Klimawandel

Was uns Corona über das Klima lehrt: Schädlich ist das Verhalten der Konzerne, nicht der Menschen

Der Vorsitzende des Global Carbon Project, Rob Jackson, geht davon aus, dass die CO2-Emissionen 2020 um 5 Prozent sinken könnten. Doch das ist kein Grund zum Jubeln. Denn obwohl Flugzeuge am Boden bleiben, Fabriken stillstehen und viele Menschen von zu Hause arbeiten, reduzieren sich unsere Kohlenstoffemissionen nur im einstelligen Bereich. Der Grund: Wir setzen viel zu sehr auf die Wirkung unseres persönlichen Fußabdrucks. Dabei sind es die strukturellen Probleme, die die größten Schäden verursachen – und es sind die größten Klimasünder, die dem Individuum die Schuld zuschieben wollen.

Mit der Verbreitung des Coronavirus glaubten viele, Licht am Ende des Klima-Tunnels zu sehen. Zumindest würde sich die Klimakrise entspannen, so die Annahme. Bilder der NASA kursierten im Internet, die die Regionen um Wuhan und die Lombardei zeigen. Dort hatten sich kurzfristig die Treibhausgas-Emissionen drastisch reduziert.

 

Von Jänner auf Februar haben sich die Treibhausgase in der Atmosphäre über China drastisch reduziert.

Von Jänner auf Februar haben sich die Treibhausgase in der Atmosphäre über China drastisch reduziert.

Doch der Schein trügt: Der ORF-Meterologe und Autor Markus Wadzak zeigt uns, dass die Bilder keine globale Entwicklung zeigen. Der Anteil der Treibhausgase ist am 2. Mai pro Million auf 418 gestiegen. Er liegt damit über dem Wert von 2019. Trotz der Flugzeuge, die am Boden bleiben, trotz der Fabriken, die stillstehen und der vielen Menschen, die von zu Hause arbeiten.

https://twitter.com/MarcusWadsak/status/1257236082120327168

Ein kleiner Einbruch macht keinen großen Unterschied

3 Prozent dieser Emissionen kommen vom Flugverkehr. Das ist viel, bedenkt man, dass die Österreicher in Durchschnitt weniger als einmal im Jahr fliegen. In einem der Top 10 reichsten Ländern der Welt. In ärmeren Ländern fliegen noch wesentlich weniger. 3 Prozent für ein elitäres Vergnügen ist viel. Der totale Stopp des Vergnügens rettet aber als einzelne Maßnahme nicht das Klima – und damit die Welt. Wenn nun für ein paar Wochen die Flieger am Boden bleiben, reißt das das Ruder in der Klima-Entwicklung nicht herum.

Zum Vergleich: 40 Prozent der Emissionen stammen aus der Energie und Wärme-Gewinnung. Und davon brauchen wir, wenn wir zu Hause sitzen (müssen), eher mehr als weniger. Was wir durch den Flugverkehr und durch stillstehenden Fabriken an Treibgasen gewinnen, verlieren wir durch den höheren Verbrauch zu Hause zum Teil wieder.

Unterm Strich stoßen wir auf jeden Fall zu viel aus, denn der CO2-Ausstoss kulminiert. Das heißt, er addiert sich jährlich auf.

Man kann sich das wie eine Art Schuldenkonto vorstellen. Wir machen seit Beginn des Industrie-Zeitalters jedes Jahr neue Schulden und belasten damit unsere Zukunft. Die Schulden des Vorjahres haben wir seither nie getilgt. Auch wenn wir uns in den letzten 2 Monaten weniger neu verschuldet haben, zahlen wir noch lange keine Schulden ab – der Schuldenberg wächst weiterhin.

Tatsächlich werden die Betriebe und Fabriken versuchen, die verlorenen Gewinne wieder zu erwirtschaften. Es ist zu erwarten, dass ein Teil der „gesparten“ Emissionen mit den Wiederöffnungen nachgeholt werden. Bei der Metapher des Schuldenkontos könnte man es mit einer Rechnung vergleichen, die statt im April, einfach im Juni bezahlt wird.

Abgesehen davon kann man für einen so kurzen Zeitraum keine klimawirksamen Veränderungen feststellen. Zeiträume unter einem Jahr sind nicht sinnvoll zu beobachten und zu bewerten. Die Streuung der Ergebnisse zu groß. Die Schwankungen sind auch deswegen so groß, weil die Biosphäre rund 10 Mal soviel Kohlendioxid abgibt wie der Mensch. Aber – und das ist essenziell – sie nimmt es auch wieder auf.

Ist dann nicht alles sowieso sinnlos? 

Wenn diese massiven Verhaltenseinschnitte nichts bringen, ist dann nicht sowieso alle Klima-Anstrengung sinnlos? Nein, denn der Grund, dass die Pandemie langfristig nicht zu einer Verringerung der Kohlenstoff-Emissionen führt, liegt darin, dass die Veränderungen in unserem Verhalten eben nicht nachhaltig sind. Die gesunkenen Emissionen sind eben nicht durch den Ausstieg aus fossilen Brennstoffen und die Stärkung sauberer Energie entstanden. Es wurden keine Maßnahmen ergriffen, um Kohlenstoff wieder in die Böden zu bringen. Die Verhaltensänderungen, die wir durch den totalen Lockdown an den Tag gelegt haben, können wir nicht langfristig durchhalten. Sie sind nicht nachhaltig.

Wir haben den Motor in den Leerlauf geschalten, statt ihn zu stoppen oder mit Alternativen zu ersetzen.

Aus Corona  können wir lernen, dass durch individuelles Verhalten nur kleine Änderungen erreicht werden können – die zu wenig sind, um das Klima zu beeinflussen. Ohne systematische Änderungen verlaufen Maßnahmen einzelner im Sand und sind sinnlos. Wir können auf das zwar Fliegen verzichten, aber nur bedingt auf das Heizen im Winter. Doch genau das versuchen uns die größten Klimasünder einzureden.

„Essen Sie saisonal und recyceln Sie mehr, um Emissionen zu reduzieren“ – sagt Shell

Der Erdölkonzern „Shell“ lässt Studien verfassen, die uns raten, saisonaler zu essen und mehr zu recyclen. Der Kohlenstoff-Fußabdruck stammt von dem Erdölkonzerne „BP – Britisch Petrol“ aus dem Konzept des ökologischen Fußabdrucks und wurde in einer 2005 in einer Kampagne vermarktet – und zwar sehr erfolgreich.

Die 90 größten Klimasünder des industriellen Zeitalters – eine spannende Animation aus Sciencemag. (Screenshot)

Dabei sind Shell und BP zwei der 90 Unternehmen, die laut Schätzungen von Wissenschaftlern für zwei Drittel aller Treibhausgas-Emissionen des gesamten Industriezeitalters verantwortlich sind.

Wenn Ben van Beurden, der CEO von Shell, in einer Rede „Verbraucher, die sich dafür entscheiden, im Winter Erdbeeren zu essen“ an den Pranger stellt und über Wegwerfkultur in einigen Branchen, in denen Recycling der Standard sein könnte, lästert, hat er vielleicht sogar Recht. Es ist nur hochgradig zynisch, als Gewinner und Verursacher der Klimakrise andere mit verhältnismäßig kleinem Beitrag an der Katastrophe Vorhalte zu machen.

Corona-Krise – doch ein Lichtblick?

Aus Corona können wir etwas lernen. Nämlich dass wir als Menschheit bereit sind, von heute auf morgen viel zu ändern. Dass wir die globale Wirtschaft in eine Notbremsung geführt haben, hätte vor wenigen Wochen niemand geglaubt. Corona zeigt uns: Wir können, wenn wir wollen – jetzt müssen wir nur noch wollen.

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Jürgen
Jürgen
29. Juni 2020 11:49

Die großen Konzerne gaben schon Studien in Auftrag, durch die bewiesen werden sollte, dass nur die Konsumenten Schuld sind. So wie die Tabakkonzerne das früher auch gemacht haben.
Für mich ist die wesentlichste Information aus diesem Artikel die, dass man die Produkte der größten Konzerne mit so etwas wie Umweltschutz-Steuern (Steuern zur Reparatur der Schäden für die sie verantwortlich sind) belastet werden müssen. Progressiv, abhängig vom Anteil der Schäden im Bezug zum Anteil der Emmissionen.
Damit würde jeder Konzern bestrebt sein den Ausstoß relativ zu den anderen zu reduzieren und es würde sich automatisch nach unten nivellieren.
Ich gehe auch davon aus, dass es hier nur um die Emissionen durch die Firmen selbst und nicht die Emissionen die daraus in Folge durch den Verbrauch entstehen gemeint sind.

Heiko
Heiko
23. Mai 2020 12:09

klimaneutral = bildungsneutral
Das ist das größte Problem unserer Zeit. Den Coronawahn können ja einige noch durchschauen, beim Klima schaffen das die meisten leider nicht.

Guiseppe Forcher
Guiseppe Forcher
12. Mai 2020 11:46

Ja das Treibstoffkonzerne wie BP und Shell indirekt am Treibhausgas-Emissionsausstoß Schuld sind is irgendwie logisch, die entstehen einfach durch die Verbrennung von Treibstoff und das verkaufen die halt und profitieren dadurch.
Aber Shell verheizt ja nicht einfach so Benzin für Geld, die verkaufen den an uns und wir verbrennen den in unseren Autos oder wir konsumieren Waren die mithilfe dieses Teibstoffs um die halbe Welt geschifft werden.

Ich versteh die Aussage dieses Artikels gar nicht, ich würde gern wissen was die so genannten „strukturellen Probleme“ sind.
Kann mich bitte wer aufklären?

xx1xx
xx1xx
5. Mai 2020 21:46

Vielleicht könnte der Autor daa ganze Wirrwar nochmals ordnen und strukturiert nochmals bringen?

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