Asylwerber Lehre
Regierung schafft Lehre für Asylwerber in Mangelberufen ab

Verbot einer Lehre für 1.200 Asylwerber kostet über 10 Millionen Euro

Foto: Unsplash/Aaron Thomas

In Österreich absolvieren derzeit 1.202 junge Asylwerberinnen und Asylwerber eine Lehre in einem Mangelberuf. Die Hälfte davon in der Gastronomie. Für sie fällt keine Grundversorgung an und sie zahlen in die Sozialversicherung ein. Sie bringen dem Staat also Einnahmen. Die Regierung verbietet nun Asylwerbern, eine Berufsausbildung zu machen. Laut Sozialressort in Oberösterreich verursacht dieses Verbot Kosten von über 10 Millionen Euro im Jahr.

Das Sozialressort des Landes Oberösterreich hat anhand der Daten der AMS-Bundesgeschäftsstelle (Stand: 27. August 2018) berechnet, wie viele Asylwerber eine Lehre absolvieren, welche Berufe sie erlernen und was das finanziell für den Bundeshaushalt bedeutet. 1.153 junge Männer und 49 junge Frauen (macht gesamt 1.202 Personen) haben eine Beschäftigungsbewilligung in einem Mangelberuf. Fast die Hälfte, 595 Lehrlinge, wollen einen Beruf in der Gastronomie ergreifen: Sie werden Köche und Köchinnen, Restaurant- und Gastronomiefachleute.

Dass junge Asylwerber eine Berufsausbildung machen, ist nicht nur für Spracherwerb und Integration hilfreich, sondern hat auch finanzielle Vorteile für die Allgemeinheit: Weil die Lehrlinge keine Grundversorgung mehr benötigen, spart der Staat im Jahr über 6 Millionen Euro an Ausgaben. Weil sie darüber hinaus Sozialversicherungs-Beiträge bezahlen, fließen über 4,6 Millionen Euro ins Budget. Insgesamt profitiert der öffentliche Haushalt im Ausmaß von 10,6 Millionen Euro. Volkswirtschaftliche Einnahmen, die durch den alltäglichen Konsum der Lehrlinge über die Mehrwertsteuer entstehen, sind da noch gar nicht eingerechnet.

Kritik aus eigenen Reihen: Mitterlehner kritisiert Kurz-Regierung

Nun verbietet die Regierung den Asylwerbern, eine Lehre zu absolvieren. Damit erntet sie harte Kritik, auch aus den eigenen Reihen. Reinhold Mitterlehner, ehemaliger Vizekanzler und ÖVP-Chef, lässt kein gutes Haar am Verbot von ÖVP und FPÖ.

Ich war neun Jahre Wirtschaftsminister und finde es ökonomisch sinnvoll, dass diejenigen, die da sind, auch eine entsprechende Ausbildung machen.“ Das minimiert auch den Fachkräftemangel.“ (Reinhold Mitterlehner, „Pro und Contra“ vom 5. September 2018)

Dass Flüchtlinge keine Lehre mehr beginnen dürfen, versteht er nicht. Die Regierung würde den Asylwerbern „die Zukunft nehmen“ und zum Nichtstun verdammen.

Kritik kommt auch von Seite der Kirche. Die Katholische Aktion und die Caritas der Diözese Linz haben im Zusammenhang mit dem Thema Lehre für Asylwerber vor einer „Verrohung der politischen Kultur“ in Österreich gewarnt. Besonders die FPÖ als neue Regierungspartei leistet dazu einen „unrühmlichen und besorgniserregenden Beitrag“.

Regierung lässt Lehrlinge abschieben

Von den Lehrlingen, die sich qualifiziert haben, sind etwa 500 mit einer Abschiebung bedroht. Laut Mitterlehner schadet das sowohl den Betroffenen als auch der Wirtschaft. Er lehnt das Abschieben von Lehrlingen ab – und ist damit nicht allein.

75 Prozent der österreichischen Bevölkerung sind gegen solche Abschiebungen.

60.000 Menschen haben zur Unterstützung von Asylwerbern in Lehrberufen unterschrieben, darunter prominente Unterstützer wie der Chef der Industriellenvereinigung Georg Kapsch oder Spar-Vorstand Gerhard Drexel.

Der Direktor der WKÖ in der Steiermark ist ebenfalls Befürworter von Asylwerbern in Ausbildung und verteidigt sie:

Sie arbeiten hier, und sie erfüllen alles zur Zufriedenheit – zu ihrer eigenen Zufriedenheit und zur Zufriedenheit des Ausbildungsbetriebes. Da werden wir sie doch nicht nach Hause schicken, obwohl wir sie brauchen!“ (Karl-Heinz Dernoscheg, Direktor der steirischen Wirtschaftskammer)

3.800 offene Lehrstellen in Oberösterreich

In Oberösterreich sind über 3.800 Lehrstellen unbesetzt, vor allem in den Bereichen Gastronomie, Einzelhandel, im Baugewerbe und der Reinigungsbranche. Im August haben 417 Asylwerber eine Ausbildung in genau diesen Bereichen angefangen. Jeder 10. Lehrling ist bereits im 3. Lehrjahr, steht also kurz vor dem Lehrabschluss. Durch ihre Ausbildung und Arbeit sparen die 417 Lehrlinge dem Land Oberösterreich 2,16 Millionen Euro, die nicht für die Grundversorgung anfallen. Zudem zahlen sie über 1,6 Millionen in die Sozialversicherung ein.

Angesichts der Tatsache, dass laut Berechnungen bis 2030 bis zu 127.000 Fachkräfte im Bundesland fehlen könnten, sind jeder Mann und jede Frau in Ausbildung sinnvoll. Dass nun Lehrlinge ageschoben werden sollen und künftig gar keine Asylwerber mehr eine Lehre beginnen dürfen, schadet den Betrieben, dem sozialen Umfeld der Betroffenen und der österreichischen Wirtschaft als Ganzes.

Zum Weiterlesen

Asylwerbern wird Lehre verboten – trotz Fachkräftemangel (Kontrast.at)

Wir recherchieren und überprüfen die Inhalte und Fakten in unseren Beiträgen. Du hast trotzdem einen Fehler entdeckt? Oder Anregungen und Ergänzungen? Bitte schick uns eine Nachricht.
Verbot einer Lehre für 1.200 Asylwerber kostet über 10 Millionen Euro
Wir recherchieren und überprüfen die Inhalte und Fakten in unseren Beiträgen. Du hast trotzdem einen Fehler entdeckt? Bitte schick uns eine Nachricht.
Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Mit der Nutzung dieses Formulars erklärst du dich mit der Speicherung und Verarbeitung deiner Daten durch diese Website einverstanden. Weitere Informationen zur Privacy Policy finden Sie hier.

Newsletter-Anmeldung
Anmelden

Kontrast.at Newsletter

Einfach anmelden und keinen Artikel mehr verpassen.
Jetzt auch über WhatsApp.
 
Mit einem Klick auf "Anmelden" akzeptieren Sie die Privacy Policy von Kontrast.
ANMELDEN
close-link

Newsletter-Anmeldung

ANMELDEN

Newsalert-Anmeldung

ANMELDEN

Send this to a friend

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen