Foto: Debbie Rowe / CC BY-SA 4.0 & Brinacor / CC BY-SA 4.0 & Steve Jurvetson Flickr / CC BY 2.0
Fakten-Checks

Für Milliardäre Geld drucken: Wie Banken aus dem Nichts Geld erschaffen – und damit nur Reiche reicher machen

Foto: Debbie Rowe / CC BY-SA 4.0 & Brinacor / CC BY-SA 4.0 & Steve Jurvetson Flickr / CC BY 2.0

Private Banken können durch Kreditvergabe Geld per Knopfdruck erzeugen. Dieses Geld kommt nicht von den Sparerinnen und Sparern, sondern aus dem Nichts, es wird neu geschaffen. Die Macht der Geldschöpfung wird dabei zunehmend missbraucht, um Reiche noch reicher zu machen. Die Staaten lassen es geschehen und sparen noch dazu beim Sozialstaat. Neben Umverteilungsmaßnahmen wie Vermögens- und Erbschaftssteuer braucht es auch eine andere Geldpolitik. Eine, die zum Beispiel Kreditvergabe stärker reguliert oder vollständig demokratisiert.

Seit Jahrzehnten wächst die im Umlauf befindliche Geldmenge immer weiter. Gleichzeitig wird uns erklärt, dass für dringend notwendige Investitionen in unsere Infrastruktur, den Sozialstaat oder die Energiewende kein Geld da ist. Wenn in der Politik über Geld gesprochen wird, geht es meist um die Frage der Finanzierung: Irgendetwas, seien es Lehr- oder Pflegekräfte, Schulsanierungen oder grüne Technologien, muss bezahlt werden und das Geld dafür muss irgendwo herkommen. Geld, so wird suggeriert, ist ein knappes Gut. Wie kommt es dann, dass auf der anderen Seite immer mehr neues Geld in Umlauf kommt? Und wie kommt es, dass dieses Geld nicht etwa der breiten Bevölkerung zugutekommt, sondern in den Taschen weniger reicher Menschen versickert? Um das zu verstehen, muss man einen Blick auf die Funktionsweise unseres Geldsystems werfen.

Wie wird Geld geschaffen? – Geldschöpfung einfach erklärt

Geld entsteht durch Kreditvergabe. Mit jedem Kredit, den eine Bank einem Schuldner gewährt, wird neues Geld in die Welt gesetzt. Geld wird im Fiat-Geldsystem aus dem Nichts geschöpft, quasi per Knopfdruck. Es ist nämlich nicht so, dass die Bank auf die Spareinlagen anderer Kunden zugreifen muss, um den Kredit auszuzahlen. Der Bankangestellte tippt lediglich den entsprechenden Betrag in ein Computerprogramm und sofort scheint dieser am Konto des Kreditnehmers auf.

Das ist Fiatgeld

Fiatgeld ist Geld ohne intrinsischen Wert. Es ist nicht an Gold oder andere reale Werte gebunden. Der Name kommt vom lateinischen Wort fiat („es werde“/“es geschehe“). Das Fiat-Geldsystem entstand, nachdem die USA 1973 unter Richard Nixon das Bretton-Woods-System und damit die Eintauschbarkeit des US-Dollar in Gold und die der übrigen Währungen in US-Dollar einseitig aufkündigten. Geld kann somit theoretisch in unbegrenzten Mengen in Umlauf gebracht werden. Daraus ergeben sich Probleme aber auch Möglichkeiten.

Während bei vielen Menschen noch die Vorstellung vorherrscht, dass Banken nur das Geld verleihen, das sie an anderer Stelle einnehmen, sieht die Realität anders aus. Banken sind keine Vermittler von Geld, keine „Intermediäre“, sondern Geldschöpfer. Mit jedem Kredit, den sie vergeben, erhöhen sie die Geldmenge. Sie müssen dazu nicht auf zuvor Gespartes zugreifen. In seinem Buch „Keystroke-Kapitalismus“ spricht der Wirtschaftssoziologe Aaron Sahr deshalb von einer paraökonomischen Quelle der Bereicherung.

Welche Rolle spielt die Zentralbank? – Die Geldschöpfung der EZB

Wenn private Banken durch ihre Kreditvergabe neues Geld schöpfen, stellt sich die Frage, welche Rolle dann die Zentralbank spielt, in unserem Fall die EZB und ihre Präsidentin Christine Lagarde. Denn als Herausgeberin des Euro, müsste doch eigentlich sie es sein, die bestimmt, wann und zu welchem Zweck neues Geld gedruckt wird. An dieser Stelle kommt jedoch eine wichtige Unterscheidung ins Spiel, nämlich die zwischen Buchgeld und Zentralbankgeld. Buchgeld, oder auch Giralgeld, ist das Geld, das von privaten Banken vergeben wird, und als Zahl auf unserem Konto aufscheint. Private Geschäftsbanken können im Prinzip so viel Buchgeld schöpfen, wie sie wollen. Sie müssen lediglich die sogenannte „Mindestreservepflicht“ einhalten, das heißt, sie müssen einen geringen Teil, nämlich 1 %, ihrer Buchgeldeinlagen in Form von Zentralbankgeld bei der EZB halten. Dieses Zentralbankgeld kann nur von der EZB geschöpft werden und existiert zum einen als Guthaben der Banken bei der Zentralbank und zum anderen als Bargeld.

In der Praxis entscheiden private Geschäftsbanken wieviel Geld in Umlauf kommt

Obwohl die Geschäftsbanken in der Theorie von der Zentralbank abhängig sind, können sie in der Realität beliebig viele Kredite vergeben. Das zur Einhaltung der Mindestreservepflicht nötige Zentralbankgeld holen sie sich dann im Nachhinein. Spätestens seit der Finanzkrise 2008 kommt die Zentralbank nämlich jeder Forderung privater Banken nach Zentralbankgeld verlässlich nach. Das hat mehrere Gründe: Zum einen muss die EZB ihr Inflationsziel von durchschnittlich 2 % erreichen. Sie hat dieses Ziel in den Jahren nach der Finanzkrise immer wieder verfehlt, weil das Wirtschaftswachstum im Euroraum zu niedrig war, und damit auch die Inflationsrate. Diese pendelte bis ins Jahr 2021 um 1 % herum, weswegen die EZB gezwungen war, den Banken immer neues Geld zukommen zu lassen, um nicht in eine Deflation abzugleiten. Ebenso senkte sie den Leitzins, zu dem sich Geschäftsbanken bei der EZB verschulden. Bis in das Jahr 2022 blieb der Leitzins bei 0 %. Der Zweck beider Maßnahmen war es, Kredite billiger zu machen, und so das Wachstum anzukurbeln.

Staatliche Investitionen würden der Wirtschaft helfen

Ein weiterer Grund für die lockere Geldpolitik ist, dass die meisten Staaten der Eurozone lieber sparen anstatt zu investieren. Dabei würden staatliche Investitionen die Wirtschaft ankurbeln, wodurch ein entscheidender Grund für die expansive Geldpolitik wegfallen würde. Die Ökonomin Anne Pettifor fordert deshalb, dass sich die Staaten stärker verschulden sollten. Das konservative Festhalten an einem „schlanken“ Staat, der nicht investieren sollte, ist für sie eine Ideologie.

Die EZB ist also durch das schwache Wirtschaftswachstum und die fehlenden staatlichen Investitionen gewissermaßen dazu verdammt, die Banken mit billigem Geld zu versorgen. Die Folge ist, dass in der Praxis die privaten Geschäftsbanken bestimmen, zu welchem Zweck und wie viel Geld in Umlauf kommt. Zwar hätte die Zentralbank die Macht, dem einen Riegel vorzuschieben, indem sie den Banken Kredite verweigert, aber sie nutzt diese Macht nicht. Geldschöpfung ist damit de facto privatisiert.

Wozu wird überhaupt neues Geld geschöpft? – Die Kriterien der Kreditvergabe

Dass überhaupt neues Geld als Kredit vergeben wird, ist an sich erst mal unproblematisch. Ein kapitalistisches Wirtschaftssystem ist sogar auf immer neues Geld angewiesen, um wachsen zu können. Die Frage ist, zu welchem Zweck das geschieht. Da es sich bei Banken um profitorientierte Unternehmen handelt, vergeben sie vor allem dann Kredite, wenn sie glauben, dass diese auch zurückgezahlt werden. Denn Banken geht es einzig und allein um Zinsgewinne. Die Frage, wofür, für wen und für was Kredite vergeben werden, ist jedoch von immenser Bedeutung für die Wirtschaft und die Verteilung von Wohlstand.

Wird ein Kredit vergeben, um damit ein Unternehmen zu gründen, so fließt das dafür neu geschaffene Geld in die nötigen Anschaffungen für den Betrieb, in den Kauf von Materialien, die Auszahlung von Löhnen etc. Ein solcher Kredit kann im positiven Sinne für Wachstum sorgen. Im Idealfall steigt die Geldmenge also im Gleichschritt mit dem Wirtschaftswachstum. Die expansive Geldpolitik, nicht nur der EZB, sondern beispielsweise auch der Fed (die Zentralbank der USA), hat jedoch dazu geführt, dass die globale Geldmenge viel schneller wuchs, als das Wirtschaftswachstum. Aktuell beläuft sich das weltweite Geldvermögen auf rund 233 Billionen Dollar. Das weltweite Bruttoinlandsprodukt lag 2022 aber „nur“ bei etwa 100 Billionen Dollar. Demnach wird mehr Geld geschaffen, als neue Werte in die Welt gesetzt werden. Private Geldschöpfung ist damit auch ein Grund für das exorbitante Anschwellen des Finanzsektors gegenüber der Realwirtschaft.

Wohin fließt das neue Geld?

Der Ökonom Adair Turner schätzt, dass nur 15 % des seit den 1990er Jahren neu geschaffenen Kreditkapitals zu produktiven Zwecken in die Realwirtschaft flossen. Die restlichen drei Viertel der Kredite wurden vergeben, um damit bereits existierende Vermögenswerte, vor allem Grundstücke und Immobilien, zu kaufen, oder um damit zu spekulieren. Ein großer Teil des neu geschaffenen Geldes floss also auf den Immobilienmarkt. Das Ergebnis ist ein schon seit vielen Jahren anhaltender Preisanstieg bei den Mieten und Wohnungspreisen. Auch andere hochpreisige Waren, wie Luxusartikel oder Kunstobjekte werden seit vielen Jahren immer teurer. Experten sprechen hier von einer Vermögenspreisinflation. Inwiefern dagegen die seit 2022 gestiegene Verbraucherpreisinflation mit der gestiegenen Geldmenge zu tun hat, ist unter Ökonomen umstritten.

Weil es Banken in erster Linie darum geht, dass der Kredit zurückgezahlt wird, haben vermögende Personen naturgemäß auch die besseren Konditionen, um einen Kredit zu erhalten. Jemand, der beispielsweise schon viele Immobilien (und damit Vermögen) besitzt, wird leicht an Kredite kommen, um sich noch mehr Immobilien zu kaufen. Denn er kann sein bereits vorhandenes Vermögen als Sicherheit bieten. Jemand, der hingegen ein Unternehmen gründen möchte, und damit auch wirklich neuen Wert schaffen würde, aber kein Vermögen besitzt, das er als Sicherheit anbieten könnte, wird unter Umständen Schwierigkeiten haben, einen Kredit zu bekommen. Durch die Dynamiken privater Geldschöpfung verstärkt sich somit nicht nur die Konzentration von Vermögen, sondern auch die Ungleichheit in der Gesellschaft.

Durch private Geldschöpfung entgehen dem Staat Milliarden an Steuereinnahmen

Ein aktuelles Beispiel dafür, was private Kreditvergabe ermöglicht, ist die Übernahme von Twitter durch Elon Musk: Als reichster Mensch der Welt hätte er die Kaufsumme von 44 Milliarden Dollar zwar leicht aus eigener Tasche zahlen können, doch das tat er nicht. Er nahm stattdessen einen Kredit auf, der ihm natürlich sofort bewilligt wurde. Denn wie bei den meisten Superreichen besteht sein Vermögen nur zu einem kleinen Teil aus Geld auf seinem Konto. Das meiste sind Aktien, vornehmlich seiner eigenen Unternehmen. Würde er Teile dieser Aktien verkaufen, müsste er diese zum einen versteuern, zum anderen würde er einen Kursverfall seiner Unternehmen riskieren. Die 44 Milliarden Dollar lieh er sich deshalb kurzerhand von einer Bank. Dem Staat entgingen dadurch wichtige Steuereinnahmen, gleichzeitig wurden 44 Milliarden Dollar neues Geld in die Welt gesetzt, und das, ohne dass auch nur irgendjemand außer Elon Musk davon profitiert hätte.

Mögliche Lösungen – Alternativen zum aktuellen Geldsystem

Wegen dieser Exzesse fordern immer mehr Experten sowie Initiativen aus der Zivilgesellschaft neben einer stärkeren Regulierung von Banken auch eine andere Geldpolitik: So gibt es zum Beispiel in mehreren Ländern, darunter auch in Österreich, Initiativen, die sich für die Einführung eines sogenannten Vollgeld-Systems einsetzen. In einem Vollgeld-System könnten Geschäftsbanken kein Buchgeld mehr schöpfen. Geldschöpfung wäre somit einzig der Zentralbank vorbehalten und es gäbe praktisch nur mehr Zentralbankgeld bzw. Vollgeld. Im Kern geht es also um die Abschaffung privater Geldschöpfung durch Kreditvergabe. Eine Geschäftsbank müsste somit tatsächlich auf gesparte Einlagen zugreifen, um einen Kredit vergeben zu können. 2018 gab es in der Schweiz bereits eine Volksabstimmung über die Einführung eines Vollgeldsystems, die jedoch mehrheitlich abgelehnt wurde.

Geldschöpfung demokratisieren?

Der Ökonom Norbert Bernholt von der Akademie solidarische Ökonomie schlägt dagegen vor, Geldschöpfung zu demokratisieren, indem man das Geldschöpfungsprivileg in die Hände gewählter Regierungen übergibt. Ein Vollgeld-System liefe nämlich im Endeffekt darauf hinaus, dass mit der Zentralbank eine technokratische, von der Politik unabhängige, Institution darüber entscheidet, wofür neues Geld geschöpft wird, wie auch Anne Pettifor in ihrem Buch „Die Produktion des Geldes“ anmerkt. Lebenswichtige Fragen, wie die Möglichkeit der Finanzierung von Maßnahmen gegen den Klimawandel könne man keiner „Expertokratie“ überlassen. Eine Demokratisierung des Geldschöpfungsprivilegs würde demgegenüber dafür sorgen, dass sich gewählte Regierungen für ihre Geldpolitik vor der Bevölkerung verantworten müssen. Denn dann würde der Staat entscheiden, wofür und wie viel neues Geld zur Verfügung gestellt wird.

Kritiker führen ins Feld, dass Regierungen dann ungehemmt Geld in die Welt setzen würden, um sich Wählerstimmen zu erkaufen, wodurch eine Inflation, wie in den 1920er Jahren, ausgelöst werden würde. Politikern, so die Kritik, könne man die Macht der Geldschöpfung nicht anvertrauen, denn sie würden sie maßlos ausnutzen. Was wir jedoch aktuell erleben, ist dass private Banken das Geldschöpfungsprivileg ebenso maßlos ausnutzen, nur geht es ihnen nicht um Wählerstimmen, sondern um Profit.

Geldschöpfung durch den Staat – Die Modern Monetary Theory einfach erklärt

In eine ähnliche Kerbe schlagen die Verfechter der modernen Geldtheorie oder modern monetary theory (MMT). Diesem Ansatz zufolge kann der Staat in gewisser Weise bereits Geld schöpfen, nämlich wenn er Schulden aufnimmt. Staatsschulden sind laut der MMT keine Defizite, und damit auch vollkommen unproblematisch. Und zwar deshalb, weil der Staat per Definition der Herausgeber seiner Währung ist und damit in eigener Währung gar nicht bankrott gehen kann. Wenn sich Staaten verschulden, um zu investieren, bringen sie der MMT zufolge lediglich neues Geld in Umlauf. Wenn Staaten Steuern erheben, wird Geld wiederum dem Wirtschaftskreislauf entzogen und damit vernichtet. Folgt man diesem Ansatz, so kann ein Staat über die Neuschöpfung von Geld auf der einen Seite und über die Einhebung von Steuern auf der anderen die Geldmenge, ihre Verteilung sowie die Wirtschaft im wahrsten Sinne des Wortes steuern. Die einzige Grenze der Geldschöpfung ist die Inflation. Die MMT betrachtet Geld also nicht als eine knappe Ressource, sondern als ein Werkzeug, mit dem der Staat die Wirtschaft jenseits von Profitinteressen lenken kann.

Bernie Sanders ließ sich während seiner Zeit als demokratischer Senator und Präsidentschaftskandidat von der führenden Vertreterin der MMT Stephanie Kelton beraten. Und auch dem aktuellen amerikanischen Präsidenten Joe Biden wird nachgesagt, dass er mit seinem 1,9-Billionen-Dollar-Hilfspaket eine entscheidende Lehre aus der MMT gezogen hat: Geld ist nicht knapp. Staaten können und sollten mehr investieren. Denn während Banken durch ihre Geldschöpfung nur Profitinteressen bedienen, könnten Staaten durch eine aktive Geldpolitik tatsächlich Wohlstand fördern und Ungleichheit verringern.

 

Zum Weiterlesen:

Geldpolitik ist Gesellschaftsgestaltung – OXI Blog

Ökonomin Pettifor zum Klimawandel: „Wir müssen uns aus der Herrschaft der Finanzmärkte befreien“ (kontrast.at)

Vorbild Biden: Mit der Modern Monetary Theory aus der Krise? | Blätter für deutsche und internationale Politik (blaetter.de)

Moneyfest der Genossenschaft für Gemeinwohl

 

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