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Ist die 4-Tage-Woche die Zukunft? Der Zukunftsforscher Reinhardt im Interview

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Ist die 4-Tage-Woche die Zukunft? Der Zukunftsforscher Reinhardt im Interview

Kontrast Redaktion Kontrast Redaktion
in 4-Tage-Woche, Arbeit & Freizeit
Lesezeit:4 Minuten
7. August 2020
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Digitalisierung, Freizeit-Stress, Corona-Krise: Unser Arbeits- und Freizeitleben hat sich in den letzten Jahrzehnten rasant verändert. „Wir müssen über neue Arbeitsmodelle diskutieren“, sagt Zukunftsforscher Ulrich Reinhardt. Welche Rolle die Vier-Tage-Woche dabei spielt und wie sich die Work-Life-Balance dadurch verändert, bespricht er mit Kontrast.

Kontrast: Sie sind Zukunftsforscher an der FH Westküste in Heide. Was genau forscht man, wenn man Zukunftsfragen erforscht?

Ulrich Reinhardt: Ich konzentriere ich mich auf die Bevölkerung und analysiere, wie sich die Wünsche, Bedürfnisse, Ängste und Verhaltensweisen entwickeln. Dabei untersuche ich nicht nur, wie wir morgen leben werden, sondern auch stets, wie wir morgen leben wollen, denn vieles mag – gerade technisch – durchaus möglich sein, die Frage muss aber immer lauten: Wollen wir das auch?

Was ist Freizeit?

Wissenschaftlich betrachtet ist Freizeit die Zeit, in der man etwas tut, weil man es möchte, nicht, weil man es muss oder sich dazu verpflichtet fühlt. Wie diese dann ausgestaltet wird, ist individuell ganz unterschiedlich. Für den einen steht die körperliche Erholung im Vordergrund, für andere der soziale Kontakt, ein Hobby oder eine körperliche Aktivität.

Die letzte Arbeitszeitverkürzung ist 50 Jahre her

Die letzte größere Arbeitszeitverkürzung in Österreich fand vor rund einem halben Jahrhundert mit der Einführung der 5-Tage-Woche statt. Seitdem ist nicht mehr wirklich viel passiert. Im technischen Bereich hingegen hat sich in den vergangen 50 Jahren enorm viel getan.

Man könnte daher fragen, was nützt die Weiterentwicklung von Maschinen und Prozessen und die Steigerung der Produktivität, wenn wir genauso viel arbeiten wie die vorigen Generationen.

Aber es geht nicht nur um die Quantität der freien Zeit, sondern auch die Qualität. Derzeit wird auch die Freizeit zunehmend optimiert. Wir springen von einer Aktivität zur nächsten, versuchen überall dabei zu sein und es jedem recht zu machen. Freizeit wird da schnell zur Stresszeit.

Sport ist für viele wichtig in der Work-Life-Balance
Wenn die Freizeit zum Stressfaktor wird, bleibt die Erholung aus. Die Work-Life-Balance droht zu kippen.

Der Ursprung der Freizeit ist die Regeneration – von und für die Arbeit. Wenn wir nicht genügend Erholungszeit haben bzw. uns nehmen, leidet unsere Gesundheit und auch unsere Zufriedenheit. Genauso nimmt übrigens auch unsere Produktivität ab. Insofern sind genügend Auszeiten enorm wichtig für unsere Leistungsfähigkeit, unser Wohlbefinden und unsere Lebensqualität.

Richtige Freizeit

In den vergangenen Jahren hat in der Gesellschaft die Tendenz zur stetigen Optimierung von Körper und Geist stark zugenommen. Demnach müssen nicht nur die Arbeit und der eigene Körper optimiert werden, sondern auch die Freizeit muss – zumindest gefühlt – so effizient wie möglich gestaltet und jede zeitliche Lücke gefüllt werden. Sinnvoll wäre es jedoch, an einem zusätzlichen freien Tag genau das zu machen, wozu man Lust hat, und damit seinen eigenen persönlichen Bedürfnissen nachzugehen, ohne sich von Verpflichtungen leiten zu lassen. Hierzu gehört u.a. auch wieder mehr Spontanität und weniger Planung.

In einem Interview sagen Sie „Wir machen falsch Freizeit“. Was meinen sie damit?

Jedes Jahr befragen wir die Bürger nach ihrem Freizeitverhalten. Ganz oben landen stets die Medien – von Fernsehen über das Smartphone bis zum Internet. Gleichzeit fragen wir aber auch, was die Bürger gerne häufiger in ihrer freien Zeit machen würden. Hier tauchen Medien fast gar nicht auf, sondern nahezu nur soziale Aktivitäten – wie mehr Zeit für Freunde und Familie, öfter Einladungen aussprechen, mehr Zeit für die Nachbarn oder Gleichgesinnte. Kritisch kann man daher fragen, wieso wir in unserer Freizeit eigentlich nicht das machen, was wir tatsächlich wollen. Die Verantwortung trägt hierfür in erste Linie jeder selbst.

Ulrich Reinhardt

Ulrich ReinhardtUlrich Reinhardt, Jahrgang 1970, ist Zukunftswissenschaftler und Professur für Empirische Zukunftsforschung am Fachbereich Wirtschaft der FH Westküste in Heide. Seine Forschungsschwerpunkte umfassen u.a. den gesellschaftlichen Wandel, die Arbeits- und Europaforschung, sowie das Freizeit-, Konsum- und Tourismusverhalten der Deutschen.

Wer Vier-Tage-Woche ausprobiert, bleibt dabei

Es gibt Fallbeispiele, bei denen Arbeitnehmer aus wirtschaftlichen Gründen ihre Arbeitszeit zeitweise von fünf auf vier Tage reduzieren mussten. Als diese Verkürzung nicht mehr nötig war, wollten die Allermeisten nicht mehr zurück zur Vollzeit-Stelle, sondern hatten sich mit zum Beispiel 80 Prozent Einkommen zurechtgefunden und wollten lieber mehr Zeit für sich und die Familie haben.

Der individuelle Zeitgewinn war demnach wichtiger als das höhere Gehalt. Lohneinbußen von 20 Prozent könnte sich aber sicherlich nicht jeder leisten.

Haben Sie Empfehlungen für Betriebe, wie das funktionieren kann?

Die Corona-Pandemie hat uns gezeigt, dass zahlreiche Möglichkeiten der Vernetzung und Kommunikation gegeben sind und viele Tätigkeiten auch unabhängig vom Standort erfolgen können. Wichtig dabei ist, Organisation, Ort und Zeit der Arbeit zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern flexibel zu vereinbaren – bei gleichzeitiger Sicherung des Arbeitsplatzes.

Für die Arbeitgeber bedeutet dies mehr Vertrauen gegenüber den Arbeitnehmern bei gleichzeitiger Chance auf mehr Produktivität, mehr Engagement, mehr Loyalität und ggf. sogar weniger Ausfallzeiten der Angestellten. Für Arbeitnehmer geht diese Vertrauens-Arbeitszeit mit mehr Flexibilität und dem Wegfall von Wegezeiten einher, fordert gleichzeitig aber auch mehr Eigenverantwortung.

Homeoffice bringt neue Chancen und Herausforderungen für die Work Life Balance
Die Pandemie zeigt, dass neue Arbeitswelten möglich sind. Das ist auch für die Work-Life-Balance wichtig.

Werden wir produktiver, wenn wir mehr Freizeit haben?

Das lässt sich nicht pauschal beantworten. Jedoch gibt es Untersuchungen, die eindeutig belegen, dass zufriedene Mitarbeiter produktiver sind. Denken Sie nur an die zahlreichen Zusatzleistungen, die Tech-Unternehmen im Silicon Valley ihren Angestellten gewähren. Diese dienen auf der einen Seite dem Wohl der Mitarbeiter, führen auf der anderen Seite aber auch zu mehr Leistungsbereitschaft. Zudem spielen auch Anerkennung, Gestaltungsmöglichkeiten oder die Sinnfrage eine zentrale Rolle bei der Motivation und damit am Ende auch bei der individuellen Produktivität.

Sind kürzere Arbeitszeiten in allen Branchen machbar?

Machbar sicherlich, aber ob diese auch sinnvoll und realistisch sind, ist eine andere Frage.

Wichtig ist die Diskussion über neue Arbeitsmodelle

In Zeiten von veränderten Rahmenbedingungen entstehen schließlich ebenso neue Möglichkeiten, wie aber auch neue Herausforderungen. Daher ist es richtig und wichtig, neue Ideen zu entwickeln, diese auszuprobieren, ggf. anzupassen, zu verwerfen oder zu verbessern. Pauschal-Lösungen wird es dabei kaum geben, muss es ja aber auch nicht.

Am Ende sollte jedoch stets sichergestellt sein, dass die Wirtschaft dem Menschen dient und nicht umgekehrt.

Parlament Das Thema "4-Tage-Woche" im Parlament

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4 Comments
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rudolf
rudolf
26. August 2020 09:37

Werte Genossen
Liebe Genossin Joy
Ein 6 Stundentag x 5 = 30 Wochenstunde, das wäre sicher viel viel besser als die 4 Tagewoche, die dann beim 12 Stundentag endet.
Und Arbeitsplätze würde es auch mehr geben, beim 6 Stundentag!
Auch sollte der Mindestlohn von 17.5 €  die Stunde, NETTO kommen, wo es diesen Lohn noch nicht gibt, damit die ARMUT und die Arbeitslosigkeit in Österreich verschwindet!!
Mit dieser AZV kann man die Arbeitslosigkeit VERHINDERN!!
Das wäre eine faire Arbeitzeit für alle Menschen und Vollbeschäftigung mit fairen Löhnen!
Rot ist eine Haltung, etwas, wofür man kämpft!“
Liebe Genossen
Wir glauben, die Partei und der ÖGB, hat das KÄMPFEN verlernt!!
 
 
Mit freundschaftlichen Grüßen

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rudi
rudi
20. August 2020 10:44

Wir meinen, daß es die 30 Wochenstude besser für die Menschen ist,als die 4 Tagewoche.
Mit einen Stundensatz von 17.5 € Netto = 2273.-€ Monatlich, wären alle BESSER dran. Dann gebe es keine Arbeitslosen, keine Präkeren Arb.-Plätze,keine ARMUT in Österreich mehr!! Nur dass müßte noch Mitte 2021 passieren, sonst ist auch dieses Geld nichts mehr wert!!

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xx1xx
xx1xx
8. August 2020 00:28

Der Autor beschreibt ein Luxus-Problem. 20% Gehaltsverzicht wären locker zu verkraften, nicht zuletzt deshalb, weil die (Silikon Valley) Firma ja die Wochenendreise ins firmeneigene Ressort auf Bora-Bora finanziert.
Für fast alle sieht die Gegenwart jedoch ganz anders aus, die Zukunft damit in erster Näherung ebenfalls.

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xx1xx
xx1xx
8. August 2020 00:13

Es ist immer wieder ernüchternd, wenn sich Absolventen einer FH als „Wissenschaftler“ darstellen. In diesem Fall ist zunächst einmal die „wissenschaftliche“ Definition von Freizeit und Arbeitszeit zu unscharf. Eine Unterscheidung wie im Artikel a la „Freizeit macht Freude und Arbeit im Gegensatz dazu nicht“ definiert das zu Grunde liegende Modell falsch.

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Erich Maria Remarque war ein deutscher Schriftsteller, der mit seinem Antikriegsroman “Im Westen nichts Neues” bekannt wurde. Seine Bücher, die vor allem die Grausamkeiten des Krieges offenlegen, wurden im nationalsozialistischen Deutschland verboten. Seine pazifistischen Romane werden bis heute von Menschen weltweit begeistert gelesen und wurden schon mehrfach verfilmt. Zitat: Ich dachte immer, jeder Mensch sei gegen den Krieg. Bis ich herausfand, dass es welche gibt, die dafür sind. Besonders die, die nicht hingehen müssen. Erich Maria Remarque

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