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Framing – Wie politische Sprachbilder unser Denken beeinflussen

Marco Pühringer Marco Pühringer
in Medien
Lesezeit:4 Minuten
25. Januar 2018
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Flüchtlingswelle, Anpatzen, saubere Politik. Das sind Beispiele für gezielte politische Sprachbilder, sogenannte Frames. Sie machen – oft in Kombination mit Metaphern – komplexe Sachverhalte für unser Gehirn leichter denkbar. In der politischen Kommunikation werden sie dazu genutzt, unsere Meinung in eine gewisse Richtung zu lenken.

Frames (Deutungsrahmen) sind weder gut noch schlecht, unser Gehirn schafft sich diese Deutungsrahmen, um Sprache verständlich zu machen. Das heißt, hinter Wörtern steckt mehr als man anfangs vermutet, sie sind semantische Wundertüten. Die Frame-Semantik besagt, dass alles was wir uns an Weltwissen angeeignet haben zu einer Idee wird, die wir beim Lesen eines Wortes abrufen. Wenn man beispielsweise das Wort Vogel liest, greift unser Hirn automatisch auf unsere Assoziationen mit diesem Wort zurück. Wir denken also nicht das abstrakte Wort, sondern an das, was unser Hirn gelernt hat, damit zu verbinden: Flügel, Schnabel, Federn. Wir begreifen also Sprache anhand von unserem abgespeicherten Wissen. Doch nicht nur das, wir verstehen Wörter auch dadurch, dass unser Hirn linguistische Reize so verarbeitet, als wären sie real.

Lesen wir „gehen“, macht sich das Gehirn bereit aufzustehen

Wenn wir also „gehen“ lesen, aktiviert unser Gehirn dieselben Regionen wie zur Vorbereitung der Tätigkeit. Bei Wörtern, die beispielsweise stark mit Gerüchen assoziiert werden, wie z.B. Zimt, aktiviert es jene Regionen in denen die olfaktorischen Reize gedacht werden. Interessant wird es nun, wenn man bedenkt, wie verbreitet Metaphern in unserer Sprache sind. Wir suchen die Nadel im Heuhaufen, führen jemanden aufs Glatteis oder waschen unsere Hände in Unschuld. Hier werden komplexe Sachverhalte durch bildliche Sprache dargestellt. In Kombination mit den oben erwähnten Denkprozessen wird es spannend. Bei dem Satz „ich wasche meine Hände in Unschuld“, wird auf die Metapher Schuld ist schmutzig, Unschuld ist rein zurückgegriffen. Diese Verknüpfung findet man in vielen anderen Ausdrücken: Jemand ist ein Saubermann und hat ein reines Gewissen oder eine Person hat Dreck am Stecken. In weiterer Folge heißt das, dass wir beim Lesen oder hören dieser Metaphern das Konzept von Schuld in jenen Regionen denken, in denen wir auch Schmutz und Ekel verarbeiten.

Aus „Kritik“ wird der „Schmutzkübel“

Dieses Wissen hat die politische Kommunikation enorm verändert. Parteien versuchen durch gezieltes Framing die Denkprozesse der Bevölkerung in eine bestimmte Richtung zu lenken. So wurde im Wahlkampf häufig nach inhaltlicher Kritik vom „gegenseitigen Anpatzen“ gesprochen. Durch diese Formulierung wurde die oben genannte Metapher „Schuld ist Schmutz“ bedient. Wer also kritisiert, wirft mit Schmutz, Schmutz wird gleichgesetzt mit Schuld und in jenen Regionen gedacht, in denen Dreck und Ekel verarbeitet werden. Den WählerInnen wurden also die politische GegnerInnen als schmutzig und damit schuldig präsentiert. Durch diesen Frame wurden inhaltliche Auseinandersetzungen bewusst erschwert.

Politisches Framing: Flüchtlinge werden zur tödlichen Flut

Ein weiteres Beispiel für politisches Framing ist der medial stark verbreitete Begriff der Flüchtlingswelle. Dadurch wurden Schutzsuchende als Wassermasse dargestellt. Diese Metapher spiegelte sich auch in den Zeitungen wieder. So konnte man Sätze wie: „Flüchtlinge strömen aus IS-Hochburg“ oder „Der Flüchtlingsstrom ebbt ab“ lesen. Dieser Frame wurde von rechten Parteien bewusst gesetzt, denn Flüchtlinge als Naturkatastrophe darzustellen entmenschlicht diese. Die Fluchtgründe wurden ausgeblendet, denn eine Welle oder Flut hat zerstörerische Kraft und läuft vor nichts davon. Und was tut man, wenn Wassermassen kommen? Man stapelt Sandsäcke, baut Dämme und versucht sich zu schützen. Dieser Frame führt automatisch zu einer Interpretation der politischen Lage und damit im nächsten Schritt zu konkreten Handlungen.

Wirksamkeit von Frames am Beispiel Kriminalität und Bestrafung

Bei diesem Phänomen handelt es sich nicht bloß um linguistischen Hokuspokus, sondern um einen Effekt, der unser Denken wesentlich mitbestimmt. Die Auswirkungen von Frames auf unser politisches Handeln wurden vielfach wissenschaftlich untersucht und nachgewiesen. So beispielsweise von Thibodeau und Boroditsky bei diesem Experiment auf der Stanford University. Zwei Versuchsgruppen wurde ein Text über die Entwicklung der Kriminalität in einer fiktiven Stadt vorgelegt. Nach der Lektüre wurden sie aufgefordert zu entscheiden, wie dem politisch entgegengewirkt werden soll. Die Texte waren identisch nur die Metaphern, die für den Anstieg der Kriminalität verwendet wurden, unterschied sich. Im ersten wurde das Bild eines Kriminalitätsvirus, der die Stadt infiziert, verwendet. Im zweiten Text das eines Kriminalitätsraubtiers, das durch die Stadt jagt. Die Texte waren von der Faktenlage her ident, doch die verwendete Metapher wirkte sich deutlich auf die politischen Entscheidungen der ProbandInnen aus. Jene, denen der Kriminalitätsanstieg als Virus begreifbar gemacht wurde, entschieden sich viel häufiger für sozialpräventive Maßnahmen zur Lösung des Problems. Die Gruppe die vom Kriminalitätsraubtier gelesen hatten sprachen sich hingegen eher für härtere Strafen und mehr Polizei aus. Den einen wurde Kriminalität mit dem Frame eines Virus, als Krankheit, von der man geheilt werden muss, präsentiert, den anderen als gefährliches Raubtier, das man wegsperren sollte. Frames wirken also, direkt auf unser politisches Denken und beeinflussen somit wie wir mit gesellschaftlichen Herausforderungen umgehen.

Sind wir der Manipulation ausgeliefert?

Frames werden umso mächtiger, je häufiger sie wiederholt werden und Verwendung finden. Medien unterliegen in ihrer Berichterstattung ökonomischen Sachzwängen, wie z.B. ihren Eigentumsverhältnissen, und werden dadurch auch in der Wahl ihrer Frames geprägt. So konnten sich rechtskonservative Deutungsrahmen und Sichtweisen stärker verbreiten. Doch bei Frames handelt es sich nicht um schwarze politische Magie, sondern um einen Effekt, der eine essenzielle Rolle in unseren Denkprozessen spielt, ohne den wir die Welt nicht begreifen könnten. Entscheidend um der politischen Manipulation nicht restlos ausgeliefert zu sein, ist über diese Prozesse Bescheid zu wissen. Außerdem sollte man medial verbreitete Formulierungen kritisch hinterfragen und jene Frames auswählen, die die eigene Interpretation der Fakten unterstützt. Hier empfiehlt sich die Lektüre von Elisabeth Wehlings Buch: Politisches Framing. Wie sich eine Nation ihr denken einredet – und daraus Politik macht.

Lesenswert auch dieses Interview mit Wehling zum Thema, warum die Linke ganz viel über ihre eigene Sprache und Sprachbilder nachdenken sollte.

Quellen:

  • THIBODEAU, P. & BORODITSKY L. (2011, Februar, 23). Metaphors we think with: The role of metaphor in reasoning. Aus: http://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0016782
  • WEHLING, E. (2016). Wie eine Nation sich ihr Denken einredet – und daraus Politik macht. Köln, Deutschland: Halem

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Was ich schlimmer empfinde:
Was ich schlimmer empfinde:
4. Februar 2018 02:01

https://www.youtube.com/watch?v=7kfDAL2dq1U&feature=youtu.be&t=

1
0
Antworten
Hola
Hola
28. Januar 2018 22:33

Schaun wir uns die Framer einmal näher an: http://schwarzbuchoevp.at/michael-spindelegger/

2
-1
Antworten
Tom Jericho
Tom Jericho
28. Januar 2018 17:59

„Flüchtlinge“ für Menschen, die tatsächlich einfach „Einwanderer“ sind, ist übrigens auch ein Framing.
Ebenso wie „unbegleitete Jugendliche“ für Mittzwanziger.
Am besten gefällt mir, wenn das Einknicken vor dem Islam als „multikulturell“ behübscht wird.

Oder ist das gutes Framing?

6
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Der niederländische Historiker Rutger Bregman wurde 2019 einem neuen Publikum bekannt, als er beim Wirtschaftsgipfel in Davos kritisiert hat, dass man dort nicht genug über Steuern und Gerechtigkeit spricht. Der Auftritt wurde zu seinem Markenzeichen. Nun hat er in einer Talkshow den norwegischen Milliardär zur Rede gestellt, warum der sein Vermögen nicht besser für die Gemeinschaft nutzt. Bregman findet: Wer enormen Reichtum hat, soll diesen auch nutzen, um die Welt besser zu machen. Er fordert mehr moralische Ambition. Zitat: Ich fordere nicht, dass wohlhabende Menschen ihre Strandhäuser, Luxusautos oder Rolex-Uhren aufgeben. Ich fordere sie auf, zukünftige Historiker stolz zu machen. Die Geschichte erinnert sich nicht an Anlageportfolios. Sie erinnert sich an jene, die alles auf eine Karte gesetzt haben - die ihre Ressourcen, ihre Karrieren und ihren Ruf genutzt haben, um für etwas zu kämpfen, das größer ist als sie selbst. Rutger Bregman

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