Verteilungsgerechtigkeit

Reich wird man nicht, reich bleibt man

Foto: Flickr Daniel Jolivet CC BY 2.0

Sohn oder Tochter zu sein, ist besser als jeder Beruf, um reich zu werden. Das zeigen die Daten. Einige jüngere Studien überraschen jetzt aber mit ihrer Eindeutigkeit: Reichtum wird noch stärker vererbt, als bisher angenommen – und zwar über Jahrhunderte hinweg. Das heißt: Wer reich ist, bleibt reich, auch ganz ohne eigene Leistung.

Deutlich wird das etwa am Beispiel Italien, wo die beiden Italiener Guglielmo Barone und Sauro Mocetti zur Vererbung von Reichtum geforscht haben. Die wohlhabendsten Familien von heute haben dort allesamt Vorfahren, die bereits vor 600 Jahren zu den reichsten Familien gehörten. Sie untersuchten im Auftrag der Banca D‘Italia den Reichtum in der Stadt Florenz seit dem Jahr 1427.  Denn seit damals wurden in der ehemaligen Wirtschaftsmacht die Steuern akribisch aufgezeichnet. Und sie kamen zu dem bemerkenswerten Ergebnis:

„Die Spitzenverdiener von heute standen bereit vor sechs Jahrhunderten an der Spitze der sozioökonomischen Leiter.“

Die beiden Wissenschaftler haben für ihre Studie Steuerarchive durchforstet und dabei herausgefunden, dass die reichsten fünf Familien aus dem Jahr 1427 auch heute noch die reichsten fünf Familien sind. Aber nicht nur die Spitze der Pyramide ist gleichgeblieben. Wer damals im oberen Drittel stand, ist auch heute mit ziemlicher Sicherheit dort anzutreffen.

Und Ebenso gilt: einkommensschwache Familien von damals haben mit einer großen Wahrscheinlichkeit auch heute noch denselben Status. Weder die industrielle Revolution, die Einführung der allgemeinen Schulpflicht noch der Ausbau des Sozialstaates hätten daran viel geändert.


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Schweden, Großbritannien, Deutschland: Reich über Generationen hinweg – durch erben!

Die Autoren argumentieren, dass es sich bei Florenz um keine Ausnahme handelt: „Florenz dürfte kein Einzelfall sein, was die Entwicklung der ökonomischen Ungleichheit betrifft. Wir meinen, dass unsere Forschungsergebnisse auch auf andere entwickelte Länder Westeuropas übertragen werden können.“

In einer ähnlichen Studie hat der britische Ökonom Gregory Clark Einkommensverhältnisse in Schweden untersucht. Als dort im 16. Jahrhundert die Nachnamen eingeführt wurden, waren sie mit dem sozialen Status des Trägers verbunden. Wer adelig oder wohlhabend war, bekam die Endung „Kvists“ und hieß Lindkvist oder Almkvist, die Namen der Bauern oder Handwerker endete dagegen auf „son“, sie hießen Andersson oder Johansson.

Bis heute finden sich in den gesellschaftlichen Eliten überwiegend Menschen mit den gehobenen Namen aus dem 16. Jahrhundert. Wer hingegen einen Nachnamen aus dem einfachen Stand hat, der ist mit großer Wahrscheinlichkeit auch heute nicht wohlhabend.

Auch die Studie von Neil Cummins und Gregory Clark über die englischen Eliteuniversitäten Oxford und Cambridge legt nahe, dass sozialer Auf- und Abstieg eher eine Ausnahme sind. Die beiden Ökonomen verglichen die Namen der Studenten und ihre Herkunft seit 1170. Dabei erkannten sie, dass seit mehr als 800 Jahren die gleichen Familien die Elite-Universitäten dominieren. „Der soziale Status“, so die Wissenschaftler, „wird stärker vererbt als die Körpergröße.“

Beständig reich trotz gesellschaftlicher Umbrüche

Selbst gewaltige Umbrüche wie die beiden Weltkriege, das Ende der Monarchie, der Nationalsozialismus und die Teilung Deutschlands hatten nur geringe Auswirkungen auf die deutsche Elite. Der Soziologe Hervé Joly zeigt in einer Untersuchung von Vorstandsmitgliedern der 26 größten Industriekonzerne des „Dritten Reichs“, dass die personellen und familiären Kontinuitäten in der Wirtschaftselite selbst während und nach der NS-Zeit nicht abbrachen. Ob Eigentümer oder Vorstandsmitglieder – sie kamen immer aus den gleichen Familien.

Österreich führt bei vererbtem Reichtum

Wie drastisch die Situation gerade auch hierzulande ist, zeigt wiederum eine Untersuchung von Jonathan Wai und David Lincoln. Wer in Österreich über 30 Millionen Dollar besitzt, hat dieses Vermögen mit wesentlich größerer Wahrscheinlichkeit geerbt als erarbeitet. Nur hinter 18 Prozent der größten Vermögen steht die eigene Leistung, 50 Prozent der Reichsten wurden einfach reich geboren. Damit liegt Österreich auf Platz 1 unter 53 untersuchten Ländern: Bei uns kommt großes Vermögen noch stärker als anderswo von den „richtigen“ Eltern.

All das bedeutet nicht, dass sozialer Aufstieg grundsätzlich ausgeschlossen ist. Er ist jedoch deutlich schwieriger als angenommen. Das Glücksversprechen unserer Zeit, dass jeder es schaffen kann, wenn er oder sie sich nur genug anstrengt, hält der Realität nicht stand. Wer über große finanzielle Ressourcen, Einfluss und Kontakte verfügt, hat im Konkurrenzkampf einfach übergroße Startvorteile. Diese können nur in seltenen Einzelfällen mit Fleiß, Intelligenz und ganz viel Glück ausgeglichen werden. Dass zeigt sich nicht zuletzt daran, dass es Barone und Mocetti zufolge ein unsichtbares Netz gibt, das Wohlhabende vor dem Abstieg bewahrt. Ab einem gewissen Wohlstand sei sozialer Abstieg auch über viele Jahrhunderte hinweg quasi unmöglich.

Gerechtere Verteilung von Einkommen und Vermögen

Deswegen sollten Erbschaften ab einer gewissen Höhe auch besteuert werden – und zwar umso stärker, je größer das Vermögen ist. Nur eine steuerliche Entlastung von Arbeitseinkommen und ein wirkungsvolle Besteuerung von Vermögen durch Erbschafts-, Grund- und Finanztransaktionssteuern kann die enormen Schieflage zwischen erarbeitetem und ererbtem Vermögen verringern.


Zum Weiterlesen
Intergenerational Mobility in the very long run: Florence 1427-2011, Studie von Guglielmo Barone und Sauro Mocetti

Surnames and Social Mobility: England 1230-2012, Studie von Neil Cummins und Gregory Clark

Hervé Joly, Großunternehmer in Deutschland: Soziologie einer industriellen Elite

Lesenswert ist die Seite „Mythen des Reichtums“ des Jahoda-Bauer-Instituts

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Bernhard
Bernhard

gute links, wieso werden solche aussagen öffentlich nicht diskutiert?

Was dagegen zu tun ist:
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Prof. Dr. Heiner Flassbeck zur Inflationspolitik mittels der Löhne https://www.youtube.com/watch?v=SfuVWwiGfhU&feature=youtu.be&t=1672

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Wirtschaftsnobelpreisträger Prof. Dr. Joseph E. Stiglitz https://www.youtube.com/watch?v=vFoIMMXyHVE&feature=youtu.be&t=296

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Vorspielen auf: 56:17!
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