Andrea Maria Dusl - Comandantina

Wie sündig ist die Gesundheit?

Foto: Andrea Maria Dusl

Das Wort „gesund“ beschreibt den psychischen und physischen Zustand des Nicht-Krankseins. Was und wie „gesund“ ist, und wie es sich anfühlt, wissen die meisten von uns. Aber woher kommt das seltsame Wort? Der Begriff mit dem positiven Image klingt so ähnlich wie die „Sünde“. Sollten Gesundheit und Sünde mehr gemein haben als eine Silbe?

Sünde Gesundheit

Gesundheit wird allgemein definiert als die Abwesenheit von Krankheit. Die Weltgesundheitsorganisation WHO definiert sie als Zustand vollkommenen körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens. Auch gutes Wetter dürfte dem Wohlbefinden nicht untunlich sein. So schön sie ist, hinter der schönen Fassade des Wordings krankt die Definition der WHO. Das Fehlen physischer, psychischer und sozialer Obstakel stellt einen, mit den bescheidenen Mitteln des Diesseits kaum erreichbaren Idealzustand dar. Viel eher müssen wir davon ausgehen, dass nach der weltgesundheitlichen Definition kein Mensch wirklich als gesund anzusprechen wäre und daher das extrem hehre Ziel der WHO („Gesundheit für alle“) alle Anzeichen einer Illusion haben dürfte.

Für uns Einzelne, von der WHO Besorgte wird das Phänomen „Gesundheit“ erst bei Krankheit oder mit zunehmenden Alter spürbar. Oder richtiger gesagt: Nicht mehr spürbar. Dem Wiederherstellen oder zumindest Annähern des Idealzustand „Gesundheit“ widmet sich seit der Steinzeit (und vermutlich seit Anbeginn der Menschheit) eine ganze Industrie. In den hochindustrialisierten westlichen Gesellschaften wird heute etwa jeder zehnte Euro für Gesundheit, beziehungsweise für die Maßnahmen ausgegeben, die ihr Fehlen nach sich ziehen.

Krankheit ist Geschäft

Die Förderung und Erhaltung der Gesundheit erfordert geringere finanzielle Mittel. Teuer und in unserer auf Gewinnmaximierung ausgerichteten Welt vorherrschend ist dagegen die kurative Medizin, der Versuch also, Gesundheit wiederherzustellen. In der Antike war das genau umgekehrt. Wer es sich leisten konnte, gab Unsummen dafür aus, eben nicht krank zu werden. (Wer es sich nicht leisten konnte, ging zumindest in die Therme.) Ging die Gesundheit trotz ärztlicher Kunst dennoch verloren, war auch ein hochbezahlter Arzt seinen Job los.

Ein seltsames Wort

Eine bemerkenswerte Koinzidenz findet sich beim Stochern in den etymologischen Wurzeln des Wortes „gesund“. Es kommt von einem indoeuropäischen „sunto“, „suento“ und bedeutet nicht unerwartet „gesund sein“, „rüstig sein“. Ausgerechnet dieses Wort, dessen Bedeutung positiver nicht sein könnte, klingt sehr ähnlich, wenn nicht gleich wie das Wort „Sünde“, im althochdeutschen noch „sunta“ ausgesprochen.

Wenn zwei Worte gleich klingen, liegt der Verdacht nahe, dass sie ein und dasselbe bezeichnen. Die Frage ist nun, ob einst die Gesundheit sündig war, oder die Sünde gesund. Die Antwort ist im Wortsinne so umoralisch wie wahr: Beides. Graben wir bei der „Sünde“ noch tiefer im etymologischen Myzel, als eben noch bei der „Gesundheit“ stoßen wir auf das altinidsche „sánt“, das soviel bedeutet wie „wahr“, „gut“, „seiend“. Seiend. Ob wir gut sind, darüber lässt sich streiten, wahr sind wir, je nach philosophischer Betrachtungsrichtung schon eher, „Seiend“ sind wir fast sicher. Über viele Bedeutungsumwege hat sich das Seiende, das Sunde zum Getanen, zur Tat gewandelt. Von der Tat zur strafwürdigen Tat und von der zur Schuld waren es dann nur mehr kleine Schritte in Richtung „sunta“, Sünde, jenem germanischen Rechtsausdruck, den die Kirchensprache zur Übersetzung des lateinischen „pecccatum“ – Vergehen verwenden sollte.

Wie sündig ist das Gesundsein?

Auf abenteuerliche Weise, wurde also das indoeuropäische „Sein“, das „Gesundsein“ während der langen Reise Richtung Westen zum Sündigen, ohne dass sich jemand über diese Entführung je größere Sorgen als die über einen eingerissenen Nagel gemacht haben dürfte.

Um die körperliche Gesundheit kümmert sich im Kapitalismus eine billiardenschwere Industrie. Krankheit ist ein Geschäft. Wer Geld hat, wem Geld gegeben wird, kann teilnehmen am Fortschritt in Medizin und Pharmakologie. Armut und Präkariat entfernt die Menschen auf tragische Weise vom Ideal der Gesundheit. Wer nichts eingezahlt hat, soll auch nichts bekommen, sagt der türkis-blaue Zynikerbund.

Glück für alle. 12 Stunden lang?

In einer dem technischen Fortschritt huldigenden Gesellschaft scheint allein das Ideal der körperlichen Gesundheit verkaufbar. Leistung muss getragen werden. Die Maschine Mensch arbeiten können. Und sei es 12 Stunden am Stück.

Wie aber verhält es sich mit den anderen Standbeinen des Gesundseins (nach WHO-Kriterien)? Wer sorgt sich um seelisches und soziales Wohlbefinden? Sollte und müsste seelische und soziale Unversehrtheit, ja symptomloses Glück nicht alle Gesellschaftsschichten durchziehen? Die Autorin meint ja und erinnert daran, dass Wohlbefinden und ein als glückhaft empfundenes Leben zu den Grundlagen einer solidarischen Gesellschaft gehört.

Packen wir’s an!

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