Interview

Manuel Rubey: „Allein das Wort Milliardär finde ich pervers“

Manuel Rubey plädiert in seinem neuen Buch „Einmal noch schlafen, dann ist morgen“ für die Reduktion der Dinge. Das gilt für Gegenstände in seiner Wohnung, aber auch für die Arbeit. 20 Stunden Arbeit die Woche und genug Geld für ein gutes Leben können sich für alle ausgehen, sagt der Schauspieler. Allerdings nur, wenn wir Arbeit und Reichtum neu verteilen.

Wenn die Menschheit weniger arbeitet, wird die Welt eine bessere. Wir haben mehr Zeit für einander, für Konflikte und deren Lösung, und für Langsamkeit – denn die fehlt auf der Welt, findet Manuel Rubey. Der Kabarettist, Musiker und Autor wünscht sich ein gutes Leben für alle, kann allen Berufen etwas abgewinnen und schickt seine Töchter „bewusst“ auf eine öffentliche Schule. Erbschaften und Finanztransaktionen würde er besteuern und Vermögen begrenzen. Was will man schließlich mit mehr als 10 Millionen Euro anfangen, fragt er im KONTRAST-Interview.

In Ihrem aktuellen Buch „Einmal noch schlafen, dann ist morgen“ kommen Sie zum dem Schluss, dass eine 20-Stunden-Woche das Beste für uns alle wäre. Warum?

Es wird sich über kurz oder lang gesellschaftlich nicht anders ausgehen. Die Jobs werden weniger und die Menschen mehr. Der 55-jährige Busfahrer, dessen Bus bald allein durch die Gegend fährt, wird nicht einfach zum Software-Entwickler umschulen können.

Es ist ein gesamtgesellschaftlicher Auftrag, weniger zu arbeiten, damit alle ihr Recht ausüben können zu arbeiten.

Wird die Welt dann ein besserer Ort?

Ich bin zum Glück kein Soziologe oder Zukunftsforscher. Ich weiß es schlicht nicht. Aber in meiner Utopie schaut die Welt zumindest ein bisschen besser aus. Durch die Entschleunigung kommen wir vielleicht auch drauf, was wir alles nicht brauchen. Dann müssen wir vielleicht weniger erwirtschaften und auch weniger erwerben. Das wäre kein schlechter Nebeneffekt.

Im ersten Lockdown habe ich zwei Menschen gesehen, die eine Tischdecke auf einem Autodach aufgelegt und ein Glas Wein getrunken haben. Sowas macht doch Gesellschaft aus. Wenn ich solche Kleinigkeiten sehe, geht’s mir einfach besser. Ich glaube, dass es auf diese Details ankommt, und wenn wir alle ein bisschen darauf achten, können wir zusammen die Gesamtsituation verbessern.

Wie würde eine Welt aussehen, in der die Menschen nur 20 Stunden die Woche arbeiten? Was tun wir mit all der Zeit?

Ich meine das nicht elitär, aber wir müssten eigentlich so viel Zeit investieren, um uns ernsthaft zu begegnen und auch unsere Kinder auf diese Zukunft vorzubereiten. Auf Freundschaften, Beziehungen, Streitschlichten. Wenn man nach Amerika schaut, wo eine ganze Gesellschaft gespalten ist, sieht man, wie wichtig mehr Zeit wäre.

Nur weil wir weniger arbeiten, heißt das nicht, dass wir nur auf der faulen Haut liegen würden. Es gibt so viel anderes zu tun, was mindestens genauso wichtig ist wie Arbeit.

Wie viele Stunden arbeiten Sie am Tag?

Viele, weil ich einfach sehr gerne arbeite. Aber ich kann wahnsinnig gut auch nichts tun. Ich kann Lockdown. Ich würd’s mir zwar lieber selber aussuchen, aber ich kann total gut Serien schauen, lesen und spazieren gehen.

Das klingt total normal.

Ja, ich meditiere nicht, da bin ich ein viel zu aufgeregter Mensch.

Meine Religion ist Langsamkeit.

Wenn ich einen Weg hab von einer Stunde, nehm ich mir zwei Stunden vor. Das ist meine Form von Meditation.

Als Schriftsteller, Schauspieler, Musiker haben Sie kein Büro. Wie trennen Sie den Arbeitstag vom restlichen Tag? Wie schalten Sie ab?

Abschalten ist das Allerschwierigste. Sicher auch, weil ich einen Beruf habe, bei dem ich viel aus mir selbst heraus schaffe. Seit ich meine eigenen Programme und Bücher schreibe, ist das noch schwieriger. Ich versuche, relativ biedere Arbeitszeiten einzuhalten. Aber im Schreib- oder Probenprozess bin ich trotz Feierabend eher nur physisch anwesend und mit dem Kopf bei der Arbeit – sehr zum Leidwesen meiner Familie. Das möcht ich auch gar nicht beschönigen.

Sie haben zwei Töchter im schulpflichtigen Alter. Wie läuft das Homeschooling gepaart mit einem Vater im Kunst-Lockdown?

Es ist schwierig. Meine Größere ist jetzt schon zu Hause, und wir versuchen, uns das zeitlich auszumachen. Örtlich können wir es – wie viele – nicht trennen. Von neun bis zwölf wird gearbeitet, da hört keiner laut Musik und jeder kriegt seine Ecke. Sie kann mich jederzeit um Hilfe fragen, meistens kann ich ihr aber eh nicht mehr helfen. Und danach stellen wir auf Privatmodus um, kochen und haben Freizeit. Mit dieser strikten Zeiteinteilung geht es ganz gut, über weite Strecken zumindest.

Ich finde auch, dass man sich im Lockdown ruhig ausschlafen kann. Es gibt sowieso keinen Grund, dass die Schule so früh anfängt. Wir beginnen daheim um neun, halb zehn.

Ihre Töchter besuchen „bewusst öffentliche Schulen“. Warum?

Das hat mehrere Gründe: Ich war selbst in einer Waldorfschule und stehe dem heute ambivalent gegenüber. Dann habe ich einen komischen Beruf und die Kinder kriegen natürlich mit, dass da eine gewisse Öffentlichkeit herrscht – auch im Bekanntenkreis. Außerdem leben wir im 15. Bezirk und da finde ich es wichtig, wie die Gesellschaft um sie herum strukturiert ist.

In der Volksschule war das schon manchmal Thema. Die Kleine fühlte sich einmal ungerecht behandelt, weil sich Mitschüler während der Schularbeit auf ihrer nichtdeutschen Muttersprache Antworten eingesagt haben. Die Lehrerin konnte nicht eingreifen, weil sie der Sprache nicht mächtig war. Das sind schon Themen, genau wie der oft zitierte Macho-Mann, der der Lehrerin den Handschlag verweigert. Das haben wir schon alles auch mitbekommen, aber die Bildung der Kinder läuft gut, sie gehen gern in die Schule und wir haben die Entscheidung, sie in öffentliche Schulen zu geben, nie bereut.

Abgesehen davon, dass ich finde, dass Kinder zu schnell funktionieren müssen im Schulsystem. Da haben Privatschulen schon manchmal was voraus. Aber gesellschaftspolitisch finde ich es trotzdem wichtig. Das siebter Bezirk-Bobo-Klischee – über das ich auch ein Buch geschrieben habe: dezidiert links, Refugees Welcome-T-Shirt, aber die Kinder dann in die katholische Privatschule stecken, das geht sich nicht aus.

In Ihrem Buch beziehen Sie sich auf Bertrand Russells Essay „Lob des Müßiggangs“ von 1935. Er entwirft eine Welt, in der Menschen nur noch vier Stunden am Tag arbeiten und verspricht sich daraus „Glück und Lebensfreude geben statt der nervösen Gereiztheit, Übermüdung und schlechten Verdauung“. Gute Verdauung und Müßiggang statt harter Arbeit. Das würden nicht nur viele Start-Up-Gründer belächeln. Sind wir auf dem Holzweg und sollten uns weniger um Arbeit und mehr um unsere Verdauung kümmern?

Ich glaube, das ist kein Entweder-Oder. Wenn ich gerade ein Start-Up gründe, werde ich mit 20 Stunden nicht auskommen. Aber die großen Entscheidungen trifft man dann, wenn man nicht angestrengt ist. Die größten Erfindungen  der Menschheit sind im Moment des Loslassens entstanden. Ich halte es also auch neoliberal-ökonomisch für essentiell, dass ich gerade, wenn ich ein Start-Up gründe und gute Ideen brauche, bewusst Lücken lasse, um dem Müßiggang zu frönen.

Das heißt nicht, dass man nicht auch mal reinhackeln kann. Aber ich finde, dass die Arbeit einen absurden Stellenwert hat, der alles überdeckt.

Und woher soll das Geld kommen?

Ich mein das viel hedonistischer als politisch, weil ich ja auch kein Politiker bin. Aber ich glaube klugen Menschen, die erklären, warum das sinnvoll ist. Mit Steuern wie der Finanztransaktionssteuer oder Steuern für große Konzerne könnte man das finanzieren. Richard David Precht zum Beispiel kann man dazu auf Spotify nachhören.

Man darf aber nicht unterschätzen, dass die Leute arbeiten wollen. Das finde ich in Wien super, dass die 48er genug verdienen. So kann man das Argument entkräften, wer dann die Jobs machen soll, die keiner gerne macht. Weil ich vielleicht lieber Mülltonnen leere, wenn ich dafür vier mal so viel verdiene wie der, der nichts tut.

Sie schlagen ein bedingungsloses Grundeinkommen vor. Soll das wirklich jeder bekommen – also auch Hermann Mayer oder der Novomatic-Eigentümer und der Bundespräsident?

Diese Frage ist wahnsinnig wichtig, aber da bin ich froh, dass ich kein Politiker bin und sie nicht beantworten muss. In einer besseren Welt funktioniert das automatisch, weil Hermann Mayer von sich aus sagen würde: „Ich brauch das nicht.“ Einige KollegInnen von mir haben zum Beispiel auch nicht für den Härtefallfonds angesucht, weil sie gesagt haben, sie haben genug verdient die letzten Jahre und kommen auch so durch. Das find ich super.

Mir würden wirklich wenig Leute einfallen, die das Grundeinkommen annehmen würden, wenn sie es nicht brauchen. Und das Wort „bedingungslos“ ist mir so wichtig, weil es nur so unkompliziert bleibt. Man kann es gerne mit dem Einkommen versteuern.

Die paar Superreichen sollte auf jeden Fall nicht als Grund herhalten, die Idee nicht anzugehen. Die paar, die so gierig sind, dass sie sich das auch noch holen – Dann nehmt’s es euch halt, ihr Würstchen.

Dann musst du davon ausgehen, dass es genug gibt für alle.

Grundsätzlich: Ich finde, die Leute sollen gut verdienen. Es geht mir auch selbst besser, seit ich gut verdiene. Ich bin der Erste in meiner Familie seit Generationen, der manchmal mehr Geld verdient, als es zum unmittelbaren Leben braucht.

Wenn manche wirklich viel mehr arbeiten als andere, dann sollen sie auch mehr verdienen. Aber ich finde, es müsste eine Vermögensobergrenze geben, die viel schneller erreicht ist als alles, was so vorgeschlagen wird. Ich weiß, dass das wahnsinnig naiv ist.

Aber es gibt überhaupt kein Argument, dass ein Mensch mehr hat als sagen wir 10 Millionen Euro.

Ich lass mich auch überreden, dass es von mir aus 20 Millionen sind – als hätte ich da was zu entscheiden. Aber das Wort Milliardär an sich finde ich pervers. Solange es Milliardäre gibt, kann man überhaupt nicht mal feststellen, ob es genug gibt für alle. Das ist vielleicht banal, aber so ist es: Es gibt keine Argumentation dafür.

Es soll ruhig wer superreich sein, dann soll er drei Millionen haben, aber nicht drei Milliarden. Wofür? Was willst du damit in deinem Leben anfangen?

Einmal noch schlafen, dann ist morgen
Manuel Rubeys neuestes Buch ist eine geordnete Sammlung von Zitaten, Listen und Erlebtem. Dem Schauspieler, Musiker und Kabarettisten reicht’s. In seinem Leben hat sich zu viel angesammelt. Zu viel Arbeit, Freizeitstress, Beziehungszwänge, Seelenmüll. Zu viel Angst. Manuel Rubey beendet toxische Beziehungen, befreit sich von Panikattacken und hört mit dem Rauchen auf. Aber das ist erst der Anfang. Manuel Rubey setzt auf das Weglassen und auf das Jetzt.

Welche Berufe sind Ihrer Meinung nach die unterbewertetsten?

PädagogInnen, mit Binnen-I. Kindergarten-Pädagoginnen können kleinen Menschen so viel Gutes wie auch schlechtes tun. Natürlich auch Pflege und die viel zitierte Supermarkt-Kassiererin. Ich habe einmal eine Kassiererin gefragt, ob sie einen Bonus gekriegt haben. Sie hat einen 100 Euro-Gutschein bekommen, den sie aber nur im eigenen Geschäft einlösen konnte. ‚Immerhin‘, hat sie dazu gesagt. Das ist doch eine Farce!

Klatschen ist eh nett, aber wir leben halt immer noch in einem kapitalistischen Wertesystem. Vielleicht ein bisschen weniger klatschen, und dafür die Löhne anheben.

Und welche Berufe sind überbewertet?

Nur Berufe, die nichts, in keiner Form herstellen. Finanzwesen und Spekulation zum Beispiel. Ich habe letztens gehört, dass Mario Götze 31 Mal so viel verdient wie Angela Merkel. Obwohl ich Sport wirklich liebe, finde ich das überbewertet.

Ihr Buch erweckt den Eindruck, dass Sie allen Berufen etwas abgewinnen können. Sie beschreiben Spitzensport und Kunst ebenso fasziniert wie die Müllabfuhr in Ihrer Straße. Was ist das Wichtigste daran, wenn man einen Beruf ausübt?

Wenn ich Sexiness definieren müsste, dann wären es Menschen, die das, was sie tun, mit Hingabe machen. Das ist die Vollendung der Schönheit. Der MA-48er bei mir in der Straße zum Beispiel. Wenn der durch die Straße fegt, dann gibt es in dem Moment nichts anderes – das unterstelle ich ihm zumindest. Wenn uns das allen gelingen würde, würd’s uns besser gehen.

Egal, wie viel wir arbeiten – Arbeit bleibt ein wichtiger Bestandteil unseres Lebens. Und wenn wir das, was wir tun, gerne machen, dann würde mich das hoffnungsfroh stimmen. Umso mehr gilt das für Menschen, die im Altersheim arbeiten oder den Kanal räumen, weil ihnen das Prestige fehlt. Ungleich größer ist deswegen mein Respekt für Menschen, die das in vermeintlich uncoolen Berufen auch hinkriegen.

Was wären Sie geworden, wenns mit Musik und Schauspiel nicht geklappt hätte?

Ich glaube, dass es deswegen geklappt hat, weil mir wirklich nichts einfällt, was ich sonst machen könnte. Was mich sonst interessiert hätte, wär Sportmoderator, aber das wird man ja auch nicht einfach so.

Ich kann wirklich ziemlich wenig. Und wenn ich keine Begeisterung habe, bin ich wirklich zu nichts zu gebrauchen.

Ich denk mir schon manchmal, ich habe keine Lust mehr. Aber mir ist noch nichts anderes eingefallen.

 

Manuel Rubey ist österreichischer Schauspieler, Sänger, Kabarettist und Autor. Der gebürtige Wiener erzählt über sich selbst, dass er der erste in seiner Familie ist, der so verdient, dass sich mehr ausgeht als das bloße Auskommen. Rubey lebt mit der Künstlerin Stefanie Nolz und zwei Töchtern in Wien. Sein Buch „Einmal noch schlafen, dann ist morgen“ ist kein Lebensratgeber, aber hilft in schweren Zeiten – wenn auch nur zum Lachen.

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2 Kommentare
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xx1xx
xx1xx
29. November 2020 01:40

Jobs werden sehr viel mehr. Die Maschine, die einen Menschen ersetzt, beschäftigt mehr als einen Menschen um sie zu planen, zu bauen, zu warten und zu programmieren. Zudem arbeitet diese eine Maschine dann auch noch effizienter als der eine Mensch, den sie ersetzt hat.
Das Geld für weniger Arbeit kann schon grundsätzlich nicht aus den Steuern eines Systems kommen, das auf mehr Arbeit aufgebaut ist.
Es ist nicht so, dass ich mit einer Milliarde zur Bank gehen kann um sie „einzuzahlen“. Die Bank braucht dafür ein Wirtschaftsmodell. Dieses bestimmt die Gesellschaft und die Politik.

Fred
Fred
21. November 2020 09:23

Völlig richtig!!!

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