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Andrea Maria Dusl - Comandantina

Macht und Zauber

Foto: Andrea Maria Dusl

Das Wort ist hart wie Stahl, flüchtig wie Nebel. Macht. Es riecht nach Lederfauteuils hinter dicken Polstertüren, nach Managerschweiß unter Armanituch, nach der süssen Würzigkeit echter Cohibas und dem Nussfurnier teurer Limousinen. Sein Klang oszilliert zwischen dem Seufzen einer unterschreibenden Mont Blanc und dem animalischen Brüllen eines startenden Firmenjets. Macht kann vererbt sein, erkämpft, verteilt oder konzentriert. Sie kann Bürde sein und Droge. Jeder kennt sie. Viele fürchten sie, die meisten hätten sie gerne, und allen ist klar: Macht kommt vom Machen.

Falsch.

Macht kommt von Mögen. Zumindest sprachgeschichtlich. Vom Mögen – dem Möchten – etwas zu tun, ja etwas überhaupt tun zu können. Die urprüngliche Bedeutung hat sich im Begriff „Vermögen“ petrifiziert. Eine dialektische Angelegenheit, wie wir sehen. Macht ist dem Können und dem Wollen näher als dem Machen, dem Tun. Das deutsche Wort „Macht“ – Vermögen, Herrschaft, Gewalt, Kraft, Stärke – kommt vom althochdeutschen „maht“, das neben den genannten Inhalten auch das Genital des Mannes umschreibt. Das Gemächt, wie wir heute sagen. Das Gemächt, dessen Vermögen nur dann sichtbar wird, wenn „Mann kann“.

Macht nichts, wenn das im Englischen ganz anders ist. Macht heißt jenseits der Kreidefelsen von Dover nämlich „power“. Aber auch dieses Wort kommt vom Können. Power kommt wie vieles jenseits des Ärmelkanals aus dem altfranzösischen, vom „poeir“, „po(v)oir“. „Pouvoir“ ist neben „puissance“ noch heute eines der französischen Wörter für Macht. Sie alle kommen aus dem lateinischen, von „potere“, fähig sein, können. „Potere“, von dem unser Wort „Potenz“ kommt, jener, erst von Viagra in Misskredit gebrachte Begriff für die Spannkraft des Mannes.

Wie wir es drehen und wenden, Macht hat mit Männern und den genitalen Aspekten ihrer Virilität mehr zu tun, als es eine aufgeklärte und gleichberechtigte westliche Industrie-Gesellschaft vermuten ließe.

Dürfen Zweifel an dieser Zuschreibung angemeldet werden? Kommen Wort und Bedeutung von Macht vielleicht aus einer anderen Ecke? Aus einer spirituell-esoterischen gar? Kommt Macht vielleicht von Magie? Und in einfacher Konsequenz vom Protagonisten magischen Handelns? War (und ist) der Mächtige der Magier? Speist sich Macht aus Zauber und ritueller Beschwörungspraxis? Von Täuschung und Verhexung?

Woher stammt der Magier? Der Begriff kommt über das lateinische „magus“ und das griechischen „mágos“ aus dem Persischen und bezeichnet ein Mitglied der medischen Priesterkaste, in der Folge aber auch den Traumdeuter, den Zauberer und Betrüger. Zugrunde liegt ein altpersisches „magus“, „magusch“, das den Namen der iranisch-medische Priesterkaste aus dem medischen Stamm der „Mager“, oder „Magier“ bezeichnet, die bei Herodot und Strabon als zoroastrische Sternkundige, Ärzte, Priester und Gelehrte gelten.

Obwohl es nahe läge: „Magus“ hat nichts mit „magis“ (lateinisch „mehr“) zu tun, aus dem über „magister“ (der, der „Mehr“ ist) unser Meister, der englische „Master“ werden sollte. Mächtige Magier sollen die Heiligen Drei Könige gewesen sein, genauer, „Magoi apo anatolôn“, Magier aus dem Osten, wie es beim Evangelisten Matthäus heisst. Aus Magiern wurden schnell Könige, denn mächtig, so die mittelalterlichen Exegeten, konnten wohl nur Könige sein.

Die deutsche Sprache kennt den Magier, wie schon angeprochen, vor allem als Zauberer. Seine Bedeutung hat der Zauberer von einem Wort, das bei den Germanen noch „taubra“, „taufra“ geklungen hat und das Schreiben einer magischen – einer mächtigen – Formel bezeichnete. Das Wort kommt vom „teafor“, dem Rötelstein, der gerieben jenes Rot ergab, mit der die Zauberer die in Stein geritzten Runen ihrer Zauber-Sprüche einfärbten.

Die Mächtigen von heute dürfen wir daher (auch bei funktionierender Gewaltenteilung) weniger in den Regierenden, Legislatoren und Richtern, als in der Kaste der Wirtschaftsmagier, der Manager, CEOs, Aufsichtsräte und  Firmenbosse sehen. Sie zaubern an Kursen und Quartalsberichten herum, hexen Firmenmerger herbei und treiben allerlei Vertrags-Abrakadabra, der den ökonomisch Unkundigen wie schwarze Magie vorkommen muss.

Die westliche Populärkultur hat den Zauberer zuletzt in Form seines Azubis dargestellt. Walt Disney hat Goethes Ballade über Vermittlung eines Orchesterwerks des franzöischen Komponisten Paul Dukas in der Fantasia-Episode „Der Zauberlehrling“ inszeniert. Das war 1940 und bezog sehr deutlich auf das düstere Herannahen des Weltenbrands. Das Motiv des neunmalkugen, aber überschießend Handelnden, und schließlich an der eigenen Hybris scheiternden Zauberlehrlings kommt aus der Antike. Der Prager Rabbi Löw hat es in einer Episode des Golems verwendet.

In überwirklicher Form hat sich die Figur in den westlichen Mytheschatz eingeschrieben: Ein junger Mann an der Macht hat durch den Zauberhut seines Meisters unbändige Kräfte erhalten.

Das Ende der Geschichte kennen wir auch. Der Ausflug in die Magie der Macht endet in einem unrühmlichen Finale, das die Anglosachsen „a big mess“ nennen. Denn erinnern wir uns, was der Mächtige, der Magier urprünglich ist: Ein Traumdeuter, ein Zauberer, ein Betrüger“.

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3 Kommentare

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Anja Ritter
Anja Ritter

gut danke.
Zur Empfehlung:
„Macht und Politik sind nicht dasselbe“ von Diotima (Philosophinnengemeinschaft)
lieber Gruß, Anja

eibel
eibel

fantastisch geschrieben usw- danke andrea! danke

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