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Der Third-Person-Effekt: Medien beeinflussen die Menschen, aber nicht mich

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Third Person Effekt

Third Person Effekt

Ingo Geiger Ingo Geiger
in Medien
Lesezeit:3 Minuten
17. Januar 2022
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Beeinträchtigt der mediale Schönheitskult dein Selbstwertgefühl? Ziehen dich schlechte Nachrichten runter? Beeinflusst dich Werbung? Nein, sagst du, denn du hast die Tricks längst durchschaut. Du bildest dir deine eigene Meinung, aber andere müsse man vor der Wirkung der Medien schützen – davon bist du überzeugt. Und damit bist du nicht allein: Das besagt zumindest der Third-Person-Effekt.

 

Sei es Werbung, Pornografie oder der Schönheitskult in den sozialen Medien: Die Menschen glauben an die Wirkung von Medien – nur glauben sie nicht, dass sie selbst davon betroffen sind. Menschen oder Gruppen, die uns ähnlich sind, denen trauen wir auch mehr zu. Wer anders ist, dem nicht. Das führt uns zu einer krassen Fehleinschätzung, mit der wir den Medieneinfluss auf andere überschätzen. Der Kommunikationswissenschafter W. Phillips Davison veröffentlichte 1983 einen Aufsatz mit dem Titel: The Third-Person Effect in Communication. Er gilt als Schöpfer und Namensgeber des Effekts. Im Folgenden wird der Kern seiner Theorie erklärt. Der Third-Person-Effekt ist eine Theorie der Medienwirkung. Sie beschreibt eine Wirkung von Medieninhalten auf eine oder mehrere Personen. Genau wie die Schweigespirale  ist sie Untersuchungsgegenstand der Medien-Psychologie.

Erklärung Third-Person-Effekt, Walter Phillips Davison
Walter Phillips Davison, Princeton University (c)

Die zwei wichtigsten Annahmen des Third-Person-Effekts

Der Third-Person-Effekt besteht aus zwei Komponenten: Die Wahrnehmungs-Komponente und die Verhaltens-Komponente:

1. Wahrnehmungs-Komponente: Menschen glauben, dass andere Menschen stärker von Medien beeinflusst werden als sie selbst. Man nennt dies auch die Third-Person-Wahrnehmungs-Differenz

2. Verhaltens-Komponente: Diese Wirkungsunterstellung hat Folgen auf die eigenen Einstellungen und das eigene Verhalten.

Beispiel Videospiele

Nehmen wir an Sebastian, 34, hält es nicht für sonderlich problematischen, wenn er täglich Videospiele spielt. Er glaubt nicht, dass diese ihn isolieren oder aggressiv machen. Dennoch hält er es für problematisch, wenn Jugendliche andauernd Videospiele spielen. Gerade gewalttätige Inhalte machen diese doch aggressiv. Deshalb fände er es besser, wenn solche Spiele für Jugendliche verboten wären. Sebastian glaubt also an eine Wirkung der Medien auf andere. Er selbst hält sich für immun. Ausgehend von dieser Vermutung handelt er dann: Er fordert ein Verbot. 

youtube placeholder image

 

Die Theorie des „Third-Person-Effekts“ im Detail

First Person, Second Person, Third Person

Marco Dohle, Kommunikationswissenschaftler und Autor von „Der Third-Person-Effekt“, fast die Begriffe Davisons so zusammen: 1. ICH (First Person): die eigene Person 2. DU (Second Person): Menschen, die einem nahestehen 3. DIE (Third Person): Die anonyme Masse „Individuen glauben nicht nur, dass andere Menschen stärker als sie selbst von Medien beeinflusst werden; sie gehen auch davon aus, dass die Allgemeinheit noch stärker beeinflussbar ist als die Personen ihres unmittelbaren Umfelds“, schreibt Dohle.

Wer ist die „Third Person“?

Jeder einzelne von uns ist nun also seine eigene „First Person“. Und wir vertrauen auch unserer Umgebung, dass sie den Umgang mit den Medien beherrscht. Aber wir nehmen an, dass es diese „anderen“ gibt, die sich relativ stark beeinflussen lassen. Wer ist diese „Third Person“?

  • Es ist das Publikum der Boulevard Medien, die sich durch die reißerische Berichterstattung beeinflussen lassen.
  • Es sind die Fans von True-Crime-Shows, die sich in der eigenen Nachbarschaft nicht mehr sicher fühlen. Weil wir wissen, dass sie die Kriminalitätsrate umso höher einschätzen, desto mehr True-Crime-Shows sie sehen.
  • Es sind die Follower der Instagram Influencer:Innen, die sich durch den ständigen Vergleich in ihrem eigenen Körper nicht mehr wohlfühlen.

Kurzum: Es sind Stereotype oder Gruppen, denen man einen passiven, unkritischen und übermäßigen Medienkonsum unterstellt. Gruppen, denen wir uns nicht zugehörig fühlen. Die wahrgenommene Distanz zwischen sich selbst und einer solchen Gruppen nennt man die soziale Distanz. Je höher die soziale Distanz zwischen der First-Person und der Third-Person, desto höher ist die Third-Person-Wahrnehmungsdifferenz. Diese soziale Distanz kann politisch, gesellschaftlich oder psychologisch sein. Alter, Geschlecht, Bildung, Wohnort und Ansichten – all das fließt in die wahrgenommene Distanz mit ein. Sie kann Ähnlichkeit, Vertrautheit und Identifikation sein. Der Begriff ist etwas schwer zu fassen, weil jeder Mensch etwas anderes darunter versteht.

Beispiel Kinder und Jugendliche

Viele Erwachsene halten es für sehr problematisch, wenn junge Menschen zu viel Youtube oder TikTok schauen. Sie vermuten und beklagen, dass die jungen Menschen dort von irgendwelchen „Influencer:Innen“ mit billigen oder gar bösen Absichten beeinflusst werden. Die Erwachsenen wissen und verstehen dabei nicht, dass sich die jungen Konsument:Innen untereinander austauschen und Informationen gemeinsam bewerten – und so intelligente und dummen Inhalte sehr gut voneinander unterscheiden können. Die Erwachsenen wissen auch nicht, dass es inzwischen zahlreiche Kanäle auf diesen Plattformen gibt, die sich der Kritik von Inhalten widmen. Wenn ein Influencer heute Müll verbreitet, sprechen morgen 10 Influencer darüber und weisen auf Unwahrheiten hin. Die Erwachsenen selbst konsumieren ihre alten Medien, in denen durchaus auch irreführende Inhalte verbreitet werden. Korrigiert werden diese in den seltensten Fällen. Wer nur ein Medium konsumiert, wird einseitig informiert und merkt es kaum. Das Problem sehen die Erwachsenen aber bei den Jungen und hinterfragen nicht die eigenen Medien, sondern verteufeln die modernen Medien-Kanäle.

Selbsterhöhung und unrealistischer Optimusmus

Warum glauben wir eigentlich ständig, dass wir schlauer als die anderen sind? Die Menschen neigen dazu, sich und ihre gegenwärtige Situation positiver einzuschätzen, als die Situation anderer Personen. Tendenziell glauben wir einfach nicht daran, selbst schwer zu erkranken oder schmerzhafte Schicksalsschläge zu erleiden. Das passiert immer nur den anderen. Aus dem gleichen Grund haben auch die Medien keinen nennenswerten Einfluss auf uns. Die Wissenschaft nennt dies „Optimistic Bias“ oder auch „unrealistischer Optimismus„. Auch der Selbtsaufwertungs-Ansatz (Self-Enhancement) gilt als eine mögliche Erklärung für den Third-Person-Effekt. Dieser besagt, dass Menschen stets versuchen ein positives Selbstbild zu bewahren. Sie wollen im sozialen Vergleich immer besser dastehen. So trägt es zu ihrem Selbstwertgefühl bei, wenn sie glauben gegenüber negativer Einflussnahme immun zu sein.

Third-Person-Affekt als beabsichtigte Beeinflussung Dritter

Es gibt noch eine weitere, weniger verbreitete Sichtweise des Third-Person-Effekt. Hierbei geht es um die gewollte, aber indirekte Beeinflussung einer bestimmten Gruppe über dritte Personen. Ein viel zitiertes Beispiel ist die Stationierung einer amerikanischen Einheit auf einer Pazifikinsel während des Zweiten Weltkriegs. Die Soldaten dieser Einheit waren People of Color, ihre Offiziere hingegen Weiße. Die japanische Führung machte sich dies zunutze und ließ Flugblätter über der Einheit abwerfen. Diese waren vordergründig an die Soldaten gerichtet: „You are fighting in a white men’s war“. Du kämpfst in einem Krieg der weißen Männer. Daraufhin wurde die amerikanische Einheit abgezogen, da die Offiziere befürchteten, die Soldaten könnten den Aufstand üben. Die Japaner hatten ihr Ziel erreicht: Die Offiziere glaubten an eine Wirkung der Flugblätter und handelten dementsprechend.

Parlament Das Thema "Medienpädagogik" im Parlament

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Erich Maria Remarque war ein deutscher Schriftsteller, der mit seinem Antikriegsroman “Im Westen nichts Neues” bekannt wurde. Seine Bücher, die vor allem die Grausamkeiten des Krieges offenlegen, wurden im nationalsozialistischen Deutschland verboten. Seine pazifistischen Romane werden bis heute von Menschen weltweit begeistert gelesen und wurden schon mehrfach verfilmt. Zitat: Ich dachte immer, jeder Mensch sei gegen den Krieg. Bis ich herausfand, dass es welche gibt, die dafür sind. Besonders die, die nicht hingehen müssen. Erich Maria Remarque

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