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Wie geht es jetzt weiter in Afghanistan? Experte Thomas Schmidinger hat erste Antworten

Kinder in Kabul, Foto: Unsplash/Sohaib Ghyasi
Afghanistan ist in den Händen der Taliban. Binnen weniger Wochen haben sie das Land und die Hauptstadt unter ihre Kontrolle gebracht. Was bedeutet das für die Bevölkerung? Wie werden sich Nachbarländer verhalten – kann es überhaupt so etwas wie politische Beziehungen mit den Taliban geben? Und: Wie kann man aus der Ferne den jetzt gefährdeten Menschen helfen? Über das alles haben wir mit dem Politikwissenschaftler Thomas Schmidinger gesprochen.

Seit 2001 haben die USA in Afghanistan interveniert, mit dem Ziel, die Taliban zu vertreiben. Trotzdem haben die jetzt binnen weniger Wochen das Land eingenommen. Wie kam das?

Thomas Schmidinger: Die USA haben 2001 mit den Warlords zusammengearbeitet, die sie schon gegen die Sowjetunion und das Regime der realsozialistischen Demokratische Volkspartei Afghanistans (DVPA) unterstützt hatten. Diese Leute bildeten später das politische Personal und bauten auch die Armee der neuen „Islamischen Republik Afghanistan“ auf. Herausgekommen sind ein Staat der korrupten Warlords – die sich noch ein paar aus Afghanistan stammende Weltbankfunktionäre wie Ashraf Ghani und andere Exilanten geholt hatten – und eine Armee, deren Soldaten finanziell und logistisch von den USA abhängig waren.

2001 waren die Taliban in Afghanistan relativ unbeliebt. Die Art der Kriegsführung der USA, insbesondere der Drohnenkrieg mit seinen vielen zivilen Opfern, hat aber viele im ländlichen Afghanistan den Taliban wieder in die Arme getrieben. Sie haben es geschafft, sich als nationale militärische Kraft gegen die Besatzer zu positionieren. Außerhalb der urbanen Oberschichten, die vom Staat direkt profitierten, wurden sowohl die Besatzer als auch die Regierung immer unbeliebter.

Als die USA mit ihrem Rückzug begannen und auch die Unterstützung dieser Armee zu Ende ging, wurde teilweise der Sold nicht mehr bezahlt, kaum noch Nachschub geliefert und bald wusste niemand, warum er für diese Regierung noch kämpfen sollte. Viele Regionen Afghanistans sind fast kampflos an die Taliban gefallen, da der Staat de facto implodiert ist. Die Kämpfe, die es zuletzt in Kabul gab, waren teilweise Kämpfe bisheriger Pro-Regierungs-Sicherheitskräfte um die Frage, wer mit wie viel Geld noch abhauen kann. So konnten die Taliban ernsthaft behaupten, sie würde in Kabul einmarschieren, um Plünderungen zu verhindern

Manche meinen ja, man hätte mit den Taliban verhandeln können – um die Frage: Wie viel Macht bekommen sie, wenn sie dafür ihre gewalttätigen Eroberungszüge beenden. Wie siehst du das?

Thomas Schmidinger: Diese Frage ist längst historisch. Vor einigen Monaten hatten die Taliban noch eine Übergangsregierung angeboten, wenn Präsident Ashraf Ghani zurücktritt. Jetzt haben sie das gesamte Land unter Kontrolle und keinen Grund mehr, mit der bisherigen Regierung zusammenzuarbeiten. Zwar sprechen sie jetzt von einer „inklusiven islamischen Regierung“, die auch andere nicht-Taliban-Kräfte inkludieren soll. Aber selbst wenn diese zustande kommen sollte, ist klar, dass diese von den Taliban dominiert werden wird. Für andere Lösungen ist es nun zu spät. Die Taliban sind sicher nicht mit jihadistischen Gruppe wie dem „Islamischen Staat“ gleichzusetzen, weil sie begrenzte territoriale Ziele haben. Insofern würde ich, anders als beim IS, Verhandlungen nicht per se für unmöglich handeln. Es sieht ja auch sehr danach aus, dass die USA sich ihren freien Abzug herausverhandelt haben. Ob die Taliban aber zu einer Teilung der Macht langfristig bereit wären, ist eine völlig andere Frage.

Haben die Taliban jetzt nach der Eroberung Kabuls ihr Ziel erreicht?

Thomas Schmidinger: Ja. Es gibt zwar auch territoriale Ansprüche auf paschtunische Siedlungsgebiete im Westen Pakistans, die ja erst durch die Briten von Afghanistan abgetrennt wurden, und wo auch die pakistanischen Taliban aktiv sind. Ich erwarte aber nicht, dass die Taliban sich in dieser Situation gleich mit Pakistan anlegen, das ja in den 1990ern der Hauptförderer der Taliban war. Sie werden in den Grenzen des heutigen Afghanistan ein extrem rigides Regime errichten und hoffen, damit irgendwann auch international anerkannt zu werden.

Politischen Gegner:innen der Taliban, Frauen oder Homosexuelle werden in einem solchen Regime alles andere als ein gutes Leben haben. Jene, die als Ortskräfte mit den deutschen und amerikanischen Truppen zusammengearbeitet haben, fürchten nun um ihr Leben.

Obwohl es zumindest ein öffentliches Bekenntnis gibt, diese Menschen verschonen zu wollen. Die Taliban müssen aber erst beweisen, dass diese Ankündigungen ernst gemeint sind.

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Blick über die afghanische Hauptstadt Kabul. (Foto: BellalKhan/Wikipedia, CC BY-SA 4.0)

Was glaubst du, wie jetzt die Nachbarländer reagieren? Werden oder müssen sie die Taliban als politische Partner ansehen?

Thomas Schmidinger: Es gibt jetzt schon informelle Kontakte mit Pakistan, China, Russland und dem Iran. Ich rechne damit, dass China und Pakistan die neue Regierung vielleicht noch bis Jahresende anerkennen werden. Beim Iran wird es auch davon abhängen, wie die Taliban diesmal die schiitischen Hazara behandeln, die in den 1990er-Jahren sehr unter der Herrschaft der Taliban gelitten hatten. Die nördlichen Nachbarstaaten werden wohl darauf warten, wie sich Russland verhält. Aber auch hier gibt es bereits informelle diplomatische Kontakte, die zu einer formalen Anerkennung führen könnten.

Wer ist denn jetzt in Afghanistan besonders gefährdet?

Thomas Schmidinger: Jeder, der mit den USA, den Deutschen aber auch anderen Staaten zusammengearbeitet hat. Auch Österreich hatte ja bis Juni 2021 im Rahmen der so genannten NATO-„Partnerschaft für den Frieden“ einige Bundesheersoldaten in Afghanistan, hätte also eine gewisse Verantwortung für die Ortskräfte, die nun gefährdet sind.

Ebenso gefährdet sind politische Gegner:innen der Taliban, vor allem jene die ihren politischen Kampf fortsetzen wollen, sowie Angehörige religiöser Minderheiten, wie die Sikhs, Hindus und Zoroastrier. In großer Angst leben auch viele schiitische Hazara, wobei sich hier in einigen Gebieten, zB. in der Provinz Ghazni gezeigt hat, dass es auch mit den Hazara zu Abkommen der Taliban gekommen ist und möglicherweise der Iran die Funktion einer Schutzmacht übernehmen könnte.

Frauen, die sich nicht der rigiden Geschlechterordnung der Taliban unterwerfen wollen oder Homosexuelle gehören sicher auch zu den akut gefährdeten Personengruppen.

Wie funktioniert das Weiterleben unter den Taliban? Wie sieht da der Alltag aus?

Thomas Schmidinger: Wir wissen noch nicht ob das Leben im „Islamischen Emirat Afghanistan“ 2.0 gleich aussehen wird wie im ersten „Emirat“ von 1997-2001. Damals herrschte eine extrem rigide Geschlechterordnung, die Frauen völlig aus dem Bildungswesen und Arbeitsmarkt verbannt und unter die Burka gezwungen hat. Und es gab eine extreme Interpretation der Sharia als Strafrecht. Wenn man den Ankündigungen der Taliban heute Glauben schenken will, soll dies nun nicht mehr so extrem gehandhabt werden. Frauen sollen demnach weiter zur Schule gehen können, arbeiten dürfen und nur den Tschador tragen müssen. Dass das wirklich so sein wird, müssen die Taliban aber erst in der Realität unter Beweis stellen.

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Badachschan, eine afghanische Provinz im äußersten Nordosten des Landes. (Foto: Unsplash/Joel Heard)

Wie muss man sich das vorstellen, wie das für die Bevölkerung weitergeht – auch wirtschaftlich? Können Menschen in Afghanistan gerade überhaupt ihre Grundbedürfnisse decken?

Thomas Schmidinger: Das drängendste Problem ist sicher die Versorgung der vielen intern Vertriebenen in den nächsten Monaten.

In zwei Monaten kann schon der Wintereinbruch kommen. Wenn dann immer noch tausende Menschen in Zelten in Kabul leben, wird es schwierig werden.

Aber auch längerfristig, gibt es außer der Opiatherstellung kaum eine ökonomische Grundlage für das Land. Eine Isolation des Landes werden sich die Taliban schon rein wirtschaftlich nicht leisten können. Interessant wird längerfristig die Entwicklung des Verhältnisses zu China, mit dem es über den Wakhjir Pass ja einen historischen Verbindungsweg aber keinen aktuellen Grenzübergang gibt. Sollte es den Taliban gelingen, den Krieg zu beenden und ihren autoritären Maßnahmen so etwas wie ein Gewaltmonopol herzustellen, könnte das Land für Chinas Belt and Road-Initiative (neue Seidenstraße, Anmk. d. Redaktion) durchaus ein interessantes Verbindungsstück zum Iran werden. Aber das liegt wohl noch etwas in der Zukunft.

Europa kann der Bevölkerung selbstverständlich weiterhin humanitär helfen, wenn man bereit ist, dazu irgendwie mit der neuen Regierung zumindest zu kommunizieren. Ebenso wichtig ist es aber jene, die nun wirklich ins Exil gehen müssen und als Flüchtlinge nach Europa kommen, auch anständig zu behandeln und ihre Asylanträge entsprechend zu bearbeiten.

Anstatt, wie Innenminister Nehammer, von völlig illusorischen Abschiebungen von Afghanen in die Nachbarländer zu träumen, sollte sich Österreich endlich – wie andere EU-Staaten auch – daran beteiligen, gefährdete ZivilistInnen, die nun in Sicherheit gebracht werden, aufzunehmen.

Thomas Schmidinger

Nahost-Experte Schmidinger bei einer Veranstaltung der Heinrich Böll-Stiftung 2012.

Thomas Schmidinger, geb. 1974 in Feldkirch (Vbg.) ist Politikwissenschafter und Sozial- und Kulturanthropologe und unterrichtet an der Universität Wien und der Fachhochschule Oberösterreich. Er ist Generalsekretär der Österreichischen Gesellschaft zur Förderung der Kurdologie und Mitherausgeber des Wiener Jahrbuchs für Kurdische Studien. Forschungsschwerpunkte sind neben der Kurdischen Frage, Migration, Politischer Islam, religiöse Minderheiten in Mittleren Osten, Jihadismus, Kosovo, der Sudan und Gewerkschaften in der Arabischen Welt.

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