Kommentar

ZIB2-Auftritt: Wir kritisieren nicht die Kleinwalsertaler, wir kritisieren Sebastian Kurz

Ein Besuch des Bundeskanzlers im Kleinwalsertal wurde zum Politikum. Mehrere Dutzend Menschen drängten sich ohne gesetzlich erforderlichen Mundschutz und ohne den gesetzlichen Mindestabstand einzuhalten. Unter ihnen der Bundeskanzler mit dem Bürgermeister. Sie sind die Veranstalter der Versammlung. Im ZIB2 Interview darauf angesprochen, macht Kurz was er immer macht: Statt Verantwortung zu übernehmen, schiebt er den schwarzen Peter den Kleinwalsertalern zu.

Die Bilder der Versammlung im Kleinwalsertal anlässlich des Besuchs von Sebastian Kurz machen in den sozialen Medien schnell die Runde – und sorgen für heftige Aufregung. In den letzten Wochen verteilten Polizisten Strafen von bis zu 600 Euro an Bürger, die zu zweit auf der Parkbank saßen – im Vorarlberger Tal reagieren die Behörden nicht, wenn die 1-Meter-Abstandsregel nicht eingehalten und die Veranstaltungs-Obergrenze von 10 Personen deutlich überschritten wird. Man fühlt sich vor den Kopf gestoßen. Gilt das Gesetz nicht für den Bundeskanzler, fragen sich die User.

Im ZIB2-Interview mit Lou Lorenz-Dittelbacher bittet der Bundeskanzler um Verständnis. Aber nicht für seinen Fehler, sondern für den der Menschen aus dem Kleinwalsertal. Er macht sie rhetorisch zu kleinen Kindern: Sie haben sich eben nicht zurückhalten können, das müsse man verstehen. Und er macht sie auch zur Zielscheibe der Kritik – als Erster überhaupt. Denn die Kleinwalsertaler waren in den Augen der Kritiker nie das Problem. Das Problem war Sebastian Kurz selbst.

Selbstkritik ist bei Kurz Selbstlob

Wenn man unbedingt einen Fehler an ihm finden wolle, liege der am ehesten noch darin, das er nicht erwartet hatte, dass in einer 5.000 Menschen Gemeinde soviel Leute zusammenkommen würden, um den Kanzler zu sehen. Mit diesem Eingeständnis schmeichelt sich Kurz selbst – er sagt indirekt: Ich habe meine eigene Strahlkraft unterschätzt.

Es ist allerdings tatsächlich eine gewaltige Fehleinschätzung, nicht zu erwarten, dass in einer Gemeinde von 5.000 Menschen, die keine Verbindung zum Restösterreichs hat, sich nicht zumindest 30-50 Menschen für den Besuch des Bundeskanzlers interessieren. Dass Kurz seine „Hoffotografen“ mitgenommen hatte, lässt ebenfalls vermuten, dass er damit gerechnet hat.

Laut Informationen von Ortskundigen soll die Stimmung im Kleinwalsertal mittlerweile im Keller sein. Viele Mittelberger sind demnach sauer auf den Bürgermeister – und auf Kanzler Kurz. Der betonte gestern in einem defensiven Auftritt in der ZIB 2, verantwortlich für das Menschenbad seien vor allem die anwesenden Medienvertreter und seine Fans gewesen. Unter diesen befanden sich übrigens einige Gemeindevertreter, die ohnehin zum Arbeitsgespräch gekommen wären.

Es ist nicht das erste Mal, dass Sebastian Kurz Kritik an ihm auf andere umlenkt, um sich dann in Folge „schützend“ vor sie zu stellen. Es ist ein rhetorischer Trick, das Argument des Anderen vermeintlich zu zitieren – in Wahrheit aber etwas ganz anderes zu sagen.

Kritik aus Deutschland

Als die deutsche Regierung die Tiroler Landesregierung und die österreichische Regierung für ihr Missmanagement rund um Ischgl kritisierte, macht Kurz das gleiche: Der Kanzler fand es „falsch so zu tun, als wäre ein Ort für diese Pandemie verantwortlich“. Das ist eine Null-Aussage, denn wirklich niemand hat einen Ort oder seine Bewohnter für die Pandemie verantwortlich gemacht. Kritisiert wurden ausschließlich der Tiroler Landeshauptmann Platter, der Gesundheitslandesrat Tilg und die österreichische Regierung.

Platter und Tilg ließen ganze zwei Wochen nach dem bekannt der Corona-Fälle in einem Apresski-Betrieb verstreichen, bevor sie die Saison in Ischgl beendeten – sie warnten weder Deutschland, Schweden, Dänemark oder Finnland vor der Erkrankung. Wie wir heute wissen, ist auch die Bundesregierung mitverantwortlich. Der Krisenstab, inklusive des Bundeskanzlers, war bereits am 9. März – nur einen Tag nach der positiven Testung des Barmannes –  informiert, wie wir aus dem Regierungs-Protokoll, das der Falter veröffentlicht hat, wissen.

Doch statt dazu Stellung zu beziehen, spricht Kurz lieber über die Menschen in Ischgl, die er vor bösen Anschuldigungen beschützen müsse. Er ist lieber der Beschützer als der Verantwortliche.

Italien: (K)eine Schuldzuweisung

Perfide ist auch, dass der Bundeskanzler im selben Statement Italien ins Spiel bringt. Er würde von Italien niemals eine Entschuldigung einfordern, dafür dass „sie als Gäste das Virus in österreichische Skigebiete eingeschleppt haben“. Er hat seine Schuldzuweisung platziert – und darf sich gleichzeitig großzügig fühlen.

Es ist, als würde man sagen: Ich würde niemals Sebastian Kurz vorhalten, dass er für eine Kurz-Show, die Gesundheit von sich und seinen Mitmenschen in Gefahr brachte und damit Bilder produziert, die die allgemeine Moral deutlich senkt, sich an die Social Distancing Regeln zu halten. Denn wie man aus der Rhetorik weiß: Die eigentliche Aussage wirkt immer stärker als die Verneinung.

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Kika
Kika
16. Mai 2020 00:44

Der Kanzler wird sich auch in Zukunft ungeniert darstellen – und wenn was nicht so funktioniert wie geplant, dann kommt eben irgend eine Ausrede zur Verwendung.
Gut analysiert finde ich „Patriotisch im Wirtshaus“:
https://www.derstandard.at/story/2000117492438/patriotisch-im-wirtshaus
Besonders gut finde ich den Schluß:
Belehrungen des Kanzlers fallen unter „“Kleinwalsertaler Deklaration“.

Ulrike Illmayer
Ulrike Illmayer
23. Mai 2020 20:59

der einzige Gefährder ist der Kurz

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