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Europas Stahlarbeiter sind in Gefahr – nur so kann die EU sie retten

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Georg Ortner Georg Ortner
in Europa, Internationales, Wirtschaft und Finanzen
Lesezeit:5 Minuten
18. Januar 2017
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Warum tut sich Europa so schwer, seine Stahlindustrie vor Dumping zu schützen. Antwort 1: Weil Staaten ohne Stahlindustrie die Billigimporte durchaus schätzen und in den EU-Entscheidungsgremien Beschlüsse hinauszögern. Antwort 2: Weil Freihandelsdogmatiker bereit sind, für eine abstrakte Idee hunderttausende Arbeitsplätze zu opfern.

Oktober 2015. Die Entlassung von 1.200 Stahlarbeitern in Großbritannien brachte den damaligen Premierminister David Cameron so stark unter Druck, dass die britische Regierung für den 9. November 2015 eine außerordentliche EU-Wirtschaftsministerrunde einberief. Thema des Treffens vor gut einem Jahr war der Preisverfall der europäischen Stahlpreise.

Von April 2014 an waren die Preise für Stahl sukzessive eingebrochen; davor hatten die Stahlwerke 500 Euro für eine Tonne Stahl erlöst, danach sank der Preis auf knapp über 300 Euro. Ausgelöst wurde der Preisverfall durch die Billigimporte aus China. China hat enorme Überkapazitäten in der Stahlindustrie, und nachdem die Inlandsnachfrage in China zurückging, schwemmten chinesische Hersteller den Weltmarkt mit Stahl zu – und das ist der entscheidende Vorwurf: Dumpingpreise, also Preise unter den Herstellungskosten.

Im Ergebnis bedeutet das: Die gesamte Europäische Stahlindustrie mit 330.000 Beschäftigten und über 500 Produktionsstandorten kann dieser Billigkonkurrenz nicht auf Dauer standhalten. Die Stahlproduktion ist massiv gefährdet. In dieser Einschätzung sind sich die europäischen Gewerkschaften und die Verbände der Industrie einig. Diese Einschätzung teilen auch viele europäische Staatschefs (darunter der österreichische) und Wirtschaftsminister (der österreichische hat sich allerdings nicht hervorgetan). Aber eben nicht alle.

Jahrelange Verhandlungen führen zu keiner Lösung

Und das macht es so mühsam und langwierig, dass die EU zu wirksamen Anti-Dumping-Maßnahmen kommt. Denn was die Wirtschaftsminister bei ihrem Treffen im November 2015 wieder aufgriffen, war ein Vorschlag der Kommission aus dem Jahr 2013. Schon damals wollte die Kommission handelspolitische Schutzmaßnahmen schneller anwenden können und effektiver machen; dies unter anderem damit, dass die „Regel des geringeren Zolls“ eingeschränkt oder gleich abgeschafft wird. Der Vorschlag wurde bis Ende 2015 von Großbritannien und einer Mehrheit der EU-Staaten abgelehnt.

Bei der „Regel des geringeren Zolls“ („Lesser Duty Rule“) geht es, kurz gesagt, darum, dass Strafzölle gegen Dumpingimporte nicht notwendigerweise die Differenz zu einem realistischen Preis ausgleichen (also praktisch die Dumpingspanne als Strafzoll aufschlagen), sondern auch niedriger sein können. Das führt häufig dazu, dass Schutzzölle in der EU weit unter denen anderer Länder liegen.

Praktisch bedeutet die Anwendung dieser Regel, dass chinesischer Dumping-Stahl in Europa mit 15 bis 30 Prozent Zoll belegt wird, während die USA Antidumpingmaßnahmen setzten, die einen Zollaufschlag von 296 Prozent ergeben.

2016 kam dann doch so etwas wie Bewegung rein. Die Handelsminister setzten Anti-Dumping-Maßnahmen wiederholt auf die Tagesordnung ihrer Treffen (auffällig dabei: Die österreichische Position, soweit sie vom Wirtschaftsministerium vertreten wurde, lief im Wesentlichen auf „Nur nicht auffallen“ hinaus).

Die EU-Regierungschefs haben sich ebenfalls des Themas angenommen. Österreichs Bundeskanzler Christian Kern hat von Anfang an gegen die, wie er in einem ORF-Interview sagte, „letale Bedrohung der europäischen Grundstoffindustrie“ entschlossenes Handeln eingefordert. Im Juni des Vorjahrs hat EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker nach einem Treffen mit Kern angekündigt, dass auch Maßnahmen über den Stahlsektor hinaus ergriffen werden könnten, falls das Problem nicht beseitigt werde.

Baosteel ist mit einer Jahresproduktion von 34,9 Mio Tonnen der zweitgrößte Stahluntkonzern Chinas und das fünftgrößte der Welt. (Bild: Flickr CC: Zixi Wu)

 

Europaweit haben sich 2016 Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände für die Stahlbranche organisiert. In Österreich startet die Produktionsgewerkschaft PROGE und die Gewerkschaft der Privatangestellten GPA-DJP eine parlamentarische Bürgerinitiative. Diese Initiative wurde von über 24.000 ÖsterreicherInnen unterzeichnet und zählt somit zu den Top 5 aller parlamentarischen Bürgerinitiativen.

Die Europäische Kommission stellte im Oktober 2016 fest, dass es dringend Antidumpingmaßnahmen zum Schutz der Europäischen Stahlindustrie braucht. Am 15. Dezember einigten sich die Regierungschefs der EU auf die Eröffnung eines Trilogs von Europäischem Parlament, Europäischer Kommission und der EU Wirtschaftsminister.

Nach über einem Jahr intensiver Gespräche und vier Jahre nachdem die Kommission selbst das Thema auf die Tagesordnung setzte, schafft es Europa nicht, eine geeinte Antwort auf chinesische Dumpingpreise zu geben.

Alleine in Österreich sind 25.000 Arbeitsplätze betroffen, und keiner will sich wohl vorstellen, dass die VOEST Linz als Produktionsstandort schließen würde. Doch ein solches Szenario ist ohne Antidumpingmaßnahmen nicht auszuschließen.

Das europäische Dilemma

Dabei gibt es nur auf europäischer Ebene wirkungsvolle Schritte. Insofern wäre eine Anti-EU Stimmungsmache in dieser Frage vollkommen falsch. Die von der politischen Rechten propagierte Kleinstaaterei würde nur zu einer Handelsschutzpolitik unter den europäischen Staaten wie in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts führen und die europäische Stahlindustrie erst recht vernichten. Es bleibt also zu hoffen, dass der nun eröffnete Trilog schnell zu einem effizienten Ergebnis im Sinne der europäischen Stahlindustrie und der hunderttausenden Arbeitnehmer in dieser Branche führt.

Dahinterstehend erkennt man das allgemeine Dilemma der europäischen Handelspolitik. Die europäische Politik erklärte mit dem Fall des Eisernen Vorhangs von 1989 Freihandel zu einem Dogma. Begründet wird dies mit dem Abbau von Handelshemmnissen innerhalb der EU, welche auch zu einem politischen Zusammenwachsen Europas geführt haben. Die Zahlen beweisen dies auch. So ist das Handelsvolumen zwischen EU-Ländern von 800 Mrd. Euro im Jahr 1992 auf 2.840 Milliarden Euro im Jahr 2013 gestiegen. Diese Erfahrung wird von der europäischen Handelspolitik auf die ganze Welt angewendet.

Komplett außer Acht gelassen wird der Schutz europäischer Arbeitsplätze und hoher Umweltstandards und außer Acht bleibt auch die eigentliche Wirtschaftsmacht, die Europa mit 500 Mio. KonsumentInnen für die Gestaltung der globalen Ökonomie hat.

Ebenfalls werden geopolitische Fragestellungen außer Acht gelassen. Will Europa durch seine Handelspolitik in Zukunft wirklich von Stahl aus chinesischem Staatsbesitz abhängig sein?

Des Weiteren wird völlig vernachlässigt, dass andere Player ihre internationalen Handelsbeziehungen nicht derart dogmatisch, sondern pragmatisch gestalten. So etwa die USA, wo die Schutzzölle bis zu 300 Prozent betragen. Die europäischen Eliten, die Freihandel aufgrund der Geschichte der Union vor allem als politisches und nicht als wirtschaftliches Instrument verstehen, zeigen in diesem Zusammenhang viel weniger Flexibilität.

Grundsätzlich ist festzuhalten, dass Freihandel kein Selbstzweck ist und nicht per se zu gerecht verteiltem Wachstum führt. Das Beispiel Stahlbranche zeigt sehr deutlich, dass Freihandel in einer globalisierten, arbeitsteiligen Welt zu Monopolstellungen führen kann. Eine alte Krankheit des Kapitalismus. Dadurch wird fairer Wettbewerb ausgeschaltet und Innovation verhindert. Die Wirtschaftswissenschaften an den etablierten Universitäten liefern dazu kaum kritische Erklärungen.

Dass es in Europa auch andere Analysen und Ansätze gibt, zeigt Frankreich. Bereits unter Nicolas Sarkozy und im November letzten Jahres seitens des damaligen Premiers Manuel Valls wurde der Ruf nach höheren Zöllen für Produkte aus Länder laut, die sich nicht am internationalen Engagement gegen den Klimawandel beteiligen.

Weiterlesen:

  • Der Stahlmarkt in Europa: Durch Freihandel so offen, dass wir nicht mehr ganz dicht sind
  • Welche Rolle spielen Energiepreise für die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie?
  • Von freien zu zivilisierten Märkten. Ein New Deal für die europäische Handelspolitik
  • Verteilungstendenzen im Kapitalismus: Globale Perspektiven
  • Wiener Institut für internationale Wirtschaftsvergleiche: Freihandel führte seit 1960 nicht zu mehr Wachstum

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Die Country- und Pop-Ikone Dolly Parton ist im Alter von 80 Jahren gestorben. Neben ihrer Karriere als Sängerin ist sie auch für ihr soziales Engagement bekannt: Mit der Imagination Library hat sie ein weltweites Leseprojekt gegründet, das Kindern kostenlos Bücher zur Verfügung stellt. Außerdem unterstützte sie Bildungs- und Hilfsprojekte über die Dollywood Foundation und spendete Millionenbeträge in die medizinische Forschung. Ihrem 1980 verfassten Song „9 to 5“ – einem sozialkritischen Kommentar auf Arbeitswelt und Ungleichheit - entstammt dieses Zitat: “It’s a rich man’s game no matter what they call it, and you spend your life putting money in his wallet.” Zitat: Es ist ein Spiel der Reichen und egal wie sie es nennen, du verbringst dein Leben damit, Geld in ihre Taschen zu stecken. Dolly Parton

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EU-Länder

Momentan gibt es in der EU 27 Mitgliedstaaten. EU-Länder sind: Belgien, Bulgarien, Rumänien, Tschechische Republik, Dänemark, Deutschland, Estland, Griechenland, Spanien, Frankreich, Irland, Italien, Zypern, Lettland, Litauen, Luxemburg, Ungarn, Malta, Niederlande, Österreich, Polen, Portugal, Slowenien, Slowakei, Finnland, Kroatien und Schweden. Großbritannien trat mit 31. Januar 2020 offiziell aus der EU aus. Das Thema "EU-Mitgliedsstaaten" im Parlament

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EU-Kommissar

In der EU-Kommission arbeiten 26 EU-Kommissare und die EU-Kommissionspräsidentin – also pro EU-Land ein Vertreter bzw. eine Vertreterin. Für jeden Politikbereich gibt es einen EU-Kommissar oder eine Kommissarin, so etwa für die Bereiche Inneres, Sozialpolitik oder Außenpolitik, Verkehr oder Digitalisierung etc. Die Gesamtheit der Kommissare wird Kollegium genannt. Hier geht’s zum aktuellen Kollegium. EU-Kommissar aus Österreich: Derzeit Johannes Hahn (ÖVP). Seit Beginn der Periode 2019 ist er Kommissar für den Bereich Haushalt und Verwaltung. Von 2014-2019 war er bereits als Kommissar für Europäische Nachbarschaftspolitik und Erweiterungsverhandlungen zuständig. Transparente Zusammenarbeit: Jeder Kommissar steht mit den EU-Abgeordneten aus dem EU-Parlament im jeweils dazugehörigen thematischen Ausschuss in Zusammenarbeit. Der Austausch wird in Protokollen vermerkt und ist für jeden und jede online einsehbar. Hier

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Die Europäische Kommission

Auf einen Blick Aufgabe: Vorschläge für neue europäische Rechtsvorschriften und deren Durchsetzung. Setzt Strategien um und verwaltet das Budget. Mitglieder: Ein Team, „Kollegium“ genannt, bestehend aus je einem Kommissar je EU-Mitgliedsstaat Präsidentin: Ursula von der Leyen Gegründet: 1958 Standort: Brüssel (Belgien) Das Logo der Europäischen Kommission Die Europäische Kommission ist das unabhängige Leitungsorgan der EU. Ihre 27 Mitglieder, die Präsidentin und 26 Kommissarinnen und Kommissare, werden jeweils von den Regierungen der Mitgliedsstaaten ernannt. Das heißt also, dass jedes EU-Land einen Kommissar bzw. eine Kommissarin entsenden darf. Diese Kommissare schwören aber bei ihrer Angelobung, unabhängig und nur im Sinne der gesamten EU zu handeln. Die Europäische Kommission. Quelle: Bundeszentrale für Politische Bildung Derzeitige Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen Den Kommissaren steht

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