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„Todesstrafe für Klima und Bauern“: EU will 300 Mrd. für Agrarindustrie ohne Öko-Auflagen vergeben

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„Todesstrafe für Klima und Bauern“: EU will 300 Mrd. für Agrarindustrie ohne Öko-Auflagen vergeben

Mariella Edinger Mariella Edinger
in Europa, Landwirtschaft, Umwelt & Klima
Lesezeit:4 Minuten
22. Oktober 2020
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Die 27 EU-Landwirtschaftsminister und Ministerinnen haben sich am Dienstag in Luxemburg auf das neue EU-Agrarbudget geeinigt. Es umfasst 56 Milliarden Euro pro Jahr und macht ein Drittel des EU-Budgets aus. Umwelt- und Klimaziele kommen viel zu kurz, wie Experten und NGOs kritisieren. Greta Thunberg fordert die EU-Abgeordneten auf, dem Entwurf so nicht zuzustimmen, weil er eine Kapitulation vor der Klimakatastrophe ist. 

EU-Landwirtschaftsminister EU-Agrarbudget EU-Parlament Burger Streit Brüssel
Österreichs Landwirtschaftsministerin Elisabeth Köstinger (ÖVP) war als eine der 27 EU-Landwirtschaftsminister und Ministerinnen an den Verhandlungen in Luxemburg beteiligt.

Das neue EU-Agrarbudget gilt bis zum Jahr 2027 und umfasst 56 Milliarden Euro pro Jahr. Das sind insgesamt ganze 387 Milliarden, also 31 Prozent des EU-Budgets. Und diese werden an rund 10 Millionen europäische Bauern fließen. Das Programm ist in 2 Säulen aufgeteilt: Gelder für ländliche Entwicklung und Direktzahlungen an Betriebe.

Laut dem Entwurf der 27 EU-Landwirtschaftsminister sollen nun 20 Prozent dieser Direktzahlungen an Umweltregeln geknüpft sein. Erfüllt eine Landwirtin oder ein Landwirt diese Standards, gibt es zusätzliches Geld. Umwelt- und Klimaschutz in der Landwirtschaft soll so attraktiv(er) werden. Im Umkehrschluss heißt das aber: Über 300 Mrd. Euro werden in den nächsten 6 Jahren ohne Umwelt- und Klimaauflagen in die Landwirtschaft fließen.

Für die österreichische Landwirtschaftsministerin Elisabeth Köstinger von der ÖVP ist das Ergebnis ein Erfolg. Dabei hätten gerade Österreichs Bauern von einer Öko-Wende in der Landwirtschaftsförderung profitiert: Über ein Viertel der Anbauflächen sind Biolandwirtschaften – Österreich ist das Land mit dem höchsten Bio-Anteil weltweit.

Grundsätzlich ist die industrielle Landwirtschaft laut IPCC für ein Drittel der weltweiten Treibausgas-Emissionen verantwortlich. Am gefährlichsten sind Kunstdünger und massenhafte Rinderhaltung, beides wird weiter gefördert.

EU-Parlament fordert 30 Prozent für Öko-Regelungen

Der Entwurf muss jetzt mit dem EU-Parlament verhandelt werden. Und hier vertritt man die Meinung, dass der Anteil von 20 Prozent für die Öko-Regelungen bei weitem nicht ausreicht. Die Abgeordneten haben zumindest 30 Prozent Öko-Anteil bei den Direktzahlungen beschlossen.

Der EU-Grünen-Abgeordnete Thomas Waitz kritisiert an dem Beschluss der Landwirtschaftsminister außerdem, dass der Budgetentwurf sogar den Strategien für Nachhaltigkeit der EU-Kommission widerspricht. Das sind die Vom Hof auf die Gabel-Strategie („Farm to Fork“)  und die Biodversitätsstrategie. Sie beinhalten EU-Maßnahmen wie die Reduktion von Künstdünger und Pestiziden um 50 Prozent oder die Reduktion von Antibiotika in der Massentierhaltung.

Dass sich solche wichtigen Maßnahmen nun nicht im neuen Beschluss der Landwirtschaftsminister wiederfinden, überrascht. Die EU-Agrarpolitik macht den größten Teil des EU-Budgets aus, passt aber nicht mit dem Green Deal der EU-Kommission zusammen.

Kritik von Thunberg

Die Klimaaktivistin Greta Thunberg meldet sich mit scharfen Worten auf Twitter zu Wort. Sie appelliert an die Abgeordneten des EU-Parlament, einen besseren Kompromiss auszuhandeln.

EU-Landwirtschaftsminister EU-Agrarbudget EU-Parlament Burger Streit Brüssel
Sie tweetet: „Während die Medien über „Namen von veganen Hot Dogs“ berichteten, unterzeichnet das EU-Parlament 387 Milliarden Euro für eine neue Agrarpolitik, die im Grunde genommen eine Kapitulation vor Klima und Umwelt bedeutet.“ Es herrsche kein Bewusstsein und keine Rechenschaftspflicht – „Es ist ihnen einfach egal.“

Da die Abstimmung im EU-Parlament noch aussteht, besteht noch Hoffnung:

„Die Europaabgeordneten haben noch nicht über das endgültige Abkommen abgestimmt. Wenn jeder seine Arbeit richtig macht, könnte sich das noch ändern“, schreibt Thunberg.

Ungerechte Verteilung im EU-Agrarbudget

Neben dem Fehlen der Klimapolitik ist die Gemeinsam Europäische Agrarpolitik auch ungerecht in der Verteilung. Österreich soll zwar ganze 35 Millionen mehr aus dem EU-Agrarbudget bekommen, der Grundsatz für die Verteilung wird aber kritisiert.

Denn hier herrscht das Motto Viel Geld für einige wenige, und vor allem für Großgrundbesitzer. Das führt dazu, dass das Geld in Österreich eher bei Institutionen der Landwirtschaftskammer landet, als direkt bei den Landwirten. Kontrast.at hat in den vergangenen Jahren bereits berichtet:

Topverdiener sind diverse Vermarktungsorganisationen wie die Marketing Abteilung der AMA (Agrarmarkt Austria). Sie erhielt stolze 2,5 Millionen Euro im Jahr 2016 und damit den vierthöchsten Förderbetrag. Auch die Österreich Wein Marketing GmbH bekam Fördergelder über 1,4 Millionen Euro. Millionen, die nie auf direktem Weg einen Bauernhof erreicht haben.

Großgrundbesitzer weiterhin bevorteilt

Auch aktuell gibt es keine verpflichtende Förderobergrenze. Denn darauf konnten sich ÖVP-Ministerin Köstinger und die restlichen 26 EU-Landwirtschaftsminister nicht einigen. Das ist zum Nachteil der österreichischen Landwirte. So sollen zwei Drittel der Gelder weiterhin ausschließlich der Berechnung der Fläche nach ausgezahlt werden.

Einige der 10 Millionen Landwirte in der EU bewirtschaften mehr als 100 Hektor, andere hingegen nur 3. Der österreichische Durchschnitssbetrieb liegt bei 23 Hektar. Das neue Budget begünstigt also weiterhin jene, die ohnehin schon viel Grund besitzen. Und es sorgt dafür, dass Kleinbauern gigantischen Agrarförderungen immer weiter aussterben.

EU-Landwirtschaftsminister EU-Agrarbudget EU-Parlament Burger Streit Brüssel
Das aktuelle System begünstigt Großbetriebe, kleine Betriebe sterben immer weiter aus.

EU-Agrarbudget Verhandlungen noch offen

Am Freitag steht eine Entscheidung im EU-Parlament an. Die Landwirtschaft könnte vom Schadstoff-Produzenten zum Teil der Klimalösung werden. Landwirtschaftliche Flächen können viel CO2 binden, wenn sie richtig bewirtschaftet werden. Die meisten rechnen aber mit einer typisch europäischen Lösung.

EU-Landwirtschaftsminister EU-Agrarbudget EU-Parlament Burger Streit Brüssel
Durch nachhaltige Bewirtschaftung können Böden Teil der Klimalösung sein.

SPÖ-EU-Abgeordneter Sidl kündigte an, „progressive Anträge“ unterstützen zu wollen, da aus seiner Sicht die Kriterien des EU-Klimaschutzprogrammes Green Deal, der Biodiversitäts- und der Vom Hof auf die Gabel-Strategie stärker einbezogen hätten werden müssen.

Den ÖVP-EU-Abgeordneten lehnen mehr Öko-Regeln aber ab. Die wären „mit der Realität nicht vereinbar“, erklärt die Agrarsprecherin Simone Schmiedtbauer. Den 30 Prozent Umwelt-Anteil wolle man allerdings mittragen.

Nach dem erwarteten Beschluss im EU-Parlament am Freitag wird es Verhandlungen im Trilog zwischen Parlament, den EU-Ländern und der EU-Kommission geben.

Streit um Veggie-Burger in Brüssel

EU-Landwirtschaftsminister EU-Agrarbudget EU-Parlament Burger Streit Brüssel
Der Niederösterreicher Günther Sidl setzt sich im EU-Parlament für Umweltschutz und Nachhaltigkeit ein. Foto: Thomas Peintinger

Außerdem für mediale Aufmerksamkeit sorgte, dass die EU-Abgeordneten darüber abstimmen werden, ob vegetarische und vegane Produkte auch als Burger oder Würstl bezeichnet werden dürfen. Die mächtige Fleischlobby lobbyiert kräftig dagegen. Sie leidet darunter, dass pflanzliche Fleischersatzprodukte immer beliebter werden.

SPÖ-EU-Abgeordneter Günther Sidl ist gegen den Vorstoß der Fleischindustrie, viel wichtiger sind Herkunftsbezeichnungen:

„Herkunftsbezeichnungen sollen angeben, wo ein Produkt herkommt und nicht wo es verarbeitet wurde. Die Menschen werden hier oft bewusst in die Irre geführt. Hier braucht es eine echte Transparenzoffensive und ein Umdenken hin zu mehr Regionalität.“

Regionale Verarbeitung und weniger Fleischkost tragen beträchtlich zur Abschwächung der Klimakatastrophe bei. Dass fleischlose Produkte weiterhin alltägliche Begriffen wie Burger und Würstl tragen sollen, findet auch EU-NEOS-Abgeordnete Claudia Gamon: „Immerhin sind wir auch nicht schockiert, dass in Fleischtomaten kein Fleisch drinnen ist.“

Parlament Das Thema "Klimaschutz" im Parlament

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Erich Maria Remarque war ein deutscher Schriftsteller, der mit seinem Antikriegsroman “Im Westen nichts Neues” bekannt wurde. Seine Bücher, die vor allem die Grausamkeiten des Krieges offenlegen, wurden im nationalsozialistischen Deutschland verboten. Seine pazifistischen Romane werden bis heute von Menschen weltweit begeistert gelesen und wurden schon mehrfach verfilmt. Zitat: Ich dachte immer, jeder Mensch sei gegen den Krieg. Bis ich herausfand, dass es welche gibt, die dafür sind. Besonders die, die nicht hingehen müssen. Erich Maria Remarque

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Greta Thunberg

Greta Thunberg ist eine schwedische Klimaschutzaktivistin, die sich weltweit für konsequente Klimapolitik auf wissenschaftlicher Basis einsetzt. Berühmtheit erlangte sie im Jahr 2018 im Alter von 15 Jahren, als sie freitags die Schule schwänzte, um damit Klimaschutzmaßnahmen zu fordern. Demonstrierte sie anfangs noch allein, mündete ihre Aktion schließlich in der "Fridays for Future" Bewegung, an der sich Millionen Schülerinnen und Schüler weltweit beteiligten. Später wurden ihre Positionen zum Nahostkonflikt als zum Teil antisemitisch kritisiert, was sie jedoch zurückweist.

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Europäischer Green Deal

Der Europäische Green Deal ist eines der Hauptprojekte der derzeitigen EU-Kommission (2019-2024). Zuständig ist der EU-Kommissionsvizepräsident Frans Timmermans, ein niederländischer Sozialdemokrat. Ziel des Green Deal: Bis 2050 die Netto-Emissionen von Treibhausgasen in der EU auf null zu reduzieren. Europa soll so der erste klimaneutrale Kontinent sein. Zudem soll der Europäische Green Deal ökologische Nachhaltigkeit mit sozialer Gerechtigkeit vereinen, und so dem Klima-Thema eine soziale Dimension geben. Bei allen bevorstehenden Änderungen für eine nachhaltige Zukunft, muss auch auf die Menschen und ihre Bedürfnisse und Arbeitsbedingungen geachtet werden. Das Thema "Klimagerechtigkeit" im Parlament

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EU-Abgeordneter

Die Mitglieder des Europäischen Parlaments sind die Abgeordneten aus allen EU-Ländern. Die deutsche Abkürzung lautet MdEP, die englische MEP. Sie wurden von den Bürgerinnen und Bürgern des jeweiligen Landes direkt ins EU-Parlament gewählt. Seit dem Austritt Großbritanniens aus der EU hat das EU-Parlament 705 MdEPs. Das Thema "Mitglieder des Europäischen Parlaments" im Parlament

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ÖVP

Die Österreichische Volkspartei (ÖVP) ist eine der traditionellen Großparteien Österreichs. Sie vertritt vor allem bürgerlich-konservative Werte. Traditionell gilt sie als Interessenvertreterin der Wirtschaft, der Bauern sowie der römisch-katholischen Kirche.

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