Interview

Philosophin Federici: Die unbezahlte Arbeit von Frauen ist Milliarden wert – das Vermögen haben aber andere

Marta Jara (eldiario.es), lizensiert unter CC BY-SA 3.0 es

Weltweit leisten Frauen und Mädchen täglich über 12 Milliarden Stunden Haus-, Pflege- und Fürsorgearbeit – unbezahlt. Würde man ihnen nur einen Mindestlohn dafür zahlen, wären das umgerechnet über 11.000.000.000.000 US-Dollar pro Jahr. Silvia Federici ist Philosophin und bekannt für ihre Theorien zu Pflege- und Sorgearbeit. In den 1970ern war sie Begründerin der feministischen Kampagne „Löhne für Hausarbeit“.  Ihr bekanntestes Werk Caliban und Hexe: Frauen, der Körper und die ursprüngliche Akkumulation beschreibt die Geschichte des Kapitalismus als Ausbeutung von Frauen durch die Trennung von produktiver Arbeit und Hausarbeit. Isabel Frey hat Federici zum Interview getroffen.  

Kontrast: Was ist unvollendet an der feministischen Revolution?

Federici: Die feministische Bewegung aus den 70ern hat es zwar geschafft, die spezifischen Formen der Ausbeutung von Frauen im Kapitalismus – also reproduktive Arbeit, zum Beispiel Hausarbeit, Sexualität oder Familienverhältnisse – sichtbar zu machen, aber sie hat keine Strategie gefunden hat, um diese Verhältnisse zu verändern. Stattdessen kam die Frauenbewegung für den Kampf um Gleichberechtigung und den Eintritt in männerdominierte Arbeitsfelder zusammen. Das ist zwar ein sehr legitimer Kampf, aber meiner Meinung nach nicht ausreichend. Ich gehöre zu einer Gruppe von Feministinnen, die darauf bestehen, dass wir uns auch mit reproduktiver Arbeit beschäftigen. Diese Arbeit vereinnahmt einerseits unser Leben, wurde aber andererseits komplett „naturalisiert“. Also als etwas gesehen, was natürlich zum Frau-Sein gehört. Somit wird sie nicht als richtige Arbeit gesehen. Dabei sind diejenigen, die davon am meisten profitieren, die kapitalistische Klasse: Die erspart sich durch die unbezahlte Arbeit von Frauen Milliarden.

Löhne für Hausarbeit

Kontrast: Wie schaut diese reproduktive Arbeit heute aus?

Federici: Die Frauenbewegung hat es nicht geschafft, Regierungen dazu zu bringen, Sozialleistungen auszubauen. Im Gegenteil: Diese Leistungen werden gekürzt. Anstatt bessere Sozialleistungen – zum Beispiel Kinderbetreuung, Gesundheitsversorgung und Pflege – haben wir weniger und schlechtere Leistungen.

Reproduktive Arbeit wurde kommerzialisiert und mechanisiert. Heute essen wir Fast Food oder stellen migrantische Frauen als Haushaltshilfen an.

Die einzige Lösung, die die Regierung der sogenannten „arbeitenden Frau“ anbietet, ist dass sie eine Frau aus einem anderen Land anstellen kann. Das ist natürlich nicht die Lösung!

Kontrast: Also was ist der Unterschied zwischen Ihrer Forderung nach „Löhnen für Hausarbeit“ und der Kommerzialisierung von Hausarbeit? Diese Frauen erhalten doch auch Löhne?

Federici: Bezahlte Hausarbeit hat es immer schon gegeben, und es galt immer schon als eine der niedrigsten Arbeiten in unserer Gesellschaft. Das heißt: Selbst wenn diese Arbeit bezahlt wurde, war sie fast eine Form der Sklaverei. Dadurch, dass Millionen Frauen diese Arbeit unbezahlt verrichten, werden auch die Verhältnisse für Frauen verschlechtert, die für diese Arbeit bezahlt werden. Heute ist die Situation vieler Hausarbeiterinnen schrecklich, weil viele von ihnen aus ehemaligen kolonisierten Ländern kommen. Es sind viele migrantische Frauen und women of color, die noch dazu rassistisch ausgebeutet werden – und oft auch keinen legalen Aufenthalt haben.

Silvia Frederici im Interview

Silvia Federici im Gespräch mit Isabel Frey

Mit „Löhne für Hausarbeit“ wollten wir diese Arbeit sichtbar machen. Wir wollten zeigen, dass sie nicht nur uns selbst oder unserer Familie nützt, sondern einer ganzen Klasse, die sich ein Vermögen aus unserer Arbeit und der Arbeit unserer Mütter aufgebaut haben.

Kontrast: Warum wird reproduktive Arbeit in unserer Gesellschaft noch immer so wenig geschätzt?

Federici: Weil es der kapitalistischen Klasse Milliarden erspart hat. Wie wäre das, wenn all die Leistungen, die Frauen kostenlos verrichtet haben, bezahlt hätten werden müssen? Damit meine ich all die Leistungen, die nötig sind, um es Menschen zu ermöglichen, um sieben Uhr morgens aus dem Haus zu gehen und um sieben am Abend wieder zurückzukommen. Oft scheint es so, als wäre der gesamte Wohlstand in der Welt von Männern erarbeitet – von der sogenannten Arbeiterklasse. Aber hinter all diesen Männern standen immer unsichtbare, ungewürdigte und unbezahlte Frauen. Viele von ihnen befanden sich auch in gefährlichen Situationen, denn es ist schwierig, einen gewalttätigen Mann zu verlassen, wenn man finanziell abhängig von ihm ist. Daher hängt reproduktive Arbeit auch mit häuslicher Gewalt zusammen.

Kontrast: Also beeinflusst der Kapitalismus auch unser privates Leben?

Federici: Ganz eindeutig, denn es gibt kein privates Leben. Die Idee von Privatsphäre ist ein Mechanismus, um zu verschleiern, dass die Familie eine Fabrik ist. Die Familie ist Teil des kapitalistischen Fließbands – und zwar jener Teil, der die Arbeiter und Arbeiterinnen produziert. Die Familie produziert täglich und über Generationen die Fähigkeit der Menschen zu arbeiten, denn Menschen sind ja nicht immer fähig dazu. Wenn man komplett zerstört nach Hause kommt, dann braucht man jemanden, der einen wieder zusammensetzt – zum Beispiel mit Essen, Sex oder Trost.

Diese Arbeit ist unsichtbar geworden, weil es für die kapitalistische Klasse extrem profitabel war. Deshalb war die Strategie unserer Kampagne Hausarbeit nicht als Arbeit aus Liebe, sondern als kapitalistische Arbeit zu definieren.

Kontrast: Was sind alternative Organisationsformen für reproduktive Arbeit?

Federici: Ich sehe reproduktive Arbeit als ein kollektives Projekt, das wir sozialer und kooperativer gestalten müssen. Dabei denke ich zum Beispiel an die Kooperation in der Kinderbetreuung oder in der Essenszubereitung. Wie das genau ausschauen soll, müssen wir diskutieren, aber wir werden schon einen Weg finden. Es gibt kein richtiges Modell. Wichtig ist, dass diese Arbeit gemeinsam erledigt wird – auch gemeinsam mit Männern. Zwar gibt es vielleicht bestimmte Tätigkeiten, für die Frauen besser geeignet sind oder die sie lieber machen, aber wir sollten nicht annehmen, dass Fürsorge grundsätzlich weibliche Arbeit ist. Und natürlich braucht diese Arbeit auch die notwendigen Ressourcen.

Kontrast: Und was ist die Strategie, um die feministische Revolution zu vollenden?

Federici: Die Strategie heißt feministische Mobilisierung. Wir sehen das schon auf der ganzen Welt, zum Beispiel in Argentinien oder in Spanien, wo sich Frauen und ihre Familien die Zumutungen nicht mehr gefallen lassen und zum Streik aufrufen. Doch sie brauchen eine weiterführende Strategie. Auf die Straße zu gehen und „Nein“ zu sagen, ist nicht genug. Wir müssen herausfinden, was wir wollen, und was für eine Gesellschaft wir wollen. Dazu müssen wir auch überlegen, wie wir Reproduktion organisieren, und dafür Ressourcen fordern: höhere Löhne, öffentliches Wohnen, kostenloses Essen – egal was.

Wir können nicht befreit werden, solange Armut herrscht. Wir müssen uns die Frage stellen, wer den sozialen Wohlstand besitzt und verwaltet. Eine feministische Bewegung, die sich diese Frage nicht stellt, wird nicht lange bestehen.

Doch viele feministische Bewegungen haben auch verstanden, dass es ein Teil des Kampfes ist, wirksame Beziehungen zwischen uns aufzubauen. Dazu müssen wir soziale Momente schaffen – zum Beispiel nicht nur auf eine Demonstration gehen, sondern auch ein gemeinsames Essen organisieren, gemeinsam tanzen oder Lieder singen. Wir brauchen Räume, in denen wir zusammenkommen, um Freude und Kreativität in unser Leben zu bringen.

Silvia Federici
Silvia Frederici im Interview

Foto: Silvia Federici By Kippelboy – Own work, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=19566823

Silvia Federici ist emeritierte Professorin für politische Philosophie und internationale Politik an der Hofstra University New York. Sie ist seit vielen Jahren als politische Aktivistin tätig. Zu ihren bekanntesten Werken gehört neben Caliban and the Witch auch Die Welt wieder verzaubern – Feminismus, Marxismus & Commons.

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3 Kommentare

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Nina
Nina

Um die Hintergründe zu verstehen, muss frau weiter zurück in die Vergangenheit, denn es stimmt nicht, dass es immer die am niedrigsten angesehene Arbeit war. Es stimmt auch nicht, dass wir immer schon immer im Patriarchat gelebt haben. So genannte Feministinnen lesen einfach nicht weiter. Wir haben genug Quellen über die vorpatriarchale Zeit (im Patriarchat „prähistorisch“ genannt), die uns Aufschluss darüber bringen, wie die Frau ihre natürliche Stellung verlor und damit die Bedeutung des Lebens, des Zeugens, der Kinder, der Natur usw. Das kapitalistische System ist eine zwangsläufige Folge aus der Patriarchisierung. Es unterscheidet sich auch marginal vom patriarchalen Kommunismus… Weiterlesen »

Matti Illoinen
Matti Illoinen

Muss man deshalb soweit in die Geschichte zurückgehen, um die Ungerechtigkeiten gegenüber den Frauen zu erklären? Noch heute werden Frauen massiv benachteiligt, und nicht nur in den sog. dritt Staaten dieser Welt, sondern auch in westlichen Ländern, denn alleine in Deutschland, bekommen noch immer die Mehrheit der Frauen ca. 20% weniger Lohn, als ihre männlichen Kollegen, bei gleicher Qualifikation. Aber ändern kann man das nur in der Gegenwart und für die Zukunft. Danach sieht es aber bis heute nicht aus.

Frank Frau
Frank Frau

Und 90 Cent von jedem verdienten Euro der Männer geht an Frauen. Umgekehrt nicht.

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