Vertrag gilt seit 1951

SJ-Camp am Attersee: ÖVP missachtet Wunsch von Holocaust-Überlebenden und fordert 100.000-fache Pacht

Bernhard Holub/Wikipedia: CC BY-SA 4.0

Seit den 1960er Jahren betreibt die Sozialistische Jugend (SJ) in Weissenbach am Attersee das „Europacamp“. So wollte es das jüdische Geschwisterpaar Pollak. Sie haben den Holocaust überlebt – und wollten, dass die SJ ihr Grundstück in Oberösterreich günstig pachten kann. Profitieren sollten junge Menschen. Der Vertrag gilt noch immer. Doch die ÖVP mit Thomas Stelzer verlangen jetzt die 100.000-fache Pacht. Sie setzen sich damit über den gültigen Vertrag und den Wunsch der Geschwister Pollak hinweg.

Ein Grundstück in Weißenbach am Attersee (OÖ) mit freiem Seezugang – eine Seltenheit. Das „Europabad“ und das dazugehörige „Europacamp“ der Sozialistischen Jugend (SJ) sind ein Stück Erholungsgebiet, das vor allem Jugendlichen und Familien ohne viel Budget offensteht. Seit 1962 kann man dort kostenlos baden, parken und Sportplätze nutzen. Grund dafür ist der günstige Pachtvertrag, den die SJ mit dem Land Oberösterreich einst abgeschlossen hat.

Doch genau diese Abmachung will die ÖVP jetzt brechen. Die rote Jugend-Organisation soll – so will es Thomas Stelzer – 280.000 Euro im Jahr an das Land abliefern. Geld, das die SJ nicht aufbringen kann. Sie müsste das Bad zusperren. Wie Stelzer auf diese Summe kommt ist unklar. Der SJ liegt kein Gutachten vor, was die Verhandlungen erschwert.

Dass die SJ das Grundstück bekommt, war Wunsch der Geschwister Pollak – zwei Holocaust-Überlebenden

Die jährliche Pacht, die die SJ dem Land Oberösterreich für das Grundstück abführen muss, ist sehr niedrig. Sie beträgt 2,80 Euro pro Jahr.

1963 eröffnet die SJ das „Europacamp“.

Das ist ungewöhnlich, geht aber auf den Kauf des Grundstücks und die damit verknüpften Bedingungen zurück. Auch das Land Oberösterreich hat sich zu diesen Bedingungen bekannt.

Das Grundstück gehörte einst der Familie Pollak. Es war eine jüdische Familie, Ludwig Pollak war außerdem Sozialdemokrat. Er wurde sowohl von den Austrofaschisten als auch den Nationalsozialisten verfolgt. Die Nazis stahlen der Familie das Grundstück in Weißenbach samt Hotel, „arisierten“ diese – und verkauften es 1939 um 150.000 Reichsmark an eine Versicherungsgesellschaft.

Nach der Kapitulation der Nazis 1945 bekamen Juden und Jüdinnen – teilweise – ihre Wohnungen, Häuser oder Grundstücke zurück. Allerdings nicht bedingungslos: Ludwig und seine Schwester Gerta (in anderen Quellen Gertrude) mussten 90.000 Schilling Ablöse bezahlen, um ihr einstiges Eigentum zurückzubekommen – und das, obwohl das Hotel mittlerweile in einem desolaten Zustand war.

„Ein kurzer Besuch in Weissenbach genügt nicht, um sich über alle Verheerungen und Verunstaltungen klar zu werden. […] Ich war auf einiges gefasst, aber doch nicht auf den Anblick, der sich mir bot“, schrieb Gerta Pollak im Mai 1949 an ihren Bruder Ludwig.

1951 verkaufte das Geschwisterpaar das Grundstück an das Land Oberösterreich – allerdings an eine Bedingung geknüpft: Die Sozialistische Jugend – ebenfalls unter den Austrofaschisten und Nazis verfolgt – sollte die Wiese pachten dürfen. Und zwar um 25 Schilling pro Jahr.

Der Vertrag zwischen der SJ und dem Land Oberösterreich

1951 kaufte Oberösterreich von den Pollak-Geschwistern eine große Wiese am Attersee. Doch die Geschwister knüpften den Verkauf an eine Auflage: Die Sozialistische Jugend sollte ein Bestandsrecht bekommen, „unkündbar auf die Dauer von 99 Jahren gegen einen jährlichen Anerkennungszins von 25 Schilling“. Auf heute umgerechnet sind das weniger als 3 Euro im Jahr.

Land Oberösterreich ging Vertrag ein, den es jetzt beanstandet – ÖVP ignoriert Wunsch der Geschwister Pollak

Sowohl die Nutzung als auch die Höhe der Pacht sind seither vertraglich geregelt. Der Vertrag selbst hat sich nicht verändert. Dennoch fordert ÖVP-Landeshauptmann Thomas Stelzer jetzt fast das 100.000-fache an Pacht von der SJ.

Dass das Land die Bedingungen – trotz des einstigen Versprechens gegenüber den Geschwistern Pollak – ignoriert, ist für die Sozialistische Jugend inakzeptabel.

Der Anlass für das Vorgehen Oberösterreichs war eine Kritik des Landes-Rechnungshofes aus 2018. Dieser sieht die Pachthöhe als zu niedrig an.

Nun will der ÖVP-Landeshauptmann, dass die SJ jährlich 280.000 Euro Pacht bezahlt. Für die SJ ist das unverständlich: Denn sie betreiben Camp und Bad auf Basis eines gültigen, unveränderten Vertrags – und sie könnten zudem die geforderte Summe nicht stemmen:

„Ich arbeite selbst seit Jahren im Europacamp mit und weiß, wie viel ehrenamtliches Engagement in der Instandhaltung steckt. Niemand macht mit damit Gewinn – im Gegenteil, wir kämpfen dafür und arbeiten ehrenamtlich dafür, weil es uns wichtig ist.“ (Nina Andree, Vorsitzende der SJ Oberösterreich)

Laut SJ macht die Organisation durch den Betrieb des Camps keinen Profit: Gibt es am Ende des Jahres einen Gewinn, wird dieser in die Instandhaltung investiert.

Die Geschichte der Geschwister Pollak

Dr. Ludwig Schrenzel wurde als Ludwig Pollak 1890 in Wien geboren und hatte sich nach 1934 umbenannt. Der gesamte Besitz der Familie wurde 1938 zugunsten des „Landes Oberdonau“ beschlagnahmt und ohne Entschädigung eingezogen und die Immobilien in weiterer Folge an Private weiterverkauft. Begründet wurde das von der Gestapo Linz mit der „kommunistischen Einstellung der Familie Pollak“ und der Beteiligung Ludwig Pollaks an den Februarkämpfen 1934. Ludwig Schrenzels Schwester Gerta floh nach der Enteignung nach Großbritannien. Vater Josef Pollak verstarb 1941.

Ludwig Pollak trat bereits 1923 der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Österreichs (SDAP) und 1924 dem Republikanischen Schutzbund bei, war Gemeinderat, Ortsparteivorsitzender und Fraktionsführer in Wieselburg und engagierte sich unter anderem bei den Kinderfreunden, den Roten Falken und der Sozialistischen Arbeiterjugend.

Das Geschwisterpaar überlebte und forderte die enteigneten Liegenschaften zurück. 1951 verkauften sie es an das Land Oberösterreich um es im Interesse der Jugend an die Sozialistische Jugend Österreich zu verpachten und dort ein Jugenderholungs-Camp zu errichten.

Günstiges Camp, gratis Bad – und alles barrierefrei

Das „Europacamp“ besteht sowohl aus einer Jugendherberge, Bungalows und Plätzen zum Zelten. „Dauercamper“ – wie sie im JVP-Camp am Mondsee üblich sind – sieht man hier selten. Es sind vor allem Jugendgruppen, junge Familien ohne viel Urlaubs-Budget und Vereine, die das Camp nutzen – erklärt Nina Andee von der Sozialistischen Jugend Oberösterreich. Seit einigen Jahren sind sowohl das „Europabad“ als auch das „Europacamp“ mitsamt aller Einrichtungen gänzlich barrierefrei. Das war wichtig, damit auch soziale Vereine hier Ferien machen können.

„All diese Gruppen können das Camp nicht mehr nutzen, wenn wir Hundertausende Euro Pacht zahlen sollen. Das müssten wir alles auf die Camping-Preise draufschlagen und dann können sich weder Jugendliche, Familien oder Sozialvereine mit knappen Budgets einen Aufenthalt leisten. Der ganze Sinn des Camps würde verloren gehen. Und selbst dann wäre eine Finanzierung noch immer nicht garantiert. Auch der freie Seezugang wäre dann Geschichte. “ (Nina Andree, Vorsitzende der SJ Oberösterreich)

2015 hat die SJ auch Flüchtlinge im Camp untergebracht.

Aus für „Europabad“ hieße noch weniger öffentlicher Seezugang

Drei Viertel der Grundstücke rund um den Attersee sind in privater Hand – ein Zugang zum See also nicht einfach so möglich. Nur 13% des Ufers sind öffentlich zugänglich. Unter anderem über das „Europabad“ der Sozialistischen Jugend. Setzt Oberösterreich sein Interesse nach einer überhöhten Pacht durch, könnte auch dieser Seezugang Geschichte sein.

Das Attersee-Camp der SJ

Das Grundstück am Attersee, bestehend aus „Europabad“ und „Europacamp“, umfasst etwa 0,04 Quadratkilometer. Zur Infrastruktur gehören eine Jugendherberge, Bungalows, Zeltlager, Sanitäranlagen sowie ein kostenloser Parkplatz, ein Volleyballplatz und eine Tischtennis-Anlage. Die Nutzung des „Bads“ ist ebenfalls kostenlos.

Quellen:

Marie-Theres Arnbom (2018): Die Villen vom Attersee. Wenn Häuser Geschichten erzählen. Kapital 27: Von Chicago nach Weißenbach: Das Hotel Post. S. 199-207

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Ernst Ranftl
Ernst Ranftl
16. Mai 2020 22:50

Veröffentlicht im Dezember 2019.
Jetzt bleibt die Frage, was ist weiter geschehen?

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