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Teurer Punsch, billige Arbeitskräfte: Alltag auf dem Weihnachtsmarkt

Foto: Unsplash/Marina Khrapova

Gebrannte Mandeln, Lebkuchen und Glühwein sollen uns auf die Feiertage einstimmen. Wie jedes Jahr erfreuen sich Weihnachtsmärkte großer Beliebtheit. Sie sind Teil eines Megageschäfts. Die Wirtschaftskammer rechnet 2017 – allein in Wien – mit einem Umsatz von 160 Millionen Euro. Doch bei jenen, die uns Punsch und Glühwein ausschenken, kommt der Umsatz nicht an. Kontrast hat mit sieben Stand-MitarbeiterInnen über ihre Arbeitsbedingungen gesprochen. Das Resümee: Stress, fehlende Klopausen und Löhne, die niedriger sind als Punschpreise.

Die Schichten beginnen je nach Markt am späten Vormittag. „Waren werden angeliefert und der Stand hergerichtet. Das Mittagsgeschäft ist eher ruhig. Da kommen auch eher TouristInnen in Reisebusen“, erzählt Caro. Erst am späteren Nachmittag, wenn die Leute aus den Betrieben und den Büros kommen, geht es so richtig los: „Wenn die anderen aus dem Büro gehen, geht es bei uns erst so richtig los. Dann arbeitest du auf Hochtouren“, so Goran.

„An den Wochenenden, wenn die TouristInnen mit den Bussen angekarrt werden, ist es Fließbandabfertigung“, sagt Mario. Er hat am Weihnachtsmarkt zwischen Natur- und Kunsthistorischem Museen gearbeitet.

„Man braucht ein dickes Fell“

Ajda, die vor zehn Jahren auf einem Markt Glühwein und belegte Brote verkauft hat, erinnert sich besonders an die Männerrunden, die nach der Arbeit auf den Markt rauschen: „Da musste man sich als junge Frau diverse „Witze“ anhören. Das war auch der Grund, wieso ich mir dauerhaft das Kellnern nicht vorstellen konnte. Als Frau wird man nicht nur einmal am Abend blöd angequatscht und wenn man den „Spaß“ nicht mitmacht, ist man schnell die, die keinen Spaß versteht. Überhaupt fand ich, dass gerade Männer in Gruppen sich gestärkt fühlten wenn es um das herablassende Behandeln ging.“

Ähnliche Erfahrungen hat Sabine gemacht, die nicht nur am Weihnachtsmarkt, sondern auch im Handel gearbeitet hat:

„Die Kunden am Weihnachtsmarkt sind nicht so arrogant wie ich es im Sportfachhandel erlebt habe, dafür sexistischer. Selbst Haube und Winterkleidung schützen Frauen nicht vor schlechten Anmachsprüchen“, erzählt Sabine.

Sabine sagt, man braucht ein dickes Fell: „Sexismus steht an der Tagesordnung.“

Anstellung und Entlohnung

Marita hat auf einem Stand in Wien Schokolade verkauft. Sie war geringfügig beschäftigt. Hat sie mehr gearbeitet, bekam sie den Rest bar auf die Hand.

Saras Beschäftigungsverhältnis war ähnlich. Sie hat auf einem Weihnachtsmarkt in Wien Kristalle verkauft. Sie hat es gut erwischt, wie sie findet. „Ich war geringfügig angestellt. Alles was drüber war, wurde ‚schwarz‘ ausbezahlt.“ Saras Mann und sie hätten grundsätzlich zehn Euro pro Stunde bekommen. Eine Gewinnbeteiligung gab es nicht.

„Gerade bei meinem Mann, der selbstgemachten Weihnachtsschmuck verkauft hat, wäre eine Gewinnbeteiligung gut gewesen. Er spricht neben Deutsch auch Arabisch, Französisch und Italienisch. Das freut die Kunden besonders“, erzählt Sara.

Für Saras Mann war die Arbeit am Weihnachtsmarkt ein guter Einstieg in den österreichischen Arbeitsmarkt.

Der Punschpreis ist höher als der Stundenlohn

Ein Blick auf die Stellenausschreibungen aus dem Jahr 2017 für Weihnachtsmärkte zeigt, dass Sara und ihr Mann mit ihrem zehn Euro Stundenlohn im Höchstsegment liegen. Zwischen sechs und zehn Euro verdient das Verkaufspersonal. Niedrigere Löhne kommen vor allem im Gastro-Bereich vor, wo es dafür häufiger Trinkgeld gibt.

Caro, deren Betrieb einen Punsch-Stand betrieben hat, erzählt: „Ich habe 6,30 netto verdient, dazu kam das Trinkgeld. Touristinnen und Touristen sind im Kontakt mit den VerkäuferInnen nett, aber geben wenig Trinkgeld. Andersherum ist es bei denen, die nach der Arbeit noch schnell auf einen Punsch gehen. Die sind oft laut und etwas unhöflich, dafür stimmt das Trinkgeld.“ Die Arbeit in der Gastronomie sei grundsätzlich schlecht bezahlt, aber die Studentin schüttelt angesichts des Verhältnisses zwischen ihrem Lohn und den Punsch-Preisen mit Häferleinsatz den Kopf:

„Ein Punsch kostet mehr als ich in der Stunde ohne Trinkgeld verdiene. Das ist schon absurd.“

Ähnlich war es auch bei Mara: „Die Preise waren komplett überzogen und mega überteuert. Sobald der Chef da war, hat der nur Dollarzeichen in den Augen gehabt. Da sollte nicht geredet, sondern nur verkauft werden.“

Der Punsch wird teurer, der Stundenlohn bleibt niedrig

Mario bekam neun Euro pro Stunde – über alle drei Jahre hinweg, die er am Punschstand gearbeitet hat: „Angehoben oder an die Preisentwicklung angepasst wurde der Lohn nicht. Und wenn ich die aktuellen Ausschreibungen richtig mitbekommen habe, ist er bis heute nicht angehoben worden.“

Goran, der Leberkäse auf einem kleineren Weihnachtsmarkt verkauft hat, bekam neun Euro plus Trinkgeld, das er behalten durfte: „Bei uns ist das Trinkgeld aber weniger üblich, glaub ich. Ich bin dann auf 12 Euro gekommen, manchmal mehr. Das ist für einen Studi-Job schon gut, da hab ich auch die eine oder andere Vorlesung gespritzt. Bei den langen Schichten kommt da schon was zusammen.“

Tatsächlich arbeiten viele Studierende nebenher hinter Weihnachtsmarkt-Buden – atypische Beschäftigungsverhältnisse kennen sie ohnehin von anderen Nebenjobs. Die Befristung mit dem 24. Dezember kommt ihnen entgegen: „Danach kannst Du zu den Eltern heimfahren, du musst dir nicht frei nehmen. Du suchst dir halt was Neues. Irgendwas gibt’s immer“, sagt Goran.

12 Stunden ohne Klopause

Caro hat viel Erfahrung in der Gastronomie. Sie meint, die Arbeit am Weihnachtsmarkt sei vergleichbar mit stressigen Gastro-Betrieben: „Der Hauptunterschied ist, dass es noch engere und kleinere Arbeitsplätze sind.“ Außerdem gäbe es kaum Möglichkeit, sich zurück zu ziehen: „Auch wenn nichts los ist, wird man immer gesehen von den Gästen. In unserem Fall war es auch immer so, dass es während des Betriebs quasi unmöglich war, aus der Hütte rauszugehen, weil die Häferl die Tür versperrt haben. Das heißt, 12 Stunden nicht aufs Klo, Hände Waschen oder eben Pause machen“, erinnert sich Caro.

Goran erzählt Ähnliches: „Irgendwann weißt du, dass für die Toilette nur wenig Zeit bliebt. Da denkst Du über jeden Schluck Wasser doppelt nach.“

Besonders stressig fand Sabine, die ebenfalls Punsch verkauft hat, das Mischen von aufwendigem Punsch: „Fancy Angebot mit Likör, Obers & anderem Schnickschnack ist sehr mühsam, vor allem, wenn viel los ist.“

Druck lastete laut Mario auf der Hüttenchefin: „Das ist überhaupt ein schräger Job. Zweieinhalb Monate fast jeden Tag von 9 Uhr bis spät in die Nacht. Volle Verantwortung und Haftung für alles. Wenn die Kassa nicht stimmt, also 100 Liter Punsch fehlen, aber nur 95 Liter verrechnet wurden, musste sie die Differenz begleichen. Viele geben den Druck oft nach unten weiter, an die anderen MitarbeiterInnen. Da gibt’s dann den einen oder anderen Kniff: Etwa die Anweisung beim Glühwein/Punsch immer ein bisschen unter den Strich einschenken. Das rechnet sich über den Tag schon.“

Strenge Regeln beim Becherpfand

Eine Anweisung „von oben“, die es zumindest auf Marios Weihnachtsmarkt gegeben hat, und gegen die er sich gewehrt ha, war, „dass die Pfandhäferl von Sammlern nicht retourniert wurden. Also von meist migrantischen Zeitungs- oder BlumenverkäuferInnen. Das hab ich, wenn es unauffällig gegangen ist, sehr wohl gemacht. Die meisten Hüttenchefinnen haben das eher befolgt. Die, die besonders nett waren, haben hin und wieder auch eine Käsekrainer an Personen hergeschenkt, die gefragt haben, weil sie sich keine leisten konnten.“

Goran erzählt ähnliches vom Weihnachtsmarkt am Karlsplatz in Wien, wo eine Studienkollegin derzeit arbeitet: „Die geben jetzt zusätzlich Rückgabe-Chips ab, die Becher können nur mit den Chips retourniert werden.“

Im nächsten Jahr wieder?

Vor allem jene MitarbeiterInnen, die an Ständen gearbeitet haben, die nicht zu einem regulären Betrieb gehören, der ganzährig tätig ist, berichten von Missständen. So erzählt Mario: Am meisten hat mich genervt, dass wir das Trinkgeld nicht behalten durften. Das waren 10-25 Euro pro Person. Es musste einfach in die Kassa gelegt werden um damit mögliche Unstimmigkeiten bei der Abendabrechnung auszugleichen. Obwohl ich wusste, dass das nicht legal war, hab ich mich nicht aufgeregt, da ich den Job im nächsten Jahr gerne wieder machen wollte – zwecks Geld.“

Linda hat die Arbeit am Weihnachtsmarkt nachhaltig geprägt: Seit meinem Job dort weiß ich, wie mühsam es ist, wenn die letzten Gästen nicht und nicht gehen wollen. Seit dem war für mich klar, dass ich als Gast die Sperrstunde einhalte und nicht noch ewig an meinem Getränk schlürfe.“

Goran und Sara machte die Arbeit in Summe Freude: „Wenn es schneit und die Leute gut drauf sind, ist es eigentlich trotz allem sehr nett, am Weihnachtsmarkt zu arbeiten. Man muss halt ein Fan von „Last Christmas“ sein, sonst dreht man irgendwann durch“, erzählt Goran.

Die Namen der GesprächspartnerInnen wurden abgeändert, sind jedoch der Redaktion bekannt.

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