Gesellschaft

Warum haben wir eigentlich so viel Angst?

Es ist ein eigenartiges Phänomen: Die Menschen in Europa haben heute mehr Angst als vor dreißig Jahren, obwohl Europa deutlich sicherer ist. Gerade einmal 12 Prozent  ÖsterreicherInnen geben an, sich an öffentlichen Plätzen sehr sicher zu fühlen. Zwei von drei haben Angst vor Terroranschlägen – obwohl der letzte Terroranschlag in Österreich Mitte der 1990er-Jahre stattfand und die Wahrscheinlichkeit vom Blitz getroffen zu werden um ein Hundertfaches höher ist.

Zwei Drittel sind der Meinung, dass sich die Sicherheitslage in Österreich in den letzten zehn Jahren verschlechtert hat – obwohl genau das Gegenteil der Fall ist: Die Kriminalität sinkt, die Menschen werden besser beschützt und im Falle von Gewaltdelikten schneller und besser versorgt. Und drei Viertel aller ÖsterreicherInnen empfinden die politische Weltlage als bedrohlich – obwohl sich die Großmächte nicht mehr mit Atomraketen bedrohen, obwohl in keinem Nachbarland Bürgerkrieg herrscht und obwohl global noch nie so wenige Menschen von Kriegen betroffen sind, wie in den letzten Jahren.

Dieses Auseinanderklaffen ist kein österreichisches Spezifikum. Die amerikanische Psychologin Jean Dwenge hat in einer Analyse von Studien dokumentiert, dass seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs das Angstempfinden der Menschen im Westen anhaltend angestiegen ist. Es gibt in nahezu allen westlichen Ländern weniger Gewalt, weniger Morde, weniger Raubüberfälle und trotzdem breiten sich Ängste aus. Auch die Zahl der Terroranschläge in der westlichen Welt sinkt seit den 1970er-Jahren und trotzdem nimmt die Angst vor ihnen zu.

Rechtsparteien und Boulevard. Oder: Das Geschäft mit der Angst

Aus Angst lässt sich politisches Kapital schlagen – niemand hat das besser begriffen, als rechte Parteien. Gezielt schüren sie Ängste: Indem sie Feindbilder erzeugen und emotional aufladen, indem sie Fakten aus dem Kontext reißen, indem sie reale Bedrohungen übertreiben und irreale erfinden, indem sie Zahlen hochspielen, verdrehen und aus dem Kontext reißen.

Donald Trump, den die amerikanische Wochenzeitung The Atlantic unlängst den Meister der Angst genannt hat, hat diese Strategie perfektioniert wie kein Zweiter. Weil die demokratischen Politiker so unfähig seien, die Grenzen zu sichern, könnten Verbrecher in die USA eindringen und hier nach Belieben morden und vergewaltigen. Die terroristischen Angriffe wären nicht nur eine Gefahr für potentielle Opfer, sie bedrohten vielmehr den amerikanischen Way of Life. Die USA würden von Terrorwellen und Migration in ihren Grundfesten erschüttert werden.

Das Kalkül dahinter ist einfach: Wenn die Bevölkerung Angst hat – vor Fremden, vor Verbrechen, vor Anschlägen etc. – verschwinden Sachfragen aus der Politik. Angst verhindert klares Denken, blockiert tiefgehend Debatten und vertreibt die nötige Ruhe, sich mit einem Sachverhalt genauer auseinanderzusetzen.

Wer Angst hat, braucht Schutz und schnelle Lösungen: Neue Mauern, höhere Zäune, mehr Polizei. Und diesen Schutz versprechen die rechten Demagogen.

Es ist eine perfide Strategie: Zuerst werden Ängste geschürt, dann bringt man sich selbst als Retter ins Spiel. PolitikerInnen wie Trump müssen auf der Angst aufbauen. Denn ihre politischen Programme machen nur vor dem Hintergrund einer drohenden Katastrophe Sinn.

Neben den (rechts-)populistischen Parteien, sind es vor allem die Boulevardmedien, die auf der Klaviatur der Angst spielen. Ein großes Segment der Nachrichtenproduktion lebt vom Geschäft mit der Angst. Unter den Bedingungen eines aggressiven Medienmarktes, in dem mit allen Mitteln um Kunden gerungen wird, richten diese Medien ihre Aufmerksamkeit wie eine Lupe auf Verbrechen, auf Anschläge, auf Extremismus etc.

Aus jedem Gerücht wird ein Fakt

Wir alle haben in den letzten Jahren beobachten können, wie unverantwortlich Boulevard und Soziale Medien mit Fakten umgehen: Aus jedem noch so unwahrscheinlichem Gerücht wurde eine Schlagzeile, aus jedem Verdacht ein Fakt. Wir haben gesehen, wie aus einem Nervenzusammenbruch einer muslimischen Frau eine islamistische Aktion wurde, wie große Seuchen mit zehntausenden Toten angekündigt wurden, wie aus sinkenden Verbrechensraten steigende wurden. Besonders durch die sozialen Medien schwirrten die absurdesten Gerüchte als Tatsachen und begleiteten uns dank Smartphones bis auf die Toilette.

In der Berichterstattung wimmelt es nur so von Verbrechern, Mördern und Terroristen – denn wer greift nicht zur Zeitung, klickt auf den Link, wenn in der Schlagzeile „Terroranschlag“ oder „Gewaltexplosion“ steht? Wer sich in den letzten Jahren nur über Boulevardmedien informiert hat, muss also wirklich den Eindruck bekommen, Österreich stehe vor dem Zusammenbruch.

Dennoch bleibt die Frage, welchen Nerv das Angst-Tandem aus Rechtsparteien und Boulevard trifft? Warum springen so viele Menschen auf diese Angstmache an? Woher dieses ungeheure Echo?

Wenn Angst eine Stimmung, eine Haltung ist, mit der wir der Welt begegnen und wenn diese Haltung derart weit verbreitet ist, dann kann ihre Entschlüsselung einen Einblick in unsere Zeit geben, der viel weiter geht, als jede noch so berechtigte Kritik am Boulevard oder am Populismus. Um zu sehen, wieso es nicht genügt, den aggressiven Medienmarkt und rücksichtslose Rechtsparteien für die grassierende Angst verantwortlich zu machen, müssen wir uns zunächst den Begriff der Angst genauer ansehen.

 

Angst und Furcht

Gemeinhin unterscheidet man zwischen Angst und Furcht. Angst ist diffus und unbestimmt, Furcht hat eine konkrete und fassbare Ursache. Wer im Jahr 2016 in Bagdad lebt und Angst vor einem Terroranschlag hat, der hat genau genommen Furcht und nicht Angst. Er fürchtet sich vor einer konkreten und realen Bedrohung, denn Anschläge gehören dort zum Alltag. Gleiches gilt für jemanden, der über eine morsche Hängebrücke geht und tatsächlich abstürzen kann oder eine zu spät kommende Arbeiterin, die nun mit ihrer Kündigung rechnen muss. Furcht ist rational begründet und führt (im Idealfall) zu einer passenden Reaktion auf die Wirklichkeit. Insofern hat sie eine Schutzfunktion. Sie lässt uns vorsichtig sein, sie verhindert Leichtsinn oder zwingt uns zur Flucht.

Anders die Angst: Ihre Ursachen sind schwer zu bestimmen. Sie ist, wie der Philosoph Paulo Virno schreibt, „an keine besondere Gelegenheit gebunden, sie kann uns zu jedem Zeitpunkt und in jeder Lage anfallen“. Angst sei keine passende Reaktion auf eine konkrete Bedrohung, kein wirklichkeitsgerechtes Verhalten. Wer in Wien die U-Bahn meidet, weil er einen Anschlag befürchtet, hat Angst, denn die Wahrscheinlichkeit dafür liegt nahezu bei null.

Der Philosoph Sören Kierkegaard schreibt über die Angst, man könne sie „mit einem Schwindel vergleichen. Wer in eine gähnende Tiefe hinabschauen muss, dem wird schwindelig.“ Die gähnende Tiefe ist natürlich metaphorisch zu verstehen – als etwas, dass ich nicht durchschauen, nicht verstehen kann. Angst taucht demnach dann auf, wenn man eine Situation, einen Ort, einen Menschen, usw. nicht einschätzen kann. Wenn ich nicht vorhersehen kann, was als Nächstes geschieht. Wenn ich überfordert oder orientierungslos bin.

Insofern hat Angst viel mit Kontrollverlust zu tun. Bei Menschen, die mir bekannt sind oder die ich einer mir bekannten Gruppe zuordnen kann, weiß ich woran ich bin – ich kann ihr Verhalten deuten und zukünftige Handlungsmuster erahnen. Mit anderen Worten: Ich weiß – oder glaube es zumindest – woran ich bin. Sobald mir jedoch jemand begegnet, den ich nicht einschätzen kann, von dem ich nicht weiß, wie er sich verhalten wird, eröffnet sich ein Raum, in dem die Angst zuschlagen kann. Denn: Ich weiß nicht, woran ich bin. Ich verstehe die Situation nicht, kann sie nicht einschätzen und mit ein bisschen Pech entgleitet mir die Kontrolle.

Furcht ist an ein konkretes Phänomen gebunden. Sobald die bedrohliche Situation vorbei ist, nimmt auch die Furcht wieder ab. Die Angst hingegen hat keine greifbare Ursache und damit auch keine Grenzen. Sie ist eher eine Stimmung, die sich in bestimmten Situationen steigern oder senken kann.

Darin liegt auch der Grund, warum man jemandem die Angst nicht einfach nimmt, indem man ihm minimale Wahrscheinlichkeit eines Anschlages vorrechnet. Abgesehen von jenen, die die Logik des Boulevards und des Populismus überhaupt nicht durchschauen, wissen im Grunde alle, dass es sehr unwahrscheinlich ist, einem Anschlag zu Opfer zu fallen. Aber da Angst keine eindeutige, konkrete Quelle hat, kann sie nicht einfach versiegen.

Natürlich: Angst wird in der Regel nicht als Angst erfahren, sondern als Furcht. Wenn wir uns angesichts einer undurchschaubaren Situation unsicher fühlen, dann lokalisieren wir die Ursache für diese Angst nicht in der Undurchschaubarkeit, sondern binden sie an ein Objekt. Wenn man jemandem aus einer fremden Kultur begegnet und sich ängstigt, dann nicht mit dem Gedanken im Kopf, dass man seine Mimik und Gestik nicht deuten kann und von seiner Kleidung nicht auf seinen sozialen Status schließen kann. Nein, man schreibt ihm – unbewusst – bösartige Eigenschaften zu.

 

Unübersichtliche, neue Welt

Die Art, wie Menschen denken und sich gegenüber der Welt, den Mitmenschen verhalten, ist zu einem großen Teil von den Lebenswirklichkeiten abhängig. Wollen wir die grassierenden Ängste verstehen, müssen wir also die Ebene der Medien und Populisten verlassen und uns ansehen, wie Menschen tagtäglich ihr Leben erfahren.

Entgegen aller dystopischer Szenarien, die die Welt auf eine durch und durch bürokratisierte und eindimensionale Gesellschaft zusteuern sah, hat unsere Gesellschaft einen anderen Weg eingeschlagen: Die Welt von heute ist in ständiger Bewegung, sie ist unübersichtlich und komplex, dynamisch und ungewiss, flexibel und vieldeutig, schrankenlos und in ständiger Weiterentwicklung. Der Philosoph Zygmunt Bauman hat diesen Zustand mit den Begriff der „Flüchtigen Moderne“ treffend beschrieben: Nichts in ihr ist dauerhaft und starr, nur weniges ist fixiert und unveränderlich, das meiste unübersichtlich und verworren.

Flexibilität ist dabei das Um und Auf: Jeder und alles muss flexibel sein und sich so schnell wie möglich auf etwaige Veränderungen einstellen. Flexibel zu sein bedeutet, sich immer neuen Veränderungen anzupassen, sich in immer neuen Umgebungen zurecht finden zu können, immer neue Kompetenzen zu erwerben. Wer vor hundert Jahren einen Beruf erlernte, erlernte in der Regel den seines Vaters und übte ihn bis an sein Lebensende aus – er musste nicht flexibel sein. Heute wechseln wir regelmäßig unseren Arbeitsplatz, unseren Wohnort und unser soziales Umfeld. Und wer gar zum so genannten Prekariat gehört, kennt Fixanstellungen und geordnete Arbeitsvorgänge ohnehin nur noch vom Hörensagen. Für viele finden sich in dieser dynamischen Welt unzählige Möglichkeiten. Aber angesichts der zunehmenden sozialen Ungleichheit gehen diese neue Freiheiten für große Teile der Bevölkerung mit Unsicherheit einher.

Auch Institutionen müssen sich ständig ändern. Der Wiener Wiener Philosoph Konrad Paul Liessmann hat dabei vom Prozess der „Permanenten Reform“ gesprochen: Überall habe sich der Reformgeist eingenistet, Institutionen würden ständig reformiert werden: Ob Bildungs- oder Gesundheitseinrichtungen, ob Verwaltungseinheiten oder die Feuerwehr – andauernd würde man diese Institutionen umstrukturieren und den neuen Gegebenheiten anpassen.

Mit diesen Flexibilisierungswellen gehen auch Veränderungen in den sozialen Beziehungen einher: Menschen sind nicht mehr in Gemeinschaften eingelassen, ihre sozialen Positionen – also ihre Berufe, ihre Position in der sozialen Hierarchie, ihr Verhältnis zu ihren Mitmenschen, etc. – bleiben vom Prozess der Flexibilisierung nicht unberührt.

Die ständigen Veränderungen in der flüchtigen Moderne verunsichern. Wir können uns nur auf weniges verlassen, immer wieder müssen wir uns neu orientieren und auf neue Umstände einstellen: Ein neuer Arbeitsplatz, ein neuer Studienplan, eine Umstrukturierung des Unternehmens.

Sicher, diese Veränderungen hat es früher auch gegeben, aber nicht in diesem Tempo und in dieser Häufigkeit.

Die heutige Welt ist in vielen Dingen unberechenbarer und unbestimmter als vor sechzig Jahren. Wir sind umgeben von Unbestimmtheit und Ungewissheit, wir sind regelrecht in sie eingelassen. Der ausgeprägte Individualismus unserer Zeit führt dazu, dass sämtliche Entscheidungen uns selbst überantwortet werden: Fast jedes Detail unseres Lebens beruht auf Entscheidungen, die wir treffen. Bis weit in die Nachkriegszeit gab es strenge gesellschaftliche Regeln, die weite Teile unseres Lebens regelten: Rollenbilder waren klar definiert, Lebensläufe in Konturen vorgegeben, Verhaltensweisen wurden in der Tanzschule gelehrt. Heute bestimmen wir das meiste selbst, unsere Leben sind Projekte: Vom Aussehen über unseren Lebensstil und unsere Ausbildung bis hin zur richtigen Kaffeesorte.

So positiv diese Entwicklung ist, sie hat aber auch eine Kehrseite: Freiheit kann überfordern, stressen und ängstigen. Jede neue Entscheidung angesichts einer flüchtigen Welt erzeugt in uns einen (kleinen) Schwindel: Dauernde Ungewissheiten, Unbestimmtheit und ständige Veränderungen mögen für manche eine Herausforderung darstellen, für die meisten sind sie langfristig kraftraubend, störend und beunruhigend. Weil wir ständig vor ungewissen Situationen stehen, weil wir ständig entscheiden müssen, aber uns die Informationen für eine fundierte Entscheidung fehlen, werden wir unsicher. Und je geringer die Ressourcen der Menschen sind, desto größer die Unsicherheit. Wer über wenig Geld verfügt, hat vielleicht nicht die Chance, eine Fehlentscheidung zu korrigieren. Im schlimmsten Fall sind wir den Situationen hilflos ausgeliefert und finden gar keinen Weg, gute Entscheidungen zu treffen. Ob so oder so, ständig schwingt Angst mit: Manchmal mehr, manchmal unmerklich wenig – aber es ist ein beständiger Fluss, eine dauernde Reibung.

Gibt es den Beruf, den ich erlerne, in zehn Jahren noch? Sollte ich nicht Job wechseln, um nicht starr und unflexibel zu wirken? Soll ich mich weiterbilden? Ist diese Schule für mein Kind besser als die andere? Verunsicherung wird so zu einer Haltung der Welt gegenüber. Uns fehlt die Zuversicht, dass ‚es schon passen wird‘. Vielmehr werden wir skeptisch, zweifelnd und das Einzige, dem wir restlos vertrauen, ist unser Misstrauen.

Und wir können uns die Sicherheit auch nicht von unseren Mitmenschen zurückholen. Im Neoliberalismus, der für diesen Veränderungsdruck zu großen Teilen verantwortlich ist, werden Menschen von Seiten staatlicher und ökonomischer Apparate vor allem unter dem Gesichtspunkt der Leistung angesprochen und erzogen. Da die Menschen in Hinblick auf Leistung konkurrieren, zerreißen Gemeinschaftsbande und Menschen werden individualistisch: Früher hatten junge Menschen das Ziel, eine bestimmte Rolle in der Gesellschaft zu spielen und die dominanten Werte derselben zu erlernen, um ein volles Gesellschaftsmitglied zu werden. Heute entwickeln sie eigene Ziele, wollen sich selbst verwirklichen oder erfolgreich Karriere machen. Das hat eine befreiende Seite, aber eben auch eine verunsichernde.

Da aber fast alle Menschen an diesem Spiel teilnehmen „geraten sie zunächst ganz automatisch in den Verdacht, übel gesinnte, böswillige Rivalen zu sein“. Unsere Mitmenschen sind – wenn auch nicht ausschließlich, aber immer auch – Konkurrenten. Und Konkurrenten kann man per Definition nicht vertrauen. Diese Stimmung des Argwohns, des Neids oder des Misstrauens ist ein Nährboden für die Angst.

Die Unbestimmtheit, die unübersichtliche Menge an Wahlmöglichkeiten und das Tempo der flüchtigen Moderne erzeugen Unsicherheit und in Folge Angst. Diese Angst ist schwer zu fassen, da sie in vielen kleinen, alltäglichen Situationen entsteht. Weil wir diese Angst aber so schwer einfangen können, weil wir sie gar nicht als solche erfahren, greifen wir auf Konzepte und Bilder zurück, die durch unsere Welt schwirren und uns helfen, unsere Stimmung greifbarer zu machen.

Und die liefern zurzeit Rechtsparteien und der Boulevard. Die flatternden Ängste der meisten Menschen binden sich an deren Bilder.

Die Sorgen ernst nehmen. Oder: Wie man die Angst noch steigert

Gewöhnlich reagieren politische Parteien auf die Ängste der Menschen, indem sie ‚die Sorgen ernst nehmen’. Übertriebenen Ängsten wird nur selten widersprochen, die Gefühle der Menschen werden für Fakten gehalten: Wenn die Bevölkerung glaubt, dass Verbrechen zunehmen – obwohl die Zahlen sinken – dann müssen wir Politik machen, als würden die Verbrechen steigen. Es gibt dann keine Unterscheidung mehr zwischen Ängsten, die ernst genommen werden müssen, und Ängsten, deren Grundlage sehr dünn ist.

Im Grunde gibt es zwei Motive, die hinter der neuen Sicherheitspolitik stehen: Naivität und Kalkül. Während PolitikerInnen Sicherheitspolitik zusehends bewusst als Machttechnik einsetzen, um sich an der Macht zu halten oder – wie die (Rechts-)Populisten – an sie zu kommen, gibt es nach wie vor genug Parteien, die naiv auf Sicherheitspolitik setzen. Beide haben jedoch den gleichen Effekt – sie feuern die Ängste an.

Dieser Umgang mit den Sorgen und Ängste der Menschen besteht darin, das Sicherheitsgefühl wieder steigern zu wollen, indem man sicherheitstechnisch und –politisch handelt. Man hofft, die Ängste mittels Polizei- und Militärpräsenz, erleichterten Waffenbesitz, Überwachungskameras oder Scheinwerfern neben Flüchtlingsunterkünften einzudämmen – wobei die Machtpolitiker sehr wohl wissen, dass sie damit die Ängste anheizen.

Warum treibt diese Strategie die Ängste noch an? Ganz einfach:

Wer ständig eine Waffe trägt oder Soldaten durch die Straßen patrouillieren sieht, wird jeden Moment daran erinnert, dass hinter der nächsten Ecke eine Gefahr lauern könnte. Man hat vielleicht kurz das Gefühl, beschützt zu werden. Aber eine Gesellschaft, die sich einigelt, die überall Gefahren vermutet, kann sich per se nicht sicher fühlen.

In der Psychologie ist dieses Phänomen wohlbekannt: Wer den ganzen Tag putzt, fühlt sich schmutziger als der, der im Chaos lebt. Denn wer wischt und kehrt und saugt, der sieht auch noch den kleinsten Staubfleck. Und genauso wird der von allen Seiten beschützte Bürger auch überall Gefahren riechen – und sich nur noch bedrohter fühlen.

Fazit

Es gibt keine einfache Antwort darauf, wie man mit den vorhandenen Ängsten umgehen soll. Man sollte sich davor hüten, die Angst – etwa vor den Rechten – selbst als Motor politischen Handelns zu verwenden oder in konservativer Manier gewonnene Freiheiten zurückschrauben.

Stattdessen sollten Tugenden wie Weitsicht, Gelassenheit und Beharrlichkeit kultiviert werden. Ein vertieftes politisches Programm braucht zuversichtliche Bilder und Konzepte, die die Welt jenseits der Angst und des Misstrauens sichtbar machen. Und nicht zuletzt sollte man die politische Urteilsfähigkeit dahingehend schärfen, um wieder selbst unterscheiden zu können, wovor man sich wirklich fürchten sollte und wovor nicht.

Der Artikel erschien in der Ausgabe 10/2016 der Zeitschrift „Die Zukunft. Die Diskussionszeitschrift für Politik, Gesellschaft und Kultur“

 

Weiterlesen:

Zygmunt Bauman: Die Angst vor den anderen

Jörg Schindler: Panikmache. Wie wir vor lauter Angst unser Leben verpassen

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