Winterpaket und Kältetelefon

„In Wien soll niemand auf der Straße erfrieren“ – So funktioniert die Obdachlosenhilfe in Wien

Das Zuhause verlieren, plötzlich auf der Straße stehen: Es kann jeden treffen. Norbert ist genau das passiert. Er hat sich geschämt, war auf Hilfe angewiesen. Heute erklärt er anderen, warum Menschen obdachlos werden, wie sie überleben und wohin sie sich wenden. Er sagt: In der Hauptstadt muss niemand erfrieren oder verhungern. Der Grund sind die vielen Anlaufstellen – und das Winterpaket der Stadt Wien, das in den kalten Monaten die Schlafplätze für Obdachlose aufstockt.

„Es kann jeden treffen. Ich bin seit 40 Jahren in Wien, hab immer gearbeitet. Aber ein Unglücksfall kann ausreichen und man steht plötzlich ohne Wohnung da“. Norbert hat harte Jahre hinter sich. Er war selbstständig, hat eine Firma geleitet. Doch sein Firmenpartner traf viele falsche Entscheidungen. „Noch nie habe ich mich in einem Menschen so getäuscht.“ Norbert konnte seine Rechnungen nicht mehr zahlen. Und dann ging alles schnell. Er verlor seine Wohnung, wurde obdachlos.

Heute hat er wieder seine vier Wände und einen Job. Er leitet Rundgänge in Wien und klärt über Wohnungs- und Obdachlosigkeit auf. Wie passiert das? Wie bewältigen Betroffene ihren Alltag? Und welche Anlaufstellen gibt es in Wien? Norbert gibt darauf Antworten.

Körperlich war er selbst oft fast am Ende. „Es ist erstaunlich. Aber ich glaube, jeder hat noch eine allerletzte Kraftreserve. Auf die greifst du erst zurück, wenn dir sowas passiert.“ Am Anfang hat er sich geschämt, ging drei Mal bei der Essensausgabe vorbei, bevor er sich wirklich etwas geholt hat. Er hat dort Hilfe angenommen, wo es sie gab.

„Verhungern oder Erfrieren – das muss in Wien niemand“, sagt Norbert.

Winterpaket der Stadt Wien: Niemand muss auf der Straße schlafen

Die Stadt Wien sieht das genauso – und hat es sich zum Auftrag gemacht, Obdachlose im Winter besonders zu schützen.

In Wien soll während der kalten Jahreszeit niemand auf der Straße übernachten müssen.“ (Sozialstadtrat Peter Hacker)

Wie in allen Großstädten gibt es auch in Wien Menschen, die keine Wohnung und keine Adresse haben. Nicht alle davon schlafen auf der Straße. Straßenobdachlosigkeit ist nur die Spitze des Eisbergs. Übergangswohnungen und Notschlafstellen verhindern, dass Betroffene Wind und Wetter ausgesetzt sind.

Im Winter 2009/10 hat die Stadt Wien genau diese Notschlafstellen ausgebaut. Mit dem „Winterpaket“ stockt die Stadt zwischen November und Anfang Mai Notschlafplätze stark auf, damit niemand in der Kälte draußen schlafen muss. Wiens Bürgermeister Häupl soll damals erklärt haben: „Auf Wiens Straßen soll niemand erfrieren.“

Das Winterpaket wird vom Fonds Soziales Wien (FSW) koordiniert und gemeinsam mit Obdach Wien, Wiener Rotes Kreuz, Caritas der Erzdiözese Wien, Arbeiter Samariterbund Wien, Volkshilfe Wien, Johannitern und der St. Elisabeth-Stiftung umgesetzt. Für Frauen mit Kindern gibt es spezielle Plätze, um sicher die Nächte zu verbringen.

Obdachlosigkeit Wien

Screenshot der „Kälte-App“ der Stadt Wien.

2019 hat die Stadt die Plätze nochmal um 900 erhöht. Mittlerweile können also 1.500 Menschen im Winter im Warmen übernachten.

Seit diesem Jahr gibt es außerdem die „Kälte-App“ des FSW. Sie ist die App-Version des Kälte-Telefons wie man es von der Caritas kennt. Mit ihr können Wiener und Wienerinnen melden, wenn sie jemanden im Freien sitzen oder liegen sehen und fürchten, dass die Person friert. Mit nur 4-5 Klicks kommt die Hilfe.

Ist eine Meldung eingegangen, suchen Straßen-Sozialarbeiter die obdachlosen Personen auf. Sie klären über Anlaufstellen auf, vermitteln an Einrichtungen der Wiener Wohnungslosen-Hilfe und teilen – für unmittelbare Akuthilfe – auch Schlafsäcke aus.

Das Kälte-Telefon gibt es weiterhin (für Wien: 01 480 45 53).

Obdachlosen-Hilfe: Vom Postfach bis zur Übergangswohnung

Wer seine Wohnung verliert und auf der Straße steht, hat in Wien mehrere Möglichkeiten.

  • Über die Caritas oder die Obdach Wien-Tageszentren (Josi, Ester, aXXept) kann man ein Postfach beantragen – das ist wichtig, wenn es um Post von Behörden geht und um Termine, die man wahrnehmen muss. Beispielsweise vom Arbeitsmarktservice.
  • Man kann um Mindestsicherung ansuchen. Viele Obdachlose haben einen Anspruch auf Mindestsicherung oder Arbeitslosengeld. Vorausgesetzt sie haben die österreichische Staatsbürgerschaft oder haben hier gearbeitet.
  • Man kann in Notschlafstellen übernachten, sofern genügend Betten bereitstehen.
  • Wer als „förderungswürdig“ gilt, kann um eine Übergangswohnung oder um ein Zimmer in einem Wohnheim ansuchen. Dort hat man dann auch eine Adresse, es gibt Sozialarbeiter vor Ort und man kann bis zu zwei Jahre dort wohnen. Dafür ist das Zimmer bzw. die Wohnung auch zu bezahlen. Norbert hat für sein Einzelzimmer in einem Wohnheim über 300 Euro pro Monat bezahlt. Da wäre der finanzielle Schritt zur Gemeindewohnung nicht groß. Allerdings erfüllte Norbert die Voraussetzung nicht: Er war nicht durchgehend in Wien gemeldet. Die Obdachlosigkeit hat hier eine Lücke aufgerissen.

Andere Länder verfolgen Obdachlose – Wien hilft

Ganz anders ist die Situation im Nachbarland Ungarn: Wer dort kein Dach über dem Kopf hat, ist nicht nur in einer Notsituation – sondern wird auch zur Zielscheibe der Behörden. Seit Oktober 2018 gilt im Ungarn von Victor Orban ein Gesetz, das es Obdachlosen verbietet, auf der Straße zu übernachten. Die Polizei kann sie jederzeit vertreiben und ihre gebauten Unterkünfte räumen. Die Polizei verwarnt Betroffene maximal drei Mal – danach kann es sogar zu einer Haftstrafe kommen. Die Sanktionen wurden also verschärft – mehr Hilfe gibt es allerdings nicht. Auf 20.000 Obdachlose kommen 11.000 Notschlafstellen.

Auch sie können Hilfe in Wien finden. Hier fragt man in den kalten Monaten nicht nach dem Pass – wichtig ist, dass niemand erfriert. Mehr Hilfe für Obdachlose in Ländern wie Ungarn, Polen oder Rumänien wäre wichtig, passiert jedoch nicht.

„Niemand ist freiwillig obdachlos“

Es gibt verschiedene Formen von Obdachlosigkeit, erklärt Norbert auf seinen Rundgängen durch die Wiener Innenstadt. Es gibt Obdachlose, die in Notunterkünften Unterschlupf finden. Sie haben keine Wohnung und Adresse, aber ein Dach über dem Kopf.

Dann gibt es verdeckte Obdachlosigkeit: Betroffene haben keine Wohnung, aber kommen bei Familie oder Bekannten unter. Die Gefahr ist hier oft, dass Abhängigkeiten und Gewalt im Spiel sind. Frauen sind besonders häufig von dieser Form betroffen. Sie haben zwar ein „Obdach“, aber werden zu Arbeiten gezwungen oder im schlimmsten Fall misshandelt.

Die dritte Form, die harte Obdachlosigkeit, ist jene, die wir sehen: Wenn Betroffene in Parks, am Straßenrand oder in leerstehenden Häusern ihre Tage und Nächte verbringen.

Gründe für Obdachlosigkeit gibt es viele: Man verliert den Job oder die Ausbildungsstelle, häuft Schulden an, hat ein Suchtproblem, das in der Regel zum Gesundheits- und Geldproblem wird. Man verliert seinen Lebenspartner – durch Streit oder Tod – und steht plötzlich allein da. Oder man flieht vor Gewalt. „Es kann ganz schnell gehen“, erzählt Norbert. Was aber alle Obdachlose gemein haben:

„Freiwillig obdachlos ist niemand. Klar, man legt sich Erklärungen zurecht, versucht, es sich auch schönzureden, damit man es leichter akzeptieren kann. Aber wirklich auf der Straße leben, das will niemand“, sagt Norbert.

Obdachlosigkeit in Österreich

Etwa 15.000 Menschen (Stand Jänner 2019) sind in Österreich laut Statistik Austria obdachlos. Als obdachlos gelten Menschen, die im öffentlichen Raum übernachten, weil sie keinen festen Wohnsitz haben. Obdachlos sind aber auch Menschen, die in Notschlafstellen übernachten. Ein anderer Begriff für Obdachlosigkeit ist akute Wohnungslosigkeit.

Permanent angeschlagen und unausgeschlafen

Armut macht krank, Kinder wie Erwachsene. Das ist keine Neuigkeit. Und wer ohne Dach über dem Kopf seinen Alltag fristet, den trifft es noch härter. Norbert erzählt von Bekanntschaften, die er während seiner Zeit als Obdachloser gemacht hat. „Die Leute haben Hauterkrankungen, dicke Beine mit Wassereinlagerungen. Sie haben offene Wunden, Fäulnisse und jede Art von Erkältungskrankheiten. Es gibt keine wirkliche Erholung oder Schonung.“

Der Louisebus der Caritas in Wien ist eine mobile Anlaufstelle, die Menschen in Not medizinisch versorgt. (Foto: Facebook)

Mobile Teams versuchen, die Beschwerden zu lindern. Der Louisebus der Caritas in Wien hilft, wo er kann. ÄrztInnen und Freiwillige versorgen jene, die keine Krankenversicherung haben und fahren hierzu einige „Hotspots“ der Stadt ab. Darunter den Praterstern, Ableger der „Gruft“ oder auch den Franz Josefs-Bahnhof.

Andere Anlaufstellen sind das Krankenhaus der Barmherzigen Brüder und AmberMed. Das Krankenhaus hilft bei größeren medizinischen Eingriffen. AmberMed wiederum bietet Beratung, Untersuchungen und Medikamente an. In Österreich sind über 100.000 Menschen nicht krankenversichert. Sie können sich bei AmberMed Hilfe holen – von AllgemeinmedizinierInnen bishin zu FachärztInnen.

„Der Stress, der Obdachlosigkeit mit sich bringt, macht krank. Auch als ich untergebracht war, war ich permanent unausgeschlafen. Wo viele Menschen sind, ist Lärm, man hat keine Privatsphäre. Das stresst einen. Und dann kommen noch die ganzen Wege dazu. Ich hatte kein Geld für Öffis. Ich bin alles zu Fuß gegangen. Oft 20 Kilometer am Tag“, erzählt Norbert.

Der Stress hat bei ihm binnen weniger Wochen einen grauen Star ausgelöst. Mittlerweile kann er – nach einer Operation – wieder sehen.

Wenn Sie jemanden in der Kälte liegen sehen und um dessen Gesundheit fürchten, nutzen Sie die Nummern des Kältetelefons – Ableger davon gibt es fast in ganz Österreich!

Norbert und andere erzählen ihre Geschichte auf Rundgängen

Norbert führt Schulklassen, Firmengruppen und privat Interessierte durch die Wiener Innenbezirke. Wenn er über die Ausmaße von Obdachlosigkeit, über Anlaufstellen, Gesetze und das Engagement vieler Freiwilliger erzählt, fließt immer auch etwas von seinem eigenen Lebensweg mit ein. „Ich hatte ein gutes Leben. Und plötzlich war alles fort. Manchmal geht es eben ganz schnell“, resümiert Norbert.

Nach einigen Jahren ohne eigene vier Wände ist er auf ein Start Up gestoßen: Shades Tours. Die Idee: Im öffentlichen Raum über Armut, Fluchterfahrungen und Suchterkrankungen reden – geleitet von Menschen, die genau diese Erfahrungen gemacht haben. Norbert ist einer von 7 Guides und hält auch Vorträge an Schulen.

Die Zeit der Obdachlosigkeit war für ihn hart, er hat oft an „allerletzten Energiereserven gezehrt“. Dass er das alles bewältigt hat, darauf ist er bis heute stolz.

Wichtige Links

Alle Einrichtungen in Wien, die Lebensmittel und gekochte Mahlzeiten an Menschen in Notsituationen ausgeben, sind auf dieser Seite der Stadt Wien aufgeführt!

Einen Überblick über die Leistungen des Fonds Soziales Wien im Bereich Obdachlosenhilfe findet man auf dieser Seite!

Und hier sind weitere wichtige Anlaufstellen für Betroffene: VinziWerke, Caritas Wien, Neunerhaus!

Zum Weiterlesen

Über seine Geschichte hat Norbert auch mit der „Kleinen Zeitung“ gesprochen

Wer sich für die Shades Tours-Rundgänge interessiert, kann sich auf der Homepage des Unternehmens informieren

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