Bildung

Warum Ungleichheit im Schulsystem sinnvoll ist

Flickr/ United Nations Photo CC BY-NC-ND 2.0

Weg mit dem Gleichheitsgedanken im Bildungssystem: So lautet auf den Punkt gebracht das Ergebnis einer Studie deutscher Integrationsexperten. Klingt kurios. Denn gerade die fehlende Chancengleichheit gilt als Manko unseres Schulsystems. Bei der Finanzierung wäre mehr Ungleichheit allerdings sinnvoll.

Auch für Österreich kritisiert die OECD seit Jahren, dass Bildung besonders stark „vererbt“ wird – d.h. der Schulerfolg von Kindern ist bei uns besonders stark abhängig vom Bildungsabschluss und sozialen Hintergrund der Eltern. Das führt zu einer Spirale nach unten: Bildungsinteressierte Eltern machen einen Bogen um „Brennpunktschulen“, die soziale Durchmischung nimmt weiter ab.

Weg mit der Gießkanne

Deshalb fordern BildungsexpertInnen seit längerem, vom Gleichheitsgedanken – spricht dem Gießkannenprinzip – bei der Finanzierung der Schulen wegzukommen und Schulen mit besonderen Herausforderungen besser auszustatten. Der „Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration“ hat die Situation in Deutschland in einer Studie untersucht und fordert: „Um die Bildungschancen bislang benachteiligter Kinder und Jugendlicher zu verbessern, müssen darum vor allem die vorhandenen Ressourcen effektiv und sozial gerecht verteilt werden“. Das Resümee der Studie:

„Bessere Lernmöglichkeiten für Schüler (…) an stark belasteten Schulen erfordern daher keine finanzielle Gleichbehandlung, sondern vielmehr eine Mittelzuweisung, die sich systematisch am Bedarf der einzelnen Schule orientiert.“

Das Schlagwort heißt indexbasierte Schulfinanzierung. Das bedeutet, dass Schulen mit mehr sozial benachteiligten Kindern auch mehr Geld bekommen. In einigen europäischen Ländern hat man damit schon Erfahrungen gemacht, etwa in den Niederlanden, in einigen Schweizer Kantonen und in Hamburg. Mit Erfolg: So haben sozial benachteiligte SchülerInnen in den Niederlanden gute Bildungserfolge und die Leistungen sind im internationalen Vergleich generell sehr gut.

In Österreich erfolgt die Finanzierung von Schulen im Wesentlichen anhand der SchülerInnen-Zahl – zusätzliche Mittel gibt es für Sprachförderung, wenn es am Standort eine hohe Zahl an SchülerInnen mit schlechten Deutschkenntnissen gibt. Die soziale Zusammensetzung spielt keine Rolle.

Das ändert sich nun in einem ersten Schritt. In Folge der Flüchtlingsbewegung nach Österreich wurde zusätzliches Geld für Integration locker gemacht. Aus diesem Integrationstopf fließen heuer zusätzlich 40 Mio. Euro, 2017 dann 80 Mio. Euro an Österreichs Schulen. Vergeben werden sie nach einem so genannten „Chancen-Index“, der auf den Anteil der SchülerInnen mit Eltern mit maximal Pflichtschulabschluss sowie die Zahl der SchülerInnen mit nicht-deutscher Erstsprache abstellt. Schulen werden nach einem Schlüssel in vier Kategorien eingeteilt: jene, an denen die soziale Belastung „gering“, „mittel“ „hoch“ oder „sehr hoch“ ist. Mittel aus dem Integrationstopf erhalten die Bundesländer anhand des Anteils von Schulen mit hoher und sehr hoher Belastung. Die regionalen Behörden verteilen dann das Geld an die ermittelten Schulen.

Eine generelle Sozialindexierung bei der Finanzierung der Schulen gibt es freilich noch nicht. Ein größerer Umbau des Systems müsste mit den Ländern verhandelt werden.

Zum Weiterlesen:

Ungleiches ungleich behandeln! Wege zu einer bedarfsorientierten Schulfinanzierung (Studie des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration, Jänner 2016)

Equity and Quality in Education: Supporting Disadvantaged Students and Schools” (2012) – (OECD-Report für Österreich)

Indikatoren bedarfsorientierter Mittelzuweisung im österreichischen Pflichtschulwesen  (Studie des Instituts für Höhere Studien im Auftrag der AK, 2014)

Chancen-Index für eine Fairteilung von Bildungschancen (blog.arbeit-wirtschaft.at)

AK: Schulen gerecht finanzieren – Das AK Chancen-Index Modell

 

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