatte bereits Probleme, Corona gab ihr dann den Rest: 30 Mitarbeiter mussten gehen – Peter H. war einer von ihnen. Er ist dann bald zurück in die Steiermark übersiedelt, wo er auch herkommt.

„Ich dachte mir, hier in Liezen habe ich noch am ehesten die Chance, einen Job zu finden. Salzburg wäre nicht so weit weg, Graz wäre nicht so weit. Ich bin da schon sehr flexibel.“

H. ist ein Anpacker. Sein Job war das Lösen von Problemen, doch jetzt weiß er nicht, wie es weitergehen soll: „Die Hoffnung stirbt zuletzt, aber ich bin Realist“. Rund vierzig Bewerbungen hat er geschickt, laufend schaut H. online bei Karriere.at und anderen Vermittlungsplattformen, ob es eine Stelle für ihn gibt. Einmal hat es auch ganz gut ausgeschaut.

„Da hat ein Headhunter angerufen und gesagt: Genau so jemanden wie Sie brauchen wir, aber der hat sich dann leider auch nicht mehr gemeldet“.

Peter ist beruflich oft übersiedelt, zuletzt von der Steiermark nach Tirol.

Arbeitslosigkeit macht was mit Menschen, was lange nicht mehr gut wird

Doch so ganz glauben kann H. es nicht, dass er am Arbeitsmarkt gar nicht mehr gebraucht wird. „Ich hatte in den letzten dreißig Jahren so vielfältige Aufgaben – habe viel Erfahrungen in der Logistik, aber auch in der Mitarbeiterführung gesammelt und ich könnte mir auch vorstellen, dass ich in anderen Branchen gut funktioniere“, sagt er.

Was H. sich wünscht? „Für mich einen passenden Job. Für uns alle: Dass uns die Regierung nicht ständig wie einem Esel eine Karotte hinhält und behauptet, bald wird es wieder genug Arbeit für alle geben“. H. fürchtet, dass die Arbeitslosigkeit noch sehr lange auf hohem Niveau bleiben wird. „Viele haben auch jetzt Angst, ob sie in drei Monaten noch Arbeit haben werden. Und in dieser Situation noch auf uns hinhauen, das tut weh.“ Auch von der Opposition wünscht er sich mehr Einsatz für die Arbeitslosen. „Das müsste aktuell eines der wichtigsten Themen sein. Denn die Arbeitslosigkeit macht vieles mit Menschen, was lange nicht mehr gutzumachen ist.“

Es ist angenehm mit Peter H. zu sprechen, er ist gefasst und klug. Jeder Regierungsvertreter, der das Arbeitslosengeld nach einigen Monaten kürzen will, sollte mit Herrn H. sprechen. Menschen wie ihn würde dies Kürzung ebenfalls schwer treffen – und er wäre sicher zu einem Gespräch bereit.

Vom Projektmanager zum Arbeitslosen: „Jetzt auf uns hinhauen, das tut weh.“

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