Coronavirus

„Wir haben noch nie so viele Tote in so kurzer Zeit gesehen“

Auf den Intensivstationen kündigen Pflegekräfte, weil sie am Ende ihrer Kräfte sind. Es ist zermürbend, erzählt Dr.in Barbara Sitter. Sie ist Leiterin einer Intensivstation und steht manchmal selbst nur noch hilflos daneben, weil sie Covid-Patient:innen nicht mehr helfen kann. Doch auch das Leid ihrer Kolleg:innen nimmt sie mit. Mit dem Verein Second Victim will sie dafür sorgen, dass Pfleger:innen und Ärzt:innen Hilfe bekommen, wenn der Arbeitsalltag sie nach unten zieht. Wir haben mit ihr über die Erlebnisse auf den Intensivstationen und die Vereinsarbeit gesprochen.

„Noch nie so viele Leichensäcke zugemacht“ – Corona an den Spitälern

Die Pandemie hat das Gesundheitspersonal in Österreich ans Limit gebracht. Gerade in diesem Berufsfeld hat man mit Leid und Tod zu tun. Was ist jetzt aber anders als vor Corona?

Dr.in Barbara Sitter: Natürlich haben wir gelernt, mit Krankheiten und Tod umzugehen – wir können das auch. Aber wir haben schlicht noch nicht so viele Tote in so kurzer Zeit gesehen, während wir so hilflos daneben stehen mussten. Ich habe bei mir auf der Station eine Krankenpflegerin, die zu mir gesagt hat: „Ich habe noch nie so viele Leichensäcke zugemacht wie im letzten Jahr. Dafür habe ich meine Ausbildung nicht gemacht!“ Es ist oft ein Toter pro Tag. Es ist zermürbend. Man strengt sich an, jeden Tag – aber der Reihe nach sterben Menschen und man ist machtlos. Das macht uns kaputt.

Kann man angesichts der Erlebnisse, die man während der Arbeit hatte, zu Hause mit der Familie abschalten?

Dr.in Barbara Sitter: Schwer. Manchen fällt das einfacher, anderen schwerer.

In ganz schwierigen Phasen war es bei mir selbst so, dass ich die Erlebnisse des Tages kaum ablegen konnte. Da bin ich nach Hause und erstmal weinend im Vorzimmer gesessen und meine Kinder mussten warten. Weil es mir so schwergefallen ist, herunterzukommen.

Anderen geht es ähnlich, aber sie geben es vielleicht nicht zu. Ich habe Kolleginnen und Kollegen, die haben viel auf den Stationen geweint. Manche mit den Angehörigen gemeinsam, manche heimlich auf der Toilette. Dieses Leid geht uns allen nah.

Hatten Sie ein Erlebnis während der Pandemie in Ihrer Arbeit, das Sie besonders hart getroffen hat?

Dr.in Barbara Sitter: Ich erinnere mich an einen jungen Vater, den ich auf der Station hatte. Der war um die 40, hatte zwei Kindergartenkinder zu Hause und einen schweren Corona-Verlauf. Wir mussten ihn intubieren, also in einen künstlichen Tiefschlaf versetzen. Ich habe ihn kurz davor gefragt, ob ich seiner Ehefrau noch etwas ausrichten soll von ihm. Und er meinte: „Sagen Sie, ich habe es versucht“. Das ist mir sehr, sehr nahe gegangen. In den ersten Tagen haben wir befürchtet, dass er es nicht schafft. Zum Glück hat er aber überlebt. Er war insgesamt fast drei Monate im Krankenhaus auf der Intensivstation.

Auf Intensivstationen kündigen Pflegerinnen und Pfleger, weil sie am Ende ihrer Kräfte sind.

Am Limit: Auf den Intensivstationen kündigen die Pflegerinnen und Pfleger

Im Juni haben zwei Soziologinnen eine Studie veröffentlicht, in der es um die Lage von Pfleger:innen ging. Das Ergebnis war, dass jede:r zweite daran denkt, den Job aufzugeben. Wie nehmen Sie das wahr?

Dr.in Barbara Sitter: Diese Studienergebnisse decken sich leider mit dem, was ich selbst auch erlebe. Auf der Intensivstation bei uns hat jetzt schon ein Viertel bis ein Drittel des Pflegepersonals gekündigt. Ich weiß auch von Kolleg:innen in anderen Wiener Spitälern, dass sie überlegen, zu gehen und sich aktiv um eine andere Stelle umsehen. Manche wechseln nur den Bereich – also wollen zum Beispiel weg von der Intensivstation. Andere kündigen ganz – und wissen noch nicht, was sie danach machen. Dazu kommen noch die ganzen Krankenstände. Das macht mir wirklich Sorgen. Denn was heißt das für unser Gesundheitssystem in den nächsten Jahren, wenn wir die Leute nicht mehr haben?

Man müsste also mehr in die Pflegeausbildung investieren und das schnell?

Dr.in Barbara Sitter: Man kann mehr ausbilden, ja. Aber zum einen dauert das dann ein paar Jahre, zum anderen kann man nicht einfach so jemanden ersetzen, der zwanzig Jahre Erfahrung darin hat, Patient:innen am Intensivbett zu versorgen.

Wie ist die Situation bei den Ärzt:innen? Denken da auch viele ans Wechseln oder Aufhören?

Dr.in Barbara Sitter: Ich möchte meinen, das beginnt auch. Aber es ist noch nicht so intensiv wie bei den Kolleg:innen in der Pflege.

Politiker, die von Entwurmungsmittel schwärmen, machen „fassungslos“

Was denkt man sich als Intensivmedizinerin, wenn man nach der Arbeit Nachrichten hört, Zeitung liest – wenn man die Bilder von Demonstrationen gegen Schutzmaßnahmen sieht – oder hört, dass es „eh genügend“ Intensivbetten gibt?

Dr.in Barbara Sitter: Man wird schlicht wütend. Eine Zeit lang habe ich mir gar keine Nachrichten mehr angeschaut. Ich meine, wir reden seit Jahren darüber, dass es Engpässe gibt. Jetzt sind wir erschöpft und müde und oft hilflos. Und wenn man dann hört, es gäbe genügend Betten…Bitte, wir wissen manchmal nicht mehr, wo und wie wir unsere Patient:innen behandeln sollen.

Und dann hört man noch Politiker über Pferde-Entwurmungsmittel reden. Das macht fassungslos. Wir üben unseren Beruf seit Jahren aus, setzen uns intensiv mit den neuesten Entwicklungen auseinander. Wir lesen jede Studie, evaluieren jedes Medikament, schauen uns alles an, damit wir unsere Patient:innen versorgen können – und dann sowas…

Sie haben mit Kolleg:innen den Verein Second Victim gegründet, der Beschäftigten im Gesundheitsbereich helfen will, wenn diese sich in einer Krise befinden. Beispielsweise, weil sie traumatische Erlebnisse auf den Stationen hatten. Nun gibt es ja auch in den Spitälern psychologische Hilfe – also direkt vor Ort. Wie hebt sich der Verein davon ab?

Dr.in Barbara Sitter: In den Spitälern gibt es ein Angebot und das ist auch wunderbar. Aber wir merken, dass sich Pfleger:innen und Ärzt:inen schwer tun, diese Hilfe vor Ort anzunehmen, selbst wenn die Psychologen sie direkt ansprechen und fragen, ob sie Hilfe brauchen. Das liegt daran, dass es die Psycholog:innen „vom Haus“ sind und man weiß, dass die auch mit den Kolleg:innen und Patient:innen sprechen. Das fühlt sich für viele nicht stimmig an und sie wollen lieber jemanden zum Reden, der nichts mit dem Arbeitgeber zu tun hat. Mit Second Victim wollen wir nichts ersetzen, aber wir wollen genau dieses zusätzliche Angebot ermöglichen, einfach und niederschwellig. Uns ist es auch wichtig, dass man – wenn man akut Hilfe braucht – nicht fünf Wochen warten muss, bis eine psychologische Beratung irgendwo bewilligt wird offiziell.

Was macht der Verein Second Victim?

Der Verein Second Victim wurde im Mai 2021 gegründet. Der Name  bezieht sich auf MitarbeiterInnen im Gesundheitssystem, die aufgrund eines Erlebnisses traumatisiert wurden bzw. in eine Krisensituation geraten sind. Beispielsweise weil sie miterlebt haben, wie ein:e Patient:in zu Schaden gekommen oder verstorben ist. Der Verein stellt den Kontakt zu Psycholog:innen her, die – unabhängig von den Gesundheitseinrichtungen, an denen man selbst arbeitet – für Gespräche zur Verfügung stehen.

Wie funktioniert die Beratung bzw. die Hilfe des Vereins?

Dr.in Barbara Sitter: Wir haben zwei Schienen. Zum einen sammeln wir Informationen rund um Ansprechpersonen, Akut-Maßnahmen für einen selbst als Betroffener. Und wir verlinken den Kontakt zu Psycholog:innen, die sich bei uns gemeldet und zugesagt haben, dass sie mithelfen möchten. Bei denen kann man sich dann direkt melden und sich Gesprächstermine ausmachen – die ersten Stunden sind gratis, danach schauen wir, dass wir als Verein die Kosten decken. Zum zweiten gibt es auch noch eine Psychologin, die generell einmal die Woche für zwei Stunden erreichbar ist und erste Beratung anbietet. Dabei ist alles anonym. Wir fragen nicht nach, wer die Anrufenden sind oder was genau sie beruflich machen, also ob sie Pfleger oder Ärztin sind. Ab Jänner wollen wir dann auch Fortbildungen zum Thema anbieten, also: Stressmanagement in Akutsituationen, Vorbeugemöglichkeiten und dergleichen.

Verein ist Spenden-finanziert – jeder, der Hilfe braucht, soll sie bekommen

Wie ist es dann, wenn jemand eine längere Therapie braucht? Psychotherapie auf Krankenschein ist ja sehr begrenzt bzw. die Kosten, die die Krankenkassen übernehmen, sind überschaubar.

Dr.in Barbara Sitter: Das wird dann jeweils eine individuelle Entscheidung sein. Wir sind mit unserer Arbeit noch recht am Anfang. Für uns steht aber fest, dass wir niemanden, der Hilfe braucht, im Stich lassen wollen. Wir bauen eine gute Beziehung zu den Psycholog:innen auf und dann findet man meistens einen Weg, weitere Therapien zu finanzieren.

Ihr Verein arbeitet ehrenamtlich. Wie geht sich das zeitlich aus neben der Arbeit im Spital, Familie und Lockdowns?

Dr.in Barbara Sitter: Es ist herausfordernd, aber es war uns einfach ein großes Anliegen. Irgendwie geht es sich zwischen all dem aus. Wir hoffen, dass wenn wir erstmal bekannter sind und Gelder akquirieren können, noch mehr ins Rollen bringen. Jetzt sind erstmal die ersten wichtigen Schritte gesetzt.

Im Gespräch mit: Barbara Sitter

Dr.in Barbara Sitter ist im Vorstand des Vereins Second Victim Sie arbeitet als Anästhesistin und Intensivmedizinerin und leitet eine Intensivstation. Der Verein arbeitet ehrenamtlich. Man kann seine Arbeit durch eine Mitgliedschaft unterstützen, durch eine Spende über Respekt.net oder  eine Spende direkt an das Vereinskonto: IBAN: AT24 2011 1844 3776 6800/ Verein Second Victim.
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