Serie "Vermögen in Österreich" - Teil 2

Das oberste Prozent besitzt 40,5 % des Vermögens – Warum wir über Reichtum reden müssen

Die meisten Statistiken zur Vermögensverteilung in Österreich sind falsch. Der Grund: Superreiche werden einfach nicht berücksichtigt. Doch das oberste Prozent besitzt über 40 Prozent des gesamten Vermögens. Diese großen Vermögen werden vererbt und nicht erarbeitet – und politisch eingesetzt, um den eigenen Reichtum zu festigen.

Der Artikel auf einen Blick
  • Vermögen sind ungleich verteilt: 1-Prozent besitzt 40 Prozent des Gesamtvermögens.
  • Dafür besitzt die untere Hälfte der Bevölkerung nur 2,5 Prozent des Vermögens.
  • Der größte Teil der Österreicher hat ein Vermögen von unter 50.000 Euro.
  • Die Vermögenskonzentration resultiert aus Erbschaften und Schenkungen – und nicht aus eigener Leistung.
  • Den finanziellen Vorsprung nutzen die Super-Reichen, um den eigenen Reichtum (auch politisch) abzusichern.

1994 hat man in Österreich die Vermögenssteuer abgeschafft. 2008 Erbschafts- und Schenkungssteuern. Die Konsequenz: 80 Prozent des Geldes, das der österreichische Staat zur Verfügung hat, stammt aus Löhnen und Gehältern. Das liegt auch daran, dass die Körperschaftssteuer, also die Steuer auf die Gewinne von Unternehmen, im Vergleich sehr niedrig ist (siehe hier). Wer arbeitet, leistet also überdurchschnittlich viel für die Gesellschaft. Oder: Wer arbeitet, ist der Dumme.

Reichtum kommt nicht von der Arbeit

Nicht nur die Steuerpflichten, auch die Einkommen sind ungleich: Die obersten 10 Prozent der Bevölkerung erhalten das 7,6-fache Einkommen von dem, was die untersten 10 Prozent verdienen. Das ist einiges. Trotzdem steht Österreich, was die Einkommen betrifft, relativ gut da.

Anders ist es bei Vermögen: Die Vermögen in Österreich sind weit ungerechter verteilt als in anderen Ländern. Aber wer besitzt eigentlich wie viel in Österreich? Und wen würden Vermögens- und Erbschaftssteuer betreffen?

Wer besitzt wie viel Vermögen?

Es ist nicht einfach herauszufinden, wer wie viel Vermögen besitzt. Lange Zeit war das sogar unmöglich – die Daten wurden einfach nicht erhoben. Ein Problem, das auch die Europäische Zentralbank erkannt hat und mit der HFC-Studie versucht hat zu lösen. Dabei wurden von den europäischen Nationalbanken Befragungen durchgeführt. Auch die ÖNB hat fast 3.000 Haushalte in Österreich befragt und deren finanzielle Situation untersucht. Doch auch diese Studie hat ein Problem: Besonders reiche Haushalte sind in statistischen Erhebungen nicht vertreten. Entweder weil die Stichprobe zu klein ist, oder weil die Befragten Antworten verweigern.

In Österreich gibt es 3,8 Mio. Haushalte. Eine Promille davon wurden befragt. Die Chance, dass Dietrich Mateschitz oder Heidi Horten darunter sind, ist verschwindend gering.

Bei einer relativ gleichen Verteilung wäre das kein Problem. Je mehr Vermögen sich aber auf wenige Menschen konzentriert, desto anfälliger ist die Statistik. So werden in der HFC-Studie die Reichsten der Gesellschaft nicht abgebildet. In der Studie von 2014  hatte der reichste Haushalt rund 40 Millionen Euro – der war allerdings die einsame Spitze. Blickt man jedoch in Reichen-Listen aus demselben Jahr, zum Beispiel des Magazins trend, zeigt sich, dass die „ärmsten“ der Reichsten über hunderte Millionen Euro verfügen. Die Top 10 besaß sogar weit über der Milliarde (siehe auch hier.)

Die Superreichen werden auf solchen Wegen also nicht erfasst. Eine realistische Einschätzung von Vermögenssteuer oder Erbschaftssteuer ist mit diesen Daten unmöglich.

1 Prozent der Menschen besitzt 40 Prozent des Vermögens

Doch es  gibt eine Möglichkeit, das Vermögen in Österreich – inklusive Superreicher – realistisch einzuschätzen. Dieses statistische Verfahren wurde in Grundzügen von der EZB entwickelt. Mehreren Studien des Forschungsinstitut für die Gesamtanalyse der Wirtschaft (ICAE) an der Johannes Kepler Universität Linz haben das Vermögen in Österreich so errechnet und es zeigt sich ein realistischeres und extremeres Bild der Vermögensungleichheit in Österreich:

Die Nettovermögen (also Gesamtvermögen minus Schulden) liegen insgesamt bei 1.137 Milliarden Euro. Das reichste 1-Prozent besitzt 40,5 % davon. Das ist doppelt soviel wie bisher angenommen.  Die untere Hälfte der Österreicher besitzt hingegen bloß 2,5 % dieses Nettovermögens.

Die Schätzungen des ICAE in Linz sind aus statistischer Sicht „konservativ“ angelegt – es ist gut möglich, dass die Verteilung noch schiefer ist.

Einen Überblick über die genaue Verteilung der Vermögen in Österreich kann man anhand von Vermögensklassen gewinnen. Mehr als ein Drittel der österreichischen Bevölkerung hat ein Vermögen zwischen 0 bis 50.000 Euro (knapp 38 %). Etwa 10% der Bevölkerung hat ein Nettovermögen von über 500.000 Euro. Und am anderen Ende der Statistik: über 6 % der österreichischen Haushalte hat mehr Schulden als Vermögen.

Die Darstellung bietet einen guten Überblick über die Verteilung von Vermögen unter 500.000 Euro. Sie lässt nur wenige Rückschlüsse auf den oberen Rand der Verteilung zu. Zu pauschal ist die Kategorie „Mehr als 500.000 Euro“ angesichts der Milliarden der Superreichen. Denn dort gilt: Je reicher man in Österreich ist, desto größer ist der Abstand. Also der Sprung vom Reichsten zum Zweitreichsten, zum Drittreichsten ist viel größer als in den unteren Vermögensschichten.

Wie kommen Menschen zu Vermögen?

Verrmögen sind ungleich verteilt, aber woran liegt das? Es gibt eine ganze Reihe an Gründen: Sparverhalten, Alter, Einkommensunterschiede etc. Das Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche hat versucht, mittels statistischer Verfahren die beste Erklärung zu finden. Den höchsten Erklärungswert für die Vermögensungleichheit finden sie aber nicht in Einkommensunterschieden oder Unterschieden im Alter oder der Haushaltsstruktur, sondern in Erbschaften und Schenkungen. 40 % der Ungleichheit lassen sich durch Erben und Schenken erklären, also durch leistungsfreies Einkommen. Zusammengefasst heißt das: Reichtum kann man sich kaum erarbeiten.

Wollen die Österreicher eine Vermögens- und Erbschaftssteuer?

Eine realistische Vermögens- und Erbschaftssteuer würde nur eine verschwindend geringe und extrem reiche Gesellschaftsschicht betreffen. Wieso haben wir diese Steuern dann nicht?

Laut einem Beitrag der Arbeiterkammer Wien sind die meisten Befragungen eindeutig: Es besteht tatsächlich eine Mehrheit in Österreich für eine Vermögenssteuer und nur eine kleine Elite ist dagegen (siehe hier ). Diese Elite setzt sich aber derartig effizient in der Politik durch, dass eine Vermögenssteuer für alle Großparteien in den letzten Jahren kein zentrales Thema dargestellt hat.

Ein  andere Erklärung ist die falsche Einschätzung der ÖsterreicherInnen selbst. So gibt es etwa eklatante Unterschiede darin, wie reich sich die ÖsterreicherInnen selbst einschätzen und wie wohlhabend sie wirklich sind. Auffällig ist, dass nur wenige ihre tatsächliche Position in der Vermögensverteilung richtig einschätzen. Und: Je reicher Personen sind, desto falscher ist ihre eigene Einschätzung. Unter den reichsten 10% der Haushalte hat sich etwa kein einziger Haushalt richtig in die Gesamtverteilung eingeordnet. Die meisten der Reichen positionieren sich (bewusst oder unbewusst) in der „Mitte“ der Gesellschaft. Diese Selbsteinschätzungsfähigkeit ist darüber hinaus unabhängig vom Bildungsgrad. Wer sich selbst testen will, kann das auf der Seite „binichreich.at“ tun.

 

Ursachen und Folgen extremer Ungleichheit

In einem gewissen Grad findet man in jedem Land der Erde eine Ungleichverteilung der Vermögen. Die Gründe sind vielseitig. Im Generellen handelt es sich um einen Effekt der kapitalistischen und neoliberalen Produktionsweise. Doch fehlende wirtschaftspolitische Maßnahmen wie Vermögens- und Erbschaftssteuern verstärken den Effekt. Dadurch vermehrt sich das  Vermögen einiger weniger und konzentriert sich weiter. In den letzten Jahrzehnten haben sich solcherart Entwicklungen noch weiter zugespitzt aufgrund der Steuerhinterziehung-Praktiken globaler Unternehmen und reicher Einzelpersonen.

Das ist massiv ungerecht, aber es führt auch zu wirtschaftlicher Stagnation und in das demokratische Dilemma, dass Reiche viel stärker Einfluss auf die Politik nehmen können. Das sichert ihre Position, den Ist-Zustand, und belastet erwerbstätige Menschen überproportional. Denn sie müssen mit ihren Steuern alle Leistungen des Staates finanzieren. Für diese Situation gibt es jedoch keinerlei wissenschaftliche Rechtfertigung. Die Österreicher würden gut daran tun, geschlossen hinter der Einführung einer Vermögens- und Erbschaftssteuer zu stehen.

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2 Kommentare

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Elisabeth
Elisabeth

Auch die ärmeren Österreicher trifft die Erbschaftssteuer… Wenn die von ihrem Gatten das Haus erben in dem sie wohnen aber nicht wissen wovon sie dann die Erbschaftsteuer bezahlen sollen
Weil sie nicht viel Geld besitzen.., Also bitte keine Erbschaftsteuer!!!!!!!

Mario
Mario

Wenn ich einen Freibetrag von 1.Mio habe und erst den darüber liegenden Betrag versteuern muss, betrifft es sehr wenige. Erbschaftssteuer ist also für den Großteil der Menschen überhaupt kein Problem, da es sie nie treffen wird.

Falls doch – ich tausche gerne 😉

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