Industriepolitik

Aus für ATB-Motorenwerk in Spielberg: Die Belegschaft kämpft für ihr Werk

(c) Michael Leitner

Seit der Hersteller von Elektromotoren in Spielberg von der chinesischen Wolong-Gruppe übernommen wurde, kannte die Belegschaft das Management nicht mehr, auch Investitionen gab es kaum in das Werk. Jetzt soll die ATB-Fabrik in Spielberg ganz geschlossen werden. 360 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind bereits beim AMS angemeldet. Die Nachricht kam plötzlich, der Schock ist groß. Doch die Beschäftigten wollen nicht aufgeben. Viele sind seit Jahrzehnten im Betrieb und haben viele Krisen durchgestanden. „Das ist noch nicht verloren“, sagt Betriebsrat Michael Leitner. Die Belegschaft will alles versuchen und erwartet sich auch Engagement von Wirtschaftsministerin Schramböck.

Die Nachmittagsschicht für die Mitarbeiter des Motorenwerks ATB in Spielberg hat letzten Freitag mit einem Schock begonnen: In einer Versammlung wurden die 410 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Elektromotoren-Herstellers plötzlich darüber informiert, dass 360 von ihnen beim AMS zur Kündigung angemeldet werden. ATB ist der größte Arbeitgeber in Spielberg.

Der chinesische Eigentümer Wolong will jedoch die Produktion in der Steiermark beenden und das Werk zusperren. „Das sind Leute, die 25 bis 40 Jahre hier gearbeitet haben. Die Hälfte der Belegschaft ist über 50 Jahre“, sagt Betriebsrat Michael Leitner im Kontrast-Gespräch. Er selbst ist seit 44 Jahren im Betrieb. „Viele haben nach der Versammlung weinend den Saal verlassen“, erzählt er. Der Betrieb sei wie eine Familie für die Belegschaft.

Management wollte seit Jahren nicht investieren

Doch die starke Bindung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an den Traditionsbetrieb steht schon seit fast zehn Jahren im Gegensatz zum Verhältnis zwischen Unternehmensführung und Betrieb. 2011 wurde das Unternehmen vom größten Elektromotor-Produzenten Chinas, der Wolong-Gruppe, übernommen. Bei der Übernahme hatten die chinesischen Eigentümer noch den Ausbau des Standortes versprochen, sogar ein Forschungs- und Entwicklungszentrum in Spielberg wurde in Aussicht gestellt. Doch schnell haben die Beschäftigten gemerkt, dass es Wolong auf etwas anderes abgesehen hatte: Über Jahre wurden wichtige Investitionen nicht getätigt, die Mitarbeiter mussten mit „museumsreifen Maschinen“ produzieren, während in China High-Tech Parks aufgebaut wurden.

„Es ging den chinesischen Eigentümern ausschließlich darum, die Technologie im Bereich der Elektromotoren zu lernen. Sobald das passiert ist, sperrt man zu. 360 Mitarbeiter verlieren ihren Job und werden im Stich gelassen“, sagt der steirische SPÖ-Politiker Max Lercher auf Facebook.

Seit 2016 fiel die Investitionsrate von 2 Prozent auf 0,5 Prozent des Umsatzes, zum Teil tropfte der Regen in die Hallen. Üblich sind Investitionen von drei bis fünf Prozent in Branchen wie diesen, sagen Experten. Doch in Spielberg lagen die Investitionen sogar unter der Wertminderung – und das bedeutet den langsamen Verfall.

Seit Jahren auf die Werkschließung hingearbeitet

Auch ATB-Betriebsrat Leitner ist der Meinung, dass der Plan, das Werk zu schließen, „nicht erst heute oder vor ein paar Monaten entstanden ist. Auf diesen Tag hat man seit einigen Jahren hingearbeitet.“ Leitner selbst hat im Namen der Mitarbeiter das Management immer wieder darauf hingewiesen, wo Investitionen fehlen und wo Personal nachbesetzt werden müsste, damit das Werk konkurrenzfähig bleibt. Doch das habe die Unternehmensführung ignoriert. Vor vier Jahren begannen dann die wirtschaftlichen Probleme.

atb spielberg: kuendigungen von wolong in china

Die Mitarbeiter erfuhren am Anfang der Nachmittagsschicht, dass 360 Stellen gestrichen werden sollen. Foto: Michael Leitner.

Eine Unternehmensführung vor Ort hat es ohnehin schon lange nicht mehr gegeben, sagt Leitner. Die Kündigung für den Standort Spielberg hat einer verkündet, den die Mitarbeiter im steirischen Traditionsbetrieb kaum kannten: Rolf Primigg, der erst seit wenigen Tagen in der Geschäftsführung sitzt. Primigg ist ein „Interimsmanager“, ein sogenannter „Sanierer“. Überhaupt gab es seit Jahren kein Management mehr, das mit der Region Murtal oder den Menschen im Werk verbunden gewesen wäre. „Seit Jahren sitzen die Geschäftsführer entweder in Polen, China oder Deutschland. Aus Österreich oder überhaupt aus der Steiermark kommt da niemand mehr“, kritisiert der Betriebsrat.

Wie bei Swarovski: Corona als Vorwand

Offiziell wird die Werkschließung damit begründet, dass Corona-bedingt Aufträge und Umsätze wegfielen. Doch ähnlich wie bei der Kündigungswelle bei Swarovksi in Wattens dürfte das ein Vorwand sein. Zumindest im Juli war die Auslastung im ATB Werk „super“, wie die Mitarbeiter berichten. Auch für den Herbst war die Auftragslage nicht schlecht. Auch die Jahresabschlüsse von ATB zeigen, dass sich die Auftragslage gut entwickelt hat: 2017 gab es sogar ein Auftragsplus von 25 Prozent auf 74 Mio. Euro, das konnte 2018 gehalten werden. Für 2019 liegen keine einsehbaren Zahlen vor.

Die chinesische Firma, so wird vermutet, wollte vor allem den Marktzugang nach Österreich und die Marke. Ein Konzept für den Standort gab es scheinbar nie. Ziel dürfte eher gewesen sein, die einfache Produktion nach Serbien zu verlagern, die Produktion der High-End-Produkte nach China. Dabei sind die Personalkosten in Spielberg nicht hoch: Ein Arbeiter bei ATM bekommt durchschnittlich 34.000 Euro im Jahr, für das Unternehmen ist das ein Aufwand von 59.000. Allerdings erwirtschaftet ein Arbeiter im Werk in Spielberg das dreifache seiner Kosten, nämlich 158.000 Umsatz im Jahr 2018.

Dass die Beschäftigten bei ATB seit Jahren alles für den Standort getan haben, ist der Konzernführung egal. Ein Beispiel zeigt die Verbundenheit der Mitarbeiter mit dem Werk ganz besonders: 2003 sollten über 100 Arbeitsplätze in der Wickelei nach Serbien verlagert werden. Das hätte vor allem Kolleginnen getroffen. Alle Mitarbeiter haben sich kurzerhand auf Lohn- und Gehaltskürzungen eingelassen, um die Arbeitsplätze in Spielberg zu erhalten. Mit Erfolg – die Wickelei hat sich zum Kompetenzzentrum entwickelt, 2016 wurden sogar Aufgaben vom deutschen Standort übernommen.

Die Mitarbeiter waren immer solidarisch, jetzt werden sie abserviert

Beim Spielberger Bürgermeister sorgt all das für Wut: „Ich weiß, was die Betroffenen in den letzten Jahren alles für das Unternehmen getan haben.“ Von Gehaltseinbußen bis und hin zu Kurzarbeitsmodellen sei alles akzeptiert worden. „Die Mitarbeiter waren immer solidarisch und jetzt werden sie eiskalt abserviert“, kritisiert Lenger.

Lenger will nichts unversucht lassen, um doch noch eine Lösung zu finden. Für die Region ist die Schließung des Motorenwerks eine Katastrophe, ATB ist der größte Arbeitgeber in Spielberg.

„Teils arbeiten Mutter, Vater und Kind dort – man kann sich kaum vorstellen, was das für so eine Familie jetzt bedeutet“, sagt der Bürgermeister.

Wirtschaftsministerin Schramböck hat sich bislang noch nicht zum Aus für das ATB-Werk in Spielberg geäußert.

Wirtschaftsministerin Schramböck schweigt

Auch die steirische Soziallandesrätin Doris Kampus (SPÖ) sicherte Unterstützung zu, mit Hochdruck soll an Maßnahmen für die Betroffenen gearbeitet werden. Selbst Vizekanzler Werner Kogler äußert sich zur Causa: „Mein Verdacht ist, dass der Standort sehr wohl überlebensfähig gewesen wäre, wenn man Überbrückungshilfen in Anspruch genommen hätte. Hier geht es wohl um Gewinnmaximierung.“ Nur Wirtschaftsministerin Schramböck (ÖVP) lässt bislang nichts von sich hören.

ATB hat mittlerweile ein Sanierungsverfahren mit Eigenverwaltung eingeleitet, die Gespräche zwischen Betriebsrat und Unternehmensführung laufen. „Wir werden alle Möglichkeiten ausschöpfen, alle Mittel und Wege nutzen. Das ist noch nicht verloren“, sagt Leitner. Die Leute aus dem Werk würden sich an die Maschinen ketten, bevor sie aufgeben, sagt ein Spielberger.

Von der Wirtschaftsministerin erwarten sich die Beschäftigten zumindest mediale Unterstützung: „So kann chinesisches Engagement in Österreich nicht ausschauen, dass man sich einkauft, Know How abzieht und dann alle raushaut.“

„Leute mit Geld gibt es genug“

Eine Möglichkeit wäre auch, dass der Staat einspringt und durch eine Auffanggesellschaft für die Sanierung sorgt. Als Vorbild in Spielberg gilt die staatliche Pleite-Holding GPI, die Betriebe wieder sinnvoll hochgefahren hat. Der steirische SPÖ-Abgeordnete Max Lercher fordert deshalb einen staatlichen Beteiligungsfonds am Unternehmen: „Wirtschaftsministerin Schramböck hat angekündigt, dass sie Österreich Schlüsseltechnologie verstärkt im Land behalten möchte. ATB stellt Elektromotoren her. Mehr Schlüssel- und Zukunftstechnologie geht gar nicht.“ Schramböck müsse jetzt „schlaue Wirtschaftspolitik“ betreiben und für eine Sanierung sorgen. „Vielleicht gibt es aber auch einen Privatinvestor, der es mit uns probieren will“, sagt Leitner. Leute mit Geld gebe es schließlich einige in Österreich.

Mehr über die Geschichte der ATB berichtet das Online Medium Neue Zeit.

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