Verteilungsgerechtigkeit

IWF empfiehlt starke Gewerkschaften – Schwarz-Blau macht das Gegenteil

Foto: Unsplash/rawpixel.com

Ausgerechnet der Internationale Währungsfonds (IWF) hat in einer Studie belegt, dass starke Gewerkschafen nicht nur für ihre eigenen Mitglieder relevant sind, sondern Gesellschaften insgesamt gerechter machen und das Wachstum befördern. Das Ergebnis der Untersuchung: Je schwächer die Gewerkschaften, desto ungleicher ist ein Land. Doch genau darauf legen es die schwarz-blauen Regierungsverhandler aktuell an: Die Verhandlungsmacht der Gewerkschaften bei Kollektivverträgen und Arbeitszeiten zu schwächen und Entscheidungen auf Betriebsebene oder Einzelvereinbarungen zu verlagern.

Seit Anfang der 1990er Jahre nimmt die Einkommensungleichheit zu: Ein immer größerer Anteil des Gesamteinkommens stammt aus Löhnen und ein stark wachsender Anteil kommt aus Gewinn- und Kapitaleinkommen. Schwache Lohnerhöhungen und der staatliche Steuerwettlauf nach unten bei Unternehms- und Vermögenssteuern sind wesentliche Ursachen.

Auch in Österreich ist der Anteil an Einkommen aus Arbeit gefallen, jener aus Gewinn und Kapital gestiegen.  Der IWF hat ausgerechnet, dass die steigende Ungleichheit das Wachstum in den Industriestaaten zwischen 1990 bis 2010 um durchschnittlich fünf Prozent gesenkt hat – für Österreich sind das hochgerechnet 14 Milliarden Euro Verlust.

Entwicklung von Lohn- und Kapitalquote in Österreich

Studie zeigt: Einkommensungleichheit hat zugenommen

Florence Jaumotte und Carolina Osorio Buitron, zwei IWF-Ökonominnen, haben in einer Langzeitstudie 20 Industriestaaten, darunter auch Österreich, untersucht. Ziel der Studie war, herauszufinden, wie sich im Verlauf von dreißig Jahren (1980 bis 2010) Arbeitseinkommen, Gewerkschaften und die Ungleichheit innerhalb von Gesellschaften entwickelt haben und wie sie zueinander in Verbindung stehen. Untersucht haben sie das anhand der Entwicklung von Spitzeneinkommen, den Zahlen von Gewerkschaftsmitgliedern und mit Hilfe des sogenannten Gini-Koeffizienten, der Auskunft über den Grad an Ungleichheit in einer Gesellschaft gibt.

Die Einkommensschere wurde größer

Sie kamen zu folgendem Ergebnis: Seit den 1980er Jahren ziehen die Top-Einkommen davon, während die niedrigen Einkommen stagnieren, die Ungleichheit hat stark zugenommen. Und ungleiche Gesellschaften wiederum hemmen das Wirtschaftswachstum und sind anfälliger für politische wie ökonomische Krisen.

Als Ursachen machen die Studienautorinnen steigende Spitzengehälter sowie Steuersenkungen für Topverdiener und eine Deregulierung von Arbeitsmärkten aus. Und das hängt für die IWF-Ökonominnen auch mit der Arbeit von Gewerkschaften zusammen.

Je stärker Gewerkschaften, desto weniger Ungleichheit

Die Gesamtbetrachtung aller Länder zeigt, dass ein starker Zusammenhang zwischen dem Organisationsgrad der ArbeitnehmerInnen und dem Grad an Ungleichheit in einem Land gibt.

Ihr Befund: Je höher der gewerkschaftliche Organisationsgrad, also die Zahl an Gewerkschaftsmitgliedern im Verhältnis zur ArbeitnehmerInnenschaft, desto niedriger ist die Ungleichheit in einem Land.

Interessant an den Ergebnissen ist, dass schwache Gewerkschaften auch mit explodierenden Spitzeneinkommen zusammenhängen. Zuvor hat man lediglich angenommen, dass sich die Stärke von Interessensvertretungen lediglich negativ auf untere und mittlere Einkommen auswirkt.

Zum einen liegt das daran, dass schwache Gewerkschaften wenig oder keinen Einfluss auf die Unternehmenspolitiken haben – und folglich auch nicht verhindern können, dass die Spitzeneinkommen sich immer weiter von den Durchschnittseinkommen entfernen. Darüber hinaus können geschwächte Gewerkschaften einfacher von politischen Entscheidungen ausgeschlossen werden. Und dort werden Steuer- und Verteilungspolitik auf gesamtstaatlicher Ebene beschlossen und die Rahmenbedingungen für mehr oder weniger Gleichheit beschlossen.

IWF empfiehlt Stärkung von Gewerkschaften

Die IWF-Studienautorinnen empfehlen daher eine Stärkung des gewerkschaftlichen Organisationsgrades in einer Gesellschaft – neben mehr Regulierung für den Finanzsektor, höheren Mindestlöhnen und einer gerechten Steuerpolitik. Wichtig ist ihnen auch, dass Gewerkschaften die Interessen von ArbeitnehmerInnen breit abdecken, um beispielsweise zu vermeiden, dass junge oder ausländische Arbeitskräfte nicht gegen andere ArbeitnehmerInnen ausgespielt werden.

In Österreich gehen die Regierungsverhandler von ÖVP und FPÖ aktuell in die entgegengesetzte Richtung: Geht es nach der künftigen Regierung, sollen etwa Vereinbarungen zum 12 Stunden-Tag nur mehr auf betrieblicher Ebene oder mit jedem Arbeitnehmer einzeln ausgehandelt werden. Dann gibt es in dieser Frage keine branchenweiten Verhandlungen der Gewerkschaften mit Arbeitgebervertretern mehr. Arbeiterkammer und Gewerkschaft befürchten mit Recht, dass die Verlagerung auf die betriebliche Ebene Schule machen könnte. Und das wird die ArbeitnehmerInnen viel Verhandlungsmacht, Freizeit und Geld kosten.

Zum Weiterlesen

IWF-Studie: Inequality and Labor Market Institutions

Schwächung von Gewerkschaften verschärft Ungleichheit

IWF: Arbeiter bekommen zu wenig von Wirtschaftsleistung (Kontrast.at)

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Peter Steger
Peter Steger

Keine ÖVP und auch keine FPÖ kann die Gewerkschaften eigentlich schwächen, das können nur die eigenen Mitglieder oder eben jene die aus Eigeninteresse nicht „freiwillig“ diese Solitargemeinschaft unterstützen. Ich war selbst mehr als 30 Jahre Betriebsrat und Gewerkschaftsfunktionär (bin heute bereits seit 50 Jahren ÖGB-Mitglied) und kann nur „ALLE“ die noch nicht Gewerkschaftsmitglied sind dazu ermutigen dieser freiwilligen Arbeitnehmervertretung beizutreten und so ihre eigenen Interessen schützen. Tatsache ist, in Österreich gibt es ohne Gewerkschaft keine Kollektivverträge, ohne Kollektivertrag kein 13. und kein 14. Monatentgelt.

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