Bildung

Schulnoten schaden dem Lernen: Schlechte Noten machen ängstlich, gute Noten bequem und risikoscheu

Noten tun unseren Kindern nicht gut. Weder den SchülerInnen mit Lernschwächen, noch den „guten“ SchülerInnen. Studien zeigen: Regelmäßiges Feedback bringt mehr als schulische Strenge, kleinere Klassen oder mehr Hausübung.

Bisher war den Volksschulen die Entscheidung überlassen, ob sie die SchülerInnen benoten oder ihnen sogenannte Leistungsinformationen geben. FPÖ und ÖVP wollen aber die Ziffernnoten wieder einführen – ab Ende der zweiten Klasse Volksschule.

Die Debatte dreht sich nun vor allem um die Frage, ob Noten Kindern zumutbar sind oder nicht. Aber bereits die Frage ist falsch: Ja, den meisten Kindern kann man auch mit sechs Jahren Noten zumuten. Einigen nicht. Doch die entscheidende Frage liegt woanders: Fördern Noten den Lernerfolg – oder blockieren sie ihn?

Feedback schlägt Noten – um Längen

Bildungspolitische Diskussionen kranken meist an einer Stelle: Es wimmelt von selbsternannten Experten, die ihre Meinung in die Öffentlichkeit posaunen. Dafür werden wissenschaftliche Erkenntnisse konsequent ignoriert. Dabei zeigen die recht eindeutig, wie man das Schulsystem verbessern kann: mit regelmäßigem Feedback während des Schuljahres, nicht mit Noten.

SchülerInnen lernen nachweislich schneller, tiefer und grundlegender, wenn sie Rückmeldungen erhalten. Wenn sie erfahren, wo sie stehen, wo ihre Defizite sind und was ihre nächsten Lernschritte sind.

So hat eine Studie der ForscherInnen Anastasiya A. Lipnevich und Jeffrey K. Smith ergeben, dass Rückmeldungen Lernprozesse beschleunigen. In der Studie sollten Schüler lernen, wie sie einen Essay schreiben – und bekamen dann entweder Feedback und eine Note, nur Feedback, nur eine Note oder gar keine Rückmeldung. Die Ergebnisse sind spannend:

  • Wer keine Rückmeldung bekam, lernte am langsamsten. Wer weder Noten noch Feedback erhält, wird alleine gelassen. Deswegen sind Noten besser als nichts als gar keine Rückmeldung.
  • Wer Noten ohne Feedback erhielt, hat ein wenig besser gelernt.
  • Bei Noten und Feedback wurde schon deutlich schneller gelernt.
  • Aber wer nur Feedback erhielt, der lernte mit Abstand am meisten. Ja, richtig: Feedback ohne Noten ist besser als Feedback plus Noten.

Feedback schlägt Strenge, kleinere Klassen und Hausübung

Der neuseeländische Wissenschaftler John Hattie hat in einer umfassenden Arbeit tausende Studien analysiert und vergleichbar gemacht. Dabei wurde deutlich, dass es vielfältige Herangehensweisen gibt, die Schulen voranbringen. Hattie stellte fest:

Immer dann, wenn SchülerInnen wissen, was zu tun ist, was sie können und wie sie sich weiterentwickeln können, beschleunigt sich ihr Lernen. Mehr als in kleinen Klassen, mehr als in besonders streng geführten Klassen oder mehr als in Klassen mit viel Hausübung. Fast immer im Zentrum: Feedback.

Erhalten SchülerInnen genaue Rückmeldungen, dann können sie am besten lernen. Denn dann wissen sie genau, wo ihre Schwächen und Stärken sind und woran sie arbeiten müssen. Weder strenge Lehrer oder viel Hausübung leisten dies.

Noten sind Vampire

Warum ergab die Studie nun, dass SchülerInnen mit Feedback und Noten schlechter abschnitten, als SchülerInnen, die nur Feedback erhielten? Die Antwort ist einfach: Noten sind Vampire, sie ernähren sich nur nicht von Blut. Sondern von Aufmerksamkeit.

Was macht jemand, der eine benotete Arbeit zurückbekommt? Genau, er sieht sich seine Note an. Und dann? Dann blickt er zu seinen Nachbarn und vergleicht sich. Bei schlechten Noten ist man unzufrieden, aufgewühlt oder wütend – und es gehört schon eine Portion Überwindung dazu, sich jetzt noch mit dem Feedback auseinanderzusetzen. Bekommt man hingegen keine Note, kann man seine ganze Aufmerksamkeit auf die Rückmeldung richten. Man kann sich in Ruhe ansehen, was man gut und was schlecht gemacht hat und sich die nächsten Lernschritte überlegen.

Noten sind auch für die „guten“ SchülerInnen nachteilig

Kinder sind im Normalfall zu Beginn ihrer Schullaufbahn motiviert zu lernen. Sobald Noten im Schulleben eine Rolle spielen, verändert sich die Motivation. Aus dem inneren Bedürfnis, zu lernen, wird schnell der Wunsch, gute Noten zu bekommen.

Erhält ein Kind mehrere schlechte Noten, sinkt infolge die Motivation zu lernen. Schlechte Noten spornen nur die Wenigsten an – auch wenn wir ständig das Gegenteil hören. Stattdessen verbinden sich Unlust und Angst mit dem Lernen.

Aber auch auf gute SchülerInnen wirken Noten nachteilig: Wenn das Ziel eine gute Note ist, gehen auch sehr gute SchülerInnen die einfachsten Wege. Warum sollten sie beim Aufsatz Fremdwörter oder komplexere Argumentationen riskieren, wenn sie eine gute Note haben möchte?

Infolge sinkt auch bei ihnen das Lerntempo. Und sie können ihre Potentiale nicht ausschöpfen.

Schulen ohne Noten: Längst Realität

Ob aus all dem folgt, dass Noten abgeschafft werden sollten, ist eine andere Frage. Realistisch gesehen, braucht eine tiefgreifende Veränderung der Schulen Zeit. Feedback kann Noten ersetzen, aber nicht von heute auf Morgen. Zuerst muss in die LehrerInnenausbildung investiert werden und in den politischen Diskussionen müssen wissenschaftliche Erkenntnisse Raum bekommen.

Und dabei darf man nicht vergessen: Schulen ohne Noten sind in vielen Ländern bereits Realität. In Finnland, einem der europäischen Vorzeigeländer in Sachen Bildung, bekommen SchülerInnen mit 15 das erste Mal Noten. Auch in Schweden gibt es in den Grundschulen keine Noten. Beide Länder schneiden bei internationalen Vergleichstests besser ab als Österreich – Finnland ganz besonders deutlich.

[veröffentlicht am 14. Dez 2017, aktualisiert am 1. Okt 2018] 

Wir recherchieren und überprüfen die Inhalte und Fakten in unseren Beiträgen. Du hast trotzdem einen Fehler entdeckt? Oder Anregungen und Ergänzungen? Bitte schick uns eine Nachricht.
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10 Kommentare

10 Kommentare

  1. Ralf Nethe

    4. Oktober 2018 um 19:27

    In meiner Schulzeit gab es , je nach Fach , so etwa alle 14 Tage eine Kurzkontrolle . Das heißt eine Arbeit mit den Themen , die in der Zwischenzeit behandelt wurden und nicht länger als 10 bis 15 Minuten dauern durften . Das war ein sehr gutes Feedback und gab uns als Schülern klare Hinweise , wo es hakte . Bei Problemen konnten wir uns daher rechtzeitig um Unterstützung bemühen .
    Außerdem wird immer wieder von der wachsenden Arbeitsüberlastung der Lehrer gesprochen . Ein differenziertes Feedback für jeden einzelnen Schüler bedeutet einen erheblichen Mehraufwand an Arbeit für den Lehrer , der bei Noten nicht so hoch ist . Hilfreich für uns Schüler war bei den Aufsätzen in Deutsch die Einzelbewertung von Rechtschreibung , Grammatik , Wortwahl / Ausdruck , und Länge des Aufsatzes (meist war eine bestimmte Länge angegeben) , woraus sich die Gesamtnote ergab .

  2. Na, seht ihr, wie beschissen eure

    1. Oktober 2018 um 13:42

    Website aussieht ohne HTML?
    Nicht kapiert? Tja, dann lasst
    euch von den Verlinkern weiter
    zusauen! Is offensichtlich toll,
    was?!

    Oder noch besser: Macht es wie
    die Kommunisten und verbietet
    Information mittels Links, hehe!

  3. Sehr nützlich:

    1. Oktober 2018 um 13:39

    ZITAT: Was hast du heute noch zu tun? 1. Oktober 2018 um 10:44
    Das:
    https://nein-zur-60-stunden-woche.spoe.at ZITAT ENDE.

  4. Prof. Dr. Manfred Spitzer meint: siehe Video!

    1. Oktober 2018 um 13:25

    Die Ausgrenzung der Armen durch die neue Regierung zielt wohl auf Tötung ab? Weil: Einsamkeit tötet!
    https://www.youtube.com/watch?v=mUslpbmEiz0&feature=youtu.be&t=563

    • Tja, das hättet

      1. Oktober 2018 um 13:28

      ihr euch alle zusammen nie gedacht.

  5. Auch

    1. Oktober 2018 um 13:22

  6. Aufgewachter

    15. Dezember 2017 um 08:28

    Ein Lehrer lebt davon, daß er Schüler abwertet.

    Ein Schüler erlebt, wie er abgewertet und krank wird.

    Ein Arzt lebt von der Behandlung kranker Menschen.

    Lehrer & Ärzte geniessen in der Gesellschaft hohes Ansehen.

    Hohes Ansehen spielt bei der Fortpflanzung eine große Rolle.

    Was genau hat sich dort eigentlich fortgepflanzt?

    Und was haben wir bloß für eine kranke Gesellschaft?

    Das kranke System
    https://aufgewachter.wordpress.com/2017/11/12/das-kranke-system/

    • Noch was Krankes sind diese Links.

      1. Oktober 2018 um 13:30

      Und das nur, weil die Redaktion so dumm gewesen ist, die Linksverkürzung per Code abzustellen.
      Tipp an die Red.: Sofort wieder ändern! Weil es anders einfach schöner und besonders bei extrem
      langen Links auch wichtig ist, verkürzen zu können.

    • Aber nur dumme Lehrer im Ösireich,

      1. Oktober 2018 um 13:49

      weil keiner der bekannten Professoren in D, sei es Hans-Werner Sinn, Heiner Flassbeck, Harald Lesch, Heinz-Josef Bontrup, Richard David Precht … ist fürs Schulsystem wie es der Pseudokanzler Kurz wieder haben möchte und damit die Fortschritte umkehrte zum totalen Rückschritt.

      Wie sollen so rückständig bleiben bzw. werden, wie es der Kanzler ist.
      Rückschritt als Fortschritt ansehen, der einem selbst lobt, brauchen wir das?
      Aber so ist der Kanzler, ein nützlicher Idi…t für alle Fälle: Wirtschaftsfälle, hohoho.

      • hanskrenn

        2. Oktober 2018 um 09:22

        Was heißt pseudokanzler?

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