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22 Jahre nach Hamas-Anschlag: Tochter eines Opfers schreibt berührenden Brief an Mutter des Täters

Vered Berman, Mutter

Quelle: Vered Berman

Kontrast Redaktion Kontrast Redaktion
in Internationales
Lesezeit:1 Minuten
6. Oktober 2025
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Vered Berman ist in Westjerusalem aufgewachsen. Sie lebt seit 22 Jahren in Berlin und engagiert sich seit ihrer Jugend für Frieden. 2003 hat sie ihre Mutter bei einem Selbstmordattentat der Hamas in Israel verloren. 22 Jahre später hat sie der Mutter des Attentäters einen Brief geschrieben. Wir haben mit Vered Berman im Juli 2025 über ihr Engagement für Dialog und ihre Aktivitäten im israelisch-palästinensischen Friedensverein Parents Circle – Families Forum gesprochen. Jetzt hat sie uns gebeten, ihren Brief zu veröffentlichen.

Der Brief von Vered an Rahmeh

An Abd’s Mutter, Rahmeh.

Es ist 22 Jahre her. Es ist zwei Jahr her.

Es ist 22 Jahre her, dass Ihr Sohn Abd einen Terrorakt gegen Zivilisten begangen hat. Er war 18 Jahre alt und hatte sein ganzes Leben noch vor sich. Am 11. Juni 2003 lernte Abd für eine Englischprüfung, so die Zeitungsartikel. Er verabschiedete sich von Ihnen und verließ das Haus. Im Zentrum Jerusalems stieg er in einen Bus ein, in die Linie 14a, und sprengte diesen in die Luft. Dabei tötete er sich selbst und 17 weitere Menschen – unschuldige Zivilisten. Einer dieser Menschen war meine Mutter, Genia Berman.

Ich war 19, nur wenig älter als Abd, als ich meine Mutter auf so schreckliche und brutale Weise verlor. Ich vermisse sie jeden Tag, seit 22 Jahren.

Die Hamas-Anschläge vom 7. Oktober 2023 sind jetzt zwei Jahre her. Unvorstellbar grausame Anschläge, die den Beginn von zwei Jahren beispiellosen Horrors in Gaza markieren. Ich kann die Grausamkeit und das Leid auch aus der Ferne kaum ertragen, dennoch schaue ich zu. Ich kann mir nicht ansatzweise vorstellen, welches Leid Sie empfinden müssen, wenn Sie so nah dran sind, oder noch schlimmer, für die, die dort leben und sterben.

Die Anschläge vom 7. Oktober markieren für mich auch etwas anderes, etwas Persönlicheres und Unerwartetes. Sie haben den Schmerz und das Trauma über den Mord an meiner Mutter wieder wachgerufen und mich dazu gebracht, mich intensiv mit dem Anschlag zu beschäftigen, bei dem sie ums Leben kam. Zum ersten Mal recherchierte ich über die Person, die meine Mutter getötet hatte: Abd Al-Mouti Shabaneh, Ihr Sohn. Zwanzig Jahre lang konnte ich nur an meine eigene Trauer denken, an meinen eigenen Verlust. Ich war völlig eingenommen von dem Verlust der Mutter, zu der ich nie eine Beziehung als Erwachsene aufbauen konnte – und der Großmutter, die sieben wunderbaren Enkelkindern fehlt.

An dem schrecklichen Tag des 7. Oktober und an jedem einzelnen Tag seither, zeigen uns die Medien Menschen ohne Menschlichkeit. Die Angriffe der Hamas am 7. Oktober waren unmenschlich. Die Angriffe der IDF (Israelische Verteidigungsarmee, Anm.) auf die Zivilbevölkerung in Gaza seither sind unmenschlich. Es ist unmenschlich, eine komplette Bevölkerung auszuhungern. Und doch sind dies alles Menschen. Jeder einzelne der Zehntausenden unschuldigen Menschen, die verletzt und getötet werden, ist ein Mensch, und jeder einzelne der Menschen, die verletzen und töten, ist ein Mensch. Es sind Menschen, die ihre eigene Menschlichkeit vergessen haben.

Es sind Menschen, denen beigebracht wurde, dass die Menschen, die sie verletzen und töten, nicht menschlich sind.

Plötzlich, über 20 Jahre nach dem Bombenanschlag, bei dem meine Mutter ums Leben kam, ertappe ich mich dabei, wie ich die Menschlichkeit der Person suche, die mir unendliches Leid zugefügt hat: Ihr Sohn Abd. Er war ein Mensch. Er soll ein guter Schüler gewesen sein, eine freundliche Person, ein Kind, das gerne Fußball spielte. Er wollte Medizin studieren, um Menschen zu helfen, zu heilen. Er war ein Mensch mit Träumen, Hoffnungen und einer Familie, die ihn liebte. Er war kein Monster, nur ein Mensch. Wusste er, dass die Menschen, die er tötete, keine Monster waren? Wusste er, dass jedes Leben, das an diesem Tag verloren ging, Hoffnungen, Träume und eine Familie hatte, die es liebte? Eine Familie, die – wahrscheinlich wie Ihre eigene – nie aufhören wird zu schmerzen, nie aufhören wird zu trauern?

Ich nehme an, dass er an solche Dinge nicht gedacht hat. Ich nehme an, dass er glaubte, dass jeder Jude, jeder Israeli, jeder Zionist weniger als ein Mensch ist. Wie hätte er sonst tun können, was er getan hat?

Vielleicht liege ich falsch, aber fragen kann ich nicht.

Mutter von Vered Berman mit ihrem Kind. (Foto: Vered Berman, zVg)Mutter von Vered Berman mit ihrem Kind. (Foto: Vered Berman, zVg)
Die Mutter von Vered Berman zu Lebzeiten. (Foto: Vered Berman, zVg)Die Mutter von Vered Berman zu Lebzeiten. (Foto: Vered Berman, zVg)
Vered Berman mit ihrer Mutter. (Foto: Vered Berman, zVg)Vered Berman mit ihrer Mutter. (Foto: Vered Berman, zVg)

Heute lebe ich in Deutschland. Ich war mit 19 Jahren hierher gezogen, nur wenige Monate bevor meine Mutter ermordet wurde. Ich musste am Telefon erfahren, dass sie gestorben war, und allein zurückfliegen. Selbst kaum mehr als ein Kind, ein Kind ohne Mutter.

Ich bin nicht zurück nach Jerusalem gezogen. Ich habe mir hier in Deutschland ein Leben als Jüdin aufgebaut. Ich habe gute deutsche Freunde und eine deutschen Partnerin, mit der ich unsere drei deutsch-jüdischen Kinder großziehe. Meine Freunde hier – einschließlich meiner Partnerin – sind Nachkommen von Nazis. Sie stammen von Menschen ab, denen es wirklich an Menschlichkeit gemangelt hat – aber sie waren trotzdem Menschen. Ich bin ein Nachkomme von Holocaust-Überlebenden. Die Nazis ermordeten die gesamte Familie meiner beiden Großeltern mütterlicherseits, die einzigen Überlebenden ihrer Familien. Heute lebe ich hier in Deutschland und teile mein Leben, meine Liebe, meine Träume und Hoffnungen mit den Enkeln der Nazis. Ich kann hier frei leben, unter freien Menschen, die ihre eigene und meine Menschlichkeit kennen.

Ich wünsche mir von ganzem Herzen, dass eines Tages meine Enkel und Abd’s Großnichten und Großneffen gemeinsam in Freiheit, Gleichheit und Frieden leben und die nächste Generation großziehen können. Menschlich. Ich glaube wirklich, dass dies möglich ist.

Ich habe in den vergangenen zwei Jahren einige Hinterbliebene Palästinenser:innen und Israelis getroffen. Wir haben uns in Videogesprächen über unsere Trauer und unseren Schmerz ausgetauscht. Wir alle empfinden den gleichen Schmerz, die gleiche Qual der Gewalt und des Verlustes. Bei diesen Treffen erzählen verschiedene Menschen auf beiden Seiten ihre Geschichten der Trauer. Ein Palästinenser erzählte uns, wie seine Frau von Siedlern ermordet wurde, während sie direkt neben ihm im Auto saß. Eine israelische Frau, etwa in meinem Alter, erzählte uns, wie ihre Mutter – wie meine eigene – bei einem Terroranschlag während der Zweiten Intifada getötet wurde. Eine palästinensische Mutter erzählte uns, wie ihr kleiner Junge durch das Einatmen von giftigem Tränengas getötet wurde; israelische Soldaten hielten sie stundenlang zurück und ließen Mutter und Kind nicht zum Krankenhaus durch, was zum Tod ihres geliebten Sohnes führte.

Wir alle empfinden den gleichen Schmerz. Ich wünschte, ich hätte jeden einzelnen der Redner:innen über unsere Bildschirme umarmen können. Nach einem Treffen bin ich zu meinem 12-jährigen Sohn ins Bett gekrochen und habe ihm ein wenig von der Sitzung erzählt. Ich erzählte ihm, dass alle Anwesenden etwas Ähnliches oder sogar Schlimmeres durchgemacht haben wie ich, und dass es hart und bewegend und ermutigend war. Er schaute mich überrascht an und fragte ehrlich, was denn noch schlimmer sein könnte, als seine Mutter zu verlieren.

Da ich selbst Mutter bin, kenne ich die Antwort auf diese Frage. Da ich in dieser Welt lebe, weiß ich leider, dass es viele schreckliche Antworten auf diese Frage gibt. Aber das muss er nicht wissen, noch nicht.

Aber du weißt es, Rahmeh, nicht wahr? Du weißt, wie es ist, ein Kind zu verlieren. Und alles, was ich zweiundzwanzig Jahre später sagen kann, ist, dass mir dein Verlust leid tut.

Vered Berman

„Ich habe diesen Brief ursprünglich kurz vor dem 7. Oktober 2024 geschrieben. Jetzt habe ich das Datum geändert, da ein weiteres Jahr vergangen ist. Ich habe den Teil über das Hungern hinzugefügt, weil ich das Gefühl habe, dass ich ihn nicht weglassen kann. Ich habe diesen Brief an meine palästinensischen Freunde von PCFF geschickt, damit sie mir helfen, Abd’s Mutter zu finden, von der ich aus 20 Jahre alten Artikeln wusste, dass sie in oder um Hebron (eine Stadt im Westjordanland, Anm.) lebte. Es dauerte eine Weile, aber im März 2025 erhielt ich die Nachricht, dass sie verstorben war. Einige Monate später gelang es meinem Freund Bassam Aramin, Abd’s Bruder zu erreichen, der sein Beileid aussprach, sich aber nicht in die Politik einmischen wollte. Heute bin ich bereit, dies öffentlich zu teilen.“ Vered Berman

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Karl Stojka wurde 1931 in Wampersdorf in Niederösterreich geboren – als Sohn einer Lovara-Roma-Familie. Er wuchs reisend auf, lebte mit seiner Familie in Zelten und Wagen, bis das NS-Regime diese Lebensweise brutal beendete. 1943 wurde Stojka mit seiner Familie deportiert. Er überlebte mehrere Konzentrationslager, darunter Auschwitz, Buchenwald und Flossenbürg. Viele seiner Angehörigen wurden ermordet. Nach dem Krieg kehrte er nach Wien zurück und versuchte, sich ein neues Leben aufzubauen – in einem Land, das die Verfolgung der Roma lange verdrängte. Erst Jahrzehnte später begann Stojka, über seine Erfahrungen zu sprechen. Er wurde zu einer wichtigen Stimme der Erinnerung: als Zeitzeuge, als Aktivist und als Künstler. In seinen Bildern verarbeitete er das Erlebte – eindringlich und farbgewaltig, oft schmerzhaft direkt. Gleichzeitig engagierte er sich für die Anerkennung der Roma und Sinti als Opfer des Nationalsozialismus in Österreich. Karl Stojka wurde so zu einer zentralen Figur der österreichischen Erinnerungskultur. Zitat: Nicht Hitler, Göring, Goebbels, Himmler und wie sie alle heißen, haben mich verschleppt und geschlagen. Nein, es war der Schuster, der Nachbar, der Milchmann. Sie haben eine Uniform bekommen, eine Binde und eine Haube - und dann waren sie die Herrenrasse. Karl Stojka
Karl Stojka wurde 1931 in Wampersdorf in Niederösterreich geboren – als Sohn einer Lovara-Roma-Familie. Er wuchs reisend auf, lebte mit seiner Familie in Zelten und Wagen, bis das NS-Regime diese Lebensweise brutal beendete. 1943 wurde Stojka mit seiner Familie deportiert. Er überlebte mehrere Konzentrationslager, darunter Auschwitz, Buchenwald und Flossenbürg. Viele seiner Angehörigen wurden ermordet. Nach dem Krieg kehrte er nach Wien zurück und versuchte, sich ein neues Leben aufzubauen – in einem Land, das die Verfolgung der Roma lange verdrängte. Erst Jahrzehnte später begann Stojka, über seine Erfahrungen zu sprechen. Er wurde zu einer wichtigen Stimme der Erinnerung: als Zeitzeuge, als Aktivist und als Künstler. In seinen Bildern verarbeitete er das Erlebte – eindringlich und farbgewaltig, oft schmerzhaft direkt. Gleichzeitig engagierte er sich für die Anerkennung der Roma und Sinti als Opfer des Nationalsozialismus in Österreich. Karl Stojka wurde so zu einer zentralen Figur der österreichischen Erinnerungskultur. Zitat: Nicht Hitler, Göring, Goebbels, Himmler und wie sie alle heißen, haben mich verschleppt und geschlagen. Nein, es war der Schuster, der Nachbar, der Milchmann. Sie haben eine Uniform bekommen, eine Binde und eine Haube - und dann waren sie die Herrenrasse. Karl Stojka

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Karl Stojka wurde 1931 in Wampersdorf in Niederösterreich geboren – als Sohn einer Lovara-Roma-Familie. Er wuchs reisend auf, lebte mit seiner Familie in Zelten und Wagen, bis das NS-Regime diese Lebensweise brutal beendete. 1943 wurde Stojka mit seiner Familie deportiert. Er überlebte mehrere Konzentrationslager, darunter Auschwitz, Buchenwald und Flossenbürg. Viele seiner Angehörigen wurden ermordet. Nach dem Krieg kehrte er nach Wien zurück und versuchte, sich ein neues Leben aufzubauen – in einem Land, das die Verfolgung der Roma lange verdrängte. Erst Jahrzehnte später begann Stojka, über seine Erfahrungen zu sprechen. Er wurde zu einer wichtigen Stimme der Erinnerung: als Zeitzeuge, als Aktivist und als Künstler. In seinen Bildern verarbeitete er das Erlebte – eindringlich und farbgewaltig, oft schmerzhaft direkt. Gleichzeitig engagierte er sich für die Anerkennung der Roma und Sinti als Opfer des Nationalsozialismus in Österreich. Karl Stojka wurde so zu einer zentralen Figur der österreichischen Erinnerungskultur. Zitat: Nicht Hitler, Göring, Goebbels, Himmler und wie sie alle heißen, haben mich verschleppt und geschlagen. Nein, es war der Schuster, der Nachbar, der Milchmann. Sie haben eine Uniform bekommen, eine Binde und eine Haube - und dann waren sie die Herrenrasse. Karl Stojka
Karl Stojka wurde 1931 in Wampersdorf in Niederösterreich geboren – als Sohn einer Lovara-Roma-Familie. Er wuchs reisend auf, lebte mit seiner Familie in Zelten und Wagen, bis das NS-Regime diese Lebensweise brutal beendete. 1943 wurde Stojka mit seiner Familie deportiert. Er überlebte mehrere Konzentrationslager, darunter Auschwitz, Buchenwald und Flossenbürg. Viele seiner Angehörigen wurden ermordet. Nach dem Krieg kehrte er nach Wien zurück und versuchte, sich ein neues Leben aufzubauen – in einem Land, das die Verfolgung der Roma lange verdrängte. Erst Jahrzehnte später begann Stojka, über seine Erfahrungen zu sprechen. Er wurde zu einer wichtigen Stimme der Erinnerung: als Zeitzeuge, als Aktivist und als Künstler. In seinen Bildern verarbeitete er das Erlebte – eindringlich und farbgewaltig, oft schmerzhaft direkt. Gleichzeitig engagierte er sich für die Anerkennung der Roma und Sinti als Opfer des Nationalsozialismus in Österreich. Karl Stojka wurde so zu einer zentralen Figur der österreichischen Erinnerungskultur. Zitat: Nicht Hitler, Göring, Goebbels, Himmler und wie sie alle heißen, haben mich verschleppt und geschlagen. Nein, es war der Schuster, der Nachbar, der Milchmann. Sie haben eine Uniform bekommen, eine Binde und eine Haube - und dann waren sie die Herrenrasse. Karl Stojka

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