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Veranstaltung zum Republiks-Jubiläum im Parlament

Peter Turrini: „Es findet ein Klassenkampf statt, und zwar von oben nach unten.“

Peter Turrini gehört zu den großen Schriftstellern Österreichs. Er hat über 40 Bühnen-Stücke und die Drehbücher für die Fernsehserien „Alpensaga“ und „Arbeitersaga“ mitverfasst. Turrini hat in seinen Arbeiten mit romantisierten Heimat-Klischees aufgeräumt und greift Themen wie Ungleichheit und Ausgrenzung von Menschen auf. In einer Rede im Parlament hat Turrini dazu aufgerufen, in politisch schwierigen Zeiten, in denen der Klassenkampf „von oben nach unten“ geführt wird, die „Grenzen des Mutes“ zu erweitern – und sich für Demokratie und gegen Unrecht einzusetzen. 

Am 30. Oktober 1918 trat die provisorische Nationalversammlung und legte die Grundsteine für die Gründung der Republik Österreich. Am selben Tag im Jahr 2018 wirft Peter Turrini anlässlich einer Jubliäumsveranstaltung zur Geschichte der Republik und Demokratie einen Blick zurück. Seine Bilanz aus den letzten Jahrzehnten: Das Klima ist rauer geworden, der soziale Zusammenhalt hat abgenommen. Die Menschen sind zunehmend verroht, findet Peter Turrini. Wo einst Solidarität selbstverständlich war, wo man Schwächeren gern geholfen hat, weil man musste, das man selbst auch mal Hilfe braucht, wird jetzt weggeschaut, werden Sicherheitsnetze zerschnitten und werden Arme ärmer gemacht:

„Ein Gespenst geht um in Europa. Nichts Unmenschliches ist ihm fremd. Es scheint, als sei ein Wettrennen darüber ausgebrochen, wer der größere Feind des Nächsten ist, wer die Schwächeren am besten verhöhnen kann.“

Die Schwachen, das sind auch die, die als „fremd“ klassifiziert werden. Sie haben nichts, aber weil sie nicht von hier sind, wollen ihnen viele nicht helfen. Für Turrini muss sich jeder Mensch eine Grundsatzfrage stellen: „Verbleiben wir in der Mieselsucht, in der Kleinkariertheit, in der Abschottung gegenüber dem Fremden, in der Ausgrenzung des Anderen, bei der Verhöhnung des Schwächeren […] oder versuchen wir über uns selbst hinaus zu wachsen, indem wir anderen Menschen helfen?“

Demokratie heißt nicht, alles ertragen zu müssen – Demokratie heißt auch Widerspruch

Peter Turrini

Peter Turrini hat bei einer Veranstaltung des SPÖ-Parlamentsklubs im Palais Epstein eine erinnerungswürdige Rede gehalten.

Die zunehmende Verrohung hat laut Turrini auch die Grenzen des Sagbaren erweitert: Ängste vor Geflüchteten, Hass auf Migranten werden geschürt. Turrini hat auch eine Vermutung, wo diese Gefühle herstammen. „Die verdächtigen Eigenschaften, die Menschen bei anderen Menschen, hauptsächlich Fremden, wahrnehmen, schlummern zumeist in ihnen selbst“, glaubt er.

Müssen wir das nun tolerieren?, fragt Peter Turrini. Muss Demokratie Hassreden und Lügen aushalten? Nicht zwingend. Reden und diskutieren soll man immer – sich mit Hass auf Minderheiten und Schwache abfinden, muss man aber nicht:

„Wir müssen einander aushalten und miteinander reden, notfalls mit gehobener Lautstärke und aller Leidenschaft. Aber diese Wollust der Ausgrenzung, ja der Vernichtung, die derzeit gegenüber dem anderen und dem Andersartigen mehr und mehr aufbrodelt, die müssen wir nicht ertragen – die müssen wir bekämpfen.“

Peter Turrini will Österreich nicht den Rechten überlassen

„An der Entwicklung in diesem Land leide ich besonders“, gesteht Turrini. „Es ist ja auch mein Land. Als Sohn eines italienischen Einwanderers, welcher nie so recht in der deutschen Sprache ankam und es nicht bis an den Stammtisch der Einheimischen schaffte, habe ich lange genug gebraucht, dieses Land als mein Land zu empfinden. Ich will es mir von einem adrett zugerichteten jungen Mann in der Bundeskanzlerpose und von einer Horde Burschenschafter in Ministerbüros nicht mehr nehmen lassen.“ Die Regierung, so Turrini, betreibt falsche Umverweilung von unten nach oben. Die Gewinner sind die, die ohnehin viel haben – für sie macht die ÖVP Politik. Und die FPÖ? Die macht in der Zwischenzeit aus Österreich einen autoritären Staat:

„Die rechten Regierungen nehmen den Schwächeren etwas weg und geben es den Stärkeren. […] Wie bei einem geplanten Coup ging man arbeitsteilig vor: Jeder hat seine Aufgabe und nachher teilt man die Beute. Herr Kurz bekam die Wirtschaft und schafft ein echtes Wirtschaftswunder für die Reichen. Und Herr Strache bekam die Polizei, das Militär, die Geheimdienste und sorgt seitdem dafür, daß wir uns tatsächlich wundern, was alles möglich ist.“

Turrini über die immer verdächtige Arbeiterklasse und den Klassenkampf von oben

Besonders unerträglich findet Turrini die Verachtung der Arbeiterklasse – jener, die Beschäftigung haben, jener, die sie suchen und jener, die nicht arbeiten können. Auf sie alle wird hinuntergeschaut, ihnen wird unterstellt, zu wenig zur Leistungsgesellschaft beizutragen.

„Die Arbeiterklasse wird ununterbrochen verdächtigt: der Lohntreiberei, der Sozialschmarotzerei und der Faulenzerei“

„Es findet ein Klassenkampf statt, und zwar von oben nach unten. Diese Regierung nimmt den Schwächeren und gibt den Reicheren, und trotz aller Jonglierkünste dieses populistischen Kanzlers zahlen am Ende die Arbeiter, die Arbeitslosen, die alleinerziehenden Mütter mit niedrigem Einkommen und die Flüchtlinge drauf“, bilanziert Turrini.

Die Arbeiterklasse, die soll es ja gar nicht mehr geben, das sei ein überholter Begriff. Und auch mit den Menschen selbst, die viele Stunden für wenig Geld schuften, will man – wenn möglich – nur wenig zu tun haben. Es sei denn, das Büro muss geputzt, die Kinder müssen versorgt oder das Klo muss repariert werden. „Dann“, so Peter Turrini „muss die angeblich nicht vorhandene Arbeiterklasse dringend her und möglichst schnell wieder weg.“

Und damit diese Vielen, die hart Arbeitenden, die Jobsuchenden, die Pensionierten, die Kranken nicht erkennen, dass sie die Mehrheit sind – und dass sie mächtig sind – greift die Regierung ihre Organisationen an. Egal ob Gesundheitsversorgung oder Arbeiterkammer: wer die Stimme für nicht-Privilegierten erhebt, soll leiser gemacht werden. Das schwächt alle, die sich den Luxus von Privatversicherungen und Anwälten im Problemfall nicht leisten können.

„Die Arbeiterklasse soll ihre Errungenschaften preisgeben. Sie soll aus ihren Organisationen austreten. Sie soll ihre Funktionäre verächtlich machen lassen. Sie soll alle ihre Organisationsformen auflösen. Und das nennen sie dann die Wiedergewinnung der persönlichen Freiheit. Für viele arbeitende Menschen, vor allem solche, die nicht in den Metropolen wohnen, die pendeln müssen, bedeutet diese Freiheit folgendes: Eine bis zwei Stunden Fahrt zum Arbeitsplatz, zwölf Stunden Arbeit, eine bis zwei Stunden Heimfahrt vom Arbeitsplatz, Eintreffen in der eigenen Wohnung meist erst lange nach Eintritt der Dunkelheit, eine bleierne und traumlose Nacht und die ewige Hoffnung auf einen Hauptgewinn im Lotto.“

Maulen in der Kantine reicht nicht – wir müssen mutiger werden

All das muss empören – oder zumindest hochgradig unzufrieden machen, findet Peter Turrini. Dass sich Geschichte wiederholt, glaubt er allerdings nicht. Die größte Gefahr droht uns, wenn wir uns der Feigheit ergeben und all diese Fehlentwicklungen hinnehmen.

„Ich glaube nicht, daß wir in eine braune Vergangenheit stolpern, schon eher in eine feige Zukunft. Wann immer sich die Demokratie in diesem Lande verengt, wenn der Kampf um die Posten härter wird, steigt die Hosenscheißerei. Das Maulen in den Kantinen und in den Gängen nimmt zu. Aber wenn es darum geht, der obrigen Stelle seine Meinung zu sagen, wird es still. Und wenn man die Leute fragt, warum sie ihr Maul nicht aufgemacht haben, dann heißt es, sie hätten zwar laut ‚Jawohl‘ gesagt, aber einen tiefen inneren Widerstand dabei empfunden. Manchmal habe ich das Gefühl, das ganze Land befindet sich derzeit im inneren Widerstand.“

Wenn Unrecht geschieht, müssen wir Widerspruch äußern. Dazu braucht es eine ganze Portion Mut, weiß Turrini. Denn wenn alle Angst haben und alle schweigen, haben die, die ausgrenzen, die Rechte beschneiden, die das Sicherheitsnetz zerschneiden und unsere Freiheiten beschränken, leichtes Spiel.

„Wir alle haben Verpflichtungen, die unseren Mut in Grenzen halten: Wir wollen unseren Job nicht verlieren. Wir müssen Kinder versorgen. Wir müssen die Kreditraten zurückzahlen. Aber es gibt Zeiten wie diese, in denen wir einfach versuchen müssen, die Grenzen  unseres Mutes etwas zu erweitern. Zu viel verschluckte Luft schadet der Demokratie.“

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5 Kommentare

5 Kommentare

  1. Lieber Peter Turrini,

    11. November 2018 um 08:08

    schon einmal einen umgekehrten gesehen?

  2. Prof. Dr. Hohlbrugger Gero

    5. November 2018 um 13:30

    Lieber Peter Turrini, Ihr Essay in der „Presse“ vom vergangenen Samstag liess wirklich nichts zu wünschen übrig. Chapeau! Mich selbst, der vergleichsweie nur über eine stumpfe Feder verfügt, befällt zur aktuell grassierenden „defensiv-reflexiven Dauerempörung“ nur der reine Frust. Prinzipiell schlagen auch Sie die Kerbe der Empörten. Schon lange erwarte ich einen Aufbruch zu einer geballt-kreativen Offensive der „Linkshirne“, die die Themen der Zeit fokussiert, sprachlich perfektionierend umsetzt und über irgendwelche Kanzeln, über Papier oder E-Medien dem Volk zu Gehör und Gespür bringt.
    Sie sind gesegnet mit Schlagfertigkeit und Schlagkraft. Könnten Sie sich nicht zum Kristallisationskern für eine derartige Bewegung aufraffen? Meine enthusiastisch-tatkräftige Unterstützung kann ich Ihnen jetzt schon garantieren.
    Allerherzlichst
    G. Hohlbrugger

  3. Ein Klassenkampf?

    4. November 2018 um 00:12

    Und das zu Zeiten, in denen die gierige Pseudoelitenbrut mehr hat als je zuvor. Peter, wo kommen wir da hin?
    Scheint ein Kassenkampf zu sein!

  4. Johannes Föttinger

    3. November 2018 um 15:51

    Turrini, der ewige „Sozi“, hat in seiner pseudointellektuellen Blase wirklich nichts begriffen. Vermutlich kann er es nicht mehr. Dass zwischen den Siebziger-Jahren und dem Heute gravierende Unterschiede bestehen, scheint seinem Horizont entglitten zu sein. Mag vielleicht eine Folge des Alterns sein, das die Wandlungsmöglichkeit von Einsichten nicht mehr zulässt. Er ordnet sich in die Liga der linken Verbalverunglimpfer ein, die in dem Motto der Internationale das retrospektive Ziel ihrer Wünsche sehen. Dass sein – zugegeben – schlechtes und tendenziöses Stück „Fremdenzimmer“ nicht vom ORF aufgezeichnet und ausgestrahlt wurde, muss ihn, dem der ORF einst mit seiner „Alpensaga“ zu Popularität verholfen hat, besonders „wurmen“; vielleicht ist es aber auch bloß der Entgang des Geldsegens, der sich damit verknüpft.

  5. Martin Mair

    31. Oktober 2018 um 12:04

    Die kritischen Kommentare zum Zustand der SPÖ werden hier zensuriert. Nicht sehr glaubwürdig diese SPÖ-Seite …

    Auch SPÖ nicht verschont

    Auch die SPÖ, die zur Veranstaltung lud, wurde vom Schriftsteller nicht verschont. „Warum so viele, vor allem höhere Repräsentanten der Sozialdemokratie, geradezu rudelartig bei Festspielen auftauchen, aber noch kaum bei ausgebeuteten Erntehelfern zu sehen waren, können sie besser beantworten als ich“, warf Turrini in die Runde. An die SPÖ-Funktionäre richtete er zudem die Frage: „Ist das Innenleben Ihrer Partei so desaströs, dass Ihre Vorsitzenden nichts wie weg wollen? Als Autoverkäufer nach Argentinien, als Handlanger zu kasachischen Potentaten oder wohin auch immer. Oder ist das Innenleben der Parteivorsitzenden so desaströs, dass der Wink mit mehr Geld zur Jobhopperei und zum Verlassen aller Prinzipien führt?“

    https://www.news.at/a/peter-turrini-siegeszug-arschlochtums-österreich-10443798

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