Landau über Susanne Wiesinger
„Kulturkampf“? „Klassenkampf“?

Was unsere Schulen wirklich brauchen. Gedanken zum Buch von Susanne Wiesinger

Unsere Schulen brauchen dringend Unterstützung: Mehr soziale Durchmischung. Mehr Ganztagsschulen. Personelle Unterstützung. Ethikunterricht für alle. Daniel Landau mit konkreten Antworten auf das Buch von Susanne Wiesinger.

Photo by Anna Samoylova on Unsplash

Unsere Schulen brauchen dringend Unterstützung: Mehr soziale Durchmischung. Mehr Ganztagsschulen. Personelle Unterstützung. Ethikunterricht für alle. Der Bildungsexperte Daniel Landau mit konkreten Antworten auf das Buch „Kulturkampf“ von der Wiener Lehrerin Susanne Wiesinger.

…und das wird jetzt ein wenig länger, was jeder Versuch von Differenzierung naturgemäß mit sich bringt …

Wenn allgemeine und breit anerkannte Regeln bzw. Wertvorstellungen unseres Zusammenlebens mit anderen Regeln konkurrieren, zum Beispiel mit Fragen der Religionsfreiheit, dann ist eine ganze Gesellschaft gefordert. Die Ausverhandlung über etwaigen Vorrang der einen, bzw. Nachrang der anderen Seite ist keinesfalls primär oder gar nur an Bildungsinstitutionen auszulagern.

Ich bin selber Lehrer, wenn auch gerade ohne Gehalt freigestellt, und habe auch an Hauptschulen unterrichtet. Und ich bin auch jetzt immer wieder vor Ort, tausche mich mit vielen meiner Kolleg_innen regelmäßig aus. Die von Susanne Wiesinger angesprochene Thematik ist nicht frei erfunden. Sie tritt in unterschiedlicher Häufigkeit auf, wird ganz unterschiedlich intensiv erlebt, aber sie ist real.

Vor ein paar Monaten war ich selbst in einer Neuen Mittelschule, auch in Favoriten. Ich war eingeladen, um in einer vierten Klasse zwei Stunden als Sohn eines Zeitzeugen die Geschichte meines jüdischen Vaters zu erzählen. Ich mache dies sehr gerne. Vor allem und gerade auch in NMS in jenen Regionen, wo mehr Kinder aus schlechter gestellten Familien zusammenkommen. Flucht, auch im Kontext der eigenen Geschichte der jugendlichen Schüler_innen, und Antisemitismus waren die vorherrschenden Themen. In dieser Klasse waren größtenteils muslimische Jugendliche, unterschiedlich religiös. Die zwei Stunden waren geprägt von großer Neugier und Interesse, von gegenseitiger Wertschätzung und Respekt. Das Klima in dieser Schule war ein deutlich anderes als das von Kollegin Susanne Wiesinger beschriebene. Dennoch, beide Szenarien, obwohl in zwei nicht weit voneinander entfernten Schulen mit einer sehr ähnlichen Zusammensetzung von Schüler_innen, sind real.

Ich bin froh, dass dieses wichtige Thema bisher eher ruhig und sachlich diskutiert wird. Ich denke (bin sicher), das ist im Sinne von Kollegin Susanne Wiesinger – dies artikulierte sie auch unlängst in einem Interview in der Krone – und hoffe, dass das Buch etwas zum Positiven bewegt, ohne dabei von irgendeiner Seite zur parteipolitischen Nutzbarmachung missbraucht zu werden.

Migration und Mehrsprachigkeit bringen Mehrwert

So könnte das positive Potential dieser Diskussion genutzt werden. Denn, an der Stelle: Migration ist ein Mehrwert. Mehrsprachigkeit ist ein Mehrwert. Aber Kindergarten und Schule muss zuerst in die Lage versetzt werden, den Problemen und Herausforderungen von „Unterschiedlichkeit“ und daraus erwachsenen Reibungsflächen auch konstruktiv begegnen zu können

Aber der Reihe nach: In den letzen Jahren kamen viele zusätzliche Kinder nach ihrer Flucht in die Klassenzimmer Österreichs, vermehrt in alle großen Städte, besonders nach Wien. Teilweise trafen sie auf bereits extrem angespannte Situationen, regional in Volksschulen, besonders aber in den Neuen Mittelschulen.

Es braucht dringend mehr finanzielle Mittel

Ohne zusätzliche Mittel droht diese Situation zu eskalieren. Hier wurde und wird weggesehen wie ein System an die Wand gefahren wird.

An dieser Stelle, wir beobachten in den Schulen regelmäßig, es ist dies vor allem ein Thema des sozialen Hintergrundes der Eltern, auch eines des Bildungsverständnisses. Wesentlich weniger eines von Herkunft, Kultur, Sprache und Religion. Ich halte deswegen die Debatte nur über eine spezifische Religion für grob verkürzend und habe zugleich die Sorge, dass teilweise bewusst überzogen wird um ohnehin schon existierende Sündenböcke weiter brandmarken zu können, und um sich ein weiteres Mal parteipolitische Vorteile zu erhoffen.

Und dennoch, konkret zum „Islam“. Ich lese das Buch als eine große Sorge Susanne Wiesingers als Lehrerin – was ich bewundernswert finde – dass Kinder von einem zutiefst autoritären und aus unserer Sicht zutiefst rückschrittlichen System unterdrückt werden. Ein System, das Druck aufbaut, das zugleich vor allem Burschen vermeintliche Sicherheit zu geben scheint. Dieses System nennen wir hier „Islam“. Aber Achtung, es bildet selbstverständlich nur einen Teil des Islam ab.

Brücken bauen statt „Wir“ gegen „Sie“

Daher ist es mir wichtig, dem aus unserer Sicht fortschrittlicheren Kräften im Islam Raum zu geben, statt, wie dies vermehrt in letzter Zeit passiert, alles in einen Topf zu werfen. Dies ist aus den verschiedensten Gründen nicht wünschenswert. Unter anderem drohen wir dabei in die kontraproduktive Falle von „Wir“ versus „Sie“ zu geraten. Dies wäre ein gefährliches Momentum mehr. Diese verkürzende und dabei verallgemeinernde Sichtweise droht Solidarität zu unterbinden, sie treibt Spaltung voran statt wichtige Brücken zu bauen und Gräben zu überwinden.

Es ist kein Thema Wiens sondern Thema für die Republik

Dies ist alles übrigens keineswegs nur ein Wiener Thema, alle Städte sind potentiell betroffen. In Wien, doch etwa 7x so groß wie die an Einwohnern zweitgrößte Stadt Österreichs, Graz, gibt es nur die meisten Schulen in Regionen, wo viele Kinder aus benachteiligten Familien zusammenkommen, mit oder ohne Migrationshintergrund. Es ist, auch ganz unmissverständlich, auch schon und alleine deswegen ein Thema der Republik, für alle, für den Bund. Unabhängig von der realen „Kompetenz“ Bundesland, kann es nicht sein, dass der Staat hier in seiner Gesamtheit weiter leugnet, dass dieser Aspekt von Bildung aktuell nicht von einem Bundesland alleine getragen werden kann.

Die Herausforderungen an das Lehrpersonal wächst, nicht jedoch die Unterstützung

Das Buch ist ein Aufschrei mitten aus der Kolleg_innenschaft, von dort wo Schule tagtäglich stattfindet. Die Gesellschaft stellt immer höhere Erwartungen, insbesondere an Kindergarten und Pflichtschule (VS und NMS)

Die Pädagog_innen werden jedoch unverändert nicht oder kaum bei ihren schnell wachsenden Aufgaben unterstützt. Viele überdecken diese immer größer werdende Kluft zwischen Herausforderung und Möglichkeit durch zusätzliches und unbezahltes Engagement. Sie drohen teilweise daran zu zerbrechen.

Jede weitere Verweigerung von Unterstützung ist meines Erachtens nicht mehr „nur“ grob fahrlässig sondern bereits als vorsätzlich einzuordnen.

Schulen und Situationen wie jene im Buch geschilderte brauchen Soforthilfe. Eine Art von Notverband, der rasch angelegt werden muss.

Was ist also zu tun?

Kurzfristig:

– wir brauchen eigene Pädagog_innen (Psycholog_innen, Sozialarbeiter_innen) und auch zusätzlichen Raum für diese um Schüler_innen in Situationen, die ein Mensch alleine unmöglich meistern kann, auch einmal sofort aus der Gefahrenzone schicken zu können.

Beratung durch erfahrene Schulleiter_innen und/oder Lehrer_innen. Gerne auch welche, die bereits in Pension sind. Denn, und das ist wie gesagt auffällig, in einigen Schulen klappt es gut.

personelle und sprachliche Unterstützung, um auch Eltern besser erreichen zu können.

Am Beispiel Schwimmen oder Projekttage: ein Freund von mir unterrichtete bis zum letzten Schuljahr in einer NMS im elften Bezirk. Regelmäßig verweigerten dort einige Eltern die Teilnahme ihrer Kinder an Projekttagen, teilweise bis fast zur Hälfte der Klasse.

Die Lehrer_innen dort nahmen dies nicht einfach hin. In ihrer Freizeit führten sie ausführliche Gespräche mit allen Eltern. Sie konnten dabei offenbar immer wieder viele der Fragen der Eltern beantworten und auch deren Sorgen nehmen. Am Schluss nahmen regelmäßig alle bis auf ein zwei Kinder teil (teilweise auch mit finanzieller Unterstützung von außen). Zur großen Freude für diese Schüler_innen! Berichte von glücklichen Jugendlichen, ein Blick in deren Gesichter danach, all das sprach Bände. Die Teilnahme, gerade an diesen Schulveranstaltungen, ist für ein Zusammenwachsen, für ein besseres Miteinander, besonders wichtig.

Die Kolleg_innen dort investierten zahllose Stunden in diese Gespräche – unbezahlt.

Dies gehört erzählt, standardisiert, umgesetzt – und zugleich unterstützt. Wie auch andere Projekte, zB zur Elternarbeit. Denn ganz klar, es braucht auch die Eltern, die Bildung positiv unterstützen. Die das wollen – und können!

Oder das Projekt „Heroes“. Vor ein paar Jahren kurz vor der Unterschrift für Wien gescheitert. Da gäbe es viel.

Längerfristig:

– Lehrpersonal mit Migrationshintergrund. „Es ist bemerkenswert, dass an Schulen mit einem sehr hohen Migrationsanteil in der Schülerschaft, oft keine einzige Lehrperson ebenfalls Migrationshintergrund mit den damit verbundenen Kompetenzen hat.“ (Aus der Stellungnahme zum Buch via www.diskriminierungsfrei.at)

Wir benötigen dringend mehr Pädagoginnen mit besonderer Sprachkompetenz, auch mit interkulturellen Kompetenzen. Positiv, aber dringend weiter auszubauen, via AMS werden Lehrer_innen die selbst hierher flohen nachqualifiziert, also vor allem sprachlich(!)

Investition in Kindergärten, weit über das bereits länger geforderte zweite verpflichtende (Gratis!) Kindergartenjahr hinaus. Dies meint weit niedrigere Betreuungsschlüssel (etwa Eine Pädagog_in für maximal 7 Kinder), die Ausbildung und Bezahlung der Pädagog_innen, deren Arbeitsbedingungen usw.

– Religion und Schule. Hier setze ich mich für einen verpflichtenden Ethikunterricht für alle ein. Ein Teil des Unterrichtsinhaltes ist den ReligionEN zu widmen. Idealerweise vielleicht auch in einer Form von Teamteaching, Religionslehrer_innen unterschiedlicher Konfessionen gemischt. Oder, wie Niki Glattauer heute vorschlug, in einer Art von Ringvorlesung aller anerkannter Religionsgemeinschaften. Wichtig ist es, auch hier voneinander und miteinander zu lernen.

Was Susanne Wiesinger für die Schulen bittet

Was erbittet Susanne Wiesinger denn für Schulen – und das wiederum in Städten wohl vordringlicher als am flachen Land:

Es braucht eine Schule, die länger als bis zu Mittag dauert. Nicht alle und zwingend, aber wenigstens flächendeckend, überall zu erreichen. Wo verschränkter Ganztag zur Regelschule wird. Und Halbtag zur Ausnahme. Es braucht dabei ein viel flexibleres Zeitkorsett. Wo man später ankommen kann, zugleich früher ankommen darf.

Und es braucht eine gemeinsame Schule, eine die sich besser durchmischt. Eine, die als Kollateralschaden des aktuellen Systems keine No Hope Generation mehr zurück lässt. Die alle mitnehmen kann und will. Die sie in ihren unterschiedlichen Stärken und Schwächen erfasst. Denn kein Kind ist nur schwach, jedes hat ein Bündel von Talenten. Die also Unterschiedlichkeit unter einem Dach zusammenfasst.

Und ein nachdenkliches, zugleich ganz konkretes PS zum Anlass dieser Gedanken:

Es ist Zeit aufzustehen. Diese Kinder, von denen wir reden, sind alles unsere Kinder – selbstverständlich auch in Wien Favoriten (und nicht nur dort herrscht Not in den Schulen, derweil zumeist abgemildert, einzig und alleine von hunderten großartigen Pädagog_innen).

Der Bund und die Länder müssen JETZT handeln. Diese Schulen (nicht nur bei Susanne Wiesinger) brauchen jetzt Soforthilfe. Lieber Bund, liebe Länder – das strategische Herumtun gehört da hintangestellt!

 

susanne wiesinger im interview

 

Wir recherchieren und überprüfen die Inhalte und Fakten in unseren Beiträgen. Du hast trotzdem einen Fehler entdeckt? Oder Anregungen und Ergänzungen? Bitte schick uns eine Nachricht.
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3 Kommentare

3 Kommentare

  1. Klaus Entin

    21. September 2018 um 16:26

    Was versucht man mit einem Ethik Unterricht zu erreichen? Überblick über die Weltreligionen, Fundamentalismus- Prävention? Die Weltreligionen sind auch Lehrinhalt im Konfessionellen Religionsunterricht. Einen Fundamentalismus wird man mit dem Ethikunterricht nicht auswaschen oder ihm gar vorbeugen können. Denn die religiöse Ader eines Kindes kann im „learning about religion“ des Ethikunterrichts nicht andocken. Ein learning „in und from religion“ (wobei die eigene Person im Lerninhalt ernstgenommen und durchwirkt wird) findet nur im Konfessionellen Religionsunterricht (röm. kath, evangelisch, islamisch,…) statt. Und das ist der Punkt. So ist gerade die Fundamentalismus- Prävention ein Argument für den konfessionellen Religionsunterricht, zumal einerseits die jeweilige Religiosität ernst genommen wird und andererseits staatlicherseits Direktive gesetzt werden können (Lehrplan, Kompetenzen, LehrerInnenausbildung, etc.) . Fällt der Konfessionelle Unterricht aus dem Fächerkanon heraus, schlägt sich die religiöse Bildung vom Hinterhof oder von zu Hause noch stärker durch, ohne Kontrolle und Erdung und in allen möglichen Spielarten. Der Wunsch nach einem allg. Ethik Unterricht stützt sich bei vielen durch einen unausgesprochenen Antiklerikalismus und einer Abneigung gegen das Christliche oder gar gegen das Religiöse per se. Wenn dieser Neigung im bildungspolitischen Rahmen nachgegangen wird, erweist man einer gesellschaftsfähigen religiösen Rationalität allerdings einen Bärendienst.

  2. WildeWelt

    19. September 2018 um 10:54

    Wenn sie das Interview mit Frau Wiesinger im aktuellen Falter lesen…. dann ist ihre Liste quasi ident.

  3. So ist das:

    17. September 2018 um 01:15

    Wenn man sich die Professoren Hankel, Flassbeck,
    Sinn, Lesch, Hörmann etc. anhört, dann akzeptieren
    gerade diese Leute, die selbst unterrichten, unser
    abstrus veraltetes Schulsystem längst nicht mehr.

    Und gerade in Zeiten, wo sich etwas positiv zu ändern begann, setzt der überhebliche Kanzler alles auf ALT zurück, weil er glaubt, dass es so sein müsse, wie es bei ihm war. Nur so kann man seine Überheblichkeit ausleben und behaupten, sich vor allem aber selbst dadurch besser zu FÜHLEN (als es dieser extreme Flegel ist, jemals sein wird!), dass das alte System besser gewesen sei.

    Und gar einer der berühmtesten Hirnfoscher, Manfred Spitzer, widerspricht ihm darin. Wer ihm zuhört, weiß eines ganz genau: Beim österreichischen Kanzler IST ALLES SCHIEF GELAUFEN, WAS NUR SCHIEF LAUFEN KANN.
    Ich akzeptiere die Privacy Policy nicht!

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